BFW: Morbide Stimmung bei Patrick Mohr Herbst Winter 2010/2011

20.01.2011 Allgemein, Mode

Man hatte den Super-Gau erwartet. Man hatte erwartet, dass Patrick Mohr die Riegen der Modewelt kompromisslos entzweit. Auf der einen Seite die Fans, auf der anderen Seite die schockierten Weichbeseiteten. Man hätte Wetten darauf ageschlossen. Gestern kam alles anders – aber nur auf den ersten Blick.

Ein dröhnender Bass setzt sein, mysthische Klänge. Mein Kopf vibriert, der Nacken wird immer schwächer und ich bin gewillt, mir die Hände über die Ohren zu legen. Models betreten den Laufsteg, barfuß. Blass sehen sie aus, morbid, wie frisch Verstorbene. Helles Puder bedeckt jeden Zentimeter Haut, der ihnen auch nur einen Hauch Leben einflößen würde. Der Bass hat sich bis in meine Magengegend vorgekämpft, brummt tief und dumpf und ohrenbetäubend.

Ich wende den Blick von den Lippen der Mädchen und Männer ab, die starr über den Laufsteg schweben. Schenke den schmerzhaft zugeklebten Mündern ab jetzt keine Beachtung mehr und konzentriere mich allein auf Mohrs Entwürfe. Tunnelblick, denn die Begleitmusik bringt meinen Kopf zum platzen, wahrscheinlich bin ich inzwischen ähnlich blass wie die elfenhaften Wesen auf dem Laufsteg.

Ich sehe eine schlichte Kollektion, keine spektakulären Kreationen. Eine Unisex-Linie, denn der Designer stellt in seiner Mode radikal die männliche und weibliche Natur gleich, richtet das Augenmerk auf einen scheinbar geschlechtslosen Menschen. Die Farbpalette ist gedeckt. Weiß und Schwarz, ein bisschen Grau und Schlammgrün werden untereinander kombiniert. Ein paar kleine Rot-Ausreißer sind auch dazwischen. Avantgarde trifft auf Streetwear, konstruierte, aber stets gradlinige Schnitte brechen die Grenzen der Modewelt. Dabei liegt der Fokus immer auf der Oberbekleidung, die Beine werden in schlichtes indigofarbendes oder graues Denim gehüllt. Ungewohnt ruhig ist das, was ich sehe. Unaufgeregt und solide, ganz im Gegensatz zum bitteren Beigeschmack der im Hintergrund noch immer pulsierenden Töne.

Mohr überrascht uns also auch diesmal und tatsächlich scheiden sich die Geister an seinen Werken. Sind Mohrs Entwürfe tonagebend? Vielleicht. Aber wider aller Erwartungen sind sie extrem tragbar.

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Text: Nike

Fotos: Sarah

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