Ein See, 30.000 Menschen und jede menge Gras – Eine Reportage über das Summerjam Festival

19.04.2011 um 16.33 – Allgemein

Ein Text aus vergangenen Unizeiten. Erste Gehversuche einer Reportage. Warum? Weil ich Festivals so sehr liebe.

Reggae nonstop. Hitze, Highsein, Hochgefühle. Das Summerjam Festival begeistert jedes Jahr Tausende. Liz ist eine davon.

Schweißperlen suchen sich einen engen Weg an den Stirnfalten entlang, bis sie schließlich den Halt verlieren. Auf ihrem linken Bein hat sich ein ein kleiner feuchter Fleck gebildet, lässt den dünnen Stoff auf nackter Haut kleben. Es ist Montagmorgen, die Sonne brennt und das Auto in dem sie sitzt, ist viel zu klein für sie, die anderen und all das Gepäck. Es riecht nach heißem Gummi und dem Muff von drei Tagen Festival. Liz will nach Hause. Schnell. Ausruhen, nur noch ausruhen und schlafen. Sie schreckt hoch und merkt erst jetzt, dass Sonntag ist. Der erste Gedanke: Ist jetzt wirklich alles schon vorbei?

Liz ist krasse Festivalgängerin, extrem passioniert, extrem exzessiv. Eigentlich scheißt sie auf FriedeFreudeEierkuchen, derbe Gitarrenklänge machen sie viel mehr an als all der Reggaekram. Dieser Sommer aber sollte anders werden. Statt grölender, saufender Heavy-Metal-Fans, entspannte Vibes und kunstvoll geknotete Dreadlocks. Keine blauen Flecken vom Pogotanz in der erste Reihe. Diesmal müssen es die weißen Abdrücke, die das Bikinioberteil in der Sommersonne hinterlässt, sein, die als Andenken mit nach Hause genommen werden. Mit Skepsis im Bauch stand sie den drei Tagen am Fühlinger See also zuvor entgegen. Ein Weg ins Ungewisse, in diese Welt, die man bloß aus dem Fernseher kennt. Wo alle kiffen, vögeln und Liebe verstreuen.

40.000 Menschen. Ein paar Duschen, aus denen nur kaltes Wasser rinnt und Dixiklos, die man schon aus 200 Metern Entfernung nach Gülle und Verwesung riechen. Auf den Klobrillen treffen Urinproben aus 20 verschiedenen Ländern aufeinander. Dunkelhäutige Rastafaris verkaufen an den Gehwegen Kokosnüsse und Cocktails. Um den See ein Lager aus Zelten. Ein Gemisch aus Marihuana und Gegrilltem liegt in der Luft. Menschen, alt und jung. Überall Musik. Erzeugt von Bongotrommeln, Ghetto-Blastern und Hobby-Chören. Hier in Köln hat sich ein gewaltiges Dorf gebildet. Wie vom anderen Ende der Welt. Menschen von überall her leben hier vorrübergend dicht an dicht und teilen nicht nur Klos, sondern auch Joints. Manchmal sogar Zahnbürsten. Auf dem Summerjam-Festival begegnet man nämlich überaus zuvorkommend. Hier campt der Gangster-Hip-Hopper-Boss neben dem treudummen Bäume–umarmenden Hippie. Streit gibt’s trotzdem nicht.

Freitag. Es scheint als tanze der See im Takt der Musik. Er glitzert und sieht aus, als hätte jamand Lametta drüber gespannt. Seichte Wellen wälzen sich in Richtung Ufer als wären sie high. Bob Marley spielt sein Lied. „Get up, stand up…“ Frühstück. Nutella-Gläser und Toastbrotverpackungen stapeln sich neben mit frischem O-Saft gefüllten Plastikbechern. Dazwischen Bierflaschen. Über dem Tisch hängt ein gelbes Windsegel. Olli, ein Freund, greift in seine Tasche, auf seinem Schoß liegt ein Berg aus langen Blättchen, Tabak und Gras. Ein paar kniffige Handgriffe, das Blättchen kurz angeleckt, dann zugeklebt. Fertig. Prachtjoint. Kein ungewöhnlicher Anblick auf einem Festival, auf dem sich alles um die Kultur der Rastafaris dreht. In Zeiten von Gewalt, Konsumwahn und Bürokratie ist es eben nicht verwunderlich, dass die Menschen all dem Bullshit entfliehen wollen. Die festen Strukturen für kurze Zeit vergessen. Von Freitag bis Sonntag sind sie Teil der Bewegung. Drei Tage lang gibt es keinen Stress, keine Hektik, nur sie und die Welt, in der noch alles in Ordnung ist.

Punkt zwölf. Mehr als 5.000 Menschen stehen vor der Bühne, verschwitzt, geil auf Musik, geil auf das Gefühl im Bauch. Dennoch kein Gedränge, kein Gegröle. Dafür aber Dreadlocks, die durch die Luft gewirbelt werden, hin und her wippende Körper und abertausende Hände, die aussehen, als wollten sie den Himmel einfangen. Es scheint, als würde die bunte Masse die Töne tief im Bauch spüren, ein Teil der Lieder sein, mit der Musik verschmelzen.  Liz sitz in einer kleinen Bucht am See. Um sie herum überall Menschen auf bunten Decken. Manche liegen einfach so auf dem nackten Boden und geben sich ihren Gedanken hin. Andere jonglieren mit fluoreszierenden, gelb und rot leuchtenden Bällen. Und da hinten tanzen sie zu psychedelischen Klängen und lassen farbige Seidentücher durch die Luft gleiten. Wie im Zirkus, nur echter, aber verdammt noch mal wie ein surreales Hundertwasser-Gemälde.

Am Ufer des Sees ist ein Steg aufgebaut. Fackeln und Lichter in allen Farben. Weißer Rauch verdeckt die Sicht aufs Wasser. Ein Laser projiziert bunte Bilder wie von Geisterhand auf die Nebelwand. Rechts und Links Stände, überall gebatikte und selbstbemalte Tücher. Räucherstäbchen, Schmuck und allerhand Schnickschnack liegen auf Holztischen zum Verkauf bereit. Es reicht nach Apfeltabak. Der Tag ist gelaufen, Liz ist ausgelaugt, aber glücklich. Sie schafft es gerade noch zurück ins Zelt. Mit letzter Kraft lässt sie sich auf ihren Schlafsack fallen. Die Beine brennen wie ein Nesselfeld. Schöne Träume, Liz. Morgen geht’s weiter.

Es riecht nach Roiboos und verbranntem Holz. Jeder hält einen Schlauch in der Hand. In der Shisha blubbert das Wasser. Rauchschwaden steigen langsam zum Himmel auf. Der Geruch von Pfirsichtabak liegt in der Luft. Diesmal ziehen die Freunde, bis der Tabak nur ein Haufen grauer Asche ist. Heute gehen sie früh ins Bett. Die letzten Tage waren anstrengend. Aber sowas von gut.

Montagmorgen. Liz sitzt im Auto, alles ist vorbei und doch noch da. Festgebrannt im Gehirn. All die Eindrücke haben sie angefixt, werden sie nicht mehr loslassen. Auf eine gute Art und Weise. Die Sehnsucht auf das kommende Jahr merkt sie schon jetzt. Ihren Walkman hält sie fest umgriffen. Zu Hause warten Regeln, Stress und Debatten über ein besseres Leben auf sie. Sie freut sich auf ein anständiges Bett, auf eine Dusche. Liz will zwar nicht für immer auf einem Campingplatz hausieren, aber ein bisschen wünscht sie sich das Festival auch nach Hause. Denn beim „Jam“ redet man nicht nur von Nächstenliebe. Dort lebt man sie. Liz wischt sich die Tropfen von der Stirn. Die Musik wird immer leiser, die Batterien des Walkmans immer schwacher. Langsam sackt ihre Hand nach unten auf den Sitz. Sie schläft ein. In ihrem Traum hört sie noch immer Bob Marley. „Every little thing is gonna be alright…“

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