Lala Berlin AW 12 und die Bedeutung des “Pali-Tuchs” – ist es ok, dieses Muster zu tragen?

– 02.04.2012 um 15.13 – Allgemein Kultur Mode

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Über die kommende Herbstkollektion von Lala Berlin hatten wir bereits wärend der Fashion Week berichtet. Um “Modernists” ging es da, um deren Konflikt mit den Rockern von damals und den Spielfilm “Quadrophenia“. Beim Betrachten des dazugehörigen Lookbooks beschäftigte uns allerdings ein ganz anderer Aspekt: Die Designerin Leyla Piedayesh übertrug das charakteristische Muster sogenannter “Palitücher” diesmal auf Hosen-, Mantel- und Blusenformen und erinnert uns damit an eine Zeit, die wir bis dato längst hinter uns gelassen hatten – damals, mit 13 oder 14 Jahren trug ein ganzer Freundeskreis die Ursprungsform dieses neu interpretierten Stück Stoffs wie selbstverständlich um den Hals.

Niemand wusste so recht, was das Ganze eigentlich zu bedeuten hatte, aber alle machten mit. Auch heute gehören die Schals noch zur Grundausstattung vieler linksorientierter Kids, zu Punks und jungen Mädchen, die höchst wahrscheinlich nur aus optischen Beweggründen zum Accessoire greifen. Aber was hat es mit diesem Symbol eigentlich auf sich? Und ist es überhaupt ok dieses Muster als “Trend” zu entfremden?

Erst durch den Nahostkonflikt in Palästina gelang das dreieckige Stück Stoff zu seinem Namen “Palästinender-Tuch” – zuvor wurden sogenannte Kufiyas oder Hattas in der arabischen Welt schlichtweg als praktischer Sonnenschutz getragen. Seit 1918 wurde aus dem Stück Stoff langsam ein Symbol für die Unabhängigkeit Palästinas. Sechs Kriege und etliche bewaffnete Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern folgten. Es waren die 70er Jahre, die das Palästinensertuch auch bei uns so populär machten. Jassir Arafat, Anführer der Fatah-Organisation und einer der wichtigsten Protagonisten im palästinensischen Befreiungskampf, erschien immer und immer wieder in den Medien – das “Arafat-Tuch”, wie es schließlich auch genannt wurde, immer fest auf dem Kopf sitzend.

Dass der 2004 verstorbene Arafat trotz des später unterzeichneten Oslo-Friedensprozesses jahrzehntelang terroristische Anschläge und Bombenattentate auf israelische, jordanische und libanesische Ziele verübte, darf hierbei nicht beiseite geschoben werden.

Manch einer geht sogar noch weiter: “Das Tuch wurde in den 30er Jahren als Kopfbedeckung vom Großmufti von Jerusalem eingeführt, der fanatischer Antisemit war, Hitler 1943 die Hand schüttelte und dafür sorgte, dass eine muslimische SS-Einheit während des Zweiten Weltkrieges aufgestellt wurde. Das Tuch wurde als Kopfbedeckung 1936-39 in Palästina zum Symbol des profaschistischen und antijüdischen Aufstands.” (Flyer der Antifa).

Ende der 68er bis in die 70er Jahre hinein sah man das noch ein wenig anders: Hippies kehrten die Symbolik des Palituchs zum Guten um und trugen es als Zeichen persönlicher Freiheit und Repression – bis heute beziehen sich viele linksorientierte Träger allein auf jene Position. In den 90er Jahren folgten allerdings immer mehr Neo-Nazis – noch bis heute bedienen sie sich gern linker Symbole, um eigene sozialistische Beweggründe zu unterstreichen, aber: Dass Palästina mit Israel im Konflikt steht, scheint ein weiteres Argument für das Tragen des Tuchs zu sein.

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Halten wir fest: Dieses Tuch ist durchaus mehr als ein modisches Accessoire – es kann ein deftiges Statement sein, ob wir wollen oder nicht.

Die Kreationen von Lala Berlin sind zweifelsohne hübsch anzusehen und verlocken auch uns dazu, das mit dem Print verbundene geschichtliche und politische Geschehen einfach beiseite zu schieben. Nur das Positive zu sehen – die Linken, die Hippies, die komplette Umkehrung oder Verschönerung der Bedeutung.

Jeder muss für sich selbst entscheiden, denn auch hier scheiden sich die Geister: Dem einen mag diese Diskussion über das Tragen oder Nichttragen sinnlos erscheinen, vielleicht regt man sich auch über so viel Pingeligkeit auf. Andere hingegen wollen einfach Bescheid wissen, wollen sich im Klaren darüber sein, was sie tragen und können das Ganze am Ende vielleicht sogar als modische Erscheinung akzeptieren. Als Trend, der zwar einen breiten Hintergrund aufweist, der heute allerdings losgelöst von allem was war oder ist  betrachtet werden sollte – denn ein Muster ist schließlich nur ein Muster und eine Hose ist noch lange kein Tuch. Hauptsache die Optik stimmt.

Dass das Palästinenser-Tuch aber für mehr als Freiheit steht, das sollten wir wissen. Es ist zudem ein Kriegssymbol für Kampf und Widerstand. Für mich persönlich heißt das, dass ich verzichten werde – wenn auch schweren Herzens.

Quellen:
The Fatah Constitution 
Antifa
Hilfreich.de 
Brockhaus 

7 Kommentare

  1. szum@gmx.de'maja

    Tja, so ist es eben manchmal mit der Mode. Es gibt durchaus Kleidungsstücke und Looks, die einen Hintergrund haben, es geht eben nicht immer nur um “gutes und stylisches Aussehen”.

    Als die Pali-Tücher vor einigen Jahren “Trend” waren, war ich über die unreflektierte Selbstverständlichkeit mit der es zum “hippen must-have” erkoren wurde erschrocken und fragte mich damals, ob und wann z.B. das Hakenkreuz zum “Trend” wird, mit der Begründung, dass es “cool” aussieht.

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  2. prunkge@gmail.com'Claudia Grande

    Glückwunsch zum gelungenen Artikel! Ich finde es sehr gut, daß ihr dieses Thema ansprecht.
    Ich bin der Meinung, daß man eine so “aufgeladene Symbolik” nicht einfach beiseite schieben sollte. Manchmal ist es auch wichtig zu wissen, was das eigentlich bedeutet, was man da trägt.

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  3. cat_in_ur_head@gmx.de'Lene

    Gut, sich damit mal auseinanderzusetzen. ich hab’s aus den oben angeführten Gründen nie getragen…

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  4. heykerstin@googlemail.com'Cassie

    Ihr seid die Besten! Das ist das erste Mal, dass ich einen negativen Bericht über das Pali-Tuch auf einem Fashion Blog lese. An diesem Tuch klebt Blut und ich finde, dass sollte jeder wissen.
    Weiter so und DANKE DANKE DANKE!

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  5. kolibrisusi@hotmail.co.uk'Cäcilia

    hmm ich würde das nicht so negativ sehen. klar hat dieses tuch eine bedeutung- aber dadurch, dass es in letzter zeit oftmals als ein modisches accessoire verwendet wurde und wird, denke ich, dass es zumindest bei uns, im ” Westen ” an Bedeutung verloren hat.
    Man kann sich ja auch fragen, warum so viele Leute – auch Juden – mit fetten Rosenkränzen um den Hals rumlaufen. Viele wissen bestimmt noch nicht mal, wofür der steht.

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