Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten: Girl Power & ein fragwürdiger IKEA Katalog

– 02.10.2012 um 11.36 – Allgemein Kultur Leben

girl power Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten: Girl Power & ein fragwürdiger IKEA Katalog

Nachdem ich mich vergangene Woche beinahe um Kopf und Kragen geredet hatte, um meinen derzeitigen Standpunkt zum Thema Girl Power auch nur ansatzweise in eine angemessene verbale Form zu bringen, und zwar ohne großes Fach-Blabla, ging mir beim Betrachten des wenig später erschienenen Artikels auf der Refinery Website ein klein wenig das Herz auf.

29 Reasons Why Girl Power Is Back” nennt sich die zwar ziemlich oberflächliche, aber durchaus erfreuliche Zusammenfassung der gerade herrschenden medialen “Frauenbewegung”. Dort werden Beispiele angeführt wie der Erfolg der Serie GIRLS, die als Gegenentwurf zum glamourösen Sex and the City Kosmos gehandelt wird, Magazine wie die “Gentlewoman“, die Beliebtheit weiblicher Comedians und so weiter und so fort (Im Intro-Text wird sogar Bikini Kill genannt, hell to the yeah!). Das gefällt natürlich. Aber schon kurz darauf ereilte uns eine weniger angenehme Nachricht aus Saudi Arabien.

Im Stockholmer Gratisblatt “Metro” war nachzulesen, dass in der Saudi-Arabischen Version des IKEA-Katalogs keine einzige Frau mehr zu sehen sei. Wegretischiert wurden sie und zwar alle. Soso. Grund dafür seien “die strengen Vorschriften in dem arabischen Land für das Abbilden unbedeckter Haut von Frauen.” Jetzt kann man natürlich über IKEA meckern (von deren Seite folgte übrigens prompt Einsicht und die dazugehörige Entschuldigung), aber so einfach ist das natürlich nicht. Was uns, oder vielmehr der breiten Masse, als über die Maßen absurd erscheint, geht schließlich mit einem “Problem” einher, dass sich anders als die Frauenabbildung nicht einfach “weg radieren” lässt. Ein Clash der Kulturen sozusagen. Ein (nach unseren Vorstellungen) Missstand, der auf lange Sicht aufgearbeitet werden muss. Denn im Grunde hat IKEA bloß die dort herrschenden Regeln eingehalten, die Sitten einer uns fremden Kultur respektiert. Völlig zu Recht. Die Frage ist bloß: War das in diesem Fall der komplett richtige Weg? Vermutlich nicht. Aber wie sieht in diesem Fall eine angebrachte Lösung aus? Rebellion? Streit anfangen? Ich weiß es nicht. Ein erhobener Zeigefinger aus der Ferne beeindruckt die Entscheider dort drüben wahrscheinlich nur mittelschwer bis gar nicht. Auf ihn verzichten sollte man deshalb aber vermutlich trotzdem nicht. Oder doch?// Quelle: Tagesspiegel.

 

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Bilder via The Invader.

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5 Kommentare

  1. Christoph Kaffee via Facebook

    In Deutschland werden einige Sachen auch nicht “unbearbeitet” angeboten. Einige Modellbausätze aus dem zweiten Weltkrieg haben kein “damals akzeptiertes Hoheitssymbol”. In anderen Ländern ist sowas aber hingegen frei verkäuflich. Die Hersteller halten sich hier in D nur an die geltenden Gesetze. Das ist halt so. Aus gutem Grund. Das wird der Sprecher von Ikea auch sagen.

    Übrigens wurde auch Pussy Riot aus dem Ikea Katalog in Russland entfernt: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/russland-ikea-katalog-ohne-pussy-riot/7185130.html

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  2. an_kal@yahoo.com'Katha

    Mh, na ein bisschen komisch wirkt das so ganz ohne Frauen ja schon. Vielleicht hätte man jeweils ne Burka/Kopftuch o.ä. dran-retouchieren können? Wäre wahrscheinlich zwar (vom Westen) auch eher kritisch beäugt worden, hätte die Frauen aber nicht gleich ganz ausgeklammert. Und würde dem dortigen Gesetz entsprechen. Schwierig..

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  3. matthias@castor-und-pollux.de'Matthias

    Diese Kritik greift viel zu kurz und ist im Kern vermutlich sogar falsch, weil sie sowohl die wirtschaftliche, die politische, als auch die kulturelle, sprich also auch die religiöse Realität missachtet. Wer allzu eilfertig den Zeigefinger erhebt, urteilt aus einem beschränkt-blumigen, westlichen Werte- und Argumentationssystem heraus, das nicht die Grundlage einer fremden Kultur darstellt und deswegen nicht für eine angemessene Kritik geeignet ist.

    Zunächst ist festzustellen, daß ein international agierender Konzern einen Produktkatalog in einer jährlichen Auflage produziert, die jene des bis dato meistpublizierten Schriftstücks, der Bibel, in den Schatten stellt, und international vertreibt. Bis auf sprachliche und kleinere Anpassungen erscheint der Katalog weltweit mit denselben Produkten und Produktbildern. Der saudische Markt ist davon nicht ausgenommen und so vertreibt IKEA auch hier einen Katalog, mit dem der Konzern seine Kunden erreichen will. Würde IKEA in dem arabischen Staat keine Kataloge anbieten, wäre es faktisch nicht auf dem Markt präsent. Vor diesem Hintergrund erscheint jede Kritik an dem Konzern absurd und überzogen.

    Bleiben die Saudis. Das Königreich Saudi-Arabiens gehört zu den wenigen Staaten weltweit, die die Scharia als alleiniges Rechtssystem verankert haben. Seiner Verfassung nach sind Staat und Religion nicht getrennt. Dennoch ist das absolutistische Königreich im Gegensatz zum Iran und Vatikan keine Theokratie, d.h. politische Entscheidungen werden nicht allein oder vornehmlich vor dem Hintergrund einer religiösen Interpretation legitimiert und getroffen. In Saudi-Arabien existieren dadurch zweierlei herrschende Klassen: die Königsfamilie Saud um den amtierenden Herrscher Abdullah sowie der Klerus, die Ulema. Abdullah ist bemüht, die Religionsführer im starken Austausch einzubinden, was jedoch zuletzt durch einige untreue Kleriker zunehmend erschwert wurde. Die Furcht vor einer radikal-muslimischen Bewegung führte daher nicht zuletzt auch zu Reformbemühungen, die zwar nicht dem westlichen Ideal der pluralistischen Gesellschaft entsprechen, doch aber immerhin in diese Richtung weisen. Die Scharia bleibt dennoch ein unverrückbarer Grundstein des saudischen Systems, das sich nicht zuletzt auch im Rahmen der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam von 1990 ausdrücklich dazu bekannt hat. Das saudische Recht sieht die Scharia nicht nur als Grundlage, sondern als Praxis an, wobei das Recht der öffentlichen Moral am striktesten umgesetzt wird. Mit ihrer bekannten Rechtsauffassung zur Bekleidung der Frau kann daher vermutlich nicht kritisiert oder gar reformiert werden ohne eine Staatskrise oder gar militante Reaktionen zu riskieren. Die Kritik, so denn sie überhaupt eine sein kann, wird sich also an die Scharia richten.

    Hier wird es perfide: Die eurozentrische Haltung eines aus der lokalen Geschichte erblühenden Feminismus maßt sich an, völlig autark gewachsene Kulturkreise und deren gesamte ethische Historie vor einem Hintergrund anzuprangern, den eben jener Feminismus, der nicht einmal 150 Jahre zählt, lediglich auf dem Nähboden der jüngsten westlichen Entwicklungen erlangt hat. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Der hegemoniale Narrativ, den die Eurozentriker in demselben Zeitraum zwar nicht völlig neu aufbauen, aber politisch wie wirtschaftlich maßgeblich verschärfen konnten, zeigt sich hier nun in einem vermeintlich humanitären Gewand. Dabei bleibt wie so oft die grundsätzliche, völkerrechtlich zugesicherte Souveränität der verfehmten Kulturen außer Acht. Das europäische Wertesystem, das ohne die Aufklärung undenkbar wäre, ist nicht auf fremde Kulturkreise anwendbar, sodaß letztlich jeder Diskurs, der sich anschickt, diese historische Tatsache zu übergehen, als hegemoniale Dreistigkeit angesehen werden muss, die die Überlegenheit der westlichen Ordnung anmaßend und protzend vorträgt. Die kulturellen und rechtlichen Entwicklungen in anderen Winkeln der Welt sind nicht etwa eine Angelegenheit Europas, sondern der Völker, die sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg entschieden haben, ihre Gesellschaft auf diese Weise zu gestalten. Mit Platon gesprochen, liegt es an diesen Völkern, den ewigen Zyklus der sozialen und Saatssysteme selbst zu durchlaufen.

    tl;dr – Diese oberflächliche Kritik maßt sich an, die wirtschaftlichen, religiösen und politischen Interessen der Beteiligten aus einer eurozentrischen, hegemonialen Perspektive verdammen zu können und schafft es wieder einmal nicht, die vor der Kulturgeschichte beschränkte Entwicklung aller noch so lokal wunderbarer Erscheinungen wie des Feminismus in einen globalen Kontext einzubetten.

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  4. Nike Jane Artikelautor

    Lieber Matze,
    tausend Dank für deinen wieder einmal brillanten, aufklärenden Text (als Kommentar geht das ja fast nicht mehr durch). Erst durch derartige Diskussionen/Einwände/Meinungsäußerungen macht das Ganze hier schließlich wirklich Sinn.
    Ich stimme dir in (beinahe) allen Punkten zu und zücke meinen Hut!
    Liebst,
    N.

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