Designer John Galliano stand wegen antisemitischer Äußerungen vor Gericht, jetzt soll er Professor werden – muss man irgendwann verzeihen können?

26.04.2013 Allgemein, Leben



John Galliano, das „Enfant Terrible“ der Modeszene, hatte es vor knapp zwei Jahren, gelinde gesagt, auf die Spitze getrieben – jetzt wird das Ganze Szenario erneut aufgewiegelt. Die Fakten dazu: Nachdem der Designer wegen antisemitischer Äußerungen zunächst von seinem Posten bei Dior befreit wurde, musste er sich schließlich auch vor Gericht verantworten. Eine Geldstrafe in Höhe von 6000 Euro auf Bewährung waren die Folge seiner Pöbeleien gegenüber diverser Restaurant-Gäste an einem Abend in Paris und abgefeuerten Kommentaren wie «Ich liebe Hitler» oder «Leute wie Sie sollten tot sein. Ihre Mütter, Vorfahren sollten alle verdammt vergast sein». Nicht nur die Modewelt, sondern der halbe Erdball gab sich fassungslos – und plötzlich schieden sich die Geister am Verhalten Herrn Gallianos. Scarlett Johansson zum Beispiel, stand hinter ihrem Freund, nahm ihn sogar in Schutz, die jüdische Natalie Portman hingegen kennt bis heute kein Pardon und auch Karl Lagerfeld wetterte öffentlich gegen seinen Kollegen. Auch jetzt gehen die Meinungen über den enormen „Fehltritt“ des Helden der Provokation wieder weit auseinander.

Neuester Aufhänger: Die „Parsons New School Of Design“ will Galliano als Professor einstellen. Eine Petition soll das verhindern, berichtet Fashionista.

 “It doesn’t matter if it’s for three months or three days, hiring someone who has made such horrific comments shows that the school values Galliano over their entire Jewish student body. It shows they value him over their students’ respect, peace of mind, and heritage. We do not want money from our tuition going to this kind of person. We feel like we’ve been slapped in the face by our school“, heißt es dort. Die Forderung: “Anti-Semitic Fashion Designer John Galliano should not teach at the school as it undermines the school’s respect for their entire Jewish body.”

Erst einmal klingt das Anliegen der Studenten (jedenfalls vermutet man, dass es sich bei den anonymen Initiatoren um selbige handelt), äußerst plausibel, gerechtfertigt und unterstützungswürdig. Das (moralische) „Problem“ ist bloß, dass wir in einer Gesellschaft leben, die versucht, ihre „Problemkinder“ wieder zu integrieren. Haft- und Geldstrafen sollen unter anderem als Möglichkeit Buße zu tun funktionieren, Kriminellen wird eine Chance auf Besserung geboten, und wir, wir sollten all jenen, die ihre Strafe angenommen haben, im besten Fall verzeihen (in wie weit das Möglich ist, fragen wir uns natürlich ständig). Und: Man kann den Menschen leider nicht in den Kopf schauen. John Galliano entschuldigte sich öffentlich. „Antisemitismus und Rassismus haben keinen Platz in unserer Gesellschaft: Ich entschuldige mich ohne Vorbehalte für mein Verhalten.“  Welcher Wahrheit sollen wir denn nun Glauben schenken? Der Spiegel zitiert jedenfalls Er habe sein Leben lang ‚gegen Vorurteile, Intoleranz und Diskriminierung‘ gekämpft, zumal er selbst davon betroffen gewesen sei. Ich muss jedoch akzeptieren, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe die Menschen zutiefst schockiert und verärgert haben.“

Dafür entschuldige er sich uneingeschränkt. „Verantwortung“ müsse er übernehmen für die Umstände, durch die er in schlechtes Licht geraten sei, berichtete damals n-tv. Außerdem werde er sich Hilfe suchen.

Denn Galliano hatte sich offenbar an nichts erinnern können. „Ein Toxikologe erstellte dem 50 Jahre alten Briten ein Gutachten, nach dem das Erinnerungsvermögen komplett ausfällt, wenn man Gallianos damals übliche Dosis zu sich nimmt: Viel Alkohol (allein kurz vor der Tat mehr als zwei Flaschen Rotwein) plus zwei verschiedene Beruhigungsmittel, unter anderem Valium“, schrieb Focus. Fest steht jedenfalls: Der Designer hatte ein Drogen-Problem – wie es heute um ihn steht, das weiß wohl nur er selbst. Endloser Stress vor der Fashion Week, dieser enorme Druck, ein Totalausfall also? Ein menschlicher Fehler?

Eine Master Studentin der Parsons räumt ein: “We all say stupid s— while drunk. We’ve all made Jew jokes.“ Wenn wir ehrlich sind, dann hat sie damit vielleicht recht. Von Juden-Witzen aus meinem Munde weiß ich zwar tatsächlich nichts, dafür ich erinnere mich aber noch gut an meinen öffentlichen „Flamongo“-Scherz-Fehltritt und ein ganzes Sammelsurium politisch inkorrekter Scherze auf Kosten etlicher Minderheiten, die halbnüchtern über meine Zungenspitze wanderten. Ich bin allerdings auch kein John Galliano. 

Zweifelsohne ist es für uns unmöglich jemals zu erfahren, was denn nun wirklich im Kopf des Modeschöpfers vorgeht, ob er kontroverser Weise tatsächlich rassistische Gedanken hegt und ein komplettes Arschloch, oder ob er bloß ein Mensch ist, der Fehler macht, wenn auch gravierende, ein Mensch, der sich unter Stress geistige Fehltritte der Extraklasse leistet, die er, wie auch wir es tun würden, von ganzem Herzen zu bereuen in der Lage ist. 

Ob wir verzeihen können, das entscheidet in diesem Fall vielleicht sogar vielmehr unser Gefühl statt das Gehirn. Bei allem Wohlwollen: Ich denke, ich kann es trotzdem nicht.

Oder?

9 Kommentare

  1. Debbie

    Ich hab da eine halbwegs klare Meinung zu. „Kleine Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit“ und Betrunkene manchmal auch das, was sie sich nüchtern nie trauen würden. Alkohol enthemmt halt. Aber das muss auch heißen, dass dieses antisemitische Gedankengut irgendwo in ihm drin ist. Von nichts kommt schließlich auch nichts. Und wir wollen hier auch mal kurz festhalten, dass er keine Judenwitze gemacht hat, sondern den anderen jüdischen Gästen des Restaurants ins Gesicht sagte, dass sie kein Recht auf Leben hätten und wenn alles so gelaufen wäre wie es hätte laufen sollen, wären sie vergast und säßen nicht hier. Und noch anderes Zeug, was ich hier nicht wiederholen möchte. Klar, der Mann ist ein Genie und hat vieles für die Modewelt getan und das ein Oscar de la Renta ihn für neue Kollektionen ins Boot holt, sei ihm gegönnt, schließlich muss auch er auch irgendwann rehabilitiert werden. ABER so jemanden an einer der wichtigsten Modeschulen zu beschäftigen und ihm dann auch noch einen LEHRAUFTRAG zu erteilen geht absolut nicht. Übrigens hat New York eine der größten jüdischen Gemeinden und war Auffanglager für viele im zweiten Weltkrieg. Wer ein bisschen Einfühlungsvermögen hat, kann sich in etwa auch vorstellen, dass es dort den ein oder anderen gibt, der damals Familie verloren hat oder dessen Großvater noch eine schöne Nummern-Tättowierung hat und Sätze wie „Ich liebe Hitler“ nicht wirklich verzeihen kann… Genie und Wahnsinn liegen zwar nah beieinander, aber das heißt noch lange nicht, dass ein Galliano unterrichten sollte.

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  2. lisa

    „Das (moralische) “Problem” ist bloß, dass wir in einer Gesellschaft leben, die versucht, ihre “Problemkinder” wieder zu integrieren.“ – Man kann auch anders integriert werden als mit einem Lehrstuhl !

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  3. Christoph Knappe

    Wie bitte?

    Was ist denn das für ein Schluss, nach dem Du kurz zuvor von deinen eigenen Entgleisungen sprichst. Es kommt dann nur ein einziger Unterschied zu dir: nämlich dass er nicht Du ist. Aber das ist keiner.

    Man kann doch für andere Menschen nicht andere Maßstäbe anlegen, nur weil sie nicht man selbst sind. Also das halte ich für ganz bemerkenswert verfehlt.

    Dennoch: Schöne Grüße

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  4. Jen

    Finde auch, die Konsequenz ist von allen hier überzogen. Waren wir dabei? Nein. Und ich meine mich an Stimmen zu erinnern, die dabei waren und deutlich machten, dass der Herr mehr als ein bisschen provoziert wurde. Was keine Entschuldigung ist, aber eine Erklärung, denn jeder kann under the influence ausrasten. Außerdem kennt doch jeder homosexuelle Mensch selbst ganz genau, was es heißt, diskriminiert und das eigene Leben verwehrt zu bekommen – so auch Galliano. Der wird selber schon genug gelitten haben. Gebt ihm doch bitte wieder eine Chance, die haben schon viel schlimmere auch bekommen.

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  5. Debbie

    Liebe Jen, wir waren zwar nicht dabei, die Videos sind aber recht eindeutig, auch wenn man nicht genau wusste, was davor und was danach gewesen ist. Trotzdem ist es komplett daneben, egal um was es vorher ging, plötzlich eine der schlimmsten Verbrechen der Menschheit zu verherrlichen und Leuten ins Gesicht zu sagen, sie sollten vergast werden. Da gibt es absolut keine Entschuldigung für und jeder der von 1-3 denken kann, weiß auch, wie sensibel dieses Thema noch ist. Und klar sagt jeder unter toxischen Einflüssen auch mal etwas, was er später bereut, meistens kommen die Dinge die einem „rausrutschen“ ja aber nicht von ungefähr. Klar, der Typ hatte bestimmt auch schon mit Diskrminierung und Co. zu kämpfen, umso mehr überrascht es mich, dass gerade er auf der Hitler-Welle schwimmt, zumal er der erste gewesen wäre, den man damals nicht geduldet hätte. Das zeigt wohl einfach, wie wahnsinnig dieser Typ ist. Und Chance hin oder her, aber so jemandem kann man wohl kaum guten Gewissens die Verantwortung geben, junge Studenten zu formen…! Wie gesagt, man kann ja auch anders rehabilitiert werden.

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  6. Julia

    Galliano bewundere ich, seitdem sich meine Eltern Mitte der Neunzigerjahre einen Bildband über ihn gekauft haben. Nach dem Eklat vor zwei Jahren malten sich nicht wenige meiner ehemaligen Studienkollegen in glühenden Farben aus, wie phantastisch es wäre, wenn Galliano einen Lehrstuhl an unserer Kunstakademie bekäme. Insofern kann ich den Parsons-Studenten nur gratulieren.
    Mit den besten Grüßen,
    Julia

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  7. Gallio

    Ist doch gar kein Problem wenn Galliano seine Meinung äußert. Über andere Völker werden auch immer wieder fiese Witze gerissen. Nur wenn es sich um Juden handelt ist es super schlimm und nicht erlaubt.
    Es muss Schluß sein mit dem „mit zweierlei Maß messen“.
    Juden erlauben sich viele Frechheiten, genau wie andere Nationalitäten, also wird auch mal ein Witz unter der Gürtellinie gemacht der sie trifft – das machen die Juden mit allen anderen Völkern auch.
    Live and let live.

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