Die Sache mit den Neidhammeln.

26.08.2013 Allgemein, Leben, Kopfchaos

komkurrenzAls ich klein war, da sagte meine Oma gerne: „Ach, Nikchen, du kannst dich glücklich schätzen, wenn du später mal nicht allzu hübsch wirst und auch nicht sehr erfolgreich. Das macht es nämlich nicht einfacher.“ In meinem Kopf kollidierten sämtliche Züge noch bevor sie überhaupt den Bahnhof erreichen konnten. Meine Mutter fand: „Wenn du eine Handvoll guter Freunde hast, dann bist du schon ziemlich reich“. Das verstand ich mindestes genau so wenig. Ich hatte doch 50 Freunde. Oder 60. Oder noch mehr. Über all das dachte ich schließlich nie wieder nach. Ich fand mich niemals allzu hübsch, dachte immer, ich könne noch viel erfolgreicher sein und habe, seit ich denken kann, die besten Freunde, die man sich wünschen kann. Menschen, die mich erden und lieben, obwohl die meisten von ihnen nicht verstehen, was ich hier überhaupt treibe. „Irgendwas mit Mode und dem Internet eben.“ Und ich würde sagen, es sind durchaus mehr als fünf. 

Dann traf ich Lena wieder. Lena ist so alt wie ich, bildschön und sehr, sehr erfolgreich. Nach der Rechnung meiner Oma dürfte sie also ein ziemlich einsames Leben führen. „Wie geht es dir?“, frage ich. „Gut, gut. Wenn Frauen nur nicht solche Biester wären.“ 

Lena legte mit ihrem Satz einen Schalter in meinem Hirn um, den ich mich niemals getraut hatte, anzufassen. Sie sprach aus, was ich mich bisher nur bei einer Zigarette und Rotwein zu denken wagte. Nur ein einziges Mal faselte ich etwas wie „Naja, es ist kein Wunder, dass so viele Männer Chefs sind. Die denken sowieso, sie seien die besten Hengste im Stall und stellen sich super Teams zusammen, um das Projekt voran zu treiben. Sie haben keine Angst um ihre Position. Frauen nehmen tendenziell die Bewerberin, die ein bisschen weniger talentiert ist – aus Angst vor Konkurrenz.“ 

Das ist natürlich keine Regel, aber ein durchaus existentes Problem. „Was ist denn passiert?“, frage ich Lena nach dem zweiten Glas Prickel-Schorle mit Pfiff. „Ich bin traurig“, sagt sie. 

Nach weiteren drei Stunden muss ich mir eingestehen, dass ich weiß, wovon sie spricht. Dass überhaupt nicht alles so rosarot ist wie ich mir einzureden pflege. Verlorene Freundinnen in den vergangenen zwölf Monaten: Zwei. Geflossene Tränen: Null. Weil der Mensch zum Mauernbauen neigt. Ich auch. 

Natürlich verfolge ich die Kommentare auf meinem eigenen Blog. Die meisten sind lieb, aufrichtig oder geprägt von konstruktiver Kritik. Ich mag das. Was ich nicht mag: Gemeinheiten, die ich nicht auseinander klamüseln kann, Seitenhiebe, für die ich keine logische Erklärung finde. Oft finde ich dann Antworten anderer Leser, die für uns in die Bresche springen: „Ihr seid doch bloß neidisch.“ Es wäre gelogen, würde ich nun behaupten, noch nie selbiges getippt und wieder gelöscht zu haben. Aber sowas darf man nicht denken, so etwas zeugt vom berühmt berüchtigten Höhenflug. Und ich bin wahrlich kein Fan vom verschwindenden Boden unter den Füßen und schon gar nicht von schwammigen Erklärungen. Ich finde, man macht es sich mit dem Verweis auf „Neidhammel“ ziemlich einfach.

Bin ich nicht selbst Schuld daran, wenn ich mich im Internet auf eine Art und Weise präsentiere, die manch einem schlichtweg missfällt? Wohlwissend, dass ich niemals die Chance auf einen Kaffee mit den sogenannten „Trollen“ haben werde, um ihnen zeigen zu können, dass mit mir gut Kirschen essen ist und dass meine Berufsbezeichnung und mein arbeitsbedingter Fokus auf Mode keinesfalls auf eine chronischen Gehirnamputation meinerseits schließen lässt? Klar. Deshalb ist Jammern auch nicht erlaubt. Aber was ist mit dem echten, wahren Leben? Mit den realen Menschen, die mir in die Augen sehen und glühen vor unterschwelliger Aggression? 

Die machen mich traurig. Lena sagt: „Das Schlimme ist ja, dass du nichts richtig machen kannst. Es ist egal, was du sagst – am Ende kommt genau das dabei heraus, was es dieses Leuten erlaubt Spiritus in die Flamme ihres Gräuels zu kippen.“ „Bist du böse auf sie?“, frage ich. „Manchmal. Aber ich weiß, dass mich nicht jeder mögen kann. Ich weiß, dass ich vieles falsch mache und wenn man mir sagt, was schief gelaufen ist, dann kann ich mich entschuldigen. Aber manchmal ist es nicht so einfach. Ich finde dann einfach nichts, für das ich mich entschuldigen könnte. Und dann weiß ich, dass ich keine Schuld an der Leere zwischen uns habe. Genau so wenig wie mein Gegenüber.“ 

Lena wischt sich am Ende doch noch eine kleine Träne von der Wange. Weil nichts so schlimm ist wie machtlos zu sein gegen den Lauf der Dinge. „Und dann weiß ich, dass ich keine Schuld an der Leere zwischen uns habe. Genau so wenig wie mein Gegenüber.“ Vielleicht ist das ja die Antwort. Freunde können sich auseinander leben, so etwas passiert schließlich auch mit Beziehungen. Aber darf ich deswegen sauer sein? Vielleicht fällt es tatsächlich schwer, sich für jemanden zu freuen, wenn man selbst etwas unglücklich ist. Noch schwerer wird es, wenn zwei Welten aufeinander prallen. Wenn du nicht bemerkst, dass dein Leben von Außen betrachtet ganz anders wirkt, als es ist. 

Bisher war ich gut darin, Dinge zu überhören. „Und, wie ist dein prominentes Leben in Berlin?“. Ich lache nur, aber spüre, dass das nicht nett gemeint war, obwohl man mir das schönste Lächeln zeigt. Und weil ich müde werde, zu erklären, dass diese Gästelisten-Veranstaltungen zu meinem Job gehören, dass ich auch lieber Bier am Späti trinken würde, dass diese „tollen Internetmenschen“, mit denen ich letztens auf der Straße stand, meine Freunde sind, keine dämlichen Hipster, sondern Herzmenschen. Dass ich mir die neuen Schuhe nur deshalb leisten kann, weil ich drei Jobs parallel mache. Und darum bleibt das miese Gefühl dann ganz einfach in der Luft stehen.

„Ich war letzte Woche mit A. feiern, den kennst du bestimmt, der ist total toll, und dann sind wir noch zu einem geheimen Konzert und später plus 1 auf der After Show Party.“  Ich merke, dass die Freundin, die mir das erzählt, all das nicht sagt, um mir von einer guten Zeit zu berichten. Ich merke, dass sie das tut, weil sie denkt, sie müsse mithalten. Ich sage trotzdem „schön“. Weil ich bisher gut darin war, Dinge zu überhören. Weil ich wie eine Mutti reagiere, die so tut, als wisse sie nicht, was Dope ist. Damit der Haussegen nicht schief hängt und die Illusion der heilen Welt weiter existieren kann.

Und dann kommt der Punkt, an dem du aufgibst. An dem du merkst, dass es kein Zurück mehr gibt. An dem du dir eingestehen musst, dass alles seine Zeit hat. Du verschweigst Erfolge und buhlst um die Liebe der Freundin, die längst eine Freindin ist. Tust alles, damit sie wieder sieht, wer du bist, statt ausschließlich das, was du tagsüber machst. Mauerbauen. Aber irgendwann stützt alles ein. Denn es gibt keine Lösung für all das. Du kannst niemanden fragen, ob er ein Problem mit deinem Erfolg habe, außer du willst, dass aus Missgunst Hass wird. Lena sagt: „Ich verstehe jetzt, was deine Oma meint. Wenn du Mittelmaß bist, musst du dich für nichts rechtfertigen. Wieso wundert man sich überhaupt noch darüber, dass man entweder Freunde hat, die auf Augenhöhe stehen, oder eben Freunde, die ganz andere Ziele im Leben verfolgen? Ist das die natürliche Selektion, der ganz normale Schwund von Beziehungen, von dem unsere Eltern sooft reden?“ „Vielleicht“, sage ich. Ich zünde mir eine Zigarette an und denke: Das ist jetzt wie die Kippe nach dem One-Night-Stand. Noch ein Zug und dann ist alles vorbei. Denn irgendwann muss man loslassen.

 

31 Kommentare

  1. Nadine

    Ein toller Artikel, super geschrieben und erfrischend ehrlich! Ich lieben Euren Blog!!! Best Blog ever!!!

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  2. bina

    Irgendwie ist das mit dem Neid ein verbreitetes Problem. Aber richtige Freunde und Herzensmenschen gönnen einem alles erdenklich Gute und den Rest muss man leider wirklich ziehen lassen! Schöner Artikel!

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  3. Lisa

    Weiß nicht ob das jetzt hilft, aber lass dir von einer Ü30-Kumpeline, die diese Quarterlife-Crisis (das ist jetzt zugegeben etwas anmaßend, aber deine Gedanken erinnern mich stark an die meinige vor ein paar Jahren) bereits hinter sich hat, sagen: das geht vorbei. Einfach fleißig sich selbst treu bleiben, dann klappt das auch mit den really real friends. Und diejenigen, die verschwinden, verschwinden „for a reason“ – zum Beispiel, weil sie sich nicht für dich freuen können. Weil sie immer alles mit sich selbst vergleichen müssen (furchtbare Angewohnheit – Vergleiche machen nur unglücklich!). Da kannste getrost drauf pfeifen. Iykwim. PS: Ich stimme deiner Freundin zu, Frauen sind in der Tat leider viel zu oft verbiestert und stehen sich damit selbst im Weg. Ich mache dafür u.a. die verf*** Rollenbilder im TV verantwortlich. Und die Gazetten. Meine Hoffnung ist, dass Orte wie dieser hier diesen Zustand nachhaltig ändern. Liebe Grüße!

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    1. Sabina @OceanblueStyle at Manderley

      Das ist leider weniger wahr. Auch Ü40 sind diese Themen aktuell und unter uns Modebloggerinnen ganz arg. Das ist wohl menschlich. Was für mich wenig schön ist, ist dieses harmoniesüchtige. Hui. Was geht mir das auf den Zeiger. Weil es so unehrlich ist… schön geschrieben! LG Sabina

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  4. Jani

    DANKE für deine Worte, die direkt den Weg ins Herz finden und machen, dass man sich besser fühlt. Gut fühlt. Normal fühlt. Ich denke, NORMAL ist hier das Schlüsselwort. Denn durch die vielen sehr persönlichen emotionalen Texte, die du schreibst, Nike, und mit denen du uns irgendwie ja doch an deinen Gedanken und deinem Leben teilhaben lässt, fühlen wir uns NORMAL, denn genau so gehts uns auch, mal mehr, mal weniger. Du sprichst aus, was sonst fast keiner in Worte fassen kann, was ein Tabuthema ist, weil doch eigentlich alles immer Friede Freude Eierkuchen ist. DANKE . Super Text, Nike. Wirklich. LIEBE!

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  5. Spiegelbild

    Wahre Freunde erkennt man im Sturm. Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, welche von den Leuten, mit denen ich einmal herumhing heute noch meine Freunde wären, wenn es tatsächlich realitisch wäre, mit so vielen Leuten den Kontakt zu halten. Der Mensch, der man ist, bleibt man, aber Menschen verändern sich. Und dann merkt man, ob sie dich um deinetwillen mochten oder für etwas, was du eine Zeitlang für sie darstelltest. Anderes Beispiel: Ich habe mir dank eines Freundes, der in der Branche arbeitet, eine Wohnung in einer ziemlich (ja, traurig) hippen Lage in Berlin besorgt. Was meinst du, was da los war! Leute, mit denen ich teils vor meiner jetzigen Haustür jahrelang ausging, waren sich jetzt zu gut für mich Arrogantes Stück. Usw.
    Ehrlichgesagt hat mich das ein Bischen verletzt, aber rückblickend bin ich froh, diesen Ballast aus meinem Leben verbannt zu haben und mich nur den Leuten und Dingen zu widmen, die es verdienen.

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  6. dani

    ja, Freunde erkennt man im Sturm. Meiner fand statt, da war ich 29 und es wurde bitterlich ausgesiebt.
    Und heute ist es bei einigen so, dass das Thema Blog einfach ausgeklammert wird, denn ich bin es leid, zu erklären, dass ich nicht die ganze Zeit massen an Sachen und Kohle kriege und so was ja unglaubliche Vorteile für mich schafft, sondern auch hier drei Jobs parallel am Start sind. Plus Kind und plus Familienleben. Und dass auch ich manchmal müde bin.

    Aber wenn der Ballast – oder die ‚falschen‘ Freunde – erst mal eine Weile weg und der Schmerz nicht mehr ganz so fest sitzt, man los gelassen hat, dann wird alles ein bisschen besser und vor allem: Mehr Platz für echte Herzmenschen.

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  7. Ulrike

    Dass sowas „vorbei geht“ würde ich nicht sagen, höchstens dass die erste Begegnung mit solchen Trennungen einen vielleicht am härtesten treffen. Es wird leider immer wieder passieren, dass man Menschen begegnet, sie liebt und sie irgendwann auch wieder gehen lassen muss. Manche bleiben für immer und das ist schön. Andere sind nur Etappenbegleiter oder „Entwicklungsmenschen“, wie der Psychologe sagt. Man selbst bleiben und nicht die Probleme anderer zu den eigenen machen sind die einzigen Dinge, die man tun kann. Wenn so eine Trennung passiert aber auch um sie ggf. zu vermeiden. Und ich denke, liebe Nike, beides dürfte dich dieses Blog-Dings gelehrt haben, was?

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  8. Lou

    toller toller toller Blog!
    Ich bin ganz verliebt – quasi Liebe auf den ersten Blick!
    Warum kam der erste Blick nur erst so spät…
    : )

    Liebe Grüße und schön für immer so weiter machen <3

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  9. Isabell

    Leider ist die Sache mit dem Loslassen meist einfacher gesagt als getan. Im Nachhinein betrachtet ist jedoch das ewige Festhalten schmerzhafter und mühsamer, denn man rennt doch nur noch einer Illusion von irgendetwas hinterher, das schon längst keinen Bestand mehr hat.

    Ein utopische Ziel ist es, es jedem recht machen zu wollen. Und echte Freundschaft bleibt.Immer.

    http://www.augenzuundtanze.net

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  10. Claudi

    Du bist ehrlich, das mag ich an dir und deine Art zu schreiben ist toll. Anfangs dachte ich bei der Überschrift, was kommt denn nun? aber ich war positiv überrascht. Ich sende dir meine besten Grüße, dein Fan und Follower Claudia.

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