Das Leben ist kein Fashion Shoot.

11.11.2013 box3, Janes, Wir

realitaetDas hier soll überhaupt kein ausufernder Text über die Deformierung der Realität mithilfe von Photoshop & Co sein, kein Vorher-Nachher-Bericht, sondern ein kleiner Reminder. Insbesondere nach unserem Shooting für Isabel Marant pour H&M erreichten mich Nachrichten, die mich ein kleines bisschen verunsicherten. „Hast du abgenommen, du siehst so schlank aus auf den Fotos“, oder „so schön wie ihr müsste man sein.“ Ich meine, hallo. Ich war gerade im Urlaub, habe tonnenweise Tapas verdrückt und meine Haut befindet sich in etwa auf dem Reinheitsstand eines Pubertisten. Das Leben ist schließlich kein Fashion-Shoot.

Offensichtlich vergessen wir trotz unseres Wissens über kleine Hilfsmittel jedweder Art immer und immer wieder, dass professionell geschossene Bilder so gut wie nichts mit der Realität zu tun haben. Dass da geübte Fotografen am Werk sind, die genau wissen, in welchem Winkel man das Birnenbecken zur Kamera drehen muss, um es optisch schrumpfen zu lassen. Dass findige Computermenschen imstande sind, Pickel binnen Sekunden wegzuradieren und schiefe Gesichtszüge zu korrigieren. Dass jedes Magazin, das wir in den Händen halten zu 100% aus Schummeleien besteht. Es gibt also nicht der geringste Grund für Selbstzweifel. Und ich schwöre: Auch ein Outfitpostschnappschuss, der längst nicht so hübsch ausschaut wie oben genannte Bildexemplare, erfordert ein bisschen Geschick. Mein Gesicht braucht morgens nämlich auch mindestens eine Stunde, um sich zu entknautschen. 

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Natürlich betrachte ich manchmal auch solche mühevoll erarbeiteten Fotos meiner Selbst und wünsche mir, des Öfteren mal ähnlich grazil oder attraktiv daher zu kommen. In Wahrheit schleppe ich nämlich eine Brille mit mir herum, züchte ein mehr oder weniger stumpfes Haargestrüpp auf meinem Kopf, lächle mit einem Zahn, statt einer Zahnlücke in der Mitte meines Mundes (alles etwas nach links verschoben), trage einen minikleinen Höcker auf der Nase herum und starre mit zwei unterschiedlich großen Augen durch die Welt. Auch meine Brüste sind nicht exakt gleich groß, so wie bei 90% aller Frauen. Mein Bauch sieht an manchen Tagen geschwängert aus und Hüfthosen halten meinen Waffel-Speck in Zaun. Und ganz ehrlich: Stellt euch vor, ich würde permanent mit einem schräg gelegten Kopf von A nach B robben, den rechten Beckenknochen etwas vorgeschoben und meine Augen lasziv zusammen kneifend, bloß um meinem Foto-Zwilling im echten Leben ein bisschen ähnlicher zu sein. Gott sei Dank ist das überhaupt nicht nötig.  

Denn ohne unsere kleinen und großen Makel wären wir nichts weiter als ein trostloser Haufen Klone. 

42 Kommentare

  1. Maddie

    Wenn ich auf meinem Blog erwähne dass ich bei einer Größe von 1,60 cm 58kg wiege schreien auch alle immer auf „Oh Gott wo versteckst du das?“. Es ist ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit: 50 gemachte Fotos, viel Make-Up, gekonnte Posen und 5 Fotos davon sind dann auf dem Blog.

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    1. D.

      na gut, wobei ich sagen muss, dass ich auch zu denen gehöre, die es (zu mindest vor meinem computer) schreie 🙂
      gewicht ist zwar relativ und jeder sieht mit seiner masse dicker/dünner aus als der andere.. aber bei dir glaubt man es wirklich kaum!

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  2. Alex

    Danke! Du sprichst mir aus dem Herzen. Wir vergessen viel zu häufig, was hinter den Fotos steckt, die wir da täglich betrachten – obwohl man eigentlich davon ausgehen könnte, dass die Mehrheit inzwischen weiß, was mit Photoshop, make -up und Co alles möglich ist.

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  3. Ally

    Sehr, sehr schöner Artikel Nike! Du hast so recht mit dem was du sagst und tatsächlich viel zu oft knipst man das Gehirn aus und „denkt“, die Bilder würden der Realität entsprechen.

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  4. Kathi

    Danke für den wunderbaren Post!
    Es wird leider viel zu selten wachgerüttelt und Klartext über den uns alle umgebenden Model-Mager-Schönheits-immer-aussehen-wie-Aphrodite-WAHN geredet. Bitte mehr davon!

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  5. bina

    So schön geschrieben. Und ich musste ein wenig schmunzeln. Besonders wenn ich mir vorstelle, wie du mit geneigtem Kopf und zusammengekniffenen Augen durch die Gegend zockelst. Aber natürlich bist du viel zu kritisch mit dir selbst. Aber Selbtironie ist ja auch ein großer Teil Attraktivität! Und schön bist du allemal!

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  6. Anna Frey

    Ein sehr ehrlicher Post- find ich klasse!

    Was ich noch kurz erwähnen wollte: Ich habe bei dem Lost & Found Gewinnspiel von asos mitgemacht und obwohl ich nichts gewonnen habe, hat das Ganze total viel Spaß gemacht. Und eine Lederjacke habe ich mittlerweile auch gefunden (siehe meinen Blog 😉 )
    Ich habe gerade meinen ersten Post verfasst und würde mich sehr über konstruktive Kritik freuen. Schaut doch bei Gelegenheit einfach mal vorbei !
    Liebe Grüße, Anna

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  7. Kikilotta

    Sehr wahr, das alles. Man vergisst viel zu oft, dass die meisten Fotos, auch auf Blogs, eine optimierte Version der jeweils dargestellten Person zeigt. Was ich auch ein wenig problematisch finde, gerade bei einem Modeblog, dass doch ursprünglich so viel realistischer sein sollte als die retuschierten Hochglanzmagazine. Irgendwie suggeriert dass doch letztendlich, dass man so wie man geschaffen ist, nicht präsentabel ist. Eben nicht gut so, wie man eben aussieht.
    Ich verstehe zwar schon, dass auch Blogger sich immer von ihrer Schokoladenseite präsentieren wollen, aber mal ganz ehrlich, warum nicht einfach mal ein Outfitpost mit Brille? Muss denn alles immer aufs Äußerste optimiert werden? Ich als Besitzerin zweier unterschiedlich großer Augen würde das „Zeigen, so wie man eben aussieht“ wohlwollend aufnehmen 🙂

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  8. Hen

    Apropos H&M Kollektion, wie findet man eigentlich raus in welchen Städten die Isabel Marant Sachen erhältlich sein werden?

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    1. Mila

      Janz einfach – auf der H&M-Seite gibt’s die Infos:
      http://www.hm.com/de/isabel-marant#see_all
      und dann linke Seite, letzter Menüpünkt „Unsere Geschäfte“.
      Zu beachten sei da auch noch der Punkt „So kaufen Sie ein“ – damit hatte sich für mich dann die Überlegung. irgendwo in nem Store einzureiten. Die ersten 280 Kunden kriegen farblich variierende Bändchen – mit diesen Bändchen darf man dann 15 Min. bei der Marant-Kollektion einkaufen, bla, bla,bla – PUH!!! Ohne mich. Und der Verkauf beginnt in den Geschäften wohl um 8, es wird aber geraten deutlich vorher dort zu sein, die Bändchen werden dann an die Wartenden in der Schlange verteilt. Aha. Keine Ahnung, ob das bei den anderen Koops auch so abgelaufen ist.

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  9. Nadine

    Wirklich toller Post und gerade diese kleine Unterschiede sind es doch die zu unserem Selbst führen. Ich beispielsweise hab zwei unterschiedlich große Füße.

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  10. Esther

    Schöner Artikel! Ich arbeite selbst täglich mit Photoshop. Wenn man sieht, dass man in einer Minute makellose Haut und in unter 20 Minuten eine Traumfigur zaubern kann, hinterfragt man irgendwann zwar jedes bildhüsche Foto, spürt aber gleichzeitig den Zwang, JEDES Bild nachzubearbeiten, um ein bisschen mehr perfekt zu wirken. Schade eigentlich.

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  11. Pingback: GEDANKEN: FALSCHE SCHÖNHEIT ?! | HermineonWalk

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