American Apparel und das Schamhaar.

21.01.2014 um 15.32 – Allgemein Gesellschaft Leben

american-apparel-schaufensterpuppe-schamhaarMan hasst die Marke American Apparel gerne. Man hasst sie aufgrund des sagenumwobenen Gründers, wegen sexistischer Werbekampagnen, Scheinheiligkeit oder zu viel schöner Basics, für die man zu viel Geld ausgibt. Nur selten lässt jemand öffentlich ein gutes Haar an dem Konzern. Und wann immer ich selbst AA für irgendetwas lobte, beispielsweise für das Period Power Shirt, welches in Zusammenarbeit mit der wunderbaren Petra F. Collins entstand, hasste man mich ebenso. Zu Recht? Einmal schlecht, immer schlecht? Wer weiß das schon. Ich jedenfalls bin Fan vom Vagina-Shirt, habe wenig Probleme mit den aktuellen Kampagnenbildern des Hauses uns staunte obendrein nicht schlecht über das neuste Marketing-Wunder der PR-Genies hinter „der Hipster Marke“ (urgh). 

In New York sieht man neuerdings buschige Schaufensterpuppen aus dem Store heraus starren. Das ist erstmal gut, wenngleich es sich hierbei natürlich um einen erneuten Verkaufs-Streich handelt, aber so ist das immer bei Marken, da macht man nichts. Ich bleibe also dabei: Die Schamhaar-Offensive missfällt mir keineswegs. Denn vor allem in den USA hat das Schönheitsideal des weiblichen Körpers wenig mit Behaarung und viel mit Regularien zu tun. Kahl rasierte Venushügel sind das Nonplusultra, ansonsten wird höchstens noch die klassische Landebahn toleriert. Platz für eigene Entscheidungen bleibt wenig, denn inzwischen sind wir bei Adjektiven wie „ekelhaft“ angelangt, sobald jemand gesteht, Waxing Studios konsequent zu meiden.

Ich werde mich an dieser Stelle hüten, ein gegenteiliges, oder überhaupt irgendein Schönheitsideal zu propagieren. Was mich allerdings an der obigen Meldung schockiert: Natürlichkeit gilt inzwischen als Provokation. Hammer. Und alle schreiben sie darüber, auch wir.

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„Mit der Aktion wolle das Label zum Valentinstag am 14. Februar auf die „natürliche Schönheit“ von Frauen hinweisen“, erklärte Kreativ-Chefin Iris Alonzo dem Spiegel. „Wir wollen die Passanten zum Nachdenken anregen, was sexy ist – das bedeutet, wie sehr sie sich mit den natürlichen Formen der Frau wohlfühlen“, heißt es weiter.

Nun darf sicher á la „AA muss aber auch immer übertreiben, so einen gigantischen Scheidenbart trägt doch wirklich niemand mehr“ gemeckert werden, aber Fakt ist: Immerhin spricht man wieder über den Normungs-Wahn des weiblichen Geschlechtsorgans. Ich kenne nämlich eine ganze Menge junger Damen, denen es vor Rasur-Pickeln und Kaltwachsstreifen graust, und zwar ohne Ende. Trotzdem machen alle mit, schließlich gehört es sich so, und überhaupt, am Ende bricht der One Night Stand dir noch auf den Bauch, wenn er sieht und fühlt, dass du dich da unten eher gehen lässt, und eklig ist das ja auch.

Hachja, wir und die Legende von der Individualität. Dabei scheint es mir nur allzu logisch, dass er oder sie oder gendergap im Grunde jede erdenkbare Frisur, ob rasiert oder unrasiert, zwischen den Beinen tragen dürfen sollte, und zwar ohne Angst vor verachtenden Reaktionen. Für all das Gerede ist es jetzt höchstwahrscheinlich aber schon zu spät – das Brainwashing, das den Körperbau und–Bewuchs von Pubertisten zum Ideal adelt, hat schließlich längst ganz andere Ausmaße angenommen.

Ich bleibe jedenfalls gespannt auf die nächste Instagram-Zensur, vielleicht erwischt’s ja American Apparel. Die Schnappschuss-App hatte vor Kurzem nämlich das Profil besagter Petra F. Collings gelöscht, weil die Künsterlin ein Foto gepostet hatte, das ein paar Härchen am Rand eines Schlüppis zeigte. Bitte merken: Das ist nicht ok. Titten aber schon. Auch von 13-Jährigen.  

9 Kommentare

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  2. Judith

    danke, ihr lieben, dass ihr unermüdlich eure (unsere!) meinung sagt, auch wenn man das gefühl hat, gegen eine wand zu reden :*

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  3. Carina

    Ich verstehe euer Problem nickt! Ihr seid es doch die propagieren, jeder darf machen was er will! Und dann beschwert ihr euch wenn Frauen sich rasieren? Soll nicht Jeder das tuen dürfen was er will? Außerdem heißt es INTIM-Region! Ich denke dass diese Zone dann auch niemanden angeht als den der es betrifft.
    Und wenn ich rasiert besser finde! Dann ist das so! Deshalb bin ich kein Girly oder Pupertiereden. Schließt sich für euch den rasiert und selbstbewusst aus?
    Ach ja und wenn du Probleme mit Rasierpickeln hast, kann ich dir gerne eine gute Kosmetikerin empfehlen! Soll auch ohne gehen.

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    1. Nike Jane Artikelautor

      Liebe Carina,
      bitte lies den Text noch ein zweites Mal.
      Dann stellt du fest, dass ich mich mit keinem einzigen Satz über das Rasieren der Intimzone beschwere.
      Ich persönlich habe zudem keine Probleme mit Rasurpickelchen, denn ja, es geht auch ohne.

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  4. carlotta

    Mal unabhängig davon, ob man in der Sache dafür oder dagegen ist: Eine riesen Rolle bei dem Thema spielen Umfragewerte (nach dem Motto „3 von 4 Frauen tun dies und das…). Vor einer Weile gab es dazu im Tagesspiegel ein interessantes Gespräch mit einer Wissenschaftlerin, das ich gerade leider nicht wiederfinde. Es ging darum, dass im Prinzip kein Mensch weiß, ob tatsächlich soviele (erwachsene) Frauen tatsächlich rasieren, wie gemeinhin behauptet wird. Und bei wieivielen Menschen weiß man es denn schon aus eigener Anschauung? 😉
    Es ist ja nicht nur so, dass die Umfragen oft von der Enthaarungsindustrie selbst kommen (erinnert irgendwie an den ADAC gerade…). Laut dem Interview ergibt sich daraus auch, dass Frauen in ‚echten‘ Umfragen die vermeintlich gesellschaftlich erwartete Antwort geben. Es ist dieser falsche Druck, bei dem ich zu dem Thema echt sagen muss: Absolut dagegen.

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