Fashion Week
ist Mecker Week
– ein Résumé.

21.01.2014 um 12.57 – Allgemein box3 Mode

Bildschirmfoto-2014-01-16-um-11.42.11Texte über die Fashion Week fand man in den vergangenen Tagen wie Sand am Meer. Weil jeder mitreden, meckern oder wahlweise schlichten will, sobald das Zelt am Brandenburger Tor sich füllt. Die Lieblingsbeschäftigung deutscher Klatschjournalisten setzt sich beispielsweise aus Namen wie Glööckler, Guido Maria Kretschmar und diversen Dschungelcamp-Schnecken zusammen, die nach deren wenig schmeichelhaften Auftritten auf dem roten Teppich gebündelt in einen Topf geworfen werden, um daraus schließlich die Außenwirkung der Modewoche zusammen zu brutzeln. Jegliche Relevanz geht hier schon mit der feisten Wahl der Überschriften verloren.

Die Vice macht’s ähnlich: „Zu viele D-Promis, Jahrmarkt Atmosphäre, das peinliche Gerangel irgendwelcher selbsternannter Models oder DSDS-Stars um Gratis-Sekt und Goodie Bags. Nicht zu vergessen die peinlichen Designer á la Guido Maria Kretschmer, die eher ins Fernsehen gehören als in irgendein Fashion-Week-Zelt dieser Welt. Ist die Berliner Fashion Week also eher Porno statt Fashion? Den Charme der jungen, wilden Modewoche hat die MBFW längst verloren, das Debakel im Zelt am Brandenburger Tor kann man sich nicht mehr schönreden, für Entschuldigungen ist es jetzt auch zu spät und die Generalprobe längst vorbei“, heißt es da. Wer nicht auf den Kopf gefallen ist, weiß wie die selbsternannten Rebellen der teils genialen, teils absurden Marketing-Maschine in Fällen wie diesen vorgehen: Reißerisch, halb-fundiert und Klickzahlen-freundlich. Wer am tiefsten in der Wunde bohrt, bekommt den größten Fame. Beifall geben jene, die noch niemals dort waren, auf der reudigen Fashion Week der Wannabees.

Das peinliche Spektakel ist zwar real, aber durchaus erträglich. Ein Paar Minuten des Blitzlichtgewitters, dann wird es still bis das erste Model den Laufsteg betritt. In der Frontrow mag mitunter der Bodensatz der Fernsehprominenz sitzen, das ist wahr. Aber die Frontrow ist sehr viel länger als Boris Becker breit ist. Die wirklich wichtigen Köpfe der Szene bekommen keinen Platz auf dem Titel der BILD, aber ganz sicher einen in der ersten Reihe der Show. Wer trotzdem weiter über Soap-Stars meckert, muss sich auch an die eigene Nase fassen: Nicht die Platz-Verteiler sind Schuld an der teilweise unterirdischen Promi-Besetzung, sondern mitunter wir selbst. Personenkult ist in Deutschland quasi nicht existent, die wahren Helden des TVs werden ausschließlich von RTL-Zuschauern gewählt. Deutsche Stars sind demnach zu peinlich und kommerziell, oder zu unbekannt und eigen. In der Mitte bleibt nicht viel übrig und der Kunde immer noch König. Aus letzterem Grund sitzt das wunderbare Top Model Eva Padberg bei Lala Berlin auch ganz vorn, aber sicher nicht bei Anja Gockel. Zielgruppengerechte Sitzplaztverteilung nennt man das.

Weshalb braucht es überhaupt Promis auf der Fashion Week? Weil der Durchschnittsdeutsche Mode für Quatsch hält, vielleicht für praktisch, aber sicher nicht für relevant. Da werden Augen schon wegen einer grünen Hosen gerollt. Aufmerksamkeit bekommt ein Designer also nur dann, wenn’s Namen hagelt. Welche, das ist am Ende egal, Hauptsache es knallt. Sollte man zumindest D-Promis verbieten, um der Fashion Week wieder mehr Stil und Seriosität einzuhauchen? Man könnte es versuchen. Wenn man ein Arschloch ist und Klassengesellschaften für sinnvoll hält.

Viele Tageszeitungen hingegen halten inhaltlich an Vergleichen, oder eher Anti-Vergleichen fest: Kann Berlin mit Paris mithalten? Ist die deutsche Modewoche international? Die Antwort überrascht selten: Natürlich nicht. Die großen Namen der Branche haben der deutschen Hauptstadt längst den Rücken gekehrt. Dennoch spricht man von „Highlights“ und „Hoffnung“, von „Überraschungen“ und „Enttäuschungen“. Die Fashion Week bleibt weiterhin ein wunder Punkt, aber immerhin einer, der Emotionen schürt. „Nach dem Absprung renommierter Marken wie Hugo Boss und Escada ist die Fashion Week in Berlin vor allem eine Plattform für den Nachwuchs„, schreibt die Süddeutsche ganz richtig. Ist das nicht schön und erstrebenswert? Eigentlich schon, aber dennoch scheitert die Fashion Week alljährlich an mühseligen Vergleichen mit der internationalen Konkurrenz. 

Dabei taugen sinnentleerte Vergleiche in etwa so viel wie leere Versprechen. Berlin ist nicht Paris und wird es niemals sein. Zum Glück. Berlin ist gemütlich und familiär, Berlin ist, entgegen seines Rufs, leise und wenn man so will sogar vernünftig. Was soll das Streben nach fremden Zielen? Wenn ich mich doch in Mailand, London oder Paris berieseln lassen kann, von waghalsigen Kollektionen, wenn ich dort staunen kann, weshalb bräuchte ich dann noch Berlin, wenn es dort genau so wäre? Dort drüben nach Inspiration suchen, nach Kleidung für den besonderen Auftritt, und hier? Hier kann ich meinen Kleiderschrank füllen, mit detailverliebten Basics für die Ewigkeit. Weshalb konzentrieren wir uns nicht endlich auf unsere eigenen Stärken, weshalb fördern und feiern wir nicht, was wir haben, statt Salz in die Wunden unserer Modewoche zu streuen?

Die Berliner Mode sei langweilig, sagt man zum Beispiel. Naja. Sie ist schlichtweg tragbar. Manch ein Modeherz trauert der Wagemut hinterher, will endlich wieder überrascht und verzückt werden und staunen. Verständlich, so geht’s mir auch. Das Problem sind jedoch nicht die mangelnden Talente, sondern die wenig vorhandene Kaufbereitschaft potentieller Kunden. Man verzehrt sich weiterhin nach kommerziellen, großen Firmen aus den USA oder Frankreich, nach Massenware und trägt lieber Kenzo als Karaleev. Und da fragt man sich, wie Berlin so verrückt sein kann, wo dessen Mode doch das genaue Gegenteil ist? Was all der Minimalismus soll? Wie bei jedem Job, geht es eben auch hier darum, irgendwann einmal Geld mit dem zu verdienen, was man da treibt. So viele kauffreudige Paradiesvögel, wie es bräuchte, um auch nur eine Handvoll fancy Kollektionen an den Mann zu bringen, gibt es selbst in Berlin nicht. Aufwachen, das Modegeschäft ist ein Schlaraffenland. 

 Und was sagen die Blogger, die gefühlten Feinde alteingesessener Print-Redakteure, jene Schmarotzer, die sich während er Modewoche am liebsten von Selfies ernähren? Entweder gar nichts, oder, Überraschung, Wahres. Sie übernehmen den Part der Verteidigung, der Rechtfertigung, sie versuchen, das Bisschen Magie zu bewahren und stellen sich auf die Seite der jungen Deutschen Designer, für die Mode kein Seifenkistenrennen um die bescheuertste Headline ist, sie schwärmen von Achtland, Hien Le oder Mailaikaraiss: „(…)Sie stehen für das Mode-Deutschland, für neue, innovative Mode made in Germany. Die auch international was kann. Für die es sich lohnt, die ein oder andere Fashion Week Party früher zu verlassen, um am nächsten Morgen im Getümmel vor dem Zelt am Brandenburger Tor stehen. Zwischen Fotokameras, Redakteuren und Paradiesvögeln. Voller Spannung auf die nächste Show (amazed).“ 

Danke. Das ist Berlin:

Rebekka Ruetz Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Kilian Kerner Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Lala Berlin Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Malaikaraiss Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Malaikaraiss Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Kilian Kerner Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Isabell de Hillerin Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Isabell de Hillerin Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Hien Le Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Filippa K. Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Blacky Dress Berlin Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Perret Schaad Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Schumacher Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Vladimir Karaleev Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Barre Noire Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15 Augustin Teboul Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15
Und das hier sogar auch: 

Bildschirmfoto-2014-01-16-um-11.42.03

 

19 Kommentare

  1. Bina

    Endlich mal ein Artikel, der die Modewoche richtig widerspiegelt und sagt, was Fakt ist: die Berliner Fashion Week zeigt sehr wohl relevante und interessante Mode – es kann schliessliche nicht nur Diors und Westwoods geben. Alles hast du auf den Punkt gebracht und großartig dargestellt. Dem bleibt nichts mehr hinzuzufügen – ausser: danke für diesen Beitrag!
    Liebst, Bina

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  2. Fräulein Julia

    Das ist genau der Grund, weshalb ich während der Fashion Week hauptsächlich auf Berichte von Blogs wie eurem zurückgreife: Hier geht es ehrlich, ungeheuchelt zu und man merkt eure Leidenschaft für Mode – ohne dass ihr Berlin dabei zu DER Modestadt schlechthin hochredet. Die Kollektionen sind tragbar und lässig und genau das ist es ja, was Berlin ausmacht!

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  3. Shari

    Oh Mann! Hat der Artikel gut getan! Endlich sagt mal einer, was wirklich Sache ist anstatt effekthascherisch die ganze Fashionweek zu bashen.
    Mir geht’s genau wie der Vorposterin, dass ist auch bei mir der Grund warum ich so enttäuscht bin von den Printmedien. Außerdem sind Blogs die einzigen, die auch mal über nicht so bekannte Marken berichten und dabei auch ratzefatze schnell sind. Wie muss ich lachen, wenn mir wieder irgendeine Modezeitschrift in nem Dreizeiler* einen ein Jahr alten Trend als Neuheit! weiß machen will. Und die nennen sich „seriöser Journalismus“.

    Ansonsten an die Hater da draußen, jaaa wir ham s verstanden ihr alle und eure Mutter seid zu cool für die Berlin Fashion Week, aber dann nicht wieder gleich als erstes bei den Goodiebags zu Wilden werden und dann den Bloggern das Chaos in die Schuhe schieben…ich kenn‘ doch die Pappenheimer 😉

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  4. Linnae

    „Weshalb braucht es überhaupt Promis auf der Fashion Week? Weil der Durchschnittsdeutsche Mode für Quatsch hält, vielleicht für praktisch, aber sicher nicht für relevant“

    Wahnsinnig gut, ihr sprecht mir aus der Seele! War ein Genuss diesen Artikel durchzulesen <3
    Linnae von LinnaeDesign

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  5. Poorlin

    Ich kann verstehen , dass einige versuchen die Situation durch so einen Artikel zu relativieren.
    Trotzdem sollte man Dinge bei Namen nennen:

    Der Umgang der Deutschen mit dem Thema Mode ist und bleibt ein großes Problem.
    Während andere Länder/Städte die Wichtigkeit der Mode als eine Industrie begriffen haben, ist der durchschnittliche Deutsche immer noch davon Überzeugt, dass Mode kein ernsthaftes Business ist und keine richtige Karriere bedeuten kann.
    Es gibt also mehr als einen Grund warum viele Deutsche erst im Ausland erst geschätzt , gefördert und gefeiert wurden anstatt in ihrere eigene Heimat!

    Berlin ist offiziell die ärmste Stadt Deutschlands.
    Ich als ein bestens ausgebildeter Stylist mit einem Design Abschluss, mehrere Jahren Erfahrung als Menswear Spezialist bei grossen internationalen Mode Firmen und Personal Shopper in London muss ich in Berlin mit Spaniern , Griechen und Italienern konkurrieren, die kaum einen Pinsel halten können oder eine Hose abstecken können und sich Stylist oder Make Up artist schimpfen! Sie machen die Jobs für einen Hungerlohn! Wenn sie überhaupt bezahlt werden!
    Es heisst ‚es gibt keine Kohle’…jedoch merkt man hier wie sonst nirgendwo in Europa , dass die Mode-“szene“ sich selbst auch nicht ernst genug nimmt um Qualität zu erkennen und zu bezahlen…Wenn die Mode szene sich selbst nicht nährt und kultiviert wird es der Durchschnittsdeutsche auch nie tun …
    Die Qualität sinkt dadurch ständig!
    Es gibt eine Vielfalt an jungem Talent , aber die Qualität ist erschreckend niedrig.
    Von der Fotografie bis hin zu den Kollektionen, aber auch die Zusammenarbeit der PR und die Designer erschrecken mich dermaßen , dass ich bereits wieder dabei bin aus Berlin weg zu ziehen!

    In vielerlei Hinsichten gibt es um Berlin einen Hype dem die Stadt nicht gerecht werden kann.
    Eine riesige Baustelle kann eben nicht als eine voll funktionierende (Mode)Metropole gefeiert und in Vergleich gesetzt werden.

    Und dann kommt noch das übliche “Rich Kid“ Phänomen dazu:
    Reiche Kids die sich Zeit oder Erfahrungen in diesem Business erkaufen!
    Sie haben weder das Verständnis noch die nötige soziale Kompetenz um in einem Bereich zu arbeiten , was nur wachsen und gedeihen kann , wenn Originalität, Rebellionssinn und Individualität gefördert und geschätzt werden. Eine Branche die zu 150% von Kommunikation, Passion und handwerkliches Können bestehen sollte:
    Ausser in wenigen Ausnahmefälle, geht es darum wen man kennt oder wieviele Monate man in einer schlecht bezahlten Position bestehen kann, um damit anzugeben , dass man dazu gehört!
    Viel heisse Luft!
    Sie begegnen mir auf Events, sie schaffen es kaum einen Satz zusammen zu bekommen aber treffen darüber Entscheidungen ob ich die Teile bekomme, die für Shoots nötig sind…

    Insgesamt ist dieser Artikel wieder ein oberflächlicher und kläglicher Versuch Dinge zu analysieren, die hier schief laufen!
    Berlin ist Uniform, gleichgeschaltet, überschätzt und voll von Durchschnitt!
    Zu dem kommen Fehler der Politiker und Versäumnisse der Stadt die Mode als ernsthafte wirtschaftliche Macht zu erkennen… Drogen und Party Touries tun ihr übriges!
    Und das alles ist nur die Spitze des Eisbergs!

    Euch allen viel Erfolg

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  6. Kathrin

    Ich hatte bereits via Twitter gefragt (http://bit.ly/1cRJTYr), vielleicht habt ihr auch eine gute Antwort auf die Frage:

    Was sagt die internationale Presse zur deutschen Fashion Week & was sagen die nationalen Pressestimmen zu ihren eigenen Fashion Weeks in Frankreich, England, Italien, Schweden und Co?
    Werden sie von der eigenen nationalen Presse auch so bemeckert?

    Wer das mal beobachtet hat – es interessiert mich wirklich sehr, ob es die deutsche Meckertugend ist und man sich so selbst kleiner machen möchte als andere. Besser sein als das Ausland ist ja nicht so richtig erlaubt – auch wenn Deutschland das beliebteste Land der Welt ist. Finden nur die Deutschen nicht. Aber ist schön hier. Abgeschweift. Zurück zur Mode – die ist nämlich auch gut. <3

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  7. Jonas

    Danke erstmal.

    Der Post spiegelt die MBFWB genauso wieder, wie’s sein sollte. Endlich mal kein Sinnloses rumgehate damit man ja nichts ernstzunehmendes sagen muss. Es könnte ja – und Gott bewahre – nicht der allerneuste alternative shit sein, den man da so von sich gibt.

    Wo ist die Seriosität geblieben? Stänkern kann jeder, qualitative Meinungsäusserungen erfordern immer eine gewisse Anzahl an Mut und Kompetenz. Wer meckert, kommt schnell professionell rüber. Aber leider nur schnell&rüber – wer sich davon nicht beirren lässt sieht dann den Snobismus schneller in sich zusammenbröseln als man „no-go“ sagen kann.

    Oft gehört/gesagt in den letzten Tagen: Don’t bite the hand that feeds you.

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  8. VIENNA WEDEKIND

    das verdient fast ein AMEN! und verursacht ein durchgängiges Nicken bei mir. Ja, es wäre wirklich schön, wenn es den Fashionweek Besuchern wieder etwas mehr um das Eigentliche (DIE MODE) als um Goodiebags u. geile Feten ginge.

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  9. Pingback: Cherry Picks #4 | amazed

  10. Tanya

    Richtig so. Zu dem gab es dieses Mal eine gute Auswahl an Schnitten. Berlin hat so viel Charme, wir sollten dieses auf dem Laufsteg feiern, statt neidisch nach Paris und Co rüber zu schauen. Dieser Artikel plädiert pro Authentizität, find ich gut!

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