Ein Brief an das Grazia Magazin
– „Crazy Schlankheitstricks der Stars“ my ass

07.05.2014 Gesellschaft

graziaLiebe Grazia
um eins vorweg zu nehmen: Eigentlich bin ich heimlich ein bisschen verliebt in dich und verpasse kaum eine Ausgabe, obwohl ich das lange niemandem erzählt hab, schließlich liest man für’s Ego lieber Sleek oder Brand Eins. Ihr seid sozusagen meine total mädchenmäßige Schwachstelle und dafür wollte ich schon immer mal „danke“ sagen, vor allem Fräulein Amro und Susanne Kaloff. Aber heute Morgen hat’s mich glatt vom Frühstückstischstuhl gehauen. Die drei Seiten über die „Crazy Schlankheitstricks der Stars“ ließen mich mein Müsli während des Durchlesens nämlich beinahe rückwärts essen. Das kann doch wirklich nicht dein Ernst sein.

Ich verstehe ja, dass keine Frauenzeitschrift mehr ohne Diät-Tipps auskommt, manchmal klatscht man auch noch Fitness oben drauf und wenn beides dann auch noch auf dem Cover prangt, wird vermutlich fünffach ge- und verkauft. Kein Thema, da stehen wir alle drüber. Aber was um alles in der Welt sollen wir mit diesen 13 kranken Tipps, nein Sekunde, „ausgefallen Methoden“ für einen dünneren Hintern inklusive Spinnenkörper, bloß anfangen? Das riecht tatsächlich schon beim Lesen nach Essstörung mit Reiswaffeln oben drauf.

Ihr schreibt dort: „Von wegen viel Work-Out und gesundes Essen: Rihanna, Miranda & Co greifen zu viel ausgefalleneren Methoden, um sich knackig zu halten. Wir haben ihre Geheimnisse gelüftet…“ 

Und weiter: „(…) und obwohl manche von denen wirklich total verrückt klingen, scheinen sie ja zu wirken – angesichts dieser Hammerbodys….“ Ja, hakt’s denn? Was ist hier denn schief gelaufen? Wo bleibt zumindest die minikleine Kritik, die auch dem geistig etwas einfacher strukturierten Grazia-Leser klar macht, dass man diese hirnverbrannte Geißelei auf keinen Fall gutheißen oder gar nachmachen sollte, wo ist der Funken Ironie, der harmlosen Alltags-Klatsch von mitunter gefährlichen Schlankheits-Tipps abgrenzen könnte? Nirgendwo. Autsch. Stattdessen gibt’s Bewunderung.

Viel besser wäre dieser Oberklopper mit einem etwas entschärfenden Beisatz zwar auch nicht gelungen, aber so grenzt dieser Beitrag ehrlich gesagt an eine mittelschwere Frechheit. Und zwar jeder Frau gegenüber, die es sich nicht zum Ziel gesetzt hat, den eigenen Körper an fremden Körpern zu messen und schon gar nicht an Körpern von Stars & Sternchen, die ihr Geld nunmal mit scheinbarer Makellosigkeit verdienen und sich den halben Tag lang um nichts anderes kümmern. Weil es eben (leider) zu deren Job dazu gehört, in eine optische Schublade zu passen.

Ich persönliche finde es jedenfalls ein bisschen traurig, dass Rihanna morgens bloß „das weiße vom Ei, Ananas und heißes Wasser mit Zitrone“ schlürft. Aber gut, das muss jeder selbst entscheiden. Wenig erstrebenswert erscheint mit hingegen Kelly Osbournes Credo: „Statt zu Kohlenhydraten zu greifen, beißt die Moderatorin in saure Gurken  – denn was ihr ohne Brot & Co. am meisten fehlt, ist der knackige Biss, „und den kann man sich auch bei Gurken holen“. Reese Witherspoon ersetzt Frühstück und Lunch durch Babybrei? Adriana Lima „ernährt sich vor Schauen neun Tage lang ausschließlich von Flüssigkeiten – und hört zwölf Stunden vorher sogar auf zu trinken?“ Freunde, jetzt mal Hand auf’s Herz. Das ist doch kacke. Das kann man doch nicht schreiben, einfach so, und ohne erhobenen Zeigefinger. Das klingt nach „13 Wegen in die Magersucht“.

Für derartige Schlagzeilen-Spielereien ist euere Verantwortung dann doch zu groß, meint ihr nicht? Denn nicht jeder eurer Leser ist wie ihr. Nicht jeder eurer Leser kann differenzieren, reflektieren, selbst entscheiden, nicht jeder Leser verfügt über eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und die dazugehörige Lässigkeit, diese drei Seiten lachend beiseite legen zu können. Nein, da draußen sitzen jede Menge Zweifler, die selten absurde Tipps wie diese tatsächlich ernst nehmen und nachahmen, und seien sie noch so niederträchtig – Immer in der Hoffnung, irgendwann vielleicht doch ein bisschen mehr wie Miranda Kerr auszuschauen.

Natürlich weiß ich, dass man es nie allen recht machen kann, dass man nicht auf jeden Deppen achten muss, der sich nicht im Griff hat, und nein, man kann auch nicht für jeden zweiten komischen Kautz die Verantwortung übernehmen, das stimmt und da bin ich ganz bei euch. Aber es gibt sie, diese Hunds-sensiblen Themen, von denen wir Schreiberlinge wissen und die wir mit besonderer Vorsicht behandeln sollten. Wenn man mich fragt, gehört der derzeit herrschende Schönheits – und Schlankheitswahn zweifelsohne dazu. Aber mich fragt niemand. Deshalb dieser Brief. 

In aufrichtiger Ver- und Bewunderung mit ein einer großen Portion Unverständnis oben drauf, 
Nike. 

32 Kommentare

  1. Katharina

    Ich unterschreibe diesen Brief, Bin selbst Frauenteutschriftsredakteurin und finde das unverantwortlich! Danke fürs starke Statement!

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  2. Teresa

    Hip hip hurra zu diesem Brief! Überall lauern diese Anleitungen zum Thema wie-entwickle-ich-erfolgreich-ein-komplett-seltsames-bis-gestörtes-Verhältnis-zu-mir-meinem-Körper-und-Essen. Das ist unnötig, irgendwie auch peinlich und vorallem gefährlich!

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  3. Alice

    Danke! Ich denke du sprichst uns allen aus der Seele!

    Leider findet man solche geistigen Aussetzer aber auch in der Glamour, Jolie, Instyle oder wie sie alle heißen. Deswegen lese ich einfach gar keine Zeitschriften mehr, denn sowas kann und will ich weder unterstützen noch lesen. Auch wenn ich mit 23 mittlerweile gut Gelesenes reflektieren kann und weiß, dass das alles Schwachsinn ist, so haben mich solche weltfremden Artikel in jüngeren Jahren oft extrem verunsichert und zu Schandtaten gegenüber meinem Körper getrieben. Aktuell sehe ich das gleiche Verhalten bei meiner 16-Jährigen Schwester: Egal ob GNTM oder die neuste Grazia, alle Diättips werden im Hirn abgespeichert und eventuell umgesetzt. Unglaublich, dass wir in Deutschland Richtlinien für den Gebrauch von Staubsaugern und co haben, aber keiner mal auf sowas (gefährliches) näher achtet.

    Liebste Grüße,
    Alice

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  4. Fitandsparklinglife

    Ganz ganz toller Beitrag!
    Wie kann man denn bitte solche bekloppten und vollkommen geisteskranken Tipps von sich geben??
    Statt Brot ne saure Gurke weil sie den knackigen BIss mag??? BITTE WAAAAAASSSSS???
    Ich bin echt schockiert und frage mich, was da eigentlich los ist!??

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  5. wdywtoday

    Ich habe den Artikel auch gelesen und bin fast vom Sofa gefallen.
    Spätestens bei „sie trinkt 12 Stunden vor der Show nichts mehr“, habe ich echt am Verstand der Autorin gezweifelt.

    Toller und richtiger offener Brief!

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  6. Sarah

    Oh Mann! Und ich dachte, die Zielgruppe der Grazia seien Ladies jenseits des Magersuchtsalters, bei denen so ein Artikel gar nicht zieht? Vielleicht hab ich mich getäuscht aber wer ernsthaft einem mittelmässig recherchierten Artikel glaubt, dass man die Hollywodd-Traumfigur mit rohem Ei und Gurken bekommt und nicht vielleicht eher mit Personal Trainer und der ein oder anderen Schönheits-OP, der ist ja auch ein wenig zu bemitleiden. Nichtdestotrotz natürlich sehr uncool von der Grazia, solche fragwürdigen Methoden auch noch zu propagieren aber im Kampf um Auflagen ist wohl alles erlaubt. Schade.
    LG, Sarah

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  7. dieRuth

    Super Brief…ich hab mir gerade erstmal ne leckere Portion Bratkartoffeln gemacht. So wird das zwar nichts mit der Bikinifigur, aber ich bin satt und glücklich !

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  8. Hanna

    Sprichst mir aus der Seele. Lese auch mehr oder weniger heimlich die Grazia und erfreue mich sonst an tollen Mädchenartikeln und einem schönen Mix fürs Frauenherz. Aber hier hört der Spaß auf. Und die Magersucht an. Super traurig und fast schon wiederlich.

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  9. Laura

    Daumen hoch und ganz viel Herz, für diese ehrlichen Worte und die Courage, diese öffentlich kund zu tun! Chapeau, liebe Nike!

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  10. eline

    Vielen, vielen Dank und fettes Merci obendrauf für diesen tollen, gut formulierten Beitrag. Ich bin exakt deiner Meinung und finde, dass dir trotz der Absurdität dieses Artikels eine gute Kritik gelungen ist, der zwar Entrüstung ausdrückt, aber eben mit der gehörigen Portion Respekt gegenüber Redakteurinnen und Zeitschrift selbst. Ich denke, die meisten können ab einem bestimmten Alter gewissentlich über solche Seiten hinwegblättern, ohne sie sich groß zu Herzen zu nehmen, aber selbst ich erwische mich dabei, wie ich mich das nächste Mal, wenn ich saure Gurken esse, an gewisse Aussagen solcher Magazine erinnere… und irgendwie bleibt es eben doch hängen! Deswegen JA, es ist der Job der Damen auszusehen, wie sie aussehen, was es aber langfristig mit ihnen anstellt, können wir alle nur ahnen…. In diesem Sinne: arme schöne Dinger, die ihr immer perfekt sein müsst, ich möchte wirklich nicht tauschen mit diesem Druck, immer die beste Version meiner Selbst sein zu müssen! Anschauen und bewundern tu ich trotzdem gerne 😉 aber halt lieber, wenn meine Hand dabei in einer Tüte Chips steckt oder mein Mund gerade von Käsebrot besetzt ist 😀

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  11. Verena

    Ja wohl! Bin selbst heimlicher Frauen-Klatschblatt-Leser und wunderte mich letzte Woche erst darüber, dass Heidi Klum mit 60 kg noch so schön kurvig war und jetzt mit 55 kg so mager und knochig! Mal war Christina Aguilera fett und wenn sie wieder abnimmt, ist sie hager und dürr.

    Es ist wie unter Frauen, man kann es Klatschblättern nicht recht machen. Entweder bist Du zu fett oder zu dürr, auf jeden Fall immer ein Grund zum Lästern über den Körper. Kein Wunder, dass wir alle längst total verstört sind. Soll ich meinen Körper jetzt akzeptieren und lieben oder soll ich doch „in 4 Wochen zum Bikini-Body“? I don’t know!

    Auf jeden Fall gefährlich für junge Mädchen.

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  12. anna

    nike, danke!

    das, was hier in letzter zeit in deutschen (und internationalen) frauenmagazinen an diät-wahn losgetreten bzw. unterstützt wird, ist wirklich überl. und in diesem fall hier oben auch wirklich gefährlich, finde ich! ich bin erschreckt darüber, dass diese ‚tipps‘ abgedruckt werden ohne mit irgendeiner gesundheitswarnung oder ergänzt durch stellungnahmen eines ernährungsexperten oder arztes versehen zu sein. das regt natürlich zum nachmachen und ausprobieren an. ganz ganz furchtbar.

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  13. Elise

    Man braucht ja nur schauen, was auf den Blogs und bei Instagram gepostet wird. Da wird einem ja schlecht, wenn man superdünne Mädchen sieht, die sich ausschliesslich von Haferflocken, Chiasamen etc, ernähren, Unter dem Deckmantel „healthy“. Healhy ist das alles schon lange nicht mehr, es geht nur darum dünner und dünner zu werden,. Wenn dann zu ujndefinierbaren, fettfreien, ungewürzten pampig aussehenden low carb (!!!) Gerichten gepostet wird, wie gut und lecker das schmeckt, dann frage ich mich, wo unsere Esskultur hingeht. Wird alles einem Schlankheitsideal unterworfen, das bei einem „normalen“ Lebensstil absolut nicht erreichbar ist ? Es ist einfach traurig, dass das von den Medien total unterstützt wird, dass Vielfalt und Genuss nicht mehr gefragt sind, dass man zwar dumm sein kann ohne Ende, aber dick sein ein absolutes no-go ist. Arme Gesellschaft!

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  14. Mila

    Völlig berechtigte erweiterte Kritik zum Artikelkommentar! Derzeit sind ja so einige gesunde Ernährungsweisen schwer en vogue, vor allem bei jungen Frauen (so beobachte ich das jedenfalls in meinem Bekanntenkreis) – das ist schon auffällig. Nichts gegen vegane Ernährung, aber ich glaube keine Sekunde, dass all diese Konvertiten plötzlich ihre innige Liebe zu ihrem Körper und den Tieren entdeckt haben. Selbst Peta wird auf ihrer Seite mit dem Slogan „Wie eine vegane Ernährung schlank macht“.

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  15. Anne

    Vielen vielen Dank für dieses Statement! Klasse geschrieben und exakt das ausgedrückt was ich denke! Dieser Magerwahn ist schrecklich und ich frage mich, ob es auch irgendwann mal eine Grenze gibt. Es ist ja schon ganz ungewohnt mal eine „normale“ Frau mit einem „normalen“ Körper auf Bildern zu sehen …ich finde, das sagt doch schon alles. Also Daumen nach unten für die Grazia, das geht gar nicht!

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  16. Manda

    So ein Zeug liest man doch auch nicht. Maximal im Zeitschriftenladen oder sonst wo durchblättern, kurz das Hirn vollgemüllt und dann delet gedrückt. Mit so einem Müll den die da aufschreiben, 80-99 % ist durch die frei erfunden, darf/braucht/und sollte man sich nicht ansatzweise auseinandersetzen.

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  17. Sabine

    Liebe Nike: ein fettes DANKE für diesen Brief. Ich bin schon müde von diesem ganzen Diätengetue.
    Nach jahrelangem Diäten-Sport-iss-weniger-du-musst-dünner-werden-Wahn bin ich es leid. und immer wieder, wenn ich denke, ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich meinen Körper akzeptiere, ich bin sportlich, ernähre mich wirklich vernünftig und hab das Glück, einen gesunden Körper zu haben, dann falle ich doch immer wieder zurück. Meine Stadt ist mit Giselle Bündchen in H&M zugekleistert. Überall, wo ich gerne einkaufe, Frauen mit spindeldürren Beinen und Armen auf den Plakaten. Mit gefällt das nicht mal- so mag ich gar nciht aussehen. und trotzdem denke ich, dass ich so aussehen sollte. und das nervt mich. können wir nicht einfach alle mal abmachen, dass wir alle genauso, wie wir aussehen, ziemlich gelungen sind? um nicht zu sagen genau richtig?

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  18. Esther

    Danke für diesen Artikel, Nike!
    Ich behaupte jetzt mal, dass fast jedes weibliche Wesen – Frauen und vor allem junge Mädchen – mindestens eine Sache an sich auszusetzen und zu verbessern hat. Solche Artikel machen das alles nur noch schlimmer und bestätigen den sich überkritisch betrachtenden Frauen, dass man zu jedem noch so dämlichen Mittel greifen muss, um diesem eng gesteckten Schönheitsideal zu entsprechen. Frauenmagazine dieser Welt vereinigt Euch und propagiert bitte einfach nur Gesundheit, Intelligenz und Selbstwertgefühl!

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