BEAUTY // Nacktangst
zu Besuch im Vabali Spa Berlin – ein Sommermärchen

03.08.2015 um 12.18 – Beauty box2 Janes Wir

vabali spa

Meine Augen wandern über fleischig sprießende Hügellandschaften. Ich kralle mich in Juliettes Unterarm und fiepse ihr zu: „Ich sehe nackte Menschen“. All die Evas und Adams um uns lassen es mir dämmern: Die Door Policy hier im Vabali Spa ist nicht nur eine freundliche Empfehlung des Hauses, sondern knallhart Gesetz. „Unbehagen bloß nicht anmerken lassen, das riechen die“, denke ich, also wähle ich eine möglichst souveräne Pose in meinem Mikrohandtuch mitten auf der Wiese. An diesem 38 Grad heißen Sonntag würden meine liebe Freundin Juliette und ich alle clever austricksen und nämlich hier sein, hier im neuen größten Spa Europas unweit des Berliner Hauptbahnhofes, statt wie alle anderen am Baggersee.

Diese Spa-Idee hatten offensichtlich trotz alledem viele Freunde der Freikörperkultur auch. Die Liegensuche gestaltete sich entsprechend schwierig. Einem Wasserloch ähnlich, hatten es sich rund um den Pool bereits braun gebrutzelte Gazellenkörper und Buddhafiguren mit Aperol Spritz Krügen zum „für immer verweilen“ hübsch eingerichtet. Die Liegewiese ebenfalls rappelvoll, glich in meiner verschobenen Nacktstarre, in der ich mich offensichtlich befand, einem Spießrutenlauf. Jeder guckt mir doch in diesem Moment alle Nippel ab. „Hört auf damit!“

Außer Textilien sind auch Handys hier tunlichst verboten – das begrüße ich das allererste Mal im Leben sehr. Nicht auszudenken, würde hier jemand plötzlich anfangen neben mir einen zu snapchatten, instagramen oder sonst irgendwie Social Media aktiv zu werden. Und überhaupt: Hallo, wir befinden uns hier in Berlin – dem Dorf Berlin. Nicht gerade abwegig, dass hier gleich mein Postbote, meine ehemalige Mathelehrerin, mein Chef oder mein Ex und seine Neue aufschlagen. Womöglich alle zusammen – „Heureka“ – und dann stünden wir da – man begrüßt sich verlegen und ist dabei wirklich, wirklich angestrengt sich in die Augen zu gucken.

Ich stelle außerdem fest, einige Naturisten lassen es sich auf ihre Nacktheit ganz schön gut gehen. Meiner Meinung nach ein bisschen zu gut vielleicht? Ich sehe wie Seesterne ausgebreitete Gliedmaßen in der Sonne liegen und haarige Geschichten auf Frotteehandtüchern glimmern. Sehe munter wippende Silikonberge und Menschen, die im Adamskostüm PingPong Bällen nachjagen. Mein Händehandtuch wird zum rettenden Tarnumhang. Nach einer Runde durch die Saunalandschaft führt kein Weg mehr dran vorbei: Juliette zerfließt nämlich neben mir schon zu einer traurigen Pfütze – also, Augen zu und durch. In Tippelschritten tasten wir uns an den Abkühlung-versprechenden Nackidei-Pool heran. Denn auch hier herrscht die strenge und simple Vorschrift: Wer Textil trägt, fliegt.

quadrat

Leute aber jetzt mal ehrlich: Obenrum, O KAY fein, da geh’ ich mit, da kommt Freude auf und hat was von Befreiung. Aber Untenrum auch splitterfasernackt? Achtung hier kommt meine innere Frau Dr. Verklemmt und die sagt: Nein, nein – nix für mich! Und auch bitte nicht für die Freischwinger um mich herum – muss das sein? Oder bin ich einfach nur wahnsinnig hinterm Mond? Ich meine, ich besuche das Berghain, in dem sich regelmäßig gegenseitig Leute vor aller Augen sehr viel Liebe schenken und dann ertrage ich aber keinen unschuldigen nackten Sonntag im Grünen? Dabei sagt man den Kindern der ehemaligen DDR doch helle Freude an Freikörperkultur nach. Was läuft da bei mir falsch? Diese Menschen hier scheinen alle doch ganz selig zu sein mit ihren mehr oder weniger baumelnden primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen.

Während Juliette quietschvergnügt wie eine kleine Nacktkatze bereits ihre zehnte Bahn durch den Nudelsuppen-Pool zieht, lehne ich noch angespannt armverschränkt und Wasser bis zum Kinn an der äußersten Ecke des Beckens im Schatten. Da verharre ich auch bockig beschämt bis mir die Bilder von dem Nackidei aus dem Kopf gehen, der sich gerade vor meinen Augen wirklich tief nach seinem heruntergefallenen Handtuch bücken musste.

Fazit: Dass mir die Augen für das ansonsten mit Sicherheit ganz hinreißende Vabali Spa anscheinend komplett verschlossen blieben, ärgert mich wie wild, zeigt aber auch: Ich kann mich weder meiner Schamgefühle noch Textilien komplett in der Öffentlichkeit entledigen – vielleicht aber doch das nächste Mal? Nacktheit braucht vielleicht einfach eine gewisse Stimmung und verdient zumindest immer eine zweite Chance.

Popobild by: Juliette Mainx & Fanny Böhme alias Eyecandy

9 Kommentare

  1. Katja

    Das vabali spa ist einfach mehr Sauna als spa (offiziell Sauna-Spa) und damit einfach textilfrei. Ich kann das Unbehagen spätestens bei der poolbenutzung verstehen, das ging mir ähnlich. Letztlich glaube ich, dass hier durch die Namensgebung schlicht falsche Erwartungen geweckt werden. Spa verkauft sich eben einfach besser als Sauna.

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  2. Christina

    Also ich, als nach Potsdam zugezogener Wessi, hab mich dank Nacktbade-Stellen u.a. am Heiligensee ziemlich schnell an die Nackedei-Kultur gewöhnt und hab auch kein Problem mit, selbst mal blank zu ziehen. Vielleicht musst du öfter mal an Brandenburger Seen fahren 😉
    Oh, und die Kristalltherme Ludwigsfelde wäre definitiv auch nix für dich, wenn du mit kompletter Nacktheit so deine Probleme hast.

    Viele Grüße

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  3. Luise

    Ich lese den Artikel mit vielen kleinen Fragezeichen im Kopf. Nacktangst, was ist das? Angst wovor? Ist das nackt sein eine Intimität die man sich für das Bett sparen soll? Allein oder sogar zu zweit? Oder auf die Küche und Wohnzimmer ausdehnen und dann nicht darüber hinaus?
    Ist Nacktangst die Angst begafft zu werden? An stellen die sich sonst an wenig Tageslicht erfreuen? Denn ich finde mit kurzem Kleidchen in der Stadt die Blicke unangenehmer als zwischen erfahrenen saunagängern.
    Ich habe keine Nacktangst. Juhu! Hoch lebe die Freikörperkultur

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  4. valeria

    Ich muss meiner Vorrednerin zustimmen. So ganz verstehe ich den Artikel auch nicht. Angst und Scham vor nackten Körpern als Frau? Der Artikel klingt ein bisschen nach einer pubertierenden 14 Jährigen, die ihren Körper inkl. Persönlichkeit wohl noch kennen lernen muss. Schade finde ich es auch Nacktheit in dieser Form zu thematisieren, denn ich meine, dass dieser Blog einen feministischen Anspruch hat. Da gehört die Darstellung des komplett nackten weiblichen (genauso wie des männlichen) als schamhaft, womit nunmal eine negative Konnotation einhergeht, nicht her. Nicht zuletzt rechtfertigt dies auch die Auffassung, dass zu viel nackte Haut etwas Besonderes oder zu sexy ist und somit einer Missbilligung unterliegen kann.

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    1. Carla

      Seh ich auch: der Text sprüht vor Verklemmtheit und mangelndem Selbstwertgefühl. Im Berghain mögen Drogen helfen sich wohlzufühlen, aber es ist doch schnurzegal, ob wer guckt, Hauptsache, man kann Sonne, Wasser, Wärme und Luft genießen. Wir sind alle nackt geboren, übertriebenes Schamgefühl ist einfach schade und eine charakterliche Fehlentwicklung.

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  5. Veronika

    Ich liebe deinen Wortwitz in diesem Artikel! Die „kleine Nacktkatze“, was für ein tolles Wort! Abgesehen davon verstehe ich deine Beklemmeung bezüglich des untenrum Nacktseins & der „Freischwinger“ sehr gut,und empfinde es nicht als merkwürdig/verklemmt/pubertierend. Da muss man gar nicht so viel reininterpretieren, du verurteilst ja niemanden, der den Wunsch nach völligem Nacktsein verspürt und auch auslebt…nur möchte das eben nicht jeder und das ist auch völlig ok so, deshalb kann man sich in seinem Körper trotzdem pudelwohl fühlen…

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    1. Sarah

      Danke Veronika, das habe ich auch gerade gedacht! :) Sehr charmant geschrieben und wirklich gewitzte Umschreibungen, bitte mehr davon!! :)

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  6. Tom

    Also, mir ist auch schon aufgefallen, dass gerade Ossi-Kinder ein Problem mit Nacktheit haben. Dabei waren doch früher alle nackt in der DDR. Warum das so ist, weiß ich nicht.
    Das Vabali ist jedenfalls eine tolle Anlage. Und in der Sauna ist man nun mal nackt, alles andere ist unhygienisch!

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