Film-Tipp // The Diary of a Teenage Girl
Weibliche Pubertät ganz ohne Klischees

06.08.2015 um 8.11 – box3 Feminismus Film

the diary of a teenage girl filmWir erinnern uns wahrscheinlich alle nur zu gut, dass es wirklich nicht leicht war, ein Teenager zu sein. Überschäumende Hormone, all die kleinen und großen Veränderungen, die da mit dem eigenen Körper passieren und irgendwie reicht auf einmal auch die kleinste Kleinigkeit aus, um die Emotionen mit einem Schlag hochkochen zu lassen. Vor allem als Mädchen wird es spätestens dann auch noch einmal richtig unangenehm, wenn auf einmal die halbe Welt glaubt, sich in deine Sexualität einmischen zu müssen. Denn während unsere Gesellschaft Jungs seit Jahrzehnten weiß machen will, dass es völlig in Ordnung ist, Sex zu haben, und ein echter Kerl seine Jungfräulichkeit gar nicht schnell genug verlieren kann, wird von Mädchen verlangt enthaltsam zu sein, sich aufzusparen und sich bloß nicht auf den erstbesten Kerl einzulassen. Kurz gesagt, sobald Frauen und Mädchen praktisch dazu in der Lage sind, Kinder in die Welt zu setzen, stehen sie unter permanenter Beobachtung ihrer Mitmenschen. Schließlich muss das hilflose Geschlecht ja beschützt werden.

Der britische Indie-Film The Diary of a Teenage Girlwill damit jetzt endlich aufräumen. Geschrieben und produziert von Frauen wird uns die Pubertät mit all ihren chaotischen Gefühlszuständen aus Sicht eines Mädchen gezeigt. Schade nur, dass gerade das in England jetzt eine Kontroverse ausgelöst hat.

Minnie Goetze, gespielt von Bel Powley, ist 15, lebt im San Francisco der 1970er Jahre und sie will Sex. Was jetzt aber vielleicht wie der Beginn einer weiteren, unnötigen Teenager-Story klingt, entpuppt sich schnell als ziemlich realistische Coming-of-Age-Geschichte, die weniger mit Klischees spielt, sondern vielmehr das authentische Bild eines pubertierenden Mädchens zeichnet. Und, zumindest ich, nehme das dem Film nur zu gerne ab. Hätte Minnie schon während meiner Pubertät die Leinwand geentert, sie wäre wahrscheinlich zu meiner absoluten Heldin avanciert. Sie ist keine Superheldin, keine Highschool-Queen. Sie ist auch nicht das Nerd-Mädchen, dass sich am Ende den Traumprinzen angelt. Minnie kommt einfach als Average-Girl daher uns wirkt bereits im Trailer dank ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit so herrlich erfrischend.

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Während die Kritiker den Streifen genau deshalb als wahre Perle loben und „The Diary of a Teenage Girl“ auch auf der Berlinale zu den absoluten Lieblingen zählte, scheinen einige Damen und Herren die Sache aber eher kritisch zu sehen. In England kassierte der Film nämlich kurzerhand eine FSK 18. Die Begründung der vornehmlich männlichen Jury: Der Plot animiere junge Frauen zu Freizügigkeit und Sex. Das sehe man als äußerst kritisch. Dabei gibt es bis auf eine Szene, in der Minnie nackt vor dem Spiegel steht, nicht einmal wirklich etwas zu sehen, dass für Teenager-Augen bedenklich wäre. Außerdem sind nackte Brüste selbst schon im Blockbuster Titanic über die Leinwand geflimmert. Wer jetzt denkt, dass das Problem die Tatsache sei, dass Minnie im Verlauf er Handlung eine Affäre mit dem erwachsenen Freund der Mutter anfängt, der sollte vielleicht mal einen Blick ins tägliche TV-Programm werfen, da werden solche Themen nämlich schon mittags gezeigt.

Der Knackpunkt scheint vielmehr ein ganz anderer, nämlich der, dass ein paar ziemlich rückschrittliche Herren, wohl so gar nichts übrig haben für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität. Denn mal ehrlich, wie kann es sonst sein, dass – glaubt man dieser lächerlichen Argumentation – Filme wie American Pie, in denen reihenweise junger Frauen in kurzen Röcken und mit nackten Brüsten plakativ zu Sexobjekten stilisiert werden, dagegen eine FSK 12 bekommen. Selbst bei „Fifty Shades of Grey“, in dem es zusätzlich auch noch um die sexuelle Dominierung von Frauen geht, durften Jugendliche völlig legal ins Kino. Ist es etwa weniger bedenklich jungen Mädchen so ein Ideal von Weiblichkeit zu vermitteln? Oder wissen männliche Regisseure und männliche Entscheidungsträger am Ende vielleicht doch einfach mehr über die weibliche Sexualität als weibliche Autorinnen und Produzentinnen? Die Antwort dürfte wohl auf der Hand liegen.

Dabei könnte es so einfach sein, wie I-D Regisseurin Marielle Heller so treffend zitiert:

Als Mädchen wurden wir lange Zeit so trainiert, uns mit einem männlichen Protagonisten zu identifizieren, ihre Geschichten mitzufühlen und uns in sie hinein zu versetzen. Es gibt keinen Grund, wieso wir uns nicht auf dieselbe Art und Weise mit Protagonistinnen identifizieren sollten. Sexualität ist etwas, was Mädchen und Jungs betrifft, also sollten beide Seiten dargestellt werden. Die Geschichten von Frauen sollten genauso erkundet und gefeiert werden.“

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Offensichtlich ist die weibliche Lust auf Sex leider immer noch ein ziemlich großes Tabu in unserer Gesellschaft. Vor allem in den Mainstream-Medien. Wehe der, die es wagt, aus der pink glitzernden Scheinwelt à la Sex and City auszubrechen, um einmal ohne Cosmopolitan und High Heels an den Füßen über ihre reellen Bedürfnisse zu sprechen. Wäre ja noch schöner, wenn Frauen wirklich etwas zu sagen hätten. Wohin denn dann mit all den starken Kerlen, die doch dazu da sind, uns zu erobern und zu beschützen. Hand aufs Herz, es gibt genug Männer, die diesem alten Verständnis von Männlichkeit längst keine Träne mehr nachweinen. Nur in Hollywood scheint die Welt nur dann wirklich in Ordnung und das Schicksal der Menschheit gerettet, wenn die Frau im Film das hübsch hergerichtete Beiwerk eines männlichen Helden bleibt.

Umso mehr sollten wir uns diesen Film unbedingt anschauen. Der deutsche Kinostart ist am 24. September.

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von Laura Sodano

Laura Sodano ist 28 Jahre alt und lebt im verschlafenen Bankenstädtchen Frankfurt. Gerade steckt sie mit ihrer Freundin Lola mitten in der Planung für ihr eigenes Onlinemagazin HABITS. Davor hat sie für Supreme Mag geschrieben. Um ihrem Kopfchaos rund um Kultur und Mode sonst noch Ausdruck zu verleihen schreibt sie seit 2007 ihr Blog Nanatique, arbeitet als freie Journalistin und werkelt außerdem noch an einer feministischen Doktorarbeit über den weiblichen Körper in der Popkultur.

5 Kommentare

  1. Ann-Katrin

    Liebe Laura,

    ich habe die Kontroverse um THE DIARY OF A TEENAGE GIRL die letzten Tage bereits mitverfolgt, und bin einmal auf die Homepage der BBFC gegangen um mir ihre Begründung für ihre FSK 18-Einstufung anzusehen. Dort heißt es:

    „Strong sex scenes include mechanical thrusting, breast and buttock nudity, and implied oral sex. One scene includes brief sight of a pencil drawing of a young woman with a penis in her mouth.
    Other issues include several moments of drug use, including cocaine use, the taking of LSD, and the smoking of marijuana. The film also contains strong verbal sex references and over forty uses of strong language (‚f**k‘). Some still pictures and short animated sequences include the sight of penises, both erect and flaccid.“
    (http://www.bbfc.co.uk/releases/diary-teenage-girl-2015)

    Das ist doch einige Gründe mehr, als nur eine Nacktszene vor dem Spiegel. Kann es sein, dass du eine bereits geschnittene Fassung des Films gesehen hast? Ich konnte ihn leider noch nicht sehen und will deshalb auch nicht beurteilen, ob die Einstufung gerechtfertigt ist. Grundsätzlich stimme ich dir auch in vielen Punkten deines Artikels zu . Ich dachte nur, man sollte die vollständige Begründung ergänzen, um sie etwas besser nachvollziehen zu können.

    Viele liebe Grüße
    Ann-Katrin

    Antworten
    1. Laura

      Liebe Ann-Katrin,

      danke für deinen Hinweis. Ich finde die Begründung der BBFC sehr spannend und sie erweckt tatsächlich einen sehr extremen Eindruck. Ich habe in den letzten Tagen sehr ausführlich recherchiert und auch gezielt nach Szenen und Material gesucht, die dieses Urteil belegen, bin jedoch absolut nicht fündig geworden. Mindetens das hat mich doch sehr stutzig gemacht, da sich derlei Szenen eigentlich immer sofort im Netz finden lassen und die Presse sich eigentlich draufstürzt. Dazu habe ich eine unzählige Menge an Film-Reviews von der Berlinale und dem Sundance-Festival sowie Zeitungsartikel zum Film und der Kontroverse gelesen, von denen keiner die explizit die extreme Darstellung von Sex auch nur erwähnt. Ich muss gestehen, komplett habe ich den Film noch nicht geschaut, damit mache ich mich sicher ein Stück weit angreifbar. Aber ich habe inzwischen so viele Szenen gesehen und auch Gespräche mit Freunden und Kollegen geführt, die auf der Berlinale die Gelegenheit hatten die Vorstellung zu besuchen, dass ich wirklich davon ausgehe, dass sich diese Begründung auf mit Sicherheit zwar auf einzelne Szenen bezieht, aber nicht den übergeordneten Anteil des Films ausmacht.

      Wenn man die Begründung außerdem noch einmal genau ließt, werden vor allem die Versprachlichung von Sex und die gezeichnete Szenen hervorgehoben. Diese mögen explizit sein, nehmen aber meiner Meinung nach noch einmal einen anderen Stellenwert ein, als die reelle Darstellung von Sex.

      Am Ende habe ich das gefühl, dass hier auch einfach das klassiche problem mit hereinspielt, dass manche Länder Filme einfach strenger bewerten, als andere. Gerade in Deutschland geht man an solche Thematiken, meiner Ansicht nach noch einmal offener heran. Hier werden auch kritische Aspekte, wie die Droegensucht in The Diary of a Teenage Girl eher noch einem jüngeren Publikum zugänglich gemacht.
      Ich hoffe damit kontne dich deine Frage etwas beantworten.

      Viele liebe Grüße,
      Laura

      Antworten
      1. Ann-Katrin

        Liebe Laura,

        vielen Dank für deine Antwort! Mit Sicherheit spielen hier kulturelle Unterscheide mit rein, das „F-Word“ dürfte in Deutschland wohl kaum als Argument für ein FSK 18 herhalten. Was mich aber auch schon lange stört, ist, dass in Film, Fernsehen und Werbung(!) weibliche Nacktheit überhaupt kein Problem zu sein scheint, aber wehe es ist ein (auch nur gezeichneter!) Penis zu sehen! Warum ist das so? Vielleicht wäre das ein Thema für einen neuen Artikel? 😉

        Viele liebe Grüße
        Ann-Katrin

        Antworten
  2. Laura

    Liebe Ann-Kathrin,

    ja, das ist mir allerdings auch schon aufgefallen. Der männliche „Front-Shot“ (egal ob gezeichnet oder real) scheint tatsächlich ein ziemlicher Garant dafür zu sein, dass ein Film in die FSK 18 Ecke verbannt wird. Eigentlich völlig hirnrissig, denn, was die Darstellung weiblicher Körper angeht, hast du völlig Recht. Das wäre eigentlich wirklich mal einen Artikel wert. Danke! :-)
    Liebe Grüße, Laura

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  3. Frau S aus B

    Ich hätte es begrüßt, wenn so ein Film einmal ausgekommen wäre ohne das Vorspiegeln, dass Teenager ständig rumpimpern, und dann auch noch mit alten Knackern. Ich war in den Siebzigern im entsprechenden Alter, und zwar in Berlin, das nun wohl nicht unter ‚verklemmt‘ läuft. Meine gesamte Schulklasse war am 15.07.1980, dem Tag, an dem die Mittelstufe endete und JEDER meiner Klassenkameraden, mich eingeschlossen und weiblich wie männlich, 16 oder älter war, noch das, was man allgemein mal ‚unschuldig‘ nannte. Und mit Herren über 20 hätten wir uns schon gar nicht eingelassen. So wie der Herr in dem Film sahen unsere Lehrer aus. Nein, bei aller Liebe…
    Ich finde es übrigens auch nicht nur klischeehaft, sich einzubilden, dass junge Mädchen ständig was von alternden Herren wollen (das hätten die wohl gerne), ich finde es auch darüber hinaus eklig und voyeurhaft, da wird sich manch alter Knacker freuen, und manch Jugendliche wird einige noch anstrengendere Wochen haben, wenn nämlich Muttis Freund ihr noch mehr nachstellt und ihr doch ’nur Gutes tun‘ will.
    Es gab mal eine Zeit, da kamen Filme und Serien ohne ständige Vögeleien aus. Mir haben die besser gefallen. Es gab da dann auch mehr Raum, um Geschichten zu erzählen, denn die Filmmeter wurden ja nicht mit Bettszenen vollgemüllt. Mir ist es übrigens auch schnurz, ob es weibliche oder männliche Weichteile sind. Ich interessiere mich für keins von beiden in Film und Fernsehen. Man muss mir keine Seife, kein Auto und keinen Krimi schmackhaft machen mit fremder Leute Hintern oder Busen oder Pimmeln.

    Ein Film über Pubertät in den Siebzigern hätte, um realistisch zu sein, anders aussehen müssen.

    Übrigens, werte Laura, ‚weismachen‘ schreibt man immer noch mit s. Es hat nichts mit der Farbe Weiß zu tun, sondern mit der Weisheit. Das sollte eine Journalistin aber wissen.

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