Brain Blah //
Hure & Hausfrau

22.09.2015 um 18.39 – Feminismus Gesellschaft

feminismus„Der Feminismus kotzt mich an“, faucht mir eine Braunhaarige im schwarzen Kostüm entgegen, während sie mit rot besohlten Stilettos nervös gegen den Barhocker klopft. „Guck dir nur mal an, was diese sogenannte Emanzipation aus mir gemacht hat – ich hab‘ Kohle, aber keinen Mann. Familie und Karriere, das ist der größte Scheiß, den ich je gehört habe.“ Ich bestelle uns einen zweiten Champagner auf Wodka und Eis, was soll der Geiz, hier kommen gerade schließlich die wichtigen Themen des Lebens auf die schwarz marmorierte Hoteltheke. Noch kann ich nicht ganz folgen, ein vierstündiges Meeting klebt mir an und in den Ohren fest, aber ich will es versuchen. Jetzt sitzen wir also wir da, Schulter an Schulter, Gläser klirren, Köpfe rauchen. Ein Streitgespräch. Und immer, wenn ich nicht mehr weiter weiß, beiße ich auf einem Eiswürfel herum und frage mich dabei, ob mein Sohn noch Zahnweh hat.

„Ganz ehrlich, ich habs ja versucht“, motzt die Frau neben mir, „aber wie soll man das denn schaffen – alles auf einmal sein, Hure und Hausfrau zugleich, Mutter, Kumpel, Geldeintreiberin.“ Gar nicht, sage ich. Zum allerersten Mal seit ich mir mit schwarzem Marker „Feministin“ auf den Oberschenkel kritzelte, so wie Tocotronic damals „wer’re gonna live forever“.

Es muss sich noch viel tun, Gender Pay Gap hier, Alltagssexismus, Androkratie und Schein-Gleichberechtigung da. Trotzdem, wir haben mehr Möglichkeiten denn je. Nun gibt es jene, die behaupten, wir seien noch längst nicht am Ziel. Das stimmt. Und trotzdem lauern schon die ersten Tücken – denn mit der Freiheit tauchen unerwartete Symptome auf. „Das Ding ist, wenn man alles darf, dann will man ja auch alles“, sagt die Schulter neben mir. „Ich weiß bloß überhaupt nicht, was ich wirklich will.“ Ich auch nicht, antworte ich. Ich mache einfach. Aber nichts hundertprozentig, schon gar nicht die Hausarbeit.

Die Spülmaschine zum Beispiel sehe ich eigentlich nur, wenn sie vor Sauberkeit schon wieder dampft, in meinem Kochtopf gart höchstens Miracoli und für echte Pasta bei Kerzenschein bin ich meist zu müde. An mindestens drei Tagen der Woche benehme ich mich in Wahrheit also wie der Vater aus Mary Poppins, dieser fiese Chauvinist, auf den Johanna von Koczians Text „das bisschen Haushalt“ wie die Faust aufs Auge passt. Dafür kann ich vierundsiebzig Witze auswendig aufsagen, plus Dialekte, und mag Star Wars. Homie – check. Wenn Hure sein heißt, regelmäßig nackend ins Bett zu fallen, dann kann ich das auch. Inklusive röchelnder Schnarchgeräusche.

Ob ich das denn alles echt gut finden würde, fragt die Schulter, die mich inzwischen mit zwei weit aufgerissenen Augen anstarrt; der Mann an ihrer Seite hätte sich aus ähnlichen Gründen nämlich gerade erst tobend verabschiedet, stoppelige Beine, immer das Handy am Ohr, pipapo. Und zwar mit den Worten „Dir ist deine Arbeit viel wichtiger als ich.“ Meine ehrliche Antwort: Ich finde das alles nicht immer außergewöhnlich gut, aber meistens sehr in Ordnung, zumindest für den Moment. Dass ich irgendwann einmal aber an einen Punkt gelangen könnte, an dem ich nur noch selbst gezüchtete Kirschen auf Sahnetorten für die Nachbarn drapieren und Serviettentechnik erlernen möchte, schließe ich keineswegs aus. Was unwahrscheinlich scheint, ist schließlich nicht unmöglich. „Oh Gott, diese Art von Frauen sind mein Alptraum“, raunt es mich von der Seite an. Ich hingegen halte es da eher wie Freeman: „Jeder Lebensstil muss akzeptiert werden, weil er ein Ausdruck dafür ist, dass Frauen frei entscheiden dürfen, was sie sein wollen, egal, ob sie Spitzenunterwäsche tragen wollen, wie die ‚Slutwalk-Bewegung‘ oder ob sie Prinzessin sein wollen.“ An Solidarität, vor allem Frauensolidarität, mangelt es unserer Spezies allerdings allzu gern, was im Angesicht des Konflikts, den wir gerade vor allem mit uns selbst ausfechten müssen, wenig förderlich ist.

Hausfrauen schimpfen über Rabenmütter, Karrierefrauen über Window-Color-Muttis und alle dazwischen suchen oft vergebens nach dem goldenen Mittelweg. Kind und Karriere, da ist man sich in der Sachbuchliteratur ohnehin einig, sind nämlich überhaupt nicht miteinander zu vereinbaren. Die drei prominentesten Beispiele: „Die Alles ist möglich Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind“ von Susanne Garsoffky und Britta Sembach, „Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können“ von Marc Brost und Heinrich Wefing und „Seid fruchtbar und beschwert Euch! Ein Plädoyer für Kinder – trotz allem“ von Malte Welding. Alles deutet also darauf hin, dass wir zu schnell sind für die Gesellschaft, die mit rundum neuen Familienmodellen längst nicht mehr nachkommt. Eine Lösung von Außen wird demnach noch einige Jahre auf sich warten lassen – wir müssen das Problem also von Innen anpacken und zwar schon am Ursprungs-Schopf, an dessen Anfang die Frage steht: Wollen wir überhaupt alles auf einmal sein oder laufen wir stattdessen Gefahr an ohnehin unerfüllbaren Ansprüchen zu ersticken?

Hier gelangen wir zurück zum Feminismus, oder besser: Der vierten Welle des Feminismus, die vor allem an Toleranzfähigkeit und die selbstbestimmte Entscheidungsfreiheit ihrer Protagonistinnen appelliert. Wir müssen nämlich überhaupt nicht alles sein, sondern nur das, was wir selbst wirklich sein wollen. Ob hinter dem Herd oder in der Chefetage ist ganz gleich, das eine ist nicht besser als das andere, wer ganz hart im Nehmen ist, kann auch beides sein, aber wieder: nicht alles. Das ist nicht schlimm, sondern menschlich.

„War der Mann an Ihrer Seite denn der Richtige?“, frage ich das starrende Schulterauge mit den Stilettos zum Abschluss. „Ach der, den wollte ich sowieso absägen.“ Na also. Ich tippe noch schnell eine SMS in die Heimat, verfluche den Babyzahn und sage für den nächsten Tag alles ab. Stattdessen: Spielplatzstunden zu Dritt. Weil ich weiß, dass man weder ewig lebt, noch alles immer schaffen kann.

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21 Kommentare

    1. Ulrike

      Ich liiiiiiiiiiiiiebe Deine Texte zum und rund um den Feminismus. Ich bezeichne mich selbst als Feministin seit ich denken kann und ich denke mit meinen 52 Jahren schon eine ganze Weile;-)
      Leider habe ich deutlich länger gebraucht als du, um zu erkennen, dass Feminismus u.a. Bedeutet das ich Alles sein KANN aber längst nicht alles muss. Entscheidungsfreiheit/Fähigkeit, Toleranz und Netzwerke, damit läuft es schon recht anständig wie ich finde.

      Beste Grüße

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  1. katrindoerksen

    Ach, deine Texte sind immer ein kleines Highlight des Tages, dankeschön! Das ist nun alles andere als ein Geheimtipp, aber zu dieser Sache mit den Frauen, die alles sein ‚müssen‘ – Hausfrau, ‚Hure‘, Karrierefrau, Mutter, Kumpel – hat Laurie Penny in „Unspeakable Things“ interessante Dinge geschrieben. Ihre Sprache mag sehr radikal sein und deswegen vielleicht für Viele auf den ersten Blick abschreckend. Aber die Verbindungen, die sie vor allem zwischen Sexismus und Kapitalismus zieht, sind sowas von augenöffnend. Für Frauen – gerade für nicht reiche, junge, weiße, klassisch schöne Frauen – ist dieses „du kannst alles haben“ halt oft eher eine Falle als eine Fülle an Möglichkeiten. Wer sich für das Thema interessiert, dem sei die Lektüre ans Herz gelegt!

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  2. Jasmin

    Habe zwar keine Kinder und wollte auch in naher Zukunft keine, aber deine Einstellung und der Text ist so gut und macht Mut, als Frau in vielen Bereichen sich zu besinnen und nicht durchzudrehen! Danke :)

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  3. Marion

    Großartig! Euer Blog und Eure Art Familie, Job, Öffentlichkeit und Privatsphäre zu leben ist ein fantastischer Beitrag zu diesem ganzen Dialog, ohne je präskriptiv zu wirken. Freue mich auf weitere Beiträge dieser Art.

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  4. Corinne

    Was für ein schöner Text! Deshalb war mir Ann-Marie Slaughter mit ihrem Plädoyer, dass man nicht alles haben kann (und eben auch nicht haben muss) auch symphatischer als Sheryl Sandberg.

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  5. Jen

    Ich finde bei der Frage „muss ich alles sein?“ sehr interessant, dass sie anscheinend nur Frauen gestellt wird. Ich sehe da schon ein echtes Problem, denn auch, wenn ich weiß, alles kann nichts muss, so ist es doch gesellschaftlicher Konsens dass ich so viel wie möglich müssen muss, auch, weil die Kerle dies so wenig tun. Verständlich?
    Ich stelle jedenfalls oft fest, wie Frauen für ihre Entscheidungen kritisiert werden – zuviel Karriere, zuviel nur Kind etc – und bei Männern ist es immer ach guck mal, wie hart er arbeitet oder toll, wie er in seiner Vaterrolle aufgeht.
    Man wird als Frau von außen von Beginn an negativ bewertet, Männer positiv. Ich sehe da den Ursprung dieses Drucks, den sich viele Frauen machen.

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  6. Laura

    Liebe Nike, wie immer ein ganz grandiosen Texte, für den es an dieser Stelle von mir ganz viel Liebe gibt!!! <3
    Ich denke, es ist grundsätzlich ein Problem unserer Generation, auch außerhalb feministischer Emanzipationsbestrebungen, dass wir theoretisch alles haben können und genau aus diesem Grund den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. "Höher, schneller, weiter" dieses Credo hat man von Kleinauf vermittelt und wir glauben irgendwie alle doch noch immer daran, dass wir tatsächlich auch alles schaffen müssen. Wenn wir wirklich ehrlich sind, wissen wir, dass Perfektion einfach nie klappen kann. Nur werden wir permanent von so vielen tollen wunderbaren Eindrücken aus anderen Leben bombardiert, dass wir an all das nur zu gerne glauben wollen. Dass die schöne Fassade hinter Instagram, Facebook, Frauenmagazinen und Co. oft eine ganz andere ist, das verdrängen wir und werden uns ihrer maximal bewusst, wenn es um die eigenen Fehler geht.
    Ich denke auch dass wir alle wirklich dringend lernen müssen, die Dinge und das Leben im Allgemeinen lockerer zu nehmen. Arbeit ist nicht alles, und egal, wie leidenschaftlich wir ihr nachgehen, wenn am Ende nicht einmal mehr die zeit für einen Kaffee alleine oder mit den liebsten Menschen bleibt, dann stimmt etwas ganz und gar nicht. Gleichzeitig ist wahrscheinlich auch noch keine Bilderbuch-Mom vom Himmel gefallen und ich persönlich finde es schlimm, dass an Frauen noch immer ein solcher Anspruch gestellt wird. Es braucht mehr solche Frauen, wie dich oder auch Teresa Bücker – um nur zwei Beispiele zu nennen – die klar dazu stehen, dass das Leben manchmal ein ziemlicher Balanceakt sein kann und längst noch keine Welt untergeht, nur weil das Kind mal nicht 24/7 dauerbetütelt wird. Deswegen ist die Liebe zu dem Knirps nämlich längst nicht kleiner, als bei scheinbar perfekten Helikoptermüttern.

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  7. Eva

    So true! Ich hab 3 Kids unter 5 und den Mann und liebe es. Bin selbstständig und habe gelernt, alles unwichtige weg zu lassen. Lebenszeit ist das größte Gut und es lebt sich mit viel Spaß immer besser. Hoooray!
    Und: nicht drum scheren, was andere tun oder denken. Wie Coco Chanel sagte:
    I don’t care what you think about me, I don’t think about you at all.
    Wer ne tolle Attitude hat, kann stolz darauf sein und ist immer ein Vorbild für wen auch immer. Heads up high!
    (ich muss mir das selbst täglich mehrmals sagen, damit ich ruhig und gelassen bleibe ;), wenn das Spielzeugauto aus Babyhand mit voller Wucht den Kopf der Mittleren trifft und der Große weinend nach seiner Uhr sucht (die in dem Brustbeutel des Mädchens versteckt ist) – alles natürlich in dem Moment, wenn ich mit allen auf Fahrrädern in die Kita los möchte. Die Windel des Jüngsten ist wieder voll und natürlich haben nicht alle eine Mütze auf und die Regensachen sind auch nur halb vollständig)
    Mit viel Mut zur Lücke bin ich mächtig stolz auf meine Truppe.

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  8. Franziska

    „…und sage für den nächsten Tag alles ab. Stattdessen: Spielplatzstunden zu Dritt. Weil ich weiß, dass man weder ewig lebt, noch alles immer schaffen kann.“
    Word!! <3
    Danke für diesen tollen Text!!!

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  9. cryoman

    Die meisten Frauen sind alles, aber nicht authentisch.
    Aus diesem Grund bin ich Single, weil die Auswahl echt besch***en ist. ^^

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    1. anna-lisa

      Oh man. Dann bleib mal Single, bis die perfekt-authentische Frau um die Ecke kommt. Eine bessere wartet ja immer an der nächsten Straßenecke, da muss man sich nicht wundern wenn Frauen das Gefühl haben, nie zu genügen. Die Auswahl ist nämlich alles andere als beschissen! Ihr Männer habt echt Glück, dass ihr euch per se selber meistens ziemlich geil findet.

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      1. jen

        Haha, so true! Ich habe derartig viele Single Freunde (m und w) und alle suchen dauernd nach was Besserem – vor allem die Kerle. Ich bin die einzig Verheiratete weit und breit und wir denken uns manchmal, was ein Glück, dass wir nicht so bescheuert sind. Höher weiter schneller und die Selbstoptimierung setzt nie aus…

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  10. Pingback: Wochenmitteklicks: Waldspaziergänge, Kürbisseason und Privatsphäre | Helle Flecken

  11. Paleica

    „Wir müssen nämlich überhaupt nicht alles sein, sondern nur das, was wir selbst wirklich sein wollen. “ au ja, wie wahr!! wenn das nur endlich mal ankäme… diese selbsternannten feministen, die nicht verstehen, dass feminismus wahlfreiheit und nicht erfolgszwang heißt…

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  12. Mina

    Sehr schöne Story! Und ich gebe Dir recht: Emanzipation bedeutet die Wahl zu haben. In einem meiner Posts komme ich zu dem selben Ergebnis. Es geht zwar um ein anderes Thema, nämlich um den Kampf zwischen berufstätigen Müttern und Müttern, die zu Hause bleiben: http://busymumstyles.net/2015/09/28/whos-the-better-mum-wer-ist-die-bessere-mutter/ Das Ergebnis ist aber wie gesagt das selbe! Wir dürfen uns ganz alleine entscheiden, wie wir unser Leben führen wollen. Die Konsequenz, die wir daraus zu tragen haben ist natürlich, dass wir allein dafür verantwortlich sind, was wir daraus machen. Manche kommen damit einfach nicht klar 😉

    LG Mina

    http://busymumstyles.net

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