Lese-Tipp // „Fashion Bloggers Put in 100-Hour Work Weeks“

29.09.2015 um 10.50 – box3 Business Wir

fashion blogger businessUm schonmal eins vorweg zu nehmen: Ich kann mir derzeit keinen schöneren Job vorstellen als genau den, den ich gerade ausübe, zwischen Bloggerdasein, Consultant und App-Co-Mami, trotzdem kommt es nicht selten vor, dass ich mich erklären muss, dass sogar Freunde den Überblick verlieren und Fremde Mails schreiben, die vollgestopft sind mit Fragen. Meist tritt im Angesicht der daraufhin von mir erklärten Arbeitsalltagsrealität beim Gegenüber ziemlich schnell so etwas wie Schockstarre ein, geprägt von Desillusionierung – aha, man muss sich also nicht bloß morgens die Nägel lackieren und nachmittags shoppen gehen? Keineswegs. Der Artikel „The Invisible Labor of Fashion Blogging“ hingegen kratzt schon ziemlich nah an der Wahrheit, wenngleich er sich vor allem auf weitaus größere Kollegen-Kaliber wie Chiara Ferragni bezieht. Was von Außen betrachtet den Anschein eines lustigen Online-Karussells mit allerlei Zuckerwatte dazwischen macht, ist am Ende nur ein stinknormaler Beruf, dem die Mehrheit im echten Leben womöglich nicht einmal mit einer Pinzette näher kommen mag, das ist jedenfalls meine Erfahrung. Ein typischer Satz von Interview-Partnern, die gerade erst erfahren haben, wie viel Zeit wirklich in so einem Projekt steckt: „Mit euch möchte ich nicht tauschen, da hab ich lieber Feierabend und Wochenende.“ Ich kann es ihnen nicht verübeln, obgleich ich selbst auch mit niemandem anderem tauschen mag und einen Teufel tun werde, mich zu beklagen. Dennoch wichtig für alle, die denken „Bloggen“ sei ein einziger Traum:

„Quite a bit of other “work” takes place behind the scenes, too, such as product launches, PR events, and conferences that require bloggers to sustain a frenetic schedule—sometimes with as many as 20-plus events in a week.“ Viel Freizeit bleibt da wirklich nicht. Was ok ist, wenn man das, was man macht, liebt.
Mehr als 20 Events stehen bei uns nicht an der Wochen-Ordnung, aber durchaus drei bis fünf. Ich verrate euch zudem kein Geheimnis, wenn ich kurz anmerke, dass selbst der kürzeste Beitrag irgendwie dem Hirn entspringen muss, oder eher gleich mehrere davon, über 300 Tage im Jahr, von denen viele in anderen Städten oder Ländern verbracht werden. Das heißt: Kontinuierliche Recherche, ob bewusst oder unbewusst. Die Hälfte der Zeit fließ allerdings in Redaktionspläne, besagte App und Beratungs-Aufträge, die über das, sagen wir mal „Jane Wayne Portfolio“ eintrudeln, man muss schließlich auch an die Zukunft denken und bleibt nicht auf ewig knackig und frisch. Dazwischen: Haufenweise Meetings. Kooperationen flattern nicht einfach so per Mail ein, sie müssen geplant und besprochen werden. Übrigens ein Drahtseilakt:

„(Bloggers)… have to appear authentic but also remain on brand, stay creative while tracking metrics, and satisfy both their readers and the retail brands that bankroll them. Many work up to 100 hours a week, and the flood of new bloggers means companies increasingly expect to not have to pay for partnerships. Meanwhile, the nature of the job requires obscuring the hard work and discipline that goes into crafting the perfect persona online.“

Heißt also: Egal, ob ich Liebeskummer habe, Grippe oder andere Wehwehchen, wegbleiben gilt nicht. Wie in einem ganz normalen Beruf eben, nur ein bisschen anders. Und die Arbeitstsunden? 100 ist oftmals eine realistische Zahl, meist sind es aber eher um die 60, Events ausgeschlossen, die packt man wie vieles andere, das erledigt werden muss (Buchhaltung!), abends und nachts noch oben drauf. “Your world revolves around promoting yourself and your blog while trying to run a business.”

Kommen wir zu den Geschenken, die hier besonders gern diskutiert werden. Fakt ist, dass die wenigsten Brands Budget haben. Nehmen wir als Beispiel Stine Goya. Die dänische Designerin kennen wir persönlich seit fast fünf Jahren, um die 30 Artikel haben wir bisher über sie geschrieben, weil wir das, was sie da kreiert wertschätzen und in die Welt hinaus posaunen wollen. Als Dankeschön fließt hier kein Geld, aber manchmal dürfen wir uns ein Kleid aussuchen. Wir freuen uns darüber genau so sehr wie ihr euch freuen würdet. Es trudeln nämlich entgegen aller Erwartungen nicht täglich zehn neue Päckchen ein.

„Holeva noted that people see bloggers getting free items and living a life that seems impossibly glamorous, when in reality, “it’s a lot of work and there’s a lot of competition.”

Und die Privatsphäre? Die leidet nicht immer, aber manchmal. “One of the biggest cons [of blogging] is that you always have to be on.” Da wird der Freund schonmal schnell als Fotograf zwischen Sonntagsfrühstück und Spaziergang missbraucht, weil man durch die am Wochenende entstehenden Fotos ein bisschen Druck aus dem Montag nehmen kann, obwohl man durchaus auch gewillt gewesen wäre, das Haus in Jogginghose zu verlassen. Dass man auf der Straße immer häufiger erkannt wird, ist Segen und Fluch zugleich, man freut sich nämlich über liebe Worte und High Fives, über echte Menschen hinter virtuellen Klicks, aber es kommt nicht selten vor, dass ich Kommentare unter Instagram-Bildern lösche, weil jemand „Ich habe gerade die ganze Zeit im Restaurant xy neben dir gesessen“ darunter schreibt. Ein komisches Gefühl, da muss man aufpassen, nicht paranoid zu werden. Aber: Selbst Schuld. Die Krux: Ein Blog ohne Gesicht dazu funktioniert nur in Ausnahmefällen. Und es gibt wirklich Schlimmeres. Trotzdem:

„Bloggers look like they have fulfilling careers, financial success, flexible schedules, and fun lives. But these creative mavens are ostensibly also regular women.“

Das ist womöglich der wichtigste aller Punkte. Und ich hoffe sehr, dass wir es mit Jane Wayne schaffen, das deutlich zu machen. Bloggen ist kein rosaroter Traum. Bloß mein ganz persönlicher Traumberuf.

Hier lang geht es zum kompletten Artikel.
Bild oben: Instagram theblondesalad

11 Kommentare

  1. Laura

    Danke für so viel Ehrlichkeit und klare Worte, die für mich persönlich gerade zum richtigen Zeitpunkt kommen, weil das liebe Umfeld wieder einmal nicht versteht, dass es durchaus ein Problem sein kann, wenn feste Zusagen zum Support kurzfristig abgesagt werden. Schließlich ist die ganze Onlineschreiberei doch bloß Spaß… da gibt es doch keine festen Timings oder dergleichen. Ganz viel Liebe und ein virtuelles High Five dafür, dass ihr auch immer wieder einen Blick hinter die Kulissen des Trubels gewährt! <3

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  2. Jen

    Danke für diesen Artikel und den Hinweis, guter Lesetipp!
    Ich schätze, es ist für viele eben oft schwer zu verdauen, etwas anstregend zu finden, wenn man Abends auf fancy Dinnerevents ist und Goodie-Bags bekommt und tolles Essen. Das empfinden viele nicht als Arbeit… ich stelle mir aber vor, dass es eben auch nicht nicht Arbeit ist… das muss man auch können, immer dieselben (PR-)Leute, Small-Talks führen um dann auch noch in immer neuen Worten Inhalt über irgendeinen Launch von irgendwelchen Produkten zu produzieren. Uff, sag ich da nur. Und das ist ja, wie oben erklärt, eh nur das I-Tüpfelchen. Schräge Welt aber allemal!

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  3. Kali P.

    Schon der Beginn zu bloggen ist kein Zuckerschlecken, denn das wird oft vergessen. Man muss schon überall präsent sein und mehr arbeiten als sonst, um überhaupt auf einen grünen Zweig zu kommen. Also, um überhaupt wahrgenommen zu werden! Vor Irgendwem! Leser und Follower sind zumeist schwer zu bezirzen. Es muss einen schon ständig die Muse küssen, um etwas hervor zu bringen, das interessant genug ist.
    Und leider gibt´s keine Leistungsbeschreibung für den Job…
    Liebst
    Kali von Miss Bellis Perennis

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  4. Franzi

    Danke für den tollen Text zum Lesetipp. Wir Blogger finden uns hier alle wieder. Aber ich glaube, langsam weiß es auch das Umfeld zu schätzen und sieht auch die Arbeit immer mehr- gerade weil auch so viele ehrliche Artikel veröffentlicht werden!

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  5. Lynn

    Das kann ich alles nachvollziehen, vorallem den Faktor des ständig präsent seins. Doch manchmal klingt es so, als gäbe es nur zwei Kategorien von Jobs, Blogger sein (ihr macht ja auch noch ganz andere Sachen nebenher, das weiß ich ja) und alle anderen Arten von Jobs. Aber so ist es doch nicht. Ich habe Freunde, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben und auch ihr Herzblut und jede freie Minute hineinstecken. Das sind nicht nur Künstler, Musiker, Restaurantbesitzer, sondern auch Anwälte mit eigener Kanzlei, IT-Berater usw.. Ich glaube, mit der Selbständigkeit an sich kommen all die genannten Punkte zusammen, nicht nur beim Bloggen. Da kann man auch nicht einfach Grippe haben und sich krank schreiben lassen. Und in Jogginghose kann man auch nicht auf Kunden treffen. Und der Berg an Arbeit lässt sich auch nur mit „Überstunden“ und Wochenendarbeiten bewältigen. Ich will damit nur sagen, ich habe Respekt vor jeder Art der Selbständigkeit. Das Bedarf einer ordentlichen Portion Mut und Leidenschaft!

    Und was ich noch hinzufügen möchte: Ich finde es richtig gut, dass ihr an den Wochenenden keine Beiträge postet. Vielleicht ist dieses „auf sich selbst achten“ das allerschwierigste an der Sache mit der Selbständigkeit!

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    1. Mila

      Absolut! Nicht umsonst heißt es: Wer selbstständig ist, arbeitet selbst und ständig :-) Das ist mitnichten ein „Bloggerschicksal“, sondern wird von Millionen von freiberuflich Tätigen geteilt – viele, viele Arbeitsstunden ohne festen Feierabend, oft auch nachts, am Wochenende und immer dann, wo sich eine Lücke auftut, nur wenig Urlaub, der dann auch noch unbezahlt ist :-), keine bezahlten Krankentage (schön vor allem, wenn man wie ich zwei kleine Kinder hat …) usw. Aber es ist mehr eben mehr als nur Arbeit – es ist eine Lebenseinstellung. Und man muss es mögen, sonst wird man unglücklich. Ich kann mir eine andere Form des Arbeitens nicht mehr vorstellen.

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  7. Maria

    Tausend Dank Nike, für diesen ehrlichen und spannenden Hintergrundbericht und den Link zu dem anderen Artikel!
    Ich bin auch Freelancerin und habe meine Festanstellungen in den letzten Jahren trotz des pünktlichen Feierabends stets als Gefängnis empfunden. Zudem kennen die meisten E-Commerce-Unternehmen keine Gnade, wenn es darum geht die Mitarbeiter bis zum es geht nicht mehr auszuquetschen. Da reichen auch acht Stunden täglich. Habe mich sehr, sehr oft gefühlt wie Momo unter den grauen Männern.
    Somit bin ich glückliche Freiberuflerin und finde Berichte wie diesen wirklich ganz wunderbar bereichernd und interessant! Vor allem in Anbetracht des trügerischen Bildes, dass andere Bloggerinnen, evtl. unabsichtlich, auf Instagram zeichnen…

    Liebste Grüße aus Hamburg, Ihr seid die Besten, Maria

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