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#breastpeace vs. #breastinpeace

28.01.2016 um 11.52 – Mode Wir

breast peaceIch war gerade in Begriff, genüsslich eine 20% Extra-Packung Pomm Bären zu verschlingen und nicht zu duschen, als mein Telefon unerwartet und vibrierend von jenem Sofatisch hopste, auf dem nicht nur meine Füße, sondern auch Josef Kirschners Lebensratgeber „Die Kunst ein Egoist zu sein“ herum lagen. Es geht darin unter anderem um das Erlernen und praktische Anwenden des Wortes „Nein“; das beigefügte Lesezeichen klebt seit Wochen auf Seite sieben fest. Jedenfalls hatten meine Freunde in einem Anfall von gut gemeinter Eskapaden-Gier offensichtlich längst andere Pläne für mich geschmiedet, daran wurde ich jetzt per SMS mit einem aussagekräftigen Zwei-Wort-Satz erinnert: HEUTE STEIL. Ich antwortete „JA“ und konnte Kirschner weinen hören.

Dabei blieb mir gar nichts anderes übrig. An Abenden wie diesen verschenkt man entweder kostbare Lebenszeit an Netflix, fordert das langsam ansetzende Fett auf der Kopfhaut mit einer weiteren Ladung Trocken-Shampoo heraus und erstickt an Erinnerungen daran, wie man einst tänzelnden Schrittes den Lebensdurst jagte – oder aber man holt tief Luft und schlägt der von Faulheit umgarnten Wehmut ein Schnäppchen, indem man sich selbst in einen heißen Fummel und sämtliche Hemmungen in irgendeine Fuck-Off-Ecke schmeißt. In jener eiskalten Nacht entschied ich mich für letzteres. Und für ein Outfit, das unbeabsichtigter Weise einer Art natürlichem Verhütungsmittel glich.

Ich zwängte mich also in ein hautenges und – farbenes T-Shirt aus Seide, stopfte das Ganze in eine Hochwasserhose, die bis über den Bauchnabel reichte und kombinierte nichts als ein schwarzes Bandeau dazu, das mit einer gigantischen Brust-Schleife ausgestattet war. In der Annahme, ziemlich schlicht und unauffällig gekleidet zu sein, beschloss ich außerdem schon vor dem ersten Schluck Weinschorle in spätestens eineinhalb Stunden grölend auf dem erstbesten Tisch zu wanken. Dazu kam es nicht. Als ich nämlich gerade dabei war, „Forever young“ gen Himmel zu grölen und wild mit meinen Armen ruderte, stierten mich plötzlich zwei Maki Kobold-weit aufgerissene Augen an. Vor lauter Schreck verlor ich den Eiswürfel, den ich mir gerade zur Abkühlung in den Rachen schieben wollte und als mein Blick zum Suchen zu Boden sank, sah ich nicht nur keinen Würfel, sondern auch kein Bandeau mehr. Das heißt, jedenfalls nicht dort, wo es eigentlich sitzen sollte, stattdessen trug ich jetzt einen Gürtel aus Jersey Stoff um den Bauch, während meine BH-losen Brüste lustig auf und ab wippten. Dabei hatte ohnehin schon niemand so recht kapieren wollen, was ich da trug. Scalamari Jane begrüßte mich mit einem „Hi, Nii-woooooahh, achso, doch nicht – ich dachte, du hättets nur dieses Dingsi um die Brust.“ Kurz darauf tätschelte ein Freund aus alten Zeiten meinen Bauch, zupfte am T-Shirt-Stoff und faselte irgendwas von wegen „Oah, puh, das ist ja gar keine Haut! Aus der Ferne war ich kurz von diesen filigranen Falten fasziniert gewesen“. Ich bin ja nicht behämmert und gehe halb nackt vor die Tür, murmelte ich noch stillschweigend in mich hinein, bis mir schließlich dämmerte, dass mindestens die Hälfte aller Anwesenden genau das weder ahnen noch sehen konnte. Auf einer Skala von eins bis heißer Feger bewegte ich mich offensichtlich seit meiner Ankunft im unteren Drittel, dabei war ich kurz zuvor noch ganz beflügelt gewesen von der Idee dieser subtilen Schärfe. 

Für den Rest des Abends schob ich völlig zu Recht Dries van Noten die Schuld in die Schuhe, er war es nämlich, der mit seiner Spring/Summer Kollektion 2016 erst neulich für mehr Brust-Stolz plädierte, für die Verlagerung des Dekolletees und das Umkehren sämtlicher Kleider-Regeln. Das, was jahrelang drunter gehörte, trägt man ab sofort eben drüber. Leider schien das außer meiner Selbst niemand so zu sehen. Aus gelebtem #breastpeace wurde im Eiltempo #breastinpeace, besagte Hashtags konnte ich schon kurz nach der Instagram-Veröffentlichung unter dem dazugehörigen Foto nachlesen. Dass die hier gemeinten und einst prall gefüllten Mops-Äpfchelchen seit der Geburt meines Sohnes gefühlte 35 Zentimeter tiefer liegen, ließ sich nun endgültig nicht mehr leugnen. Genau so wenig wie die Tatsache, dass meine erste Amtshandlung als Single unbefleckter nicht hätte ausfallen können. Dafür wurde ich immerhin der insgeheim beschlossenen Ausgeh-Mission, die da lautete „Sisters before Misters“, gerecht; die Männerwelt schien nämlich höchst verunsichert, statt schwer angetan zu sein.

Meiner Euphorie konnte diese Erkenntnis zum Glück nichts anhaben, denn wenn ich mir eine (modische) Sache im Laufe meines gerade noch 27-jährigen Frauseins hinter die Ohren geschrieben habe, dann diese hier: “Girls do not dress for boys. They dress for themselves and, of course, each other. If girls dressed for boys they’d just walk around naked at all times.” Und nackt war ich ja nunmal entgegen etlicher Beschuldigungen wirklich nicht.

12592245_10208136547914020_3119700448249730139_nShirt & Bandeau: H&M Trend.

15 Kommentare

  1. Laura

    Nike, ich liiiieeeebe diesen Look! Genau davon brauchen wir im Modefaulen Deutschland mehr. Meiner Meinung nach ist der Look nämlich tatsächlich eher schlicht – mit dem gewissen Detail! Hab mcih schon letzte Woche auf Instagram in den Look verschossen und werde nach langem Liebäugeln wohl auch mal schnell zu H&M hopsen müssen. Liebe Grüße <3

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  2. Carls daughter

    Hey,
    Ich hätte gern nen Tipp? Wie liebe Sarah gehst du mit Baby feiern?
    Das will ich auch !
    Gruß
    daughter

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    1. Kat

      Haha, witziger Text.
      Feiern mit Baby vermutlich so: Der Papi zuhause,Abpumpen, auf die Weinschorle verzichten, koffeinhaltige Getränke. Why not?!

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  3. Jess

    Achja, die post-pregnancy-boobies.. Ich fühle mich mittlerweile auch wohl damit, dass meine es sich nun eine Etage tiefer gemütlich machen. PS: Toller Text und ein Wahnsinns-Outfit!

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  4. Elisabeth

    Amtshandlung als Single whaaaaaattttttt? Bin heut zu doof für sowas! Finde das hautfarbene Teil toll!

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  5. Isabel

    Erste Amtshandlung als Single?? Klär uns auf? Jedenfalls siehst du wie immer super aus finde ich. Auch mit (oder teilweise ohne) Schleife.

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