Brain Blah // Mehr Kapieren, weniger Komplexe – wie eine App alle irre macht.

22.06.2016 um 16.58 – Gesellschaft

facetune app thisisjanewayne

Ich saß gerade auf einem pinken Sessel, beschäftigt damit, mein Unvermögen bezüglich jedweder Multitasking-Fähigkeit zu überspielen, als die Fotografin, die mich kurz zuvor geknipst hatte, irgendetwas von wegen „schon ok, mach du erstmal, Facetune und so“ in meine Richtung murmelte. Facewas? Da hatte ich mein eigentliches Vorhaben, nämlich ein paar behämmerte Emojis auf mein Instagram-Bild zu knallen, auch schon wieder vergessen. Stattdessen schaute ich wie ein angeschossenes Reh und ziemlich blöde aus der Wäsche.

Klar, schonmal davon gehört, bei Wein und Brot ausprobiert und dann wieder beiseite geschoben, eine Foto-App, benutzen wohl viele. Aber brauche ich das auch? „Gibts ja wohl nicht, du bist der gottverdammt einzige Medienmensch auf diesem Planeten, der diese gnadenlos wirklichkeitsverzerrende App nicht in seiner Cloud hängen hat, geil ist das!“- man konnte es nicht fassen, niemand im Raum. Und da waren viele.

Eine Woche später, eine Bekannte mit ähnlichem Beruf wollte mich gerade durch einen Schnappschuss auf dem Bürgersteig aus der digitalen Foto-Ebbe meines Accounts retten, als sie unbeeindruckt bemerkte, mein Bein habe sich im Moment des Auslösens augenscheinlich auf den Asphalt gepresst wie ein Butterkuchen in seine Backform. Wäre ja aber gar nicht schlimm. Dachte ich auch, sowas machen Beine ja nunmal – „Häh, nee man, Facetune Bimbam, weg ist der Wadenbrei!“. Achso, klar. Ein bisschen Wischen hier, ein bisschen Tippen da, fertig ist die wahr gewordene Wunschvorstellung unseres eigenen, äußeren Seins, und zwar ganz ohne Photoshop-Barriere. Retusche für alle. Hollywood für jedermann, mehrheitlich aber wohl für jederfrau – reine Spekulation. Facetune ist der Booty Call der plastischen Chirurgie, schnell und effektiv, Make Up Artist to go, Zahnweiß-Fee und Personal Trainer in einem. Für lächerlich wenige Piepen bekommt man als User also das Rundum-Sorglos-Paket  – als unaufgeklärter Betrachtender hingegen bittersüße Komplexe. Steht ja nicht dran: „pimped by facetune“. Sollte es aber vielleicht.

Mag sein, dass ich hier einsam und allein wie der Ochs vorm Berg stehe, während ihr längst  augenrollend und wohlwissend an meinem Verblüffen verzweifelt. Ganz so behämmert, verblendet und grün hinter den Ohren bin ich aber natürlich nicht, auf meinem Handy stapeln sich ebenfalls dreiundsechzig und ein paar zerquetschte Filter, die mein Antlitz mal sonnengebräunter und mal vornehm und blass wirken lassen, je nachdem. Ich würde sogar fast behaupten, Vsco Cam ist mein bester Fotofreund, er macht, dass mein Laminatboden nicht nach ästhetischem Totalausfall aussieht und meine Haut weniger scheiße, wenn der Eisprung ruft. Aber als ich da so saß, meine kernigen Waden aufmunternd streichelnd, aber zeitgleich die nahezu anorektisch wirkende „verbesserte“ Version selbiger auf dem Bildschirm meiner Bekannten beäugend, nach weniger als zwanzig Sekunden wohlgemerkt, da dämmerte mir, dass das hier mittlerweile die Regel sein könnte – und längst nicht mehr die Ausnahme. Dass es immer krasser wird und schneller und leichter. Dass all die Frisuren und Hinterköpfe in diesem Instagram gar nicht konstant perfekt liegen, sondern perfekt aufgeblasen werden. Dass Möpse im echten Leben viel kleiner oder größer oder ungleicher sind, dass Oberarme sich wurstig-wohlig an Oberkörper schmiegen, Zähne im selben Farbton wie die Sonne erstrahlen und Beine Beulen haben. Dass die Leute verlernt haben, sie selbst zu bleiben und vor allem: Sie selbst bleiben zu wollen. Stattdessen: Noch mehr Optimierungswahn. Jetzt sogar auch auf dem Mobiltelefon, in einem Ausmaß, das selbst mich erschreckt.

Das virtuelle Herumschieben am eigenen Körper kann sich übrigens leicht zur Sucht mausern: Denn wer einmal Schmetterling war, dem schmeckt das Dasein als Raupe nicht mehr. In einem Forum las ich gerade: „(…)um endlich so zu sein wie auf den Bildern würde ich mir dann manchmal gerne alles, was ich in der Innenseite von meinem Oberschenkel zu packen kriege, abschneiden. Wegwischen wie in der App geht ja nicht.“

Macht mit diesem Gedankengang, was ihr wollt, aber schreibt ihn euch trotzdem hinter die Ohren. Altes Lied, neuer Beat: Bilder lügen.

(Passend dazu auch: Perfect 365.)

17 Kommentare

  1. jen

    Tja, aber was bleibt davon übrig? Eine Menge Leute unter 50, die sich konstant selbst optimieren. Denn das vermitteln einem derlei Bilder nunmal: Alles geht, du musst es nur wollen. Also verkneif dir das Croissant, mach viel Sport für die Arme/Beine/Bauch (fill in the blank)… arbeite verdammt nochmal an dir, innen und außen!
    Ist ja nichts neues und hast du im „Schwäche zeigen“- Artikel von innen beleuchtet.
    Ich mach da nicht mit, will ich schreien. Und doch ertappe ich mich – ganz ohne App und Social Media Kanäle – auch eine bessere Version meiner selbst sein zu wollen. Schöne neue Menschenwelt.

    Antworten
    1. Annalina

      Das traurige daran ist, dass man Menschen, die man nur über soziale Netzwerke (Instagram, Snapchat, etc) kennt, auch immer weniger abkauft. Sollte wirklich mal jemand richtig hart trainieren, eine wundervolle Altbauwohnung haben und jeden Morgen die leckersten Smoothie Bowls verspeisen, nimmt man das auch leider diesen Leuten nicht mehr ab. Es wird dann leider immer mehr so kommen, dass die (gesamte) Internetwelt als eine reine Scheinwelt wahrgenommen wird und die wirklich kreativen und coolen Köpfe stempelt man dann auch nur noch unter „gefacetunt“ ab. Man kann es ja nicht mehr differenzieren.

      Antworten
  2. Andrea

    Toller Artikel! <3

    Wirklich erschrecken was man teilweise für krass manipulierte Menschen auf Instagram sieht. Aber genauso ist es ja in Zeitschriften. Deswegen folge ich nur noch wenigen Accounts..diese glatten,hellen,alles ist ja sooo toll Profile sind mir viel zu langweilig.

    Antworten
  3. Anne

    Heftig, ich wusste gar nicht, dass es mittlerweile sogar solche Apps gibt. Erschreckend. Und irgendwie auch, weil es dem Selbstbewusstsein doch gar nicht hilft. Außer man möchte vielleicht nur digital existieren.

    Antworten
  4. Vreni

    Haha, großartig!
    Ich habe mir die App in einem Anflug von Blödheit auch mal geladen und schnell wieder gelöscht, war mir einfach zu dumm. Alle Blogger lieben das gefühlt aber und alle Blogger lieben auch Instagram (bis auf die Hatewelle, die letztens durchfegte). Mir ist alles außer VSCO oder Afterlight zu blöd und Instagram ist nicht mein Lieblingskanal. „Darf ich trotzdem Blogger sein?“, will ich manchmal sehr laut rufen.

    Antworten
  5. Anne

    Alter Verwalter ich bin der 2. Ochse im Wald und kriege hier einfach nichts mit. Und ich hatte mich schon wieder gefragt wieso plötzlich alle so dürre drein schauen, klarer fall von facetune overdose würde ich sagen! Danke :-)

    Antworten
  6. Leonie

    Von allen Seiten höre ich seit Monaten Facetune – am Anfang wars den Leuten noch peinlich, jetzt schmucken sie sich damit. Ich hab absolut kein Bock auf die App – möchte schließlich, dass ich auf der Straße erkannt werde und sich Person XY nicht denkt… oh man, ihre Beine sind doch viel länger, dünner und uargh, dieser Bauch? Näh. das hat sie aber toll wegretuschiert.

    Wieso kann ich nicht einfach so sein wie ich bin, dieses konstante Perfektionieren geht mir so auf den Geist. Dont’t be the best photoshop Version of yourself – wir sollten uns alle mal ein wenig an die Nase fassen und wieder auf die wirklich wichtigen Werte konzentrieren und nicht den Umfang unserer Wade.

    Liebe Grüße,
    Leonie

    http://www.allispretty.net

    Antworten
  7. AL MA

    Gar nicht mitbekommen, dass es so eine furchtbare App gibt.
    Und, liebe Nike: deine ‚echten‘ Beine sind ja nicht nur eh viel schöner, sondern auch sehr sympathisch

    Antworten
  8. amelie

    Lächerlich: Wenn dünne Frauen sich noch dünner machen. Wo leben wir denn? Ist ein krankes Ideal, dass da von Bloggern & Insta-Ikonen vermittelt wird. Was sollen erst „Normalgewichtige“ machen? Ich weiß es: happy sein. #dontgiveaf*ck #saynotobodyshaming #instairrsinn

    Antworten
  9. Elisa Zunder

    Wow, obwohl ich auch inmitten dieser Blubberblase stecke und arbeite, bin ich bisher vor „Facetune oder Verdünnungsvorschlägen“ verschont geblieben. Ich greife auch auf VSCO zurück und nutze Filter, was aber im Bezug auf diese Tuning-Apps wohl auch noch völlig legitim ist.
    Ich finde es top, dass du hier über dieses Thema schreibst und mit deinen Zeilen wachrüttelst; denn diese Entwicklung ist wirklich krank und wir sollten wieder mehr wir selbst sein dürfen und vor allem wollen. Mehr Akzeptanz und mehr Zufriedenheit wünsch ich uns allen.

    Antworten
  10. Pingback: Cherry Picks #23 - amazed

  11. Pingback: Quick Week 27 - ninosy.com

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *