Fashion Week Berlin // Vor der Show mit…
Leyla Piedayesh von lala Berlin

27.06.2016 um 10.29 – Berlin box1 Menschen Mode

lala berlin

16 Jahre ist es her, da entstand aus einer Laune heraus Berlins wohl bekanntestes Modelabel: lala Berlin. Leyla Piedayesh war gerade mit ihrem Studium fertig und wollte mehr, bloß in welche Richtung es gehen sollte, das wusste die Designerin mit den persischen Wurzeln am Anfang eigentlich noch gar nicht. Also strickte sie – und fand auf einem Berliner Flohmarkt den Schlüssel zu ihrem kleinen DiY-Projekt: Mit selbstgestrickten Pulswärmern legte sie los, mir Dreieckstüchern und Kufiya-inspirierten Prints machte sie weiter. Heute arbeiten 50 (!) Mitarbeiter*innen für ihre Designs, für die beste Vermarktung und den Schlüssel zum Ziel, den Vertrieb. Mit Köpfchen, Anspruch, Ehrgeiz und der perfekten Symbiose aus traditionellem Handwerk, großartigem Styling und schönsten Präsentationen hat sie das geschafft, wovon die meisten ihrer Kollegen nur träumen können. Nach Berlin steht Kopenhagen an – und ganz frisch jetzt auch Paris.

Bevor die große Fashion Week Tour diese Woche also startet, haben wir uns mit der ziemlich großartigen Leyla noch flott in ihren frisch bezogenen Büroräumen im Wedding zum kleinen Plausch getroffen. Wer allerdings denkt, so kurz vor der Modewoche würde es bei lala Berlin drunter und drüber gehen, der täuscht: Hier herrscht wunderbare Gelassenheit, Teampower sei dank. Wir hatten also ziemlich viel Zeit, um über Leylas Anfänge zu sprechen, über ihre Definition von Erfolg, über Selbstvertrauen und ihre Pläne für ihr persönliches Lebenswerk.

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Wir schreiben das Jahr 2016, du sitzt in einem wahnsinnig großen Büro, hast so viele Mitarbeiter, die mit dir an einem Strang ziehen und bist ganz nebenbei bemerkt ziemlich erfolgreich: In welches Jahr reisen wir, um uns deine Anfänge anzusehen?

2004 habe ich angefangen, Pulswärmer zu stricken. Ich war gerade fertig mit meinem BWL-Studium und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, in diesem Bereich zu bleiben. Also bin ich nach München gegangen und wollte Journalistin werden – und landete beim Fernsehen. Aber auch das langweilte mich irgendwann. Ich hatte so viele Menschen kennengelernt, bei denen ich immer dachte „Oh, toll, was für ein Leben“, um im interview festzustellen, dass das auch nicht mein Ding war, dass auch sie ein Leben lebten, dass ich nicht wollte. Und da saß ich also, und wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte. Und so fing ich an zu stricken. Ohne Druck, ohne Erwartungen von Außen, aber mit dem BWL Wissen und der journalistischen Erfahrung im Kopf. Und so war der Anfang für mich auch tatsächlich recht einfach, um auf Messen zu kommen, mein Produkt auf den Markt zu bringen und für Bekanntheit zu sorgen. Und als die Fashion Week nach Berlin kam, habe ich meiner erste Kollektion aus dem Bode gestampft.

Warum Pulswärmer?

Ich schlenderte tatsächlich über den Mauerpark und auf einmal sah ich ein paar Pulswärmer, ganz einfache. Und ich fand die Idee, in diesem furchtbaren Berliner Winter Pulswärmer zu tragen, großartig. Also bin ich losgezogen, habe mir erklären lassen, wie man die macht und habe losgelegt. Und dann ging’s weiter: Weiterentwickeln, researchen und neue Dinge angehen. Und ich bin in diesem zweiten Studium noch immer mitten drin: Sei es Unternehmensführung, die erlernt werden muss oder neue Märkte, die wir kennen lernen müssen.

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Wenn man an lala Berlin denkt, dann schießt einem sofort der typische Pali-Print in den Kopf – ein viel diskutiertes Muster mit politischer Vergangenheit. Wie kam es eigentlich ausgerechnet zu diesem Print?

Nachdem es im Winter die gestrickten Kreationen gab, suchte ich für den Sommer einen Print und landete bei einem Totenkopf mit LL, eine Persiflage auf das Louis Vuitton Muster. Das reichte mir allerdings nicht. Ich suchte also weiter und fand ein Bild von Johnny Depp, der eine Kufiya trug, das trugen damals dann auch irgendwie alle, und ich dachte, dass es das doch auch aus hochwertigem Material geben müsste. Also kreierte ich eins aus Cashmere, weil’s schöner war und hochwertiger aussah. So habe ich also mit dem Print angefangen, ohne Hintergedanken, ohne politische Aussage, weil ich damit ganz einfach auch aufgewachsen bin. In den ländlichen Gegenden im Iran tragen alle dieses Tuch, um sich vor der Sonne zu schützen, statt eine Botschaft zu unterstreichen. So einfach.

Wer ist Leyla Piedayesh eigentlich überhaupt?

Ich glaube, ich bin eine gute Mischung aus allem. In vielen Sachen bin ich total spießig, wieder mal bin ich komplett locker. Ich habe aber natürlich auch ein völlig verqueres Bild von mir, wenn du jemand anderes treffen würdest, hieß es wahrscheinlich: „Die ist streng und unfreundlich“. Außerdem bin ich unheimlich laut und für viele sicher eine Furie. Ich bin so „wumm“, bin da und sag‘ meine Meinung. Das machen ja auch nur ganz wenige. Dann würde ich sagen, dass ich sehr ehrlich bin, manchmal vielleicht zu ehrlich. Das liegt in der Natur meines Sternzeichens, ich bin nämlich Schütze. Ehrlich, immer geradeaus, dadurch aber auch aneckend, weil ich nicht so gefällig bin. Ich bin ein ziemlich emotionaler Kopfmensch. Die Meinung anderer ist mir tatsächlich meist egal. Ich bin super verlässlich und das ist eine Sache, die mir auch bei anderen sehr wichtig ist.

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Hast du die eine Erfolgsformel, die du rückblickend betrachtet gern weitergeben möchtest?

Nein, auf keinen Fall. Die Frage ist ja auch, wie du Erfolg definierst. Ist es ein persönlicher Erfolg oder ein nach Außen betrachteter Erfolg, den eben andere als erfolgreich empfinden, der dich am Ende des Tages aber vielleicht gar nicht glücklich macht. Wirtschaftlich gesehen bin ich erfolgreich, aber persönlich bin ich natürlich auch immer im Zweifel. Es gab Momente, gerade am Anfang, da war ich davon überzeugt, das hier ist die Erfüllung. Dann kommen Hindernisse und Barrieren, die dich zweifeln lassen und dann gibt’s die große Frage „Ist das alles? War das alles? – und gerade als Mutter reflektierst du dich vielleicht noch mal mehr, hast oft ein schlechtes Gewissen und bist hin und her gerissen. Und an dieser Stelle geht’s weiter: Was will man im Leben? Beruflich erfolgreich sein, ausschließlich privat. Beides wohlmöglich? Am Ende versuche ich natürlich, eine Balance zu schaffen und mich beidem so intensiv wie möglich zu widmen. Manchmal beneide ich Vollzeitmamis zum Beispiel, dann wieder weiß ich, dass mich das wahrscheinlich auch gar nicht ausfüllen würde. Ich glaube, loslassen zu können, ist erfolgversprechend, obwohl mir das eigentlich sehr schwer fällt. Phasenweise ist es eben alles eine Challenge: Mal bin ich leicht und frei, wieder schlägt eine Bombe ein. Work-Life-Balance, gibt’s das?

Was würdest du an dieser Stelle deiner Tochter raten?

Hör auf dich! Sie hat beispielsweise heute ein Casting, weil sie das will. Ich habe sie nicht dahin gedrängt. Sie trägt was sie will, auch wenn mir das gar nicht immer unbedingt gefällt. Und wenn sie sagt „Mami, was ist, wenn die mich heute nicht nehmen?“, dann kann ich nur für sie da sein und ihr sagen, dass das überhaupt kein Problem ist, dann probieren wir’s beim nächsten Mal einfach wieder. Oder du stellst fest, dass es gar nichts für dich ist – dann unterstütze ich dich bei was völlig anderem. Du musst bloß an dich glauben und machen. Selbstvertrauen ist alles und dahinter stehen, wenn du es machst. Finde heraus, was dich glücklich macht. Finde heraus, was du kannst! Entwickle Selbstvertrauen. Man muss erkennen, wer man ist und was man kann – und damit und daraus, das Beste machen! Heißt auch: Wenn du also erkennst, dass du wenig kannst, dann mach das Wenige doch einfach richtig gut. Und dann bist du damit auch glücklich. Aber versuche nicht, jemand anderes zu sein, der intelligenter oder besser ist. Du musst nicht alles können, um gut zu sein. Das ist genau das, was ich meiner Tochter rate.

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Glaubst du, du hättest deinen Weg als Mann leichter bestreiten können?

Ich war schon immer recht burschikos und wirke neben vielen Frauen, glaube ich, auch einfach ein bisschen düsterer. In der Schule stand ich, die raue Perserin, neben den zarten Blonden und Brünetten. Ich habe mich nie mit dem Rollenbild beschäftigt, mich nie mit anderen Frauen gemessen – und war immer selbstverständlich ich, so wie ich bin. Ich habe einfach immer gemacht und nicht auf Rollenklischees geachtet. Vielleicht habe ich deswegen auch einfach keine Steine gesehen, die nur mir, als Frau, in den Weg gelegt wurden. Sondern, na klar, Hindernisse, die ich aber ganz selbstverständlich bewältigt habe.

Es gab lala Berlin Schauen, da haben deine Kreationen für sich gesprochen, andere, da hast du uns mit deinen Stylings von den Socken gehauen, wieder welche, bei denen uns der Mund offen stand, weil wir bei schönstem Wetter und Dinner mitten im Geschehen waren und zuletzt ein Modefilm, der mit Acoustic-Set begleitet wurde. Was passiert dieses Mal?

Es wird eine Präsentation über den Dächern Berlins geben, so viel darf ich schon verraten. Ich habe mich auf einer Party so verliebt in diese Location, dass ich direkt dafür sorgen musste, sie für die Show zu bekommen. Ich habe so einen Ausblick noch nie erlebt, nicht hier in Berlin. Du siehst die Stadt dort mit ganz anderen Augen. Wir präsentieren in einem ganz kleinen, privaten Rahmen. Ich liebe es, Gastgeberin zu sein und ich möchte von Herzen gern, dass alles stimmt, dass jedes Detail passt und ich überraschen kann.

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Erzähl uns mehr über die Kollektion!

Was brauchen wir, was finden wir schön? Was mag man gerade und welche Farben sind’s? Darum geht’s und nicht um die Geschichte dahinter. Die Texte entstehen bei den Meisten sowieso immer danach, also konzentriere ich mich auf den visuellen Augenschmaus. Es geht dieses Mal also vor allen um Farbe, um eine Weiterentwicklung des Kufiya-Prints, sowohl haptisch als auch visuell. Wir haben versucht, unseren Fokus auf Klassiker zu legen und den Paisley- und Leo-Print auch wieder aufgelegt. Spitze ist neben Farbe ein wichtiges Thema, genauso wie Leder, Plissee und Transparenzen. Den Rest werdet ihr sehen.

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Diese Woche geht’s wieder los – und in Berlin hat alles angefangen. Bleibst du hier – und wenn ja – geht’s trotzdem noch woanders hin?

In Berlin zeigen, bedeutete damals, eine große Chance zu bekommen. Heute, Flagge zu zeigen und den Modestandort so gut es geht zu unterstützen. Der deutsche Markt ist super wichtig für uns, sogar der Wichtigste. Wir produzieren hier unsere Strickkreationen, arbeiten von hier aus und haben den größten Kundenstamm. Danach kommt Skandinavien. Wir werden jetzt aber auch zum ersten Mal in Paris zeigen, was super spannend wird. Und, ich überlege, den Schritt nach Amerika zu wagen: lala in lala Land sozusagen. Ich bin mal gespannt. Ich hab‘ das Gefühl, es passt. Wir werden uns da jetzt einfach mal hinarbeiten, würde ich sagen.

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1000 Dank für das entspannte Interview, du Goldstück.

Bilder © lala Berlin & This is Jane Wayne

6 Kommentare

  1. Nike Jane

    *Kommentar gelöscht*
    Liebe Maike/Sarah/wieauchimmerdudichheutenennst, wir hatten jetzt so viele Monate Ruhe vor dir und werden deine Kommentare auch weiterhin in den Spam-Ordner packen.

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  2. Lena

    In manchen Interviews kam sie für mich etwas unsympathisch rüber, hier so gar nicht. Da wird man direkt noch ein bisschen mehr Fan von Lala Berlin, danke für´s Interview!

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  3. Laura

    Nachdem ich auf eurem Aufmacherbild dieses entzückende Stück Spitze entdeckt hatte, habe ich ganz fieberhaft auf die Showbilder aus Berlin gewartet. Offensichtlich handelt es sich bei diesem Stück aber um eines aus den vergangenen Kollektionen. Könnt ihr mir vielleicht verraten, um welche? Die Kombi aus Lala Berlin-Lieblingsmuster und Spitze will einfach nicht mehr aus meinem Kopf gehen :-)

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