Slow Sunday //
Kontrollierst du schon oder lebst du noch?

31.07.2016 um 11.02 – Leben Slow Sunday

This is Jane Wayne – Julia Jane – Slow Sunday

Wir haben euch am Wochenende viel zu lange in Ruhe gelassen, findet ihr nicht auch? Und genau deswegen darf ich heute ganz feierlich (und ein klitzekleines bisschen aufgeregt) verkünden, das genau damit ab sofort Schluss ist. Dürfen wir vorstellen? Slow Sunday – und ein Versuch, sich noch mehr dem Leben zu widmen, seinen kleinen Stolpersteinchen und großartigen Chancen.

Es gibt für mich nichts schöneres, als über Themen zu schreiben, die mich jeden Tag beschäftigen, und genau hier knüpft die neueste Rubrik an. Neben Fair Friday werde ich euch also ab sofort kurz vor einem neuen Wochenstart mit meinen persönlichen Life-Balance Erkenntnissen behelligen. Und na klaro: Wie am Freitag wird es auch am Sonntag um Nachhaltigkeit gehen. Und zwar um Nachhaltigkeit im Umgang mit uns selbst. So!

Und warum das Ganze? Nun, ich war unzufrieden. Sehr lange schon. Und habe vor einiger Zeit angefangen, nach Antworten zu suchen. Die Ergebnisse haben mich überrascht. Trotz der Eigenschaften, die ich an mir am meisten schätze – Disziplin, Organisationstalent und Durchhaltevermögen – bin ich nämlich sehr lange Zeit selber überhaupt kein Stück verantwortungsvoll mit meinen Ressourcen umgegangen. Ich habe versucht, mit einer völlig falschen Herangehensweise Ausgeglichenheit zu erarbeiten. Mit Disziplin, mit To-Do-Listen, mit zu viel Rationalität. Und erreicht habe ich das Gegenteil. Es soll hier nicht um einen Gegenentwurf zu Komplexität, Stress, Hektik und Überforderung gehen, denn ich glaube fest daran, dass wir diese Faktoren brauchen, um an uns zu wachsen und zufriedener zu sein. Der Slow Sunday soll eine Parallele zu ihnen zu schaffen. Es soll darum gehen, ehrlich mit sich selbst zu sein.

Bevor ich alle meine Prinzipien über Bord warf und (meinem Empfinden nach) einen Pakt mit dem Teufel schloss, war ich nahezu hundertprozentig konsequent. Und gehörig ignorant. Ich habe mich für besonders rational und diszipliniert gehalten, weil ich auf dieses ganze Slow-Living-Gerede nichts gegeben habe. Weniger Stress, gut zu sich sein, Freiräume schaffen, Langeweile haben. Für mich war die Sache klar: Das ist nur der Versuch, Faulsein als Entscheidung zu tarnen. Dabei ist das alles ganz ordinärer Kontrollverlust. Ich kann Faulsein nicht ausstehen. Es verursacht Chipskrümel auf der Couch und Staubmutzeln hinter der Tür. Ich möchte auch nicht auf einsame Berghütten fahren und trüben Kräutertee schlürfen. Und überhaupt, wer kann sich das schon leisten? Und was ist, wenn man sich über den Kräutertee mit seinem Companion in die Haare kriegt? Hat mal jemand darüber nachgedacht? Nein, ich wusste selbst am besten, wie man sich Zufriedenheit erarbeitet, nämlich mit Kontrolle über sein Leben. Mit ellenlangen Listen und kontinuierlicher Formulierung von Zielen. Für mich war das logisch: Wenn sich was verändern soll, muss man dafür arbeiten.

julia koch

Im Rückblick habe ich einen erstaunlich langen Zeitraum gebraucht, um wirklich zu verstehen, dass mir die Kontrolle über mein Leben längst entglitten war. Oder habe ich sie vielleicht nie gehabt? Je mehr ich geackert habe, desto unerfüllter war ich. So schlicht formuliert klingt es fast banal, aber wenn es um einen selbst geht, dann fehlt einem eben der Abstand. Dazu kommt, dass es nicht besonders schwer ist, Kontrollzwang mit tatsächlicher Problemlösung zu verwechseln. Was folgte war ein emotionales Tal, ein verbitterter Kampf zwischen meinem Verlangen, das Leben auf To-Do-Listen einzufangen und der wachsenden Sehnsucht nach innerem Gleichgewicht. Schließlich gab ich auf, verbündete mich mit dem Feind von Höher-Schneller-Weiter und darf heute vermelden: Ich werden von Tag zu Tag zufriedener. Und das alles ohne Räucherstäbchen anzünden (no offense!), Urlaub im Schweigekloster (no offense!), Religion (no offense!) oder Meditation (no offense!). In guten Phasen schaffe ich jetzt sogar mehr, mein Leben hat mehr Struktur und ich habe mehr Zeit zur Verfügung. Ich würde so weit gehen und sagen, ich bin der Kontrolle über mein Leben näher als je zuvor.

Warum es mir (und, da bin ich sicher, vielen anderen auch) oft so viel schwerer fällt, ehrlich zu mir zu sein anstatt immer nur fordernd und hart, bleibt mir wohl für immer ein Rätsel. Dabei müssen Veränderungen nicht immer groß sein, vielleicht sogar im Gegenteil. Wenn es eine sehr große, drastische und schnelle Veränderung braucht, dann oftmals deshalb, weil vorher schon zu viel schief gelaufen ist.

Darum: Vorsorge betreiben, anstatt Brände zu löschen, in Minischritten, mit Spaß und Neugier, ohne Druck. Und einige Einblicke und Erkenntnisse auf meiner Reise möchte ich ab jetzt gerne mit euch teilen. Immer Sonntags.

Und wenn ihr konkrete Themenvorschläge zum „Slow Sunday“ habt oder immer schon „dies und jenes“ wissen wolltet, dann macht einfach piep! Wir freuen uns jedenfalls riesig über euer Feedback <3

Photo in der Collage: Viktoria Hall-Waldhauser 

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9 Kommentare

  1. Lisa

    Auch wenn ich mir noch nicht so recht vorstellen kann, wie diese sonntägliche Kolumne konkret aussehen wird – es klingt in meinen Ohren irgendwie ganz fabelhaft und ich freue mich drauf! :)

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  2. Vera

    Ich habe mich in deinen Worten stark wiedererkannt. Ich habe auch gerne Kontrolle über alles und habe es ebenfalls übertrieben und nun in Minischritten zurück zu mehr Spontanität, Entspannung und Ausgleich gefunden. Ich freue mich auf deine Kolumne und auf deine Tipps!

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  3. Jessie

    Keine Ahnung, ob das passt, aber mich würde das Thema Selbstliebe sehr interessieren. Frisch getrennt fällt mir das ehrlich gesagt sehr schwer.

    Liebe Grüße!

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    1. Karla

      Ich muss Lisa zustimmen; für mich war zuerst auch nicht so recht greifbar, worum es in der Kolumne inhaltlich gehen wird. Aber jetzt kann ich es langsam eher nachvollziehen.

      Jessie, Deinen Vorschlag finde ich sehr gut. Darüber bin ich erst wieder aufmerksam geworden auf mein, schon längerfristiges, Bedürfnis, mein Selbstbewusstsein/Selbstwertgefühl wieder aufzupäppeln:

      (Ich war immer sehr erfolgreich, zielstrebig, willensstark und diszipliniert. Wusste darum, habe mich als Mensch aber nie (ausschließlich) darüber definiert.
      In den letzten Monaten, beinahe Jahren, sind verschiedene schwerwiegende Dinge und Schicksalsschläge vorgefallen, die sehr an meinem Selbstkonzept geknabbert haben. (Und es hat nichts mit dem Big Fish Little Pond zu tun.)
      Ich erkenne mich, so wie ich jetzt bin, nicht wieder (und bekomme auch von guten Freund_inn_en die Rückmeldung und Hilfe), bin darüber unglücklich und möchte gerne zum ursprünglichen Zustand zurück.)

      Sicher wird es schwierig, dafür einen universellen „Weg“ zu finden, aber vielleicht findet ja jede_r sich ein Stück weit darin wieder und kann für sich eine Lösung formulieren.

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  4. Anna

    Mich interessiert alles, was mit echter Erholung zu tun hat.
    Wer die Woche über viel arbeitet, möchte nämlich auch am Wochenende so viel wie möglich für sich und mit anderen tun. Brunch, Fitnessstudio, Kino, Party, Einkauf, Putzplan … das endet bei mir zumindest irgendwie zu schnell im Freizeitstress. Ich finde es gar nicht so einfach zu lernen, dass ein vertödelter Sonntag alles andere als vergeudete Zeit ist.

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  5. Dorothée

    Mit so einer Entscheidung, die du hier Schilderst beschäftige ich mich auch gerade. Im Ratschläge geben und anderen bei Problemlösungen zu helfen, bin ich einsame Spitze, aber wie du schon gesagt hast, wenn es um einen selbst geht, dann fehlt einem der Abstand. Was für einen Selbst ’normal‘ ist, ist vielleicht gar nicht so normal und man merkt es eben einfach nicht. Und dann ist da ja auch noch der Druck, den man sich selbst macht, weil man das, was man macht ja auch gut machen will.
    Ich finde die Idee zum Slow Sunday ziemlich cool und freu mich auf mehr!

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