Slow Sunday //
Schweigen ist Gold, zuhören aber auch

21.08.2016 um 12.52 – Slow Sunday

Ich habe neulich einen TED Talk gesehen, der dazu geführt hat, dass ich mich Sprecherin Celeste Headlee am liebsten dankbar zu Füßen geworfen oder ihr mein erstes Kind versprochen hätte. Sie ist für mich nämlich eine der vielen Erleuchtungen am TED-Himmel – eine, die meiner Meinung nach einen signifikanten Unterschied in der Verbohrtheits- und Geschwafelmentalität unserer Gesellschaft machen könnte, wenn ihr nur jemand ehrlich zuhören würde. Womit wir auch unmittelbar und ohne Umschweife beim Thema wären:

Aufmerksam zuhören. Also einfach mal die Klappe halten als Major Key und Most Wanted Soft Skill des 20. Jahrhunderts. Oder vielleicht überhaupt der einzige wahre Soft Skill, den man im Job und Leben braucht? Zuhören ist die Basis für ein gutes Gespräch und ein gutes Gespräch ist die Basis für, nun ja, eigentlich alles im Leben. Und dennoch ist der tägliche Austausch mit anderen oftmals etwas leer, vielleicht gar gezwungen, langweilig, hölzern und irgendwie austauschbar. Ich liebe Unterhaltung, die mich inspirieren, beleben und mir das Gefühl geben, verstanden und gehört zu werden. Ich möchte spüren, dass die Beziehung zu meinem Gegenüber intensiver und tiefer geworden ist und dass die Verbindung zu mir selbst gewachsen ist. Es macht mich glücklich, wenn ich dem anderen helfen konnte oder selber eine tröstende Schulter gefunden habe. Qualitative Gespräche, nach denen ich mich leichter, größer und freier fühle, machen mich süchtig. Und in dem TED Talk von Celeste Headlee geht es genau darum: Es gibt keinen Grund, warum nicht jedes unserer Gespräche so sein kann. Hand aufs Herz: Wann habt ihr das letzte Mal so richtig zugehört? 

Als Radiomoderatorin und quasi Vollzeit-Interviewerin muss Celeste Headlee für ihren Job in der Lage sein, mit Menschen in kurzer Zeit qualitativ hochwertige Gespräche mit Mehrwert zu führen. Mich persönlich hatte sie schon nach weniger als vier Minuten in der Tasche: Als sie nämlich gesagt hat, dass all diese typischen Tipps für eine erfolgreiche Unterhaltung wie „seinem Gegenüber in die Augen schauen“, „zustimmend nicken“ oder „das Gehörte nochmal zusammenzufassen“, schlichtweg überflüssiger Mist seien. „Man muss nicht lernen aufmerksam zu wirken, wenn man tatsächlich aufmerksam ist.“ Klingt irgendwie einleuchtend.

Es geht doch darum, sich einem Gespräch voll und ganz zu widmen oder es eben sonst nicht zu führen. Man äußert in einem solchen sinnigen Gespräch keine Meinungen, zu denen man weder Feedback noch Kritik hören möchte. Das ist dann nämlich keine Unterhaltung, sondern die völlig sinnentleerte Inanspruchnahme der wertvollen Zeit anderer. Und hinterher ist man nicht schlauer ist als vorher.

This is Jane Wayne - Julia Jane - Slow Sunday

Gleiches gilt übrigens auch für einen anderen Auszug aus den nicht enden wollenden Weisheiten der Celeste Headlee: Setze deine eigenen Erfahrungen nie mit denen der anderen gleich. Für mich persönlich einer der wichtigsten Punkte in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Vielleicht bin ich da sensibler als andere, aber ich fühle mich vor den Kopf gestoßen, ja oftmals sogar verletzt, wenn mein Gegenüber plötzlich anfängt, von seiner eigenen Erfahrung zu sprechen und diese mit meiner gleichzusetzten. Erfahrungen und Lebensumstände sind nie gleich. Nie!

Na klaro, unsere Gedanken schwirren oft überall rum, statt bei unserem Gegenüber: Zwischen To-Dos, Whatsapp-Nachrichten und anderen Problemchen.

Ein weiterer der insgesamt 10 im Talk erwähnten Tipps für bessere Kommunikation ist der, jedes Gespräch mit der Annahme anzugehen, dass man etwas neues lernen wird. Da wird mir gleich ganz warm ums Herz. Denn auch jemand, der 6 Positionen unter dir im Unternehmen arbeitet, hat vermutlich eine Sichtweise, Meinung und Erfahrung zu teilen, an die du so noch nicht gedacht hast. Dasselbe gilt übrigens auch für Führungspositionen oder Autoritäten, über die man doch ach so gerne urteilt. Man selbst weiß alles besser und würde auch alles besser machen. Wenn man seinem Gegenüber aber rücksichtsvoll und neugierig entgegentritt (was beinhaltet, sich selber zurückzunehmen und möglichst vorurteilsfrei zu sein), erarbeitet man sich das Vertrauen des anderen und hilft ihm dabei, natürlich, offen und unverblümt sein zu können. Und man gibt sich selbst damit sich die Chance, Abends klüger und nachdenklicher ins Bett zu gehen.

Hier gibt’s den ganzen TED Talk:

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5 Kommentare

  1. Rebecca

    Großartiger Talk, danke für den Tipp. Verrückterweise scheint man oft anzunehmen, dass man ein Gespräch beherrscht, wenn man viel spricht. In Wirklichkeit, ist das Gegenteil der Fall. Happy Sunday!

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  2. Esra

    Liebe Julia, ich kann allem beipflichten, außer
    „Man äußert in einem solchen sinnigen Gespräch keine Meinungen, zu denen man weder Feedback noch Kritik hören möchte. Das ist dann nämlich keine Unterhaltung, sondern die völlig sinnentleerte Inanspruchnahme der wertvollen Zeit anderer. Und hinterher ist man nicht schlauer ist als vorher.“
    Ich glaube nicht, das das Ziel eines jeden guten Gespräches ist, schlauer zu sein als vorher. Manchmal tut auch nur das Zuhören gut (das ist eigentlich das, was du am Anfang gesagt hast). Nein, ich möchte nicht jedesmal einen klugen Ratschlag oder eine kluge Meinung. Sondern manchmal einfach nur ein offenes Ohr.
    Also statt gleich wieder aus einer Falle in die andere zu tappen, könnte man einfach nur versuchen, sensibler zu werden. Für sein Gegenüber – und für ganz viele verschiedene Arten von Gesprächen. Nicht nur für solche, aus denen man schlauer rausgeht.
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

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    1. Julia Jane Artikelautor

      Hi Esra,

      natürlich möchte man manchmal einfach nur etwas loswerden und sich trösten lassen, das kenne ich selber nur zu gut. So habe ich die Passage in meinem Artikel auch nicht gemeint, kann aber verstehen, dass du sie so aufgefasst hast. Es ist manchmal schwierig in einem möglichst knappen Text alle möglichen Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, dann bräuchte ich vermutlich die doppelte Zeichenzahl. Trotzdem Danke für deinen Hinweis, ich versuche einfach in Zukunft noch etwas präziser zu sein <3

      Liebe Grüße,

      Julia

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      1. Esra

        Liebe Julia, danke für deine Antwort.
        Ich habe es mir schon gedacht, dass die Platzgründe für diese Knappheit verantwortlich waren.
        Trotzdem wollte ich es ansprechen, denn in Zeiten von endloser (Selbst-)Optimierung hat sich deine Ausführung an dieser Stelle eben nach Gesprächs-Optimierung angehört :)
        lg
        Esra

        http://nachgesternistvormorgen.de/

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