Feminismus //
Sechs Zitate, sechs Geschichten

22.08.2016 um 14.10 – Feminismus Gesellschaft

Feminismus in ZitatenEs gibt ein paar feministische Zitate, die in die Weltgeschichte eingegangen sind. Aber was steckt eigentlich dahinter? Sechs Zitate – sechs Geschichten.

„Ain’t I a woman?“ (Sojourner Truth, 1851)

„Bin ich etwa keine Frau?” fragte die US-amerikanische Abolitionistin (d.h. Sklaverei-Gegnerin) und Frauenrechtlerin Sojourner Truth in ihrer berühmten Rede von 1951. Aber: Fragte sie das wirklich? Von dieser Rede kursieren nämlich zwei Versionen. Die eine wurde im Juni 1851 im Anti-Slavery Bugle veröffentlicht. Der Satz „Ain’t I a woman?“ taucht darin nicht auf. In der Version von Frances Dana Barker Gage, die zwölf Jahre später veröffentlicht wurde, allerdings schon. Gage, selber in feministischer Mission unterwegs, ergänzte die Originalrede großzügig und verpasste ihr einen stereotypen Südstaatendialekt. Sojourner Truth stammte aber aus dem Staat New York und wuchs mit Holländisch als erster Sprache auf. In Gages Version benutzt Sojourner Truth die Formulierung „Ain’t I a woman?“, um Gleichberechtigung zu fordern: Frauen gälten als körperlich schwach. Sie, die Sklavin Truth (ihr Sklavenname war „Isabella“) sei durch die harte Arbeit auf der Farm aber stark wie ein Mann – und trotzdem eine Frau. Den genauen Wortlaut von Sojourner Truths Rede kennt heute niemand. Sie war damals aber trotzdem eine Sensation, weil Truth als eine der Ersten die Verbindung zwischen Sexismus und Rassismus herstellte.

„Taten statt Worte!” (britische Suffragetten, 1912)

Jahrelang hatten die britischen Suffragetten friedlich für das Frauenwahlrecht gekämpft. Es tat sich: nichts. Also griffen die Frauen ab 1912 auf militante Methoden zurück. Sie ketteten sich an Bahngleise, warfen Fenster ein und setzten Briefkästen in Brand. Die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst, Vorsitzende der Women’s Social and Political Union (WSPU) schrieb 1913 in einem Brief an die WSPU-Mitglieder: „To be militant in some ways is a moral obligation [a duty]. Every woman owes this to her own conscience and self-respect, and to future generations of women. […] Peaceful methods fail.” Für ihre militanten Aktionen wurden die Suffragetten regelmäßig festgenommen – selbst im Gefängnis setzten sie ihren Protest fort und traten z.B. in den Hungerstreik. Am weitesten von allen ging Emily Davison, die 1913 beim Pferderennen in Epsom unter das Pferd des Königs geriet: Sie wollte wohl dem Pferd eine Schärpe in den Farben der Suffragetten anstecken. Das Pferd stürzte und Davison erlitt schwere Verletzungen, an denen sie später starb. Bis heute ist nicht ganz klar, ob die Aktion als Suizid geplant war – Davison wurde nach ihrem Tod von den Suffragetten als Märtyrerin verehrt.

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ (Simone de Beauvoir, 1949)

Eines der berühmtesten feministischen Zitate – welches in Deutschland aber lange Zeit falsch übersetzt wurde. Aus dem französischen Original „On ne naît pas femme, on le devient“, wurde so: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ So klingt es aber danach, als würde Frauen etwas angetan. Beauvoir hingegen betonte den Prozess des Frauwerdens: das Erlernen von bestimmten Ritualen, das Einfügen in die Frauenrolle. Etwas, an dem Frauen selbst durchaus beteiligt sind. Frausein, das ist Beauvoir Schluss, ist nichts Natürliches, Biologisches, sondern etwas Anerzogenes.

„Das Private ist politisch.“ (Zweite Welle der Frauenbewegung, 70er Jahre)

In den 1960er Jahren begannen Frauen, sich in consciousness-raising groups zu treffen, um über ihre privaten Probleme zu diskutieren. Es ging um Beziehungen, Mutterschaft, Gewalt und darum, die Trennlinie zwischen „privat“ und „öffentlich“ aufzulösen. Die Erkenntnis lautete nämlich: Persönliche Erlebnisse, denen man keine politische oder gesellschaftliche Bedeutung beimessen, sind tatsächlich Teil eines größeren Musters. Das nennt sich „Politik der ersten Person“. Der Slogan „Das Private ist politisch“ ist also auch eine Aufforderung, sich nicht vereinzeln zu lassen. Und wer erst einmal den Blick für Ungerechtigkeiten im persönlichen Umfeld geschärft hat, dem fallen diese auch auf gesellschaftlicher Ebene auf. Ungleichheiten im Privaten sind Ausdruck eines tief verwurzelten, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfassenden Herrschafts- und Unterdrückungssystems.

„A woman needs a man like a fish needs a bicycle.” (Irina Dunn, 1970)

Welcher Fisch braucht schon ein Fahrrad? Genau. Und genauso wenig brauchen Frauen Männer. Der Satz ist natürlich überspitzt formuliert und macht sich darüber lustig, dass Frauen Männer angeblich immer mehr brauchen als andersherum. Lange Zeit wurde der Slogan der US-amerikanischen Feministin Gloria Steinem zugeschrieben – bis diese klarstellte, dass nicht sie, sondern die australische Journalistin und Politikerin Irina Dunn die Urheberin sei. Dunn hätte den Slogan als Studentin 1970 erfunden. Dunn selbst sagte: „Ich paraphrasierte einen Satz, den ich in einem philosophischen Text las (…). Er lautete ‚A man needs God like a fish needs a bicycle.’ Meine Inspiration kam daher, dass ich in der wiederauflebenden Frauenbewegung aktiv war und daher, dass ich eine Klugscheißerin war. Ich kritzelte den Satz auf die Rückwände zweier Toilettentüren, eine an der Sydney University, wo ich Studentin war, und die andere in Soren’s Wine Bar in Woolloomooloo, ein zwielichtiger Vorort von Sydney.“

„When we don’t pay attention to the margins, when we don’t acknowledge the intersection, where the places of power overlap, we not only fail to see the women who fall between our movements, [but] sometimes we pit our movements against each other.”(Kimberlé Williams Crenshaw, 1994)

Der Begriff „Intersektionalität” gehört heute zum feministischen Mainstream. Es geht dabei um die Tatsache, dass sich mehrere Diskriminierungsformen in einer Person überschneiden können. Eingeführt wurde der Begriff in den 1980ern von der afro-amerikanischen Jura-Professorin Kimberlé Williams Crenshaw. Ihr fiel auf, dass bei der Antidiskriminierungs-Gesetzgebung gender und race oft getrennt voneinander betrachtet werden – so, als könne sich Diskriminierung nur auf eines davon beziehen. 1991 war Crenshaw Teil von Anita Hills Rechtsvertretung: Hill beschuldigte Clarence Thomas, Anwärter auf einen Sitz im Supreme Court, sie sexuell belästigt zu haben. Sowohl Klägerin als auch Beklagter waren Afroamerikaner und Crenshaw beobachtete interessiert die verschiedenen Dynamiken: Weiße Feministinnen schlugen sich auf Hills Seite, viele Mitglieder der afroamerikanischen Gemeinschaft unterstützten aber Thomas. Crenshaw stellte fest, dass Hill, indem sie sich unbewusst dazu entschied, ihre Sache in diesem Fall als Frau zu vertreten, gleichzeitig nicht mehr als afroamerikanische Frau Gehör fand.

5 Kommentare

  1. Sabrina

    Wow, Julia! Da hast Du schöne Zitate ausgesucht, knapp und lesenswert aufbereitet. Danke für die schöne Lektüre!

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  2. Xheva

    Was ist mit Wadud, Barlas, Badran oder mit den jungen deutschen Aktivistinnen Emine Arslan oder Kübra Gümüsay?!

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