„Sorry, Sie haben leider eine Scheide“ – Wie Giulia Becker Sexismus mit Satire bekämpft

07.12.2016 box2, Feminismus, Musik

eine scheide boehmermann

Jan Böhmermann mag vielleicht  Polizei haben, aber seine Mitarbeiterin Giulia Becker hat etwas viel phänomenaleres: eine waschechte Scheide. Die bringt ihr jedoch nicht nur Freude und Freunde, sondern vor allem Probleme. Das wissen wir spätestens, seit Böhmi das Musikperformance-Zepter im Neo Magazin Royale vor etwa einer Woche freiwillig aus der Hand gab, um die Bühne erstmals einem weiblichen Mitglied seines Autoren-Teams zu überlassen. Es liegt an meiner Scheide / Es ist egal wie viel ich leide / Schuld ist meine Scheide – Mit ihrem Song „Verdammte Schei*e“ hat die Komikerin, die auf Twitter als „Schwester Ewald“ für Furore und intelligente Unterhaltung sorgt, den Feminismus mit einer längst verdienten Portion Lässigkeit beglückt und obendrein ganz nonchalant eine neue Bewegung gegen Benachteiligung ins Leben gerufen:

„Wenn ihr mit mir seid, dann schwingt jetzt eure Scheide“, singt sie uns im dazugehörigen Video entgegen, mit der Unterstützung von Ina Müller, Hazel Brugger, Nora Tschirner, Olivia Jones und einem ganzen Protestmarsch im Rücken. Hunderte Frauen legen Daumen und Zeigefinger bestimmt aneinander, um der Welt zu zeigen: Wir haben eine Scheide. Es mag Zufall sein, dass das auserwählte Symbol unweigerlich an die Merkel-Raute erinnert. Herrlich pathetisch und zwar genau im richtigen Maße, ist es allemal. Denn was zunächst als typische Übertreibung im ehrwürdigen Stil glasklarer Satire anmutet, ist im Kern für viele von uns Alltag. Noch immer.

Was ist so schlecht an mir? Eine Scheide. Was mach ich falsch? Eine Scheide. Warum werde ich so schlecht bezahlt? Eine Scheide. Worüber wurde noch nie ein Witz gemacht? Eine Scheide. Woher haben die alten, weißen Männer im Fernsehen Angst? Eine Scheide. Wer hat den dritten Teil von Bridget Jones geschrieben? Eine Scheide. Wer hat John F. Kennedy erschossen? Eine Scheide. Wer hat an der Uhr gedreht? Eine Scheide. Was reimt sich auf eine Weide? Eine Scheide. Wer hat das Gras weggerraucht? Eine Scheide. Unsere Erde ist? Eine Scheide.

„Verdammte Schei*e“ thematisiert in gerade einmal vier Minuten und 53 Sekunden etliche aktuelle Debatten über Gleichberechtigung, Sexismus, Body Shaming, Frauenrechte und den respektlosen Umgang mit im Ursprung überaus degradierenden Wörtern wie – ja tatsächlich – „Scheide“. Zwar ohne Fakten und Zahlen, dafür aber mit viel Witz. Zum Glück. Vielleicht vermag es Giulia Beckers überspitzter musikalischer Beitrag samt starker Stimme ja genau deshalb, die vierte Welle des Feminismus noch ein kleines Stückchen mehr vom angesammelten Schwermut und fortwährenden Vorurteilen zu befreien. Damit auch der letzte Realitätsverweigerer endlich begreift, dass das Patriarchat nicht nur in Geschichtsbüchern, sondern wirklich und wahrhaftig noch heute in unserer Gesellschaft steckt, dass Feminismus, oder wie auch immer man die Forderung nach Gleichheit persönlich auch nennen mag, existentiell und keineswegs nichtig ist, und dass es trotz des gesunden Galgenhumors im Grunde gar nicht viel zu lachen gibt. Deshalb: #teamscheide. Und danke, Giulia.

3 Kommentare

  1. Anna

    (Wie immer) ein toller Artikel, vielen Dank.
    Kleinigkeit aber naja ich würd wollen dass es mir jemand sagt ihr habt dem Jan das R geklaut.

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