Warum Paris Geller schon immer das Beste an Gilmore Girls war und ist.

08.12.2016 Film, box3, Feminismus

paris geller gilmore girls

Ach, Stars Hollow, ich habe dich vermisst: Luke’s Diner, Miss Patty, die La La Las, all die seltsamen Traditionen und Gepflogenheiten, denen die Bewohner*innen der kleinen Stadt in Connecticut so beharrlich nachgehen. Und natürlich Lorelai und Rory, die schnellsprechenden, kaffeesüchtigen, popkulturaffinen „Gilmore Girls“. Vier neue Gilmore Girls-Folgen in Spielfilmlänge hat Netflix uns beschert, unter Federführung von Amy Sherman-Palladino, die die ersten sechs Staffeln verantwortete (und bei der siebten, bei Fans unbeliebtesten Staffel, nicht mehr dabei war). Der Nostalgiefaktor von Ein neues Jahr – so der Titel der Mini-Staffel – ist dementsprechend hoch. Vielleicht ein bisschen zu hoch: Irgendwie fühlt es sich an, als sei in Stars Hollow die Zeit stehen geblieben. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es bei Luke’s jetzt WLAN gibt (theoretisch). Noch immer gilt die Devise: In Stars Hollow wird alles gut. Rory (Alexis Bledel), 32 und als Journalistin nicht einmal annähernd so erfolgreich wie sie stets erwartet hatte, braucht nur in die Heimatstadt zurückzukehren, um alsbald mit neuem Elan ein Projekt anzugehen. Lorelai (Lauren Graham), nun Ende 40, wollte sowieso nie aus der Stadt weg.

tumblr_o5wo97pcue1qm4clxo1_500Vom frenemy zur Freundin

Wie wohltuend, dass es auch Personen gibt, die nicht Teil dieser heimeligen Blase sind. Allen voran Paris Geller (Liza Weil). Sie lebt als erfolgreiche Fertilitäts-Spezialistin („Ich will nur sein Sperma!“) in New York, hat zwei Kinder, ein Haus und Designerklamotten. In der ersten Staffel begegneten wir Paris als Mitschülerin Rorys an der prestigeträchtigen Chilton Privatschule. Paris warf einen Blick auf die neue Mitschülerin aus Stars Hollow – und war entschlossen, sie in der Schule auszustechen. Glücklicherweise fiel der Serie zu Paris mehr ein, als aus ihr nur Rorys frenemy zu machen. Stattdessen näherten sich die beiden so verschiedenen, aber gleichermaßen ehrgeizigen Mädchen mit Hang zur Soziallegasthenie an. Sie wurden Freundinnen, teilten sich in Yale eine Wohnung und stehen auch mit Anfang 30 noch in Kontakt. In der Schule und an der Uni haben sie sich gegenseitig zu Bestleistungen angestachelt, waren die Cheerleaderin der jeweils anderen – und haben zusammen fettiges Fast Food gegessen, wenn mal alles schief lief.

Es wäre leicht gewesen, Paris als Karikatur zu zeichnen: Sie ist ehrgeizig, schwierig, unerträglich und besserwisserisch, hat keine Toleranz für Bullshit und Smalltalk – eine ähnlich furchteinflößende Wirkung hat in der Serie nur noch Mrs. Kim. Aber sie ist eben auch unsicher und keinesfalls so stark, wie sie nach außen hin immer tut. Im Grunde ihre Herzens möchte Paris gemocht werden – aber eben so, wie sie ist. Verbiegen ist nicht ihr Ding. Sie wählte Freunde, die ihr intellektuell das Wasser reichen konnten, vom smarten Jamie, über den sehr viel älteren Professor Fleming bis hin zu Doyle, der mindestens genauso viele Neurosen hat wie Paris selbst. Gilmore Girls lässt Paris Paris sein und sie damit Erfolg haben. Wobei natürlich auch Paris nicht „alles“ hat: Von Ehemann Doyle lässt sie sich gerade scheiden, der Job als Top-Fertilitätsfachfrau scheint ziemlich anstrengend zu sein und um die Kinder kümmert sich hauptsächlich eine Nanny. Aber Paris weiß immer noch, wer sie ist und wo sie steht, im Gegensatz zu den anderen Frauen mit Ambitionen, die die Serie zu bieten hat: Goldkind Rory hängt frustriert bei ihrer Mutter rum und lässt sich ansonsten mehr oder weniger von Ex-Freund Logan aushalten. Lorelai leitet zwar erfolgreich ihr Hotel und lebt mit Luke zusammen, muss aber plötzlich einen dringenden Kinderwunsch entwickeln (einer der seltsamsten Plots von Ein neues Jahr). Und Lane, die so gerne Rockstar geworden wäre, zieht mit Ehemann Zach die gemeinsamen Kinder los und arbeitet immer noch im mütterlichen Antiquitätenladen.

Erfolgreich im Beruf

tumblr_ohh0a1kkIy1vbrobdo1_500Paris hingegen hat genau das getan, was sie immer vorhatte. Sie ist auf eine Elite-Uni gegangen, hat Medizin studiert und ist nach dem Studium beruflich durchgestartet. Man kann sich gut vorstellen, dass sie auch deshalb eine so erfolgreiche Fertilitäts-Spezialistin ist, weil sich Eier und Sperma gar nicht trauen, im Uterus der Leihmutter etwas anderes zu tun, als erfolgreich wunderschöne Babys zu produzieren. Es ist befriedigend zu sehen, was aus Paris geworden ist – insbesondere, da die Plots der eigentlichen „Gilmore Girls“ in der Neuauflage teilweise so vermurkst sind. Bevor Netflix eine weitere Staffel in Auftrag gibt – und wir wissen alle, dass das passieren wird – sollten die Verantwortlichen sich vielleicht mal Gedanken über ein Spin-off machen. Wie wäre es mit folgendem Plot: Paris und die verwitwete Emily Gilmore (Kelly Bishop) gründen eine WG in New York. Das scheint mir spannender als alles, was Ein neues Jahr zu bieten hatte.

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Ernsthaft, Gilmore Girls braucht mehr Frauen wie Paris Geller. Frauen, die sich für ihren Ehrgeiz nicht entschuldigen; die nicht glauben, mit einer Tasse Kaffee bei Luke’s sei die Welt wieder in Ordnung; die die Dinge selber in die Hand nehmen, statt sich auf andere zu verlassen; die die sanften La la las unterbricht und klar sagt, was Sache ist. Kurz: Frauen, die die kleine, heile Welt von Stars Hollow vom sepiafarbenen Instagram-Filter befreien.

3 Kommentare

  1. Hannah

    Stimmt schon. Allerdings machte die Rolle auf mich mitunter auch einen verzweifelten, traurigen Eindruck – trotz oder wegen der erreichten Ziele? In meiner Wahrnehmung versuchte sie eigentlich nur ganz krampfhaft den erreichten Erfolg nach außen zu repräsentieren (der leere Koffer…) und scheint dabei nicht wirklich zufrieden oder gar glücklich mit ihrer Lebenssituation zu sein.

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  2. Jana

    So wahr!! Ich habe mich schon immer ein bisschen mehr in Paris wiedergefunden als in Rory. Früher gefiel mir das gar nicht. Mittlerweile finde ich es gar nicht mehr so schlecht.

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