HEROINES // Tania Boler, Erfinderin von Elvie, im Interview: „Learn your body,
love being a Woman“

elvie

Prolapse? Blasenschwäche? Beckenbodenmuskulutatur? Ehrlich gesagt alles Themen, mit denen ich mich bisher niemals auseinandergesetzt hatte. Ist was für Omis, dachte ich. Wenn es beim Pilates dann doch mal hieß „Denkt an das Powerhouse!“, habe ich immerhin geahnt, dass hier wohl auch der Beckenboden mit dazugehört. Mehr aber auch nicht. Das änderte sich allerdings schlagartig, als ich von „Elvie“ hörte. Und von dessen Erfinderin: Tania Boler. Als Co-Gründerin und CEO des Unternehmens Chairo, das sich auf technische Entwicklungen von Frauen für Frauen spezialisiert hat, launchte sie im Herbst 2015 einen possierlichen, türkisfarbenen Personal Trainer für den Unterleib, mit dem Frau sich durch regelmäßiges Training selbstständig zu einem kräftigeren Rumpf, gesünderem Rücken und womöglich sogar besserem Sex verhelfen kann – und der tatsächlich ein bisschen süchtig macht. In etwa so wie damals Snake auf dem Nokia 3210. Es gibt nämlich eine dazugehörige Elvie-App, aber dazu später mehr.

Als ich jedenfalls herausfand, dass wir es hier außerdem mit einer international anerkannten Expertin im Bereich der Frauengesundheit mit Hochschulabschlüssen von Oxford und Stanford sowie einem Doktortitel in sexueller und reproduktiver Gesundheit zu tun haben, die ganz nebenbei auch noch Teamleiterin für HIV Prävention bei der UNESCO war, Frauenrechtlerin und zweifache Mutter ist, stand unsere erste HEROINE des Jahres auch schon fest. Für euch folgte ich also schleunigst einer virtuellen Verabredung mit der fabelhaften Tania und sprach mit ihr über Elvie, innere Stärke und eines der vielleicht emotionalsten Themen für Frauen: Unsere Vaginas und was wir für sie tun können.

 

Zum Einstieg: Das Elvie Set!still-packaging-crop

Tania, sag mal: Wenn ich mich bis heute noch nie mit meiner Beckenbodenmuskulatur auseinandergesetzt habe, warum sollte ich ausgerechnet jetzt damit anfangen?

Wir wissen viel zu wenig über diesen wichtigen Teil des Körpers, den 51% der Bevölkerung besitzen, das ist doch verrückt. Frauen jeden Alters können von einem stärkeren Beckenboden profitieren. Diese Muskeln sind nämlich sehr wichtig, wenn es um unsere innere Stabilität und muskulären Grundsupport geht. Frauen mit Rückenproblemen zum Beispiel merken oft erst sehr spät, dass sie ihren Beckenboden trainieren sollten, da er eng mit der Rückenmuskulatur zusammenarbeitet. Auch für bessere Kontrolle beim Sex ist ein regelmäßiges Training hilfreich. Es geht darum, dass Frauen sich schon vor der ersten Schwangerschaft mit dem Thema auseinandersetzen um gesundheitlichen Problemen vorzubeugen. Blasenschwäche etwa braucht ja wirklich niemand.

elvie

Ab wann ist nach regelmäßigem Training denn überhaupt ein Unterschied zu bemerken?

Der Tipp, den ich immer gebe, ist jeden Tag für den Rest seines Lebens zu trainieren. Ob mit der Unterstützung eines kleinen Helfers oder ohne. Irgendwann ist es wie Zähne putzen, eine Routine eben. Viele Frauen tun es nicht, weil sie es langweilig finden und nicht schnell genug spüren, was es bewirkt. Elvie bietet deshalb ein persönliches Programm für seine Nutzerinnen und zeigt in Echtzeit was sie tatsächlich in ihrem Körper bewegen können. Erste Erfolge nach regelmäßigem Training sind nach ca. zwei Wochen zu spüren, idealerweise bei einem Training drei Mal wöchentlich für fünf Minuten.

exercise-phone-lift

Und was genau macht Elvie da so besonders? 

Ich denke, was Elvie so einzigartig macht ist, dass wir ein Tabu gebrochen und ein viel zu wenig beachtetes Thema in etwas transformiert haben, was Spaß macht und worüber sich Frauen gerne unterhalten. Deshalb haben wir uns ein bisschen von unangenehmen Gesundheitsproblemen wegbewegt.

Nachdem Elvie 2015 gelauncht wurde, war die Resonanz sehr positiv und ihr habt Preise wie den „Red Dot Award“ gewonnen. Wie glaubst du, kann man Frauen grundsätzlich mehr auf das Thema aufmerksam machen und eine konstante Präsenz schaffen?

Das Thema ist für viele Frauen sehr emotional, da sie sich nie intensiver mit ihrer Vagina auseinandergesetzt haben oder eine Verbindung aufbauen konnten. Ein Grund dafür ist, dass wir nie offen über unsere weibliche, innere Gesundheit sprechen, weil es Gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Man muss versuchen, sich in dieser Hinsicht von gesellschaftlichen Konventionen zu lösen, an seinen Körper zu denken und sich um ihn zu kümmern – den gesamten Körper, nicht nur die Hülle.

Wieso ist Frauengesundheit in unserer Gesellschaft überhaupt noch immer ein Thema, über das nicht offen gesprochen wird?

Ich bin Optimistin. Die Gesellschaft verändert sich sehr schnell. Noch vor 20 Jahren war das Thema Brustkrebs ein Tabu, was sich bis heute geändert hat. Auch über Vaginas zu sprechen war über Generationen tabuisiert und auch dies beginnt sich jetzt langsam zu ändern. Wenn es um unsere weibliche, innere Gesundheit geht, sind wir dazu erzogen worden, die Dinge kleinzureden und zu ignorieren. Wir klagen auf der Arbeit nicht offen über Menstruationsbeschwerden und müssen die Nebenwirkungen einer Menopause ignorieren. Alles, weil es nur sehr selten als tatsächliche Entschuldigung für Arbeitsunfähigkeit akzeptiert wird oder unser Umfeld es mit Schwäche assoziiert. Wenn es um unsere Vagina geht, geht es um unseren inneren Kern, der uns zu einem großen Teil als Frauen definiert. Unsere Sexualität, das Muttersein. Es scheint schwierig diese Dinge offen darzulegen und zu kommunizieren aber ich habe das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind.

Wie bist du selbst darauf gekommen, dich am Anfang deiner Karriere mit Frauen- und Reproduktionsgesundheit auseinanderzusetzen?

Ich habe nach dem Studium begonnen mit Waisenkindern zu arbeiten. Für mich eine sehr intensive und emotionale Erfahrung, da meine Mutter als kleines Mädchen von einem Waisenhaus in Indonesien adoptiert worden ist. Ich war damals lange Zeit in verschiedenen afrikanischen Ländern aktiv und habe mich mit der horrenden Anzahl an verwaisten Kindern beschäftigt, deren Eltern an HIV gestorben sind. Würden Menschen mehr und offener über ihren Körper und Sexualität sprechen, wäre es viel leichter so eine Krankheit einzudämmen. Man würde also viele Menschen vor einem schrecklichen Schicksal bewahren. In Südafrika habe ich meinen Doktor in HIV-Prävention gemacht und anschließend für die Vereinten Nationen an dem Launch des ersten weltweiten Rahmenplans für sexuelle Aufklärung gearbeitet. Ich habe anschließend länger für Mary Stopes Projekte realisiert und mich mit in vielen Ländern tabuisierten Themen wie Abtreibung, Verhütung und Aufklärung auseinandergesetzt. Viele gesundheitlichen Probleme haben eine Gemeinsamkeit, nämlich die gesellschaftliche Unfähigkeit, offen über Sexualität, Körper und gesundheitliche Bedürfnisse sprechen zu können.
Ich halte es außerdem für eines der größten Probleme, dass vielen Frauen die finanziellen Mittel fehlen oder der Zugang zu Bildung, um sich zu schützen, präventive Maßnahmen zu ergreifen oder über ihre Möglichkeiten und Rechte zu informieren. Abgesehen davon macht es keinen Sinn: Eine Behandlung im Krankheitsfall ist viel kostenintensiver als die Prävention. Frauen erhalten keine nennenswerte finanzielle Unterstützung, wenn es um weibliche Gesundheit oder Sexualität geht – angefangen bei Hygieneartikeln bis hin zu Verhütungsmitteln. Bezogen auf die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur, muss in ihrem Leben eine von zehn Frauen auf Grund von Prolapse operiert werden. Auch dies könnte durch Prävention und Aufklärung eingedämmt werden.

Photo by Idil Sukan/Draw HQ

Warum ist das  ganze Thema „Beckenboden“ auch für frisch gebackene Mamis so wichtig?

Wenn du schwanger bist, redet alle Welt über den neuen Familienzuwachs und wir Frauen und die Veränderungen, die unser Körper durchlebt, bekommen nur begrenzt Beachtung. Während der Schwangerschaft muss sich der gesamte Organismus auf das Baby einstellen und auf dem Beckenboden liegt eine sehr hohe Belastung. Durch die Geburt wird diese noch einmal intensiver, sodass über 80 Prozent der Mütter nach der Geburt unter gesundheitlichen Problemen leiden. Der Körper heilt sich oft selbst, freut sich aber in vielen Fällen über Unterstützung durch selbständiges Trainieren. Früher mussten viele Mütter in solchen Fällen furchtbares medizinisches Equipment benutzen und sich lange Zeit im Krankenhäusern aufhalten.

Wie können wir lernen, unseren Körper zu lieben und ihn zu stärken? 

Das Motto von Chiaro ist „Learn your body, love being a Woman“. Eine Frau zu sein ist eine großartige Sache! Hab Spaß mit deinem Körper und entdecke was dich und ihn so einzigartig macht. Wir geben so viel Geld aus und verbringen so viel Zeit damit, uns um unser Aussehen zu kümmern, dabei müssen wir viel mehr in uns hineinhören und genau dort beginnen. Da ich zwei Kinder habe und viel arbeite, habe ich oft einen straffen Zeitplan. Ich merke immer, dass ich mehr Energie habe und den Tag positiver bestreite, wenn ich Sport mache. Ich versuche zum Beispiel. „High Intensity Intervall Training“ in meinen Arbeitstag einzubauen. Außerdem liebe ich Jivamukti Yoga und kann mich hierbei super auf mich selbst konzentrieren.

Bleiben wir bei vollen Terminkalendern und strammen Zeitplänen: Musst du dich als Frau an der Spitze eines Unternehmens für Frauengesundheit oft mit Vorurteilen und Negativität auseinandersetzen?

Ich denke, dass es immer Neinsager geben wird. Die, die glauben, etwas würde grundsätzlich nicht funktionieren. Bezüglich Elvie hatten wir viele Männer, die behauptet haben, der ganze Bereich sei viel zu nischig. Offen gesagt halte ich die, die sagen, dass Vaginas nischig sind, für kurzsichtig und ignorant. Das Thema ist auch für Frauen sehr binär – einige lieben es darüber zu sprechen und andere überhaupt nicht. Wenn ich auf Menschen treffe, die das was wir machen nicht ernst nehmen oder es nicht verstehen wollen, versuche ich die negativen Schwingungen zu ignorieren. Selber Schuld, ihr persönlicher Verlust. Mein Fokus liegt darin, Frauen zu erreichen und sicherzugehen, dass unsere Technologien für sie funktionieren.

Als Mutter einer kleinen Tochter noch eine letzte Frage an dich: Gibt es einen Ratschlag oder ein Credo, was du ihr mit auf den Weg geben möchtest?

Sei stolz auf das Frausein und deinen Körper und wertschätze ihn gegenüber dir und anderen Menschen. Ich will auch, dass meine Tochter daran glaubt und davon überzeugt ist, dass Frauen alle beruflichen Möglichkeiten auf der Welt offenstehen. Ich möchte ihr ein gutes Vorbild sein und ihr mit auf den Weg geben, ihre Träume zu verwirklichen und dabei selbstsicher und positiv jeden Tag zu bestreiten.

Vielen Dank Tania!

Weitere Informationen zum Produkt findet ihr hier.

5 Kommentare

  1. Nicole

    Vielenvielen Dank für diesen Beitrag! Tolles Interview, sehr interessantes Thema – großes Kompliment. 🙂
    Alles Liebe, Nicole

    Antworten
  2. Sabine

    Danke für diesen Beitrag! Ich hab weder von der Frau noch von de Produkt gehört, dabei ist es doch so ein wichtiges Thema 🙂

    Antworten
  3. Leo

    Schön, dass ihr euch solchen Themen widmet, aber eine Frage habe ich: Wieso sollen nur 51% der Bevölkerung Beckenbodenmuskulatur besitzen?
    Männer haben ebenfalls einen Beckenboden! Zwar ist der natürlich nicht durch Schwangerschaft und Geburt belastet und lässt sich nicht mit dem vorgestellten Produkt trainieren. Ein Training von schwacher Beckenbodenmuskulatur macht aber auch beim Mann Sinn, vor allem bei unangenehmen Themen wie Prostatakrebs und Harninkontinenz…

    Antworten
    1. Nike Jane

      Liebe Leo!
      Da sagst du was! Noch ein Grund mehr, darüber zu reden, ich habe nämlich wirklich noch nie darüber nachgedacht, dass Männer auch einen Beckenboden haben, herrje. Danke!

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.