Black Girl Confessions //
Von Afrostolz und Alltagsrassismus

afro proudMeine Heimat als Kleinstadt zu bezeichnen, wäre untertrieben, aber Menschenmassen und Diversität hat dieser Ort trotzdem nicht zu bieten. Auch wenn all’ meine Freund*innen und ich es lieben, in der Weihnachtszeit oder den Sommermonaten die mittelgroße Perle im Norden und Mamas Gästebett aufzusuchen, atme ich nicht selten erleichtert auf, wenn ich den historischen Stadttoren wieder den Rücken kehre.

Als Women of Colour war Aufwachsen fernab der Großstadt, besonders in der Retrospektive, ein gar nicht so leichtes Unterfangen. Ich ließ in der vierten Klasse unter Tränen eine chemische Glättungskur über mein Haar ergehen und entschied mich, nachdem einige Lehrer meine Frisur als ungepflegt betitelten, meine verletzten Locken für die gesamte Mittelstufe unter einem Jeans-Bandana zu verstecken. Mit 17 war es endlich so weit: Free the Fro! Endlich fühlte ich mich sicher und gut mit meinem Schopf, lernte wie es ihn zu pflegen gilt und sauge seitdem begeistert alle Natural Hair Tipps auf, wie mein durstiges Haar die pflanzlichen Öle. Auf den Straßen von Lübeck sorgte das große, braune Etwas in der Regel für interessierte Blicke und verunsichertes Nachfragen. Meine Haare blieben etwas besonders, weil selten und auffällig. Obwohl ich mich heute prima mit Haut und Haar fühle, ist und bleibt mein Afro ein intimes und emotionales Thema, von dem ich das Gefühl habe, es von Zeit zu Zeit immer noch ein Stückchen besser zu verstehen.

Ich nenne das Kind beim Namen: People of Colour tragen meistens nicht nur wunderhübsche Locken, sondern ein Stück Weltgeschichte, Politik und vor allem Identität auf dem Kopf. Während ich Tag für Tag diverse Moisturizer in mein Haar knete damit es nicht austrocknet, mussten sich versklavte Afrikaner*innen in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts mit Butter und Bratfett weiterhelfen um ihre Löckchen zu pflegen. Schwarze Menschen wurden dehumanisiert indem man ihre Haare als (Schafs-)Wolle bezeichnete und besonders Frauen kämpften Jahrzehnte für ihre Rechte – und für die ihres Afros.

Good Hair – Bad Hair. Große Locken, fein geschwungen, kleine Locken die schnell verknoten – die vielseitigen Haartypen und Frisuren von POC’s für POC’s geschaffen, existieren seit vielen Jahren und machen aus den dunklen Wirbeln einen noch viel bunteren Haufen an Individualität und Schönheit. Dabei kommen vor allem Weaves, chemische Glättungen und Braids nicht von ungefähr. In vielerlei Hinsicht ging es darum, besagte „Mähne“ zu bändigen, die Pflege zu erleichtern, sich aber auch ein Stück weit dem gemeinen Willen der weißen Bevölkerung zu beugen, sich aus freiem Stücken gängigen Normen anzupassen oder einfach etwas Neues auszuprobieren. Mit ihrem Prachtafro wurde Angela Y. Davis zur Ikone der Black Power Bewegung und ermutigte viele Frauen dazu, ihren Weaves lebe wohl zu sagen und ihre Haare in aller Ursprünglichkeit strahlen zu lassen.

Heute sehe ich Cornrows in Modestrecken und Musikvideos an weißen Frauen und finde es wichtig, nicht außer acht zu lassen, wo der sogenannte „Boxer Braids Trend“ seinen Ursprung findet. Auch wenn sie den Look prima gerockt hat, ist Jennifer Rostock in Hengstin nicht seine Schöpferin und auch der Jenner-Klan war kein Vorreiter der Frisur, die so stark und weiblich daherkommt. Cornrows, aka „Boxer Braids“ wie wir sie heute kennen, sind eine in Afrika schon seit Ewigkeiten gängige Frisur und vor allem für POC’s auf der ganzen Welt schon lange kein Geheimtipp mehr. Eine Frisur die bitte jede*r die*der Lust hat tragen soll, die medial aber meines Erachtens nach falsch aufgegriffen wurde.

Es handelt sich hierbei genau so wenig wie beim „Ethno Look“ nur um einen neu aufgekommenen Trend, sondern um Adaptionen anderer Kulturen, denen um einiges mehr als nur Coolnes beizumessen ist. Please keep in mind, Mode Deutschland <3.

So robust er auch erscheinen mag: mein Afro ist sehr sensibel. Ihm gefällt es gar nicht, so ganz aus dem nichts berührt zu werden. Wer lässt sich schon gerne von fremden Leuten am Kopf tätscheln? Und mag es noch so fremd und flauschig zum Kraulen einladen, gehört er doch genau so wie der Rest meines Körpers zu meiner Intimsphäre. Ich weiß also genau, wie es ihn zu beschützen gilt.

Meine Haut ist dunkler als diese und jene und meine Haare baumeln nun mal nicht in einem langen Pferdeschwanz meinen Rücken hinunter. Oft bedeutet das, dass sich hier und da Schubladen auftun und ich mich hüten muss, nicht hinein geschupst zu werden. Weder kann ich besonders gut tanzen, weil ich den Rhythmus im Blut habe, noch bin ich die geborene Rapperin oder ein Stimmwunder, weil ich Halbafrikanerin bin.

Genau solche Annahmen haben sich jedoch über Jahre in etlichen Köpfen verankert und sind nur schwer wieder wegzuradieren. Positiver Rassismus begleitet bestimmt nicht nur mich seitdem ich denken kann. Besagte Bemerkungen haben mich geprägt, mir wachsames Zuhören gelehrt und lassen mich im Angesicht unbedarfter Mitmenschen inzwischen immer wieder freundlich aber bestimmt auf Aussagen hinweisen, die mir persönlich gar nicht taugen.

Ich übe mich in Geduld. Erkläre immer und immer wieder, was ich als angemessen betrachte und was nicht. Ich versuche, so vielen Menschen wie möglich eine kleine Portion Feingefühl mitzugeben: Zurzeit ist genau das vielleicht so etwas wie meine geheime Mission.

Viele fühlen sich schnell vor den Kopf gestoßen, wenn ich auf intime Nachfragen mit einer kühlen Antwort reagiere oder sind irritiert, wenn ich ihre Hände aus meinem Haupthaar stupse. Wir sollten uns in vielen Situationen an die eigene Nase (oder die eigenen Haare) fassen und andere Menschen so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. So einfach ist es. Nichts Neues. Den richtigen Moment für die richtige Frage abwarten, die Haare von unserem Gegenüber einfach mal Haare sein lassen und vor allem achtsamer sein, was gewisse Formulierungen betrifft.

Jeder Mensch, ob mit einer, zwei oder drölf Nationalitäten, geht mit persönlichen Fragen anders um. Jeder Mensch hat andere Erfahrungen gemacht, andere Vorlieben oder rote Tücher. Das halte auch ich mir immer wieder vor Augen. Sensibilisierung ist hier wohl das Schlüsselwort.

Wir alle können und sollten im Umgang miteinander also noch einiges lernen. Dieser erste Anfang samt dazugehöriger Erkenntnis ist doch eigentlich gar nicht so schwer umzusetzen. Oder etwa doch?

18 Kommentare

  1. Anna

    So ein unfassbar wichtiger Artikel! Hoffe wir lesen in Zukunft noch ganz, ganz viel von dir <3 Finde auch, dass dem Thema Cultural Appropriation in Deutschland viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Da fehlt einfach die Sensibilität für – gerade in der "Blogosphäre" wie man so unschön sagt.

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  2. Hannah

    „Wir sollten uns in vielen Situationen an die eigene Nase (ODER DIE EIGENEN HAARE) fassen […] “

    WORD !

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  3. Emmi

    Liebe Fabienne, vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich war eine der Menschen, die wie von dir beschrieben einer Bekannten ungefragt in ihren Afro gefasst hat. Damals habe ich ihre Reaktion nicht verstanden. Aber sie hat mir ähnlich wie du ausführlich erklärt, warum das nicht ok ist. Im nachhinein habe ich mich wahnsinnig geschämt. Insofern danke an dich, dass du diese Gedanken und Gefühle mit uns teilst. ich hoffe, dass dein Artikel zu meiner Verständnis und Verständigung beiträgt. Liebe Grüße, Emmi

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    1. Fabienne

      Danke für deine Ehrlichkeit liebe Emmi. Wie schön, dass du dir solche Gedanken bereits gemacht hast und ihre Reaktion direkt etwas in dir ausgelöst hat.

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  4. Miriam

    So richtig, so wichtig, so schön geschrieben! Sei ganz wahnsinnig stolz auf dich, dass du all uns Mädchen und Frauen mit Afro hier ein bisschen aus der Seele sprichst.
    <3

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  5. Nicole

    Wow! Gott sei Dank haben sich Dein Weg und der der Janes gekreuzt. Du passt perfekt in Eure tolle Frauengruppe und ergänzt sie wunderbar! Bitte immer schreiben und niemals damit aufhören. Wir brauchen Deine Stimme, wir sind ein buntes Land. Ein Hoch auf Dich ❤

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    1. Fabienne

      Liebe Nicole, auch dir vielen Dank für deine Worte. Es freut mich ungemein so etwas zu lesen!

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  6. Lena

    Toller Artikel, vielen Dank! Meine Kinder, beide sehr blond, erschrecken auch jedes Mal, wenn ihnen in Spanien auf einmal im Supermarkt jemand in die Haare fasst….bisher ist es uns in Deutschland natürlich noch nicht passiert-und es war auch nie negativ konnotiert. Aber das ist auch nicht vergleichbar, nur dass es in der Tat immer übergriffig ist, und man staunt, was mancher sich herausnimmt.

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