Slow Sunday // Selbstliebe:
Vielleicht sind wir ja doch alle schön?

29.01.2017 Slow Sunday

This is Jane Wayne - Slow Sunday - Sind wir doch schön?

Die Selbstliebe und ich, wir sind uns immer noch nicht ganz grün. Vor allem seit ich das Gefühl habe, dass die ganze Sache – wie so vieles andere eigentlich-Gute – zweckentfremdet wird. Ich spreche zum Beispiel von dem scheinbaren Imperativ, dass es die zwei Riesenthemen „Selbstliebe“ und „Schönheit“ ausschließlich im Doppelpack gibt. Ich habe das Gefühl, ich werde laufend darauf hingewiesen, als sei es eine universelle Regel: Wer sich selbst liebt, hat sich auch schön zu finden (aber nicht andersrum).

Ich verstehe das nicht. Warum sollte Schönheit, sei sie jetzt eine Innere oder eine Äußere (wie auch immer wir diese definieren) bei der Selbstliebe eine Rolle spielen? Ist noch niemandem aufgefallen, dass der Abstand zwischen Realität und ehrlichem Glauben an „jeder Mensch ist schön und du musst eben lernen, dich selber schön zu finden, egal was andere sagen“ in etwa 7 Lichtjahre beträgt? Ein angeblicher Automatismus der Selbstliebe: „Finde dich schön, ist überhaupt nicht schwierig und ganz ehrlich, bitte reiß‘ dich auch ein wenig zusammen.“ Und schwupps findet man sich überaus famos und die Liebe zu sich selbst sprudelt nur so aus einem heraus? Eher nicht. Was wir brauchen ist eine Portion Wahrheit. Mit einem Sahnehäubchen Hoffnung. Ein Versuch. 

Wahrheit Numero 1

besteht darin, dass Schönheit eben nicht zu 100% subjektiv ist. Es gibt sie nämlich, die konsenstaugliche, objektive Schönheit und daran ist auch erstmal nichts verkehrt oder schlecht. Ja, sie ist geprägt von Social Media, Models und Magazincovern. Sie siedelt sich an, zwischen schwedisch angehauchter blasser und mittelstark getönter Gesichtsfarbe, 165 und 180 Zentimetern und gilt in der Regel ab einer mittleren Haarlänge, einer schlanken Figur mit nicht zu viel, aber eben auch nicht zu wenig Körperfett und ja, Photoshop ist keine Hilfe und manches ist auch einfach unmoralisch oder zumindest sehr, sehr kurz gedacht. Wenn ich nun also mit meinem Attributen in egal welcher Art und Weise aus diesem Raster falle, ist der Aufbau eines eigenen subjektiven Schönheitsideals ohne die Rückendeckung durch die Allgemeinheit gleich schon mal schwieriger. Ich muss mich dann selber toll finden, indem ich meine individuelle Schönheit herausstelle, ganz egal, wie sehr mir die Welt da draußen etwas anderes suggeriert. Ein eigenes Schönheitsempfinden muss man sich also in vielen Fällen erst einmal hart erarbeiten und zwar nicht durch hohle Mantraphrasen, sondern durch Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Ohne zu hohe Ansprüche und unrealistischen Erwartungen und auch ohne Selbstmitleid und Jammerei. Und vor allem hilft es niemandem weiter, diejenigen, die zufällig in den Gen-Topf gefallen sind, für ihre „objektive Schönheit“ runterzumachen.

Wahrheit Numero 2

ist die logische Schlussfolgerung aus Wahrheit Numero 1. Ganz im Gegenteil zu dem, was einem manchmal im wütenden Social-Media-Selbstliebe-Amok von anderen um die Ohren gehauen wird, kann nämlich in unserer Welt nicht jeder Mensch Model sein, Laufsteg-Mode präsentieren und so das Konsumverhalten anderer ankurbeln. Das ist schlichtweg Quatsch und realitätsfern. Auch durch ständiges Wiederholen rückt das Ganze nicht näher an die Wahrheit heran und viel schlimmer noch: Es setzt uns alle mit unseren Unsicherheiten und Wünschen noch mehr unter Druck. Nicht jeder Mensch ist in den Augen des Konsens äußerlich schön. Schönheit laut Konsens schließt auch Einzigartigkeit mit ein, aber Einzigartigkeit nicht unbedingt zwingend Schönheit. Können wir also bitte aufhören zu versuchen, uns die Welt um uns herum durch aggressives Wunschdenken so anzupassen, dass wir tatsächlich laut alle äußerlich gleich konsenstauglich schön sein können? Das lässt uns noch intensiver um das ganze Schönheitsthema kreiseln – und das auch noch völlig ohne Ergebnis. Das Thema wird künstlich aufgeblasen und wir verschaffen ihm eine völlig unangebrachte Flughöhe. Angebrachter wäre: Desillusionierung. Unser eigenes Schönheitsempfinden ist nun einmal abhängig von dem anderer und damit nicht 100% von uns selbst kontrollierbar. Das macht die ganze Geschichte wahnsinnig sensibel und zu einem sehr intimen und privaten Thema. Sensibilität gehört geschützt und behutsam gepflegt, sie braucht viel Geduld und möglichst wenig lautes Geschrei von außen.

Aber zeitgleich geschieht auch etwas Wunderbares,

sozusagen das Sahnehäubchen auf meiner heutigen Wahrheitsportion. Sind die beiden Wahrheiten erstmal verdaut, hat man es einmal hinter sich gebracht, sich über das fehlende Richtige im Falschen zu echauffieren, dann ist vielleicht etwas Platz gewonnen. Pause.

Platz dafür, dass das alles gar nicht wichtig genug ist. Warum weiter gegen Windmühlen kämpfen, wenn man doch längst erkannt hat, dass sie eben keine Riesen sind? Halten wir uns nicht mit Nebensächlichkeiten auf, konzentrieren wir uns auf die tollen Verschrobenheiten, die Sonderlichkeiten, die Eigenartigkeit und nehmen wir die Schönheit weniger wichtig – zumindest die plakative, oft etwas kurz gedachte Lesart von Schönheit, die auf Äußerlichkeiten getrimmte Version. Ich verspreche mir viel Leichtigkeit und Entspannung davon, im Kopf und im Leben. Egal wie man aussieht.

Credit: tumblr (nowandthere, wasbella102, prettylikeaprincess, vintage-retro), laurenconrad.com

14 Kommentare

  1. Victoria

    „Können wir also bitte aufhören zu versuchen, uns die Welt um uns herum durch aggressives Wunschdenken so anzupassen, dass wir tatsächlich laut alle äußerlich gleich konsenstauglich schön sein können?“ – am besten du fängst bei dir an und hörst auf dich durch die Augen anderer zu sehen. Unser Bewusstsein ist tief mit einander verwoben, da wo du bist sind alle. Wenn du dich erstmal aufhörst anzupassen wirst du sehen wie viele andere um dich herum dasselbe tun. Objektive Schönheit gibt es nicht, was du meinst ist Mainstream. Der ist nicht Objekttiv, sondern für eine breite Masse an Menschen die sich selber nicht sehen und deswegen anpassen & Trends hinterherlaufen.

    „Unser eigenes Schönheitsempfinden ist nun einmal abhängig von dem anderer und damit nicht 100% von uns selbst kontrollierbar.“ – werde zur Direktorin deines eigenen Films. Alles was in deinem Leben passiert ist von dir kontrollierbar.

    Hier noch ein kleiner Reminder:
    Erst kommt ein Gedanke über euch selbst, dann folgt die äußere Welt der physischen Manifestation.
    Was ihr denkt, das erschafft ihr, was ihr erschafft, das werdet ihr, was ihr werdet, das bringt ihr zum Ausdruck, was ihr zum Ausdruck bringt, das erfahrt ihr, was ihr erfahrt, das seid ihr, was ihr seid, das denkt ihr ! – der göttliche Kreislauf

    Ich glaube ich habe bereits unter dem Text, dass Liebe weh tut, einen Komentar hinterlassen. Beides hört sich an wie ein Hilfeschrei. Tu dir selbst gutes, wer das Leben lebt um anderen zu Gefallen und sich stets aus deren Augen betrachtet, der lebt garnicht. Und das Leben auf Seite der Liebe ist wunderschönön. Komm Julia, die Liebe findest du nicht auf dem Runway oder auf Werbeplakaten. Komm dahin wo die Liebe wächst, komm an bei dir.

    „Wenn nicht jeder eine Schönheit ist, dann ist es niemand“– Andy Warhol

    Liebe Grüße
    Vic

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    1. Ann-Sophie

      Dieser Beitrag hier ist hoffentlich Trolling… Mal ganz abgesehen von dem esoterischen Geschwätz mit göttlichem Kreislauf, finde ich es nicht korrekt, als LeserIn an die Schreiberin Julia direkt zu appelieren und ihr Ratschläge zu erteilen. Sie schreibt hier in einer essayistischen Form; das ist NICHT mit einem Tagebuch gleichzusetzen. Inwiefern Autorin und Text Überschneidungspunkte haben, sollte für uns als anonyme Leser irrelevant sein. Alles andere, wie etwa die „persönlichen Ratschläge“, oder auch die Interpretation der Autorentexte als „Hilfeschrei“, auf den man in einer gönnerhaften Art & Weise mit ein paar Sprüchen aus dem Zen-Taschenkalender reagiert, ist eine unangebrachte und von persönlicher Ignoranz und Eitelkeit geleitete Reaktion.

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  2. ira

    ich möchte an deinen letzten abschnitt anknüpfen und noch etwas ergänzen: die allgegenwärtige aufforderung, sich doch selbst zu lieben und schön zu finden ist ein diskurs, der vorrangig unter frauen zu finden ist. und so sehr ich das ziel dahinter unetrstütze, problematische normen von weiblichkeit und schönheitsideale infrage zu stellen, so sehr finde ich es problematisch, dass wir dabei auch weiterhin „schönheit“ als wichtig und erstrebenswert postulieren. jedes mal, wenn wir hervorheben, wie toll eine modestrecke mit „echten“ frauen ist, bestätigen wir gleichzeitig, dass sie vom herrschenden ideal abweicht. und damit reproduzieren wir doch auch genau die stereotypen, die wir eigentlich gerne abschaffen würden. denn, wie julia auch bemerkt, man kann sich nicht einfach von dem bewusstsein frei machen, was konventionelle schönheit ist und dass man diese standards mehr oder weniger erfüllt. von daher fände ich es wünschenswert, wenn schönheit nicht weiterhin als das wichtigste merkmale unter frauen gesehen wird und wir dann auch gar nicht mehr extra betonen müssen, dass wir schön sind wie wir sind, weil auch ganz viele andere aspekte eine persönlichkeit ausmachen.

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  3. Anna

    Ich finde das richtig, was du schreibst, und möchte das ergänzen. Es gab doch mal eine Kampagne, war das von Dove?, in der Frauen durch eins von 2 Toren gehen sollten: „beautiful“ und „average“. Die, die sich für durchschnittlich hübsch hielten, so die Idee, hätten kein gesundes Selbstbewusstsein, das Dove (oder wer immer es war) ihnen mit Hilfe bestimmer Produkte vermitteln wollte. Hallo, geht’s noch? Natürlich sind die meisten von uns durchschnittlich hübsch. Es geht ja gar nicht, dass fast alle überdurchschnittlich hübsch sind (statistisch wäre das nur möglich, wenn es einige super-hässliche Menschen gäbe. Tolle Alternative.) Ich fände es eher widerlich, wenn Selbstliebe hieße, glauben zu müssen, man sei besser als andere Frauen. Und dass noch in einer Hinsicht, in der uns gern Konkurrenzdenken eingeimpft wird, und dann Solidarität verhindert. Außerdem geht das ja für die meisten von uns nur mit Selbsttäuschung.
    Was ich statt dessen anstreben ist zu sagen, durchschnittlich hübsch ist hübsch genug. Ich fühle mich damit wohl in meiner Haut. Ich brauche mich nicht schämen oder verstecken. – Ich finde, das ist die eigentliche feministische und sich selbst liebende Haltung. (Aber auch: ich bin okay, auch wenn ich mich über meine Pickel ärgere. Das ist kein Zeichen mangelnder Emanzipation.)
    Es geht also nicht nur darum Schönheit nicht so wichtig zu nehmen, sondern die Prämissen hinter dem Finde-dich-Schön-Imperativ zu erkennen – „du bist nur wertvoll wenn du auch schön bist“. Dann kann man sie als das erkennen was sie ist, Bullshit nämlich. In diesem Sinne: habt euch lieb <3

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  4. pi

    ich glaub, ich verstehe, was du meinst, sehe selbstliebe aber aus einer vollkommen anderen perspektive.

    ich finde es super spannend, wie wenig selbstliebe und auch glücksempfinden und zufriedenheit und das im-reinen-sein mit sich und seinen umständen von objektiven fakten wie schönheit und „sie hat ja alles“ abhängen. es ist so viel mehr eine frage der inneren haltung, der gefühlten sinnhaftigkeit des lebens und des gefühls, in sich und in seinem sozialen umfeld gut aufgehoben zu sein, als eine der oberflächen.

    ich kenne wunderschöne frauen, die sehr unglücklich mit sich sind und oftmals denke ich, dass es auch damit zusammenhängt, dass sie viel zu sehr gedanklich um ihr aussehen kreisen, wahrscheinlich auch vom umfeld getriggert. schön zu sein ist fluch und segen zugleich. wenn man immer mehr fokus darauf lenkt, vergleicht man sich immer mehr. und da es einerseits viele andere typen von schönheit gibt, die man einfach nicht alle ausfüllen kann (kurvig vs androgyn, kühle blonde vs warme brünette etc). und man andererseits automatisch immer älter und subjektiv weniger schön wird, führt der versuch, selbstliebe mit schönheit zu verknuspeln automatisch in eine sackgasse.

    natürlich gibt es objektive schönheit, aber diese korreliert nicht mit selbstliebe, glück und auch erstaunlich wenig mit charisma und ausstrahlung. kennt nicht jeder maskenhafte, unnahbar und hölzern wirkende barbiedolls und imperfekte, strahlende, warme und glücklich wirkende wonnefrauen? na klar, das sind klischees, aber sie zeigen, dass objektive schönheit weder garant noch katalysator für selbstliebe ist.

    ich habe es hier schonmal geschrieben: selbstliebe ist nicht selbsterhöhung, sondern selbstüberwindung (english self transcendence). sie entsteht, wenn man lernt, mehr im hier und jetzt zu leben und das richtige zu tun (was man für wahr hält und was sich richtig anfühlt), anstatt sich von seinen gedanken mitreißen und zu vergleichs- und statusspielchen hinreißen zu lassen. und sie entsteht, wenn man liebe gibt und über seinen schatten springt, anstatt sich selbst erhöhen und besserstellen zu wollen. das klingt vielleicht nach „mantra“ und esoterischem herbeigezauber, aber es ist eine profunde wahrheit, über alle zeiten, religionen und philosophien hinweg. auch hier kann ich bei interesse wieder nur empfehlen, sich mehr mit glücks- und zufriedenheitsforschung, intrinsischen und extrinsischen lebenszielen, meditaion und achtsamkeit auseinanderzusetzen. all dieses, sich so „new agey“ anhörende feel-good geplänkel ist knallhart empirisch belegbar.

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    1. Jessy

      Liebe Pia,

      Ich bin ganz dringend dafür, dass du deinen eigenen Blog startest. Oder hier regelmäßig als Autorin auftrittst. So oder so sind deine Gedanken eine echte Bereicherung im www.

      Liebe Grüße,
      Jessy

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      1. pi

        ach, du liebe <3
        das dicke kompliment kam grad genau zur richtigen zeit und beflügelt mich jetzt , trotz rotz und fieber den rest meiner masterthesis zusammenzuschreibseln und endlich wegzurocken. danke!
        wenn ich danach jemals noch einen satz schreiben mag, melde ich mich =D.

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      2. Kristiane

        Da kann ich mich nur anschließen und mir Dich Pia obenauf als Kandidatin für die Kategorie „Books that shaped & saved my life“ herbeiwünschen 🙂

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    2. Carina

      Liebe Pia,

      inzwischen gucke ich immer gezielt nach Kommentaren von dir – du machst immer so spannende Perspektiven auf! Ich stimme meinen Vorrednerinnen zu, du brauchst einen eigenen Blog!
      Liebe Grüße!

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  5. Anna

    „Es gibt sie nämlich, die konsenstaugliche, objektive Schönheit und daran ist auch erstmal nichts verkehrt oder schlecht.“ – Ja, die gibt es, aber wir vergessen oft, dass unser Schönheitskonsens auch nur in westlichen Länder funktioniert. Andere Kulturen, andere Schönheitsideale. Unseres ist nicht global gültig, das ist leider oft nicht ganz auf dem Schirm und relativiert daher den oben genannten Konsens leider nicht in dem Maße, in dem er relativiert werden müsste.

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