„Ich snappe, also bin ich.“
– Was Kim Kardashian & René Descartes gemeinsam haben

08.02.2017 box2, Gesellschaft, Leben

ich snape also bin ich snapchat work out kim kardashianEin Gastbeitrag von Anneli Botz.

„I never Snapchat my workouts, just because I don’t know why — I’m just not Kourtney and Khloe. But it’s like, if I don’t Snap it, then it’s as if it never happened. But I work out every single day for over an hour“, ließ Kim Kardashian neulich mit Hasenohren und Mäuschenstimme über ihren Snapchatkanal verlauten. Was im ersten Moment als gewohnt naives Blabla aus der sogenannten „Reality World“ erscheint, lässt bei näherer Betrachtung tiefer blicken.

Doch beginnen wir mit einer kurzen Bestandsaufnahme:

Reality Queen Kim Kardashian rackert sich nach eigenen Angaben tagtäglich im Fitnessstudio ab, steppt stundenlang auf dem Crossfittrainer, hört dazu möglicherweise Enrique Iglesias und trainiert so lange, bis sie im Anschluss jede einzelne Faser ihres Körpers spüren kann. Dabei begeht sie allerdings einen Kardinalfehler und versäumt, ihr Workout via Snapchat mit ihren Follower zu teilen, was im Umkehrschluss zu dem Dilemma führt, dass es sich für sie gar so anfühlt, als hätte die schweißtreibende Selbstkonditionierung nie stattgefunden. Ganz im Gegensatz zu „Kourtney und Khloe“, die es neben der Zurschaustellung aller Banalitäten ihres Alltags natürlich nicht versäumen, auch die gemeinsame Fitnessroutine ins Virtual Web zu senden. Ob die beiden aber tatsächlich trainierten, oder eigentlich frei nach dem Prinzip agierten, „Signature-Hintern in hautenge Leggings quetschen, ein paar Wasserspritzer ins Gesicht, das Bein hoch auf die Hantelbank, Kamera drauf, 20 Sekunden snappen, Workout over“, ist dabei völlig egal.

Es ist sogar dann noch egal, wenn die beiden wenig später nach „getaner“ Arbeit an der Hotelbar stehend eine Pina Colada schlürfen und Schwester Kim sich mit brennenden Waden dazu gesellt (sie hat ja tatsächlich trainiert). Es lässt sich festhalten, Kourtney und Khloe haben nicht trainiert, aber gesnapt, Kim hat trainiert, aber nicht gesnapt, ergo: Kim hat nicht trainiert, die anderen schon. Im übertragenen Sinne: eine Tätigkeit hat erst dann wirklich stattgefunden, oder fühlt sich stattgefunden an, wenn sie sich im Social Media Netz immateriell materialisiert hat.

Warum aber ist das Ganze nun interessant? Das hängt natürlich damit zusammen, das Schwester Kim hier ganz unfreiwillig (oder vielleicht doch freiwillig? Ist sie gar völlig unterschätzt und war dies eigentlich der geniale Schachzug einer ironisierenden Selbstpersiflage?) ein Phänomen angesprochen hat, das auf eine große Masse treuer Nutzer der Social Media Gemeinde zutrifft: Die Persönlichkeitsentfremdung durch die Parallelwelt der sozialen Netze.

Im Jahr 1637 erklärte der französische Philosoph René Descartes, dass sich das ‚Ich’ darüber konstituiert, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, zu erkennen, selbst ein denkendes Wesen zu sein. So lautete Descartes’ Kausalzusammenhang „Cogito ergo sum“, „Ich denke, also bin ich.“ Wir sprechen hier vom sogenannten Selbstbewusstsein, oder anders, sich des eigenen Selbst „bewusst zu sein“. Überträgt man Descartes’ Erkenntnis nun ins 21. Jahrhundert und lässt darüber den Kim Kardashian Filter laufen, müsste eine zeitgemäße Interpretation des „cogito ergo sum“ heißen: „Ich snappe, also bin ich.“ Beziehungsweise: „Wenn ich nicht snappe, fühle ich nicht, dass ich bin.“ Das Erlebte gilt demnach nur als wertvoll erlebt, sofern es mit einer anonymen Masse geteilt wurde.

Dieses Phänomen trifft natürlich nicht nur auf Kardashians Kim, Khloe und Kourtney zu, sondern auf einen großen Anteil der regelmäßigen User von Snapchat, Instagram und Co. Der Urlaub ist erst richtig genossen, sobald auch die Anderen mitgenießen, das Abendessen schmeckt erst dann, wenn auch die Anderen sehen konnten, was denn auf den Teller kommt. „Die Anderen“ sind hierbei eine undefinierbarer, anonyme Menge, oder manchmal eben Masse. Wer sich darunter befindet, ist erstmal egal, Hauptsache, man hat Zeugnis abgelegt. Hauptsache man hat bewiesen: „Ich war da“. Was aber passiert, wenn es sich plötzlich ohne dieses Zeugnis gar nicht mehr so anfühlt, als wäre man da gewesen? Was macht diese Art der Entpersonalisierung, diese Verschiebung des „Selbstbewusstseins“ auf Dauer mit den Köpfen? Nicht mehr nur hängt jetzt das SelbstWERTgefühl von dem Urteil einer imaginären Anzahl von Personen ab (likes likes likes, klar dieses Problem ist fast ein alter Hut), nein, auch das Selbstgefühl des eigenen „Ich“ ist jetzt angewiesen auf den einen Klick auf den Button des Smartphones, das so smart dann doch nicht ist. Denn wie wirkt sich diese Persönlichkeitsverschiebung 2.0 auf Dauer, also Generationen später, auf die kognitiven Fähigkeiten aus? Was macht sie mit dem Selbstbewusstsein der Jugendlichen, die ausschließlich in der Welt von sozialen Portalen groß werden, die nicht, wie viele von uns, noch ohne eine Selbstentsprechung in der viralen Welt aufgewachsen sind? Fragen über Fragen. Wirklich erkannt hat am Ende wahrscheinlich nur Kim K., was die Welt im Innersten zusammenhält: ein Ladekabel, eine Steckdose, ein Mobiltelefon und ein stets funktionierender Internetzugang.

Wearing Yeezy Season with Yeezy

Ein von Kim Kardashian West (@kimkardashian) gepostetes Foto am

Anneli Botz, 31, lebt in Berlin und ist freischaffende Redakteurin und Autorin. Zudem entwickelt sie als Kuratorin Projekte, die sich der ästhetisch-konzeptuellen Darstellung gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen widmen: www.pointproject.de

5 Kommentare

  1. Isa

    Großartig! Ich bin begeistert von diesem Artikel. So leicht und dennoch so auf den Punkt, trotz des Einbringen von Descartes (der Herr ist ja schon etwas anspruchsvoller). Nicht schlecht 😉
    Ich muss es dringend loswerden, diese Seite ist einfach toll. Ihr schafft es, „hochwertigen“ Inhalt online zu stellen, in allen Bereichen. Und bei der Mode fängt es erst an. Man merkt, ihr seid alle eine clevere Truppe junger Frauen, die sich für das Leben interessiert. Für die Ästhetik aber auch für alles drum herum. Und dafür bin ich euch echt dankbar. Das findet man sonst nur sehr schwer im (welt)weiten Web (ich finde es sonst nirgendwo sonst, was aber auch nichts heißen muss).
    Noch dazu kommt ihr sehr natürlich, glaubwürdig und sympathisch rüber – sogar ohne eure eigene Meinung und Haltung dafür einbüßen zu müssen. Es ist sehr erfrischend, dass es so etwas in dem Einheitsbrei der ganzen Blogs noch zu finden gibt. Es macht richtig Spaß auf eure Seite zu klicken, vielen Dank dafür!

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  2. Vera

    Da kann ich Isa nur zustimmen, ihr seid meine liebste Webadresse für Denkanstösse jeglicher Art, ihr seid super, ich bin begeistert von jeder einzelnen von euch, macht weiter so! <3

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  3. Marion

    Guter Artikel, aber eigentlich ist es eine Beleidigung für Herrn Descartes im Zusammenhang mit den Mitgliedern der Familie K….. genannt zu werden. Das Phänomen Kardashian ist für mich ein Zeichen der völligen Verblödung unserer Gesellschaft und nicht würdig, auf eurem (ansonsten intelligenten und interessanten) Blog aufzutauchen. Ich hoffe, dass ich diese Parasiten auf eurer Seite in Zukunft nicht mehr sehen muss!

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