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I am a Quitter.

09.02.2017 Kolumne, Leben

kolumne i am a quitter fabienne sandIch sag’s, wie es ist: Anstiege, die exponentiell verlaufen, waren noch nie mein Ding und nein – ich rede nicht von meiner voll ausgeprägten Dyskalkulie, sondern von dem Unwort sondergleichen welches sich „Karriereleiter“ nennt. Was soll das überhaupt bedeuten, Karriereleiter? Ein „Steil-nach-oben-und-niemals-verweilen“-Prinzip setzt ja voraus, dass es nicht darum geht, bei etwas Schönem zu verweilen, sondern immer nach der nächsten Sprosse zu streben. Wo es dabei hingehen soll, ist ganz klar und zwar an die Spitze zu den Dagobert Ducks, den hyper erfolgreichen und super Perfekten Zu den Alleskönnern unseres Planeten. Ein Berufswunsch steht da vielleicht schon seit der Wahl der Leistungskurse fest, die Unizeit wird mit einem feschen Auslandsaufenthalt aufgepeppt und der Traumjob nach dem Traumpraktikum folgt natürlich prompt. Und was ist mit mir?

Ich ziehe mit Zwanzig schnurstracks in die Hauptstadt. Da ist es eh viel cooler und ich könnte was mit Kunst studieren, denn da war ich mal ganz gut drin. Kein Ziel vor Augen haben und trotzdem bestrebt auf irgendetwas wie Erfüllt- und Glücklich sein hinarbeiten geht nämlich auch, wenn man seinen Weg nicht so richtig plant. Hier und da mal für ein paar Pausen unterbrechen, sich neu orientieren oder verschnaufen, um fix wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen. „Was willst du mal werden, wenn du groß bist?“. Wann muss ich das entscheiden und ab wann bin ich eigentlich groß? Bis heute kann ich keine der drei Fragen beantworten. Aber ich fühle mich ganz fabelhaft dabei. Fast vier ganze Jahre hat es mich gekostet, meine Nase mal hier, mal da hineinzustecken und wieder herauszuziehen, um am Ende vor allem festzustellen, was ich nicht will (was übrigens auch eine wertvolle Erfahrung ist!). Und nun? Nun bin ich im zweiten Monat des Jahres 2017 irgendwo zwischen maximal zufrieden und himmelhoch jauchzend. Und das, obwohl ich eine Aufgeberin bin.

Eine Ernährungsumstellung geht nur von Montag bis Mittwoch, wenn ich meine Wohnung umstrukturiere, verzweifle ich nach der ersten Hälfte, und sitze ich an einem Text, bringe ich ihn erst beim zweiten Anlauf zu Ende. Ich kann Dinge nicht einfach durchziehen. Ich gebe schnell auf und ein Fleißbolzen bin ich auch nicht. Wie fühlt sich dieses „wenn ich mir etwas vorgenommen habe, ziehe ich es auch durch“, eigentlich an? Oh nein, das bin so ganz und gar nicht ich und – schwups – da war er: ein Studienabbruch mit gerade 20 und Mutter und ich kurz vor der Schwelle zur absoluten Verzweiflung. „Das kommt davon, wenn man die Stadt über das Studienfach entscheiden lässt“, habe ich mir damals oft angehört. Daraufhin habe ich mich selbstmitleidig in einer dunklen Weddinger Erdgeschosswohnung verkrochen, bevor ich anfing auf 450€ Basis in einer schäbigen Boutique zu arbeiten und einer blasierten ‚ich arbeite in der Berliner Modebranche‘-Illusion nachzueifern. Tag für Tag fröhlich MTV „The Hills“ am Computer zu streamen, kann dich ja nur auf dumme Gedanken bringen, würde ich fast sagen, wenn die ober Aggro-Power-PR-Frau der Serie, Kelly Cutrone, nicht eine tragende Rolle bei meiner darauffolgenden Berufswahl gespielt hätte.„Mach doch was mit Werbung“, hatte Mama Sand mir früher schon gesteckt und da PR ja fast wie Werbung ist, wurde ich chronische Showroompraktikantin, PR Agentur Fußabtreter, irgendwann Azubine, PR-Assistant und am Ende fast zufrieden.

Da geht doch noch was. Da kann man noch einen draufsetzen. Da huscht dann schon aus Versehen der eine oder andere Blick über den eigenen Lebenslauf und man vergleicht sich ganz schnell mit seinen wundervoll zielstrebigen Freundinnen. Und ist urplötzlich zu Tode betrübt. Was soll jetzt nur werden? Die Verwandten reden auch schon. Wo ist eigentlich mein Kinderzimmer und die gute alte Schulzeit? Da lief nämlich immer alles nach Plan, da musste man keine Entscheidungen treffen und vor allem nur minimale Verantwortung tragen.  An dem Punkt, an dem man nur noch über sich selbst mosert und meckert und ja ach so unzufrieden ist, sollte man twas ändern. Aber pronto. Egal ob Frisur, die olle Orchidee auf der Fensterbank oder die eigenen Essgewohnheiten. Vielleicht sogar eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens bis jetzt, ein bisschen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das klingt immer so abgedroschen. ja. Ich musste aber feststellen, dass mir die albernsten und nervigsten Redewendungen doch noch immer besonders leicht von der Zunge gehen und so viel Wahres in ihnen steckt. Wenn Fabienne auf ihr Herz hört, wie man so schön sagt, redet das nicht von der nächsten Leitersprosse am schicken PR-Himmel. Es redet davon, vielleicht doch noch mehr Zeit zu brauchen, davon, dass Kommunikationswissenschaften irgendwie ja auch super klingen und pfeift dabei auf finanzielle Unabhängigkeit. So etwas kostet ein bisschen Mut. So etwas kann dann auch schnell bedeuten, eher eines der älteren Semester im Hörsaal zu sein. In meinem Fall wurde ich aber mit endloser Glückseligkeit und einer stolzen Mutter belohnt. Das ist mehr als nur ein Trostpflaster.

Herzentscheid schlägt Kopfentscheid und das hat mich bis heute immer zufrieden gemacht. Nach dem Glück einer Zusage an der Wunschuni war 2016 wohl fast so etwas wie ein persönliches Highlight-Jahr und ging auch nach dieser frohen Botschaft beinahe ungetrübt seinen Weg weiter. Aus gutem Grund habe ich mir Stress im Allgemeinen zum Jahresanfang gespart, Vorsätze links liegen gelassen und alles ausnahmsweise mal ganz genau so gelassen wie es ist. Verweilt also, obwohl ich doch eine Aufgeberin bin. Auch nicht schlecht. Verweilen macht Freude. Neues zu wagen ist mutig. Seinen eigenen Weg zu finden unerlässlich.„Wenn du dich selber suchst, hör auf dein „Herz Boom Boom“, singt Clueso in einer meiner Jugendhymnen und das erst zehn Jahre später zu begreifen, ist auch viel wert.

8 Kommentare

  1. Franzi

    Danke für den Text! Du bist nicht allein ;-)! Ich bin über mehrere Umwege, Jobs und Branchen Controllerin geworden. Zuvor habe ich als Journalistin volontiert, Kunstgeschichte & Wirtschaft zuende studiert und ganz davor auch mal ein Studium abgebrochen. Für die jeweilige Zeit hat es sich gut angefühlt und jetzt weiß ich vor allem, was ich nicht will. Ich bin stolz auf die Erfahrungen, die ich gemacht habe, merke allerdings, dass dieser straighte Karriereweg gerade in Personalerköpfen noch viel zu sehr verankert ist. Was mich zum Glück nicht mehr kümmert, denn dort, wo ich jetzt bin, gehe ich nicht mehr weg!

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  2. Rike

    <3 Wie schön, so etwas zu lesen, und wie schön auch mal so ehrlich schwarz auf weiß zu sehen, dass es auch anderen so geht…und, dass das trotz einiger Zweifel hier und da, eben auch ein Weg ist, sein Leben zu leben, mit dem man durchaus sehr glücklich sein!!

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