Warum ich „Style The Bump“
nicht mehr hören kann.

09.03.2017 Feminismus, Kolumne, Leben, Mode

Ich möchte nicht gehässig klingen, wirklich nicht, aber wenn ich irgendwo den Hashtag #Stylethebump lese, möchte ich mir ein blickdichtes Brett vor den Kopf schnallen. Eines, das ebenso robust und beständig ist wie die allseits verbreitete Annahme, eine gut gekleidete Schwangere sei etwas Aufsehenerregend. Etwas Besonderes. Als hätte man eine Art Auszeichnung dafür verdient, wenn man in der Lage dazu ist, sich trotz Babybauch ein hübsches Kleid überzuwerfen, dafür, dass man im Angesicht der Hormondusche nicht verlernt hat, Lippenstift aufzutragen.

Böse Zungen könnten mir jetzt unterstellen, ich würde all den werdenden Müttern da draußen auf die Füße treten wollen, ihnen den wohlverdienten Lob nicht gönnen. Dabei geht es mir um das Gegenteil. Darum, dass mir viele der medialen Huldigungen in Wahrheit wie Hohn vorkommen. Überall liest man Headlines wie „Stylish und schwanger – diese Promimütter zeigen wie es geht“. Als würde das eine das andere normalerweise ausschließen.

Ich mag da sehr sensibel und pingelig sein, vielleicht auch, weil ich mich als Schwangere selbst stets über Bemerkungen bezüglich meiner Garderobe gewundert habe. Komplimente sind schön und lieb gemeint, gar keine Frage. Aber neulich, da saß ich in der Ubahn und lauschte mehr unfreiwillig als freiwillig einem Gespräch, das zwei junge Frauen gleich nebenan führten. Offenbar hatten beide eine gemeinsame Freundin, die nun in siebten Monat war, was sehr schnell zu im Grunde höchst freundlichen Beobachtungen führte; „Für eine Schwangere sieht Julia echt super aus“ hieß es etwa, oder „und sie zieht sich auch noch echt gut an und ist total normal drauf“. Das klingt ja beinahe, als seien Schwangere normalerweise kugelrunde Pyjama-tragende Motztanten. Natürlich gibt es auch solche, das möchte ich gar nicht anzweifeln. Ich glaube aber, sie sind die Ausnahme. Deshalb finde ich es wichtig, daran zu erinnern, dass Schwangere eben einfach schwanger und nicht krank sind. Dass Schwangere vor allem Frauen sind, und zwar irgendwie dieselben wie zuvor auch, ganz ohne Baby im Bauch. Wer vorher nett war, wird auch schwanger nett bleiben, mit ein paar kleinen umstandsbedingten Aussetzern natürlich, und wer stets Muße in sein Äußeres investiert hat, der wird nicht plötzlich damit aufhören. Meistens jedenfalls. Und wenn, dann ist das auch ok. Nein, Moment: Es ist egal.

Irgendwann geht einem dann vielleicht nämlich doch die Puste aus und die Lust am Ankleiden verloren, weil der Körper plötzlich ganz anders aussieht und man überhaupt keine Ahnung hat, wie man das alles überhaupt noch unter Kleidung quetschen soll. Ja aber gerade deshalb braucht man doch all die #Stylethebumps, werdet ihr jetzt sagen. Ich frage mich aber: Wirklich? Macht einen der Hype um dieses „formidable aussehen müssen“ nicht mehr Banane in der Birne als dass es wirklich hilft? Hier kommen wir nämlich zum nächsten Knackpunkt besagter Headlines. Suggerieren sie nicht vielmehr, dass jede Schwangere, die es aus ganz persönlichen Gründen nicht schafft oder für nötig hält, permanent wie aus dem Ei gepellt das Haus zu verlassen, ein sich gehen lassender Lappen ist? Müsste man nicht eher dafür sorgen, dass Schwangere nicht weiter an ihrer Garderobe und dem Druck von Außen verzweifeln und stattdessen lernen, sich wohl und schön zu fühlen mitsamt aller schrägen und neuen Dinge, die in dieser Zeit mit dem Körper passieren?

Es bleibt kompliziert und mein Hirn verknotet sich gerade ehrlich gesagt ob dieses im Grunde nichtigen Themas. Vielleicht macht einfach der Ton die Musik. Die Absicht unterschiedlichster Style-Posts ist ja eine interessante, bloß bleibt die Umsetzung schwierig. Was ich als Schwangere jedenfalls gebraucht hätte, sind weder perfekte Abziehbilder noch Stilikonen oder Druck von Außen und auch keine Sonderbehandlung, sondern praktische Tipps. Wie kann ich meine Lieblingshose möglichst lange tragen? zum Beispiel. (Mit Haargummi, das wie ein ∞-Zeichen vom Knopfloch zum Knopf führt). Ich hätte mir zudem wirklich gewünscht, dass mein Aussehen überhaupt keine größere Rolle als sonst auch gespielt hätte, dass es zumindest nicht permanent um den Bauch gegangen wäre, den man so toll versteckt oder in Szene gesetzt hat. Ganz unabhängig davon, ob ich denn nun gerade einen glamourösen Sophia-Loren-Tag gehabt hätte oder wie Rumpelstilzchen über den Bordstein geknattert wäre. Manchmal sieht man eben super aus und manchmal richtig, richtig scheiße. So ist das als Mensch doch immer.

12 Kommentare

  1. Natürlich Schöner

    Ich glaube, kaum jemand bekommt so oft zu hören, wie sie zu sein hat, was sie zu tun hat usw. wie Mütter oder werdende Mütter. Sobald man eine Kugel vor sich her schiebt oder später einen Kinderwagen, meint jeder, er/sie müsste einem einen guten Rat geben. Und letztlich ist dieses ganze #stylethebump etc. nix anderes. Ich gebe dir völlig recht, Frau ist wie sie ist, daran ändern auch Schwangerschaft und Muttersein kaum etwas. Eigentlich hilft bei all dem nur eins: ignorieren und einfach das eigene Ding durchziehen 🙂

    LG Michaela

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  2. Julia-Maria

    Ich kanns noch hören/lesen – ohne schwanger zu sein. Wenn ich mich aber recht an drei Jahre zuvor erinnere, hätte ich mir diesen Hashtag gewünscht. Ich hab die Schwangerschaft als (neben der Pubertät rückblickend) die Zeit meines Lebens mit dem größten Orientierungsbedarf wahrgenommen. Und zwar in allen Fragen. Zur Gesundheit und Entwicklung des Kindes und mir selbst, aber eben auch ganz alltäglichen Fragestellungen, wie „Was zieh ich an mit XYZ Zentimetern mehr Bauchumfang?“
    Zumindest damals war „stylishe“ Schwangerschaftsmode schwer zu finden und ich war froh um jeden Tipp zu einschlägigen Labels oder Ideen, wie man „normale“ Kleidungsstücke entsprechend stilvoll kombinieren und umfunktionieren kann.
    Neben dem Aspekt der Auffindbarkeit: Ohne natürlich krank zu sein, hatte ich während der Schwangerschaft durchaus kreative Ausfälle und stand in Stilfragen auf der Leitung.

    Dein Argument des Aufbauens einer Drucksituation kann ich nachvollziehen, aber ich hätte – ohne hier drauf gestoßen zu werden – es niemals so wahrgenommen. Letztlich baut doch dann jeder Rat gebende Beitrag, jedes „How to“, Druck auf. Ich mag deine Analytik und Fähigkeit über das Buzzword hinauszuschauen, aber in diesem Fall finde ich, dass du zu viel aus einem Hastag machst. #bumpstyle #stylethebump – hört sich in meinen Ohren einfach cooler an als #schwangerschaftsoutfit #umstandsmode!

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  3. Flo

    Hm, ich verstehe schon was du meinst, aber ich glaube ehrlich gesagt dass das im Moment eher die Counter Bewegung dazu ist, dass ich den Eindruck hatte dass man sich vor 5-10 noch bitte _nicht_ modisch anziehen _sollte_ als Schwangere. Grosse Saecke und haessliches Zeugs, aber bitte nicht fesch. Deshalb begruesse ich es eher dass es mittlerweile in den Vordergrund gestellt wird dass es sich eben _nicht_ widerspricht schwanger und ganz normal gekleidet zu sein bzw dass es ein gutes Angebot an „Umstandsmode“ gibt die nicht nur praktisch/haesslich ist. Ich glaube du urteilst da ein wenig zu sehr aus deiner Perspektive, da es fuer dich vllt schon immer selbstverstaendlich war, falls du verstehst was ich meine 😉

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  4. Caro

    Ich kann den # auch nicht mehr lesen, aber nur deshalb, weil ich ihn so doof gewählt finde. Ich style ja nicht nur meinen Bauch… vielleicht wäre #stylemitbump besser, aber hey, man kann nicht alles haben. Jedenfalls finde ich es fein, wenn sich in Sachen Schwangerschaftsmode was tut. Den Teilen kann man ja die Funktionalität nicht absprechen, aber es wäre doch was, wenn nicht alles Streifen oder Blümchen hätte. Zurück zum Thema – wenn #stylethebump dazu führt, dass sich Schwangere inspirieren lassen, und dadurch ein bisschen mehr Freude haben, den Schwangerschaftsbauch bei 40 Grad oder Eiseskälte durch die Gegend zu tragen, dann ist es gelungen. Wie mir die Ideen ausgegangen sind, habe ich schon auch herumgeschaut, was andere Schwangere denn in den Wochen 30+ so angezogen haben. Denn wenn man sich in den Anziehsachen wohl fühlt, ist man ja auch gleich zufriedener. Und eine zufriedene Schwangere macht ein zufriedenes Buzi 😉 Insofern ist für mich der # ok. Wenn man ihn eben unterstützend und motivierend liest.

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  5. anvic

    Ich denke der Casus Knacksus liegt in diesem gott-verdammten wort „style“ … es suggeriert eben immer (egal ob schwanger oder nicht) einem, dass was von hässlich zu hübsch gemacht werden muss. Von langweilig zu woooah. von dick zu schlank. oder andersrum usw. wenn ich mir mein schwangeres, kinder-habendes Freundes und Kollegen Umfeld so ansehe, dann bemerkte ich: es ist halt nicht so easy mit so einer äußerlichen/seelische/und auch hormonelle Veränderung mal locker flockig innerhalb von 9 Monaten umzugehen (vielleicht auch als Normalo, nicht-100%-modeaffiner blogger-mensch, nicht böse gemeint, sondern einfach die große breite Masse). Somit wird es natürlich „bemerkt“ – von allen und vor allem von einem selbst. Wer nimmt denn schon innerhalb von 9 Monaten 15-20 kilo zu? Da muss man schonmal mit umgehen können. Das kann nicht jeder so einfach. Stark und selbstbewusst genug sein, um das alles mal eben zu akzeptieren. Die wenigsten bekommen 1000x am Tag gesagt, wie toll, hübsch und bewundernswert man ist. Die bekommen vielleicht mal 1-2 Komplimente in der Woche und müssen sich den Rest an positiver Bestätigung mühsam zusammenkratzen. Denen fällt es vielleicht schwerer, sich mit den Kommentaren andere abfinden zu können und zu sagen: Scheiß drauf, ich fühl mich wohl mit der Kugel, wozu jetzt nen Hehl drum machen. I know what you mean: ich bin auch dafür das Thema etwas „natürlicher“ und positiver zu behandeln, als immer gleich „die armen Schwangeren“ zu denken. Aber ob die Realität hier in D das mitmacht, bezweifel ich … noch …

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  6. Sibille

    Ich verstehe die Aufregung über diesen Hashtag ehrlich gesagt nicht so ganz. Was ist denn daran verwerflich, dass sich schwangere Frauen schön finden und fühlen wollen. Oder es sich bei anderen abgucken. Denn es ist nicht für jeden (wahrscheinlich für niemanden) selbstverständlich in den Wohlfühlmodus zu kommen. Es gibt genügend schwangere Frauen, die sich unwohl in ihrer Haut fühlen, weil sie zunehmen, runder werden oder weil die Lieblingsklamotten nicht mehr passen. Es gibt natürlich immer auch das Gegenteil, Frauen, denen die Schwangerschaft nichts ausmacht. Die kaum eine Veränderung spüren, einen kleinen Bauch haben, kaum zunehmen und sich einfach fit fühlen. Das ist aber nicht zwangsläufig so. Und auch als Schwangere fühlt man sich an manchen Tagen wohler in seiner Haut als an anderen. Da unterscheidet das Leben nicht von anderen „Zuständen“.
    Apropos Zustand: Nein, man ist nicht krank als Schwangere. Aber man befindet sich auch nicht in einem gewöhnlichen Zustand. Der Körper verändert sich stark, die Hormone und Sinnesorgane laufen auf Hochtouren und der Körper arbeitet für Zwei. Deshalb ist das Schwanger-Sein auch immer eine besondere Zeit im Leben einer Frau. Und dieser Umstand darf gewürdigt werden. Nicht jede Frau nimmt das so locker oder steckt die Veränderung einfach so weg. Vielen fehlt Energie, manche fühlen sich zu dick oder zu rund oder zu anders. Diese Frauen dürfen sich in solchen Fällen Rat bei anderen Frauen oder auf Blogs holen, so wie Nicht-Schwangere sich Rat oder Impulse holen. Und unabhängig von allem, dürfen Frauen ihre Schwangerschaft einfach zelebrieren und zeigen, dass sie glücklich sind, werdende Mamis zu sein. 🙂

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  7. Anna

    So habe ich den # noch nie gesehen/interpretiert. Für mich ist es einfach nur ein weiterer # in die Richtung #ootd. Nur, dass halt hervor gehoben wird, dass dort ein größerer Bauch mit am Start ist, der Teil des Tagesoutfits ist. Den Zusammenhang zu der Frage, ob, wie und warum Frauen sich in der Schwangerschaft stylisch kleiden, habe ich nie so gesehen. Und ich glaube auch, dass die meisten Damen, die den # für ihr Tagesoutfit nutzen, nicht in diese Richtung denken. Nichtsdestotrotz stimme ich Dir zu, dass die Artikel in die Richtung „Stylisch und schwanger“ nerven und man schwangeren Frauen nicht ihren Style und Modeaffinität absprechen sollte.

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  8. Anja

    ich weiß gar nicht, ob Frau sich als nicht schwanger da so reinbegeben kann in die Diskussion. ich habe zwei Schwangerschaften hinter mir und weiß, dass ich gerade am Anfang natürlich geguckt habe, was ziehe ich an. Erst den Bauch nicht zeigen, dann ist es unvermeidlich und der eigene Kleiderschrank dann doch immer begrenzter in seiner Auswahl. und am Ende war es dann auch fast egal, was ich an hatte, Hauptsache ich hatte noch was an.
    Also was ich sagen will ist, das ganze nicht so ernst zu nehmen. ‚Stylemybump fällt für mich in die gleiche Kategorie wie #ootd, nur mit größeren Herausforderungen. und es ist und bleibt eine besondere Zeit für die Frau, die gerade schwanger ist.

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  9. Carole

    Ich kann das alles ganz genau so nachvollziehen. Vielleicht geht es nicht explizit um #stylethebump aber um all die tausend Kommentare die man sich als Schwangere immer wieder anhören muss und für die man auch noch dankend lächeln und versonnen den Bauch streicheln soll. Ist man Schwanger wird man nicht mehr als die Person wahrgenommen die man seit eh und jeh ist sondern nur noch als Schwangere die wohl in einer rosaroten #stylethebump Schwangerschaftswelt lebt. Jedes Gespräch beginnt und endet mit dem schwangeren Bauch und jeder erlaubt es sich und denkt sogar es gehört sich so — explizit oder implizit ein Urteil über die körperliche Entwicklung der Schwangeren zu fällen („wow für x-Monate sieht dein Bauch schon so groß/klein aus“, „du hast schon dieses glühen“ etc etc). Das nervt – baut so viel zusätzlichen Druck auf und wird uns nicht gerecht. Lasst uns diese Klischees abwerfen.

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  10. Laura

    Es sind leider nicht nur diese 9 Monate im Leben einer Frau. Es geht doch schon viel früher los und zieht sich durch alles. Es wird immer beurteilt. Es sind Äußerlichkeiten die wichtiger sind als ein Gehirn, ein Charakter, Gedanken eines Menschen. Wir brauchen „likes“ für unser stylisches Essen, Interieur, Outfits, die Katze und unser Kind. Warum ist es wichtiger von irgendwem „likes“ zu bekommen als ein gutes Buch zu lesen oder Energie dafür einzusetzen um Menschen zu mobilisieren für wirklich wichtige Dinge. Ich schätze Menschen die im Gammel-Look, wirklich ungeschminkt einkaufen gehen und sich nicht verunsichern lassen, weil sie wichtigere Dinge im Leben verfolgen als jedem zu gefallen.

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  11. Rosa

    Ich habe während meiner Schwangerschaft (ab einem gewissen Punkt) nur noch ein und dieselbe Hose getragen, mit Reißverschluss an der Seite, der immer weiter offen blieb … Ich habe nichts gekauft, weil ich es nicht brauchte und weil ich auch überhaupt keine Lust dazu hatte. Ich habe mich einfach genauso angezogen wie immer — mit verschobenen Proportionen. Das hat alle sehr gewundert. Und auch nach der Geburt hatte ich schon nach wenigen Wochen meine alte Figur wieder. Auch das hat alle sehr gewundert und wurde dauernd lobend thematisiert — und dabei wird nämlich so eine ganz ekelhafte Moral vermittelt, als wäre man nur aufgrund eines Aussehens besser als irgendjemand anderes. Ich freue mich also sehr über deine kritischen Gedanken und finde das ganze Gehabe (der # ist ja nur Symptom) zutiefst frauenfeindlich: Denn es geht bei dem # nämlich überhaupt nicht darum Tipps oä zugeben sondern sich zu präsentieren und repräsentieren. Und das ist bei #ootd ja dasselbe, finde ich. Und verstehe folglich auch nicht warum man sich freiwillig so verschlagwortet und sich damit rückwärtsgerichteten Kategorien zuwendet …

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