Fashion Tales // Alles hat ein Ende, nur die Trend-Wurst nicht – Im Interview mit Zalando

14.03.2017 Mode

Trends sollten uns so egal sein, wie eine Niete auf dem Jahrmarkt. Es gibt ja viel zu viele, als dass man überhaupt mit der Frustration nachkäme, wenn man sich denn um jede Einzelne scheren würde. So ist das auch mit den immer neuen Schnitten, Schlaufen und Schluppen, mit den Mustern, Madras und Moustache-Effekten. Wer immerzu damit beschäftigt ist, sich dem Stelldichein des modischen Diktats zu ergeben, der steht am Ende ziemlich dämlich da. Mit wenig eigenem Schneid nämlich, dafür aber mit fremden Fummeln, die wenig aussagen und umso mehr von der eigenen Person verstecken. Ich kann also verstehen, dass man da überhaupt erst gar nicht mitmachen will. Es kommt schließlich noch der ewige Dauervorwurf hinzu, der Branche seien die Ideen ausgegangen.

Wenn man mich fragt, ist das nicht ganz falsch, aber schon gar nicht richtig. Denn alles kommt zwar wieder, aber nunmal nicht einfach so, nicht 1 zu 1. Meist haben wir es tatsächlich mit dem logischen Aufwärmen von mit den Jahren eiskalt gewordenen, aber dennoch ziemlich prägenden Feinheiten zu tun, immer dem Spirit entsprechend, der gerade durch die Gesellschaft weht. Reputationen müssen demnach nicht verkehrt sein, sie können sogar sehr köstlich sein. Im besten Fall geben sie eine Richtung vor, keine Regeln. Sie helfen uns dabei, nicht in Monotonie zu ersaufen und hin und wieder ein ganz neues Ich zu entdecken, eines, das zwar immer da war, bloß im Verborgenen. Nehmen wir als Beispiel das Power Dressing, über das ich gerade etwa mit Zalando gesprochen habe und das heute wieder mehr denn je gefeiert wird.

Blazer: 2nd Hand Christian Dior / Shirt: thanks to Chanel // Jeans: H&M //
Boots: thanks to Sandro Paris

Eine Erfindung der späten 70er und frühen 80er Jahre, die es sämtlichen Frauen ermöglichen sollte, mehr Respekt und Autorität in eigentlich männlich dominierten Metiers auszustrahlen. Einer, der dem Patriarchat den Kampf ansagte. Im Grunde ist das bis heute so, wobei der Fokus mehr auf dem beabsichtigten Verwischen von Geschlechterrollen innerhalb der Mode liegt. Etwa durch Anzüge, Herrenschuhe oder Schulterpolster, die gerade wieder verstärkt während der Modewochen gezeigt wurden. Ich erkenne demnach nichts falsches darin, sich 2017 erneut dieser Energie anzuschließen. Aus anderen Beweggründen vermutlich, aber Mode funktioniert doch nicht ohne Gefühle und Assoziationen. Wenn ich also einen breitschultrigen Blazer trage, dann bin ich inzwischen in der Lage dazu, mich darin ebenso weiblich zu fühlen wie in einem Wickelkleid. Schon allein diese Tatsache unterstützt meine Euphorie über die Polster. Auch, weil die Leute mitunter noch immer schauen, als hätte man sich mit der Größe vertan. Es macht Spaß, Konventionen zu brechen und mit einer Handvoll ausgewählter Fashion Revivals zu spielen, die dem eigenen Stil entsprechen. Genau darum sollte es doch gehen, wenn wir über Trends sprechen. Nicht um das blinde Folgen, sondern um die eigene Interpretation, um das Einverleiben von einer Geisteshaltung, die zuweilen schon unsere Mütter durch die Welt getragen gehaben. Das klappt mal besser und mal schlechter. Und meistens dann, wenn wir uns wirklich wohl fühlen, wenn wir aus Überzeugung kaufen oder Altes zu Neuem machen, aus einem romantischen Gedanken heraus oder aus purer Lust.

Was ich sagen will: Trend sind egal. Außer, sie gefallen uns irgendwo ganz tief innen drin. Natürlich sagt man, alles habe eine Ende. Die Trend-Wurst aber nicht! Sie ist ein zäher Zahn, der manchmal fault, bis der Bohrer der Zeit irgendwann kommt, um den Modder abzuschleifen. Aber selbst, wenn kein Hahn mehr danach kräht, bedeutet das nicht, dass auch wir das blinde Huhn je vergessen müssten. Nicht solange es uns am Herzen liegt. Trends sind, wenn man richtig tickt, also nur auf dem Papier vergänglich, in den Medien und Magazinen. Nicht aber in unserem eigenen Kleiderschrank. Das mag ich so am Jetzt. Es gibt gar kein zu alt, zu verstaubt, zu öde, zu uncool mehr. Es gibt bloß tausend Möglichkeiten. Und ich plädiere dafür, sie auszuschöpfen, ganz genauso wie es uns gefällt. Mal mit ein bisschen Inspiration von Außen und vom Laufsteg, quasi als Motor für die eigene Vorstellungsgabe, und ein anderes mal wieder ganz unabhängig von allem, was da draußen so passiert. Meine Oma zum Beispiel schwört auf Karohosen. Die sind jetzt wieder super hip. Schöner sind sie deshalb keineswegs, aber immerhin wieder sichtbar. Besorge ich mir jetzt eine solche, bloß weil die InStyle es so will? Auf keinen Fall. Sondern einzig und allein, weil ich beinahe vergessen hätte, wie kleidsam so ein Vichymuster ist. Da hätte ich bloß wirklich früher drauf kommen können. Wäre die vermaledeite Trend-Wurst nicht schon wieder schneller gewesen als ich.

In einem kleinen Interview mit Zalando verrate ich derzeit übrigens noch ein kleines bisschen mehr über persönliche Fashion Revivals und was ich von selbigen halte.

3 Kommentare

  1. Flo

    Ich unterstuetze euch total in eurer breiten Interpretation von Mode, als Gesellschaftsspiegel, als Geisteshaltungsmedium, als Protestplakat, als Individualitaetsmarker – all das, was oft in euren Texten (mal mehr, mal weniger plakativ) durchklingt. Dennoch – und das passt das Trendthema gerade so schoen – sehe ich das in meinem Umkreis immer nur sehr durchmischt mit dem, was eben gerade ohnehin ganz oben auf der Welle schwimmt.

    Was ich sagen will: oft sind diese tiefergehenden Punkte, die ich oben anspreche, eher Resultat als Motivator, zumindest da, wo ich es in meinem Umkreis sehe. Ob jetzt das Busenshirt, das Frida Kahlo iPhone case oder die gestylten Herrenschuhe… ich finde es fein, dass die Trendwurst das so nett etabliert hat, denn es passt mir ja ohnehin gut ins Gesamtkonzept, ohne dass ich besonders mutig oder kreativ sein muss. Wenn jemand mit ihrem/seinem Frida Kahlo case in der Popotasche in seiner/ihrer Nachbarschaft ein gemeinschaftliches Gemuesebeet umgraebt, wunderbar. Aber dafuer braucht’s eben das case oder ein Busenshirt eben auch nicht. Und ohne das Umgraben bleibt nicht viel vom case. Die Aussage waere anders herum nicht gemindert haette er/sie bananiges anderes Shirt an (eher finde ich es schwierig in einem 850 Euro teuren Tshirt von „libre“ zu reden, aber gut…). Mode als schoene Untermalung, ja, als echter Protest…halte ich es in den meisten Faellen eher fuer eine Phantasie.

    [Bitte nicht in den falschen Hals bekommen…ihr seid ein wunderbar kritischer Blog und ich lese euch sehr gern…meine Ausfuehrungen oben sind absolut nicht auf euch direkt bezogen]

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    1. lia

      Danke. Denn diese „kritischen“ Texte auf Mode-Trends & Must-haves lullen sich etwas ab – wenn man dabei gerade die Prada-Tasche oder das Chanel-Shirt in die Linse hält.

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  2. Maud

    Kleiner Exkurs, weil mein Power-Dressing-Fass gerade übergelaufen ist:
    Als Frau ist für mich Power Dressing Salatsoße. Das klingt wieder wie so ein Imperativ: Frauen können sich Autorität verschaffen – durch Power Dressing. Ich will aber auch, dass meine Kollegin – äußerlich eine graue Maus – ernst genommen wird. Es zerreißt mich innerlich, dass noch immer durch rosa Blüschen und pinke Taschen Frauen, die wohl etwas auf dem Kasten haben, postwendend in die Mäuschen-Schublade („mit der kannste eh alles machen“) einsortiert werden. Da hakt es. Mode ist also durchaus ein Ausdruck des Individuums an die Gesellschaft – aber andersherum funktioniert es schlecht.

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