#IMFREEDOM //
Freisein – was bedeutet das überhaupt?

03.04.2017 um 10.30 – Kolumne Leben Mode Wir

Ihr erinnert euch vielleicht noch an die #ImPERFECT Kampagne von Esprit, die wir im vergangenen Jahr unterstützt haben. Damals wurde vor allem ein kultureller Dialog innerhalb der Modewelt angestoßen, der sich für das Abrücken von Stereotypen aussprach und stattdessen mehr Persönlichkeit und Diversität forderte. Aber auch mehr Selbstliebe, mehr Akzeptanz und Dankbarkeit für kleine Makel, die uns von Abziehbildern unterscheiden. 2017 geht Esprit mit #ImESPRIT noch einen Schritt weiter. Diesmal stehen Vielfalt, Individualität und Selbstbestimmung im Fokus. Wir werden in der aktuellen Kampagne also nicht nur dazu aufgefordert, für uns selbst einzustehen, sondern auch für das, was uns am Herzen liegt. Am besten durch ein starkes Statement, das auch ihr teilen könnt und zwar hier. So haben wir etwa die Wahl zwischen #ImLOVE, #ImCHANGE oder #ImCOURAGE. Ich habe mich für #ImFREEDOM entschieden. Und warum?, hat Esprit mich daraufhin gefragt. Die Antwort fiel mir viel schwerer als erwartet. Also fing ich ganz vorn an.

„Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen,“ schrieb Evelyn Beatrice Hall in ihrem Buch „The Friends of Voltaire“ und trifft damit noch heute, mehr als hundert Jahre später, punktgenau in die Wunde der kränkelnden Demokratie, die derzeit gemeinsam mit der Pressefreiheit um ihr Bestehen bangt. Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene stehen wir ohnehin gesammelt vor zum Teil noch schmerzlich weit entfernten Lösungsansätzen und hoffen dabei inständig auf eine Welt, in der jeder Mensch sich frei entfalten darf, unabhängig von sexueller Orientierung, Herkunft, Geschlecht und Religion. Und manchmal, wenn die Nachrichten wieder besonders weh tun, vergessen wir ein weiteres Mal, bei uns selbst anzufangen. Im Kleinen. Immer dann, wenn es um unsere eigene Entfaltung geht. Ich habe mir für mein Leben nicht viel mehr vorgenommen, als es jeden Tag geschehen zu lassen. Und mir den Anspruch auf persönliche Freiheit niemals austreiben zu lassen, nicht von der Vernunft, nicht von dem in den meisten von uns manifestierten Drang nach Sicherheit, nicht von der Erwartungshaltung anderer. #ImFREEDOM, weil ich fortwährend selbst entscheide, hinter welchem Bestrebens-Törchen ich es mir bequem mache und dabei stets den passenden Schlüssel zum Schloss im Kopf behalte. Nennen wir diesen Schlüssel doch einfach Mut. Den Mut zu besitzen, Dinge, die einem nicht mehr gut tun, trotz der natürlichen Furcht vor dem Ungewissen, ziehen zu lassen, halbherzige Umstände ändern statt hinnehmen zu wollen, auch das bedeutet für mich Freiheit.

Bluse // Shorts // Hut: JWxKauf Dich Glücklich

Das heißt nicht, dass ich nicht alles gebe, in der Liebe etwa, denn das tue ich. Aber ich möchte einen freien Menschen lieben und selbst frei bleiben, ich will keine egoistische Liebe, die sich an von der Gesellschaft vorgegebenen Zielen misst, ich möchte mit meinem Partner leben, aber nicht mit ihm verschmelzen. Ich will gemeinsamen Träumen erliegen und gleichzeitig jene verfolgen, die nur mir allein gehören, weil ich ein für immer am Wahrscheinlichsten halte, wenn ein Paar kein Knäuel aus vier Armen und Beinen ist, sondern eine Art Haus am See, das auf zwei starken, eigenständigen Pfeilern steht. Freiheit geben, das kann auch bedeuten, für den anderen zu gehen, wenn es nicht mehr geht. Aber auch zu bleiben, obwohl es manchmal schwierig ist. „Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, Denken zu lernen.“ – David Foster Wallace.

#ImFREEDOM, weil ich meinem Sohn die Welt zeigen und ebenjene durch seine wachen Augen jeden Tag ganz neu betrachten darf, #ImFREEDOM, weil ich auf Reisen gehen kann und weiß, wie sich Salzwasser auf nackter Haut anfühlt, weil ich alles mitgenommen habe, was zum Jungsein dazu gehört, das Drama und die Komödie, weil ich noch immer jung bin, weil ich die Möglichkeit habe, Bücher zu lesen, zu arbeiten und mein eigener Chef zu sein, weil ich ganz allein über meinen Körper bestimmen darf und darüber, womöglich kein weiteres Kind mehr in die Welt zu setzen, auch wenn anderen für diese Entscheidung nicht selten das Verständnis fehlt.

Denn ja, ich habe sie für mich getroffen, für mein Leben, denn davon habe ich nur ein einziges. Eines, das schon jetzt mit so viel Sonne erfüllt ist, dass ich keinen erkennbaren Drang nach „Mehr“ verspüre. Weil ich zufrieden bin, irgendwo ganz tief in mir drin und vielleicht ist auch das eine Facette von Freiheit. Nicht mehr ständig nach rechts und links schauen müssen, darauf, was die anderen tun, sondern ganz bei sich zu sein. „Wer wenig begehrt, hängt von wenigem ab“ – Jean-Jacques Rosseau.

Wer frei ist, sollte forschen und immer weitergehen, sagen andere. Aber manchmal kommt man für einen kurzen oder langen Augenblick irgendwo an und fühlt sich plötzlich freier denn je. Das ist das Schöne an Freiheit. Sie bedeutet für jeden von uns etwas anderes, aber man kann sie spüren, man sollte sogar und wenn nicht, dann ist man sich selbst das Suchen schuldig. Auch, wenn das Einbuße an Sicherheit erfordert. „Wer Freiheiten aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit,“ meint Benjamin Franklin. Ist das so? Vielleicht. Aber wer immer nur auf Nummer Sicher geht, der erlebt vielleicht niemals ein blaues Wunder, aber eben auch nicht sonderlich viel.

Die meisten von uns entscheiden sich allerdings trotz gefühlt grenzenloser Freiheit irgendwann für das Sesshaftwerden, für einen Job, vielleicht auch ein richtiges Zuhause. Das ist erstrebenswert, beruhigend und bequem, bloß wehre ich mich dagegen, jeden Ist-Zustand als gesetzt anzusehen. Denn das kann zu schnell zur Last werden. Ich will stattdessen handlungsfähig bleiben, indem ich mir bewusst mache, dass eine Entscheidung nur solange von Dauer ist, bis wir eine neue, vielleicht sogar dieselbe treffen. Egal, wie es aus geht, wichtig ist nur, dass wir es uns anders überlegen dürfen, immer wieder. Scheitern können, auch das ist Freiheit. Eine, die bedeuten kann, Gewohntes gehen lassen zu müssen.

#ImFREEDOM, weil ich weiß, wer und was meiner Seele gut tut. Weil meine Freundschaften meinen Geist fordern, statt ihn einschlafen zu lassen. Weil ich Freunde habe, an deren Seite ich um geliebt zu werden, nur ich sein muss. #ImFREEDOM, weil auch ich Angst vor der Zukunft habe und trotzdem sicher bin, dass sich immer dann neue Türen öffnen, wenn alte sich schließen. #ImFREEDOM, weil ich verlieren kann und darf. Aber nie, niemals liegenbleiben würde.

Pullover // Hose // Ballerinas

Hier lang geht es zu unserem JWxEsprit Lookbook, das wir euch schon vergangene Woche vorstellen durften.

In freundlicher Zusammenarbeit mit Esprit.

7 Kommentare

  1. Johanna

    Hej Nike. DANKE, dass du das geschrieben hast mit so viel Tiefe und dennoch Leichtigkeit. Ich hoffe wir werden uns alle noch hundertmal entscheiden und umentscheiden. Nur bitte nie: passiv nicht – entscheiden. Cheers

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  2. Jule

    Es fällt mir schwer, Texte über Freiheit zu lesen (und ernstzunehmen), deren Aufhänger die Kampagne eines Konzerns ist, welche zum Ziel hat, einfach noch mehr Kleidung zu verkaufen, die laut Wikipedia zu 94,1 Prozent in Asien herstellt wird.
    Genau so schwer fällt es mir, Jeansjacken mit „Equality“-Schriftzug für 130 Euro im ironisch-provokant benannten „Kauf Dich glücklich” zu sehen und nicht einfach nur die Augen zu verdrehen. Equality, alles klar.
    Habe letztens auf Instagram einen Post gesehen, der die Situation ziemlich gut zu umreißen scheint:
    „So, basically – what we are trying to do here is identify a way that we can use feminism and social activism as tools to sell more clothes in a way that feels organic and on-brand.“
    https://www.instagram.com/p/BRd4-zuAfGJ/?taken-by=jooleeloren

    Mich macht es einfach nur müde.

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  3. Anne

    Spot on, Jule. Danke für die Ehrlichkeit. Die Bilder hätten gereicht um die Message (kaufen!) rüberzubringen.aber der ewig lange Text dazu macht es irgendwie schwer zu ertragen.

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  4. Lea

    Ich finde euch ehrlich gesagt frech. Ihr wollt umsonst lesen, aber keine Werbung. Schon klar. Aber wie soll das gehen? Diese Werbung hier liest man außerdem freiwillig, oder man lässt es… es wird ja schon in den ersten Sätzen deutlich, dass es sich um eine Kooperation handelt (was ich super finde). Für mich ist das sehr gelungen, weil viel Mühe drin steckt und nicht bloß Blabla. Ich habe also sogar einen Mehrwert. Ganz ehrlich: ich raff euch nicht. Mich interessiert daher aufrichtig, wie ihr euch sowas in Zukunft vorstellt? Echt einfach nur Bilder und „kaufen“? Das kann ja auch nicht euer Ernst sein?

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  5. Jule

    Mir ist klar, dass Blogs durch Werbung finanziert werden. So wie auch Fernsehen abseits der Öffentlich-Rechtlichen, Zeitschriften, Zeitungen und ungefähr 99% des Internets.
    Aber es kommt meiner Meinung nach immer darauf an, wie man diese Werbung, Sponsored Content, was auch immer, präsentiert. Und das ist in diesem besonderen Falle nicht besonders elegant gelöst worden.
    Esprit ist eine Marke, die zum größten Teil in Asien unter zum Teil fragwürdigen Bedingungen produziert. Dann als Werbung auf diese Art und Weise entstandenen Ballerinas in die Kamera zu halten und gleichzeitig etwas von Freiheit zu erzählen, finde ich im besten Falle unüberlegt, im schlimmsten zynisch und menschenverachtend.
    Freiheit für wen? Gleichheit für wen? Für die Frauen, die in diesen Fabriken arbeiten, doch sicher nicht.
    Generell: Freiheit schreiben und Klamotten meinen, ist widerrum im besten Falle unüberlegt, im schlimmsten zynisch und menschenverachtend.
    Vielleicht bin ich einfach enttäuscht, weil ich diesen Blog als einen der wenigen abgespeichert hatte, die mit etwas Überlegtheit an die ganze Sache herangeht und bislang den Eindruck gemacht hat, nicht einfach nur Dinge an die breite Masse verschleudern zu wollen. Dieser Eindruck ist in den letzten Wochen mehrmals wiederlegt worden. Finde ich schade.

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