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‚Why I am not a Feminist‘ von Jessa Crispin

05.04.2017 um 10.51 – box1 Buch Feminismus

Zu individualistisch, zu wenig radikal: In ihrem Buch Why I Am Not a Feminist rechnet die amerikanische Autorin Jessa Crsipin mit dem Mainstream-Feminismus ab – und liefert jede Menge Denkanstöße.

Viele Menschen haben ein Problem mit Feminismus: Sie denken an das als „unpraktisch“ empfundene Gendern der Sprache, an längst überholte Forderungen und keifende Frauen. Die Autorin Jessa Crispin, Gründerin des bekannten amerikanischen Blogs Bookslut, hat ein ganz anderes Problem mit Feminismus: dass er seine eigentliche Mission verraten hat und zu einem Lifestyle geworden ist. „Somewhere along the way toward female liberation, it was decided that the most effective method was for feminism to become universal“, schreibt Crispin in ihrer Polemik Why I Am Not a Feminist: A Feminist Manifesto. Allerdings habe man dabei vergessen, dass „for something to be universally accepted, it must become as banal, as non-threatening and ineffective as possible.”

Image statt Action

Crispin geht es nicht wirklich darum, ob sie nun eine Feministin ist oder nicht (sie hat für Planned Parenthood gearbeitet und vertritt eindeutig feministische Positionen). Nein, es geht ihr um eine Kritik am modernen Feminismus. Dieser Feminismus ist nicht mehr radikal, nicht mehr unbequem oder kollektiv. Stattdessen steht individuelles self-empowerment im Mittelpunkt. Feminismus soll einer breiten Masse verkauft werden: „What was once collective action and a shared vision for how women might work and live in the world has become identity politics, a focus on individual history and achievement, and an unwillingness to share space with people with different opinions, worldviews, and histories. It has separated us out into smaller and smaller groups until we are left all by ourselves, with our concern and our energy directed inward instead of outward.”

Feminismus, das wird deutlich, bedeutet für Crispin konkretes Handeln – stattdessen steht aber oft das Label im Vordergrund. Ich bin Feminist*in, wenn ich mich so nenne! Und weil ich Feminist*in bin, ist alles, was ich tue, automatisch feministisch. So einfach ist es aber nicht. Das Label für sich zu reklamieren ist noch kein radikaler Akt: „You are not heroically making the world safer for women with your haircut, your diet, the petitions you sign, the opinions you voice, or the television show you either pay for or download illegally.“ Tatsächlich ist Feminismus Arbeit. Crispin erinnert an Vorkämpfer*innen wie Andrea Dworkin, die sich beim Kampf für mehr Gleichberechtigung die Hände schmutzig und viele Feind*innen machten. Heute tun viele moderne Feminist*innen alles dafür, sich von Dworkin zu distanzieren – weil ihre Positionen radikal waren, weil Dworkin nicht dem Bild einer präsentablen und zugänglichen Feministin entsprach, wie man sie heute haben will. Image statt Action.

Mehr Kritik wagen

Für Crispin gibt sich der Feminismus heute mit zu wenig zufrieden. Er will nicht mehr die Welt verändern, er will nur mehr Platz und Macht für Frauen in dieser Welt. Crispin hingegen macht ganz klar, dass das „System“ für sie nicht funktioniert – und wenn das System kaputt ist, muss man es verändern, statt es bloß für sich zu nutzen: „The goal was to share in the power, not to reveal this powerful/powerless dynamic as evil.“ Statt sich der fundamentalen Systemkritik zu widmen, so Crispin, diskutieren heutige Feminist*innen lieber darüber, welche TV-Serie gut und welche schlecht ist. Oder sie sind damit beschäftigt, die Einheit der Bewegung zu beschwören: Unterschiedliche Meinungen oder Widersprüche innerhalb des Feminismus sind nicht gewünscht, denn was soll sonst der Rest der Welt denken? Dabei sind es oft gerade Kritik und Meinungsverschiedenheiten, die eine Sache voranbringen.

Letztendlich ist Why I Am Not a Feminist ein Aufruf dazu, sich zusammenzuschließen und gemeinsam zu handeln. Kollektive Aktion statt Vereinzelung, konkrete Maßnahmen statt Feelgood-Lifestyle. Wie genau das geschehen soll, darauf gibt Jessa Crispin keine Antworten. Sie selbst sagt: „I have more questions than answers.“ Das ist nicht unbedingt eine Schwäche – die liegt in dem Buch woanders. So valide Cripins Kritik am modernen Mainstream-Feminismus auch ist: Diese Art von Feminismus ist ja nun nicht die einzig existierende. Es gibt sehr wohl Feminist*innen, die eben nicht bereit sind, ihre Radikalität einer diffusen Self-Empowerment-Rhetorik zu opfern. Die für ihre Überzeugungen kämpfen und dort anpacken, wo es nötig ist. Crispin kritisiert die feministische Einheitsfront, gibt sich aber selbst auch keine große Mühe, die Vielfältigkeit der feministischen Bewegung abzubilden. Das ist schade, andererseits würden ihre Argumente sonst wohl kaum so pointiert ausfallen.

Feminismus bedeutet Handeln

Denn trotz einiger Schwächen: Why I Am Not a Feminist liefert viele Denkanstöße, um die eigene feministische Haltung zu überdenken – und sich zu fragen, was man selbst tatsächlich bereit ist, für eine gleichberechtigtere Welt zu tun: (…) if you just want your life tob e comfortable, if you just want to make your money and watch your shows and do as well as you can in this lifetime, then admit it to yourself. You are not a feminist.“

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