Brain Blah // Ich habe meinem Freund (k)einen Heiratsantrag gemacht.

23.05.2017 Kolumne, Leben, Wir

Als ich ungefähr acht Jahre alt war, machte mir ein Junge aus der Parallelklasse einen Heiratsantrag. Das war ganz leicht. Wir hatten uns in einem Heuhaufen auf der Wiese vor dem Haus versteckt, weil er, nennen wir ihn doch einfach Hansjürgen, bald von seinen Eltern abgeholt werden sollte. Die Ehe schien da nur der nächste logische Schritt zu sein, denn wenn man verheiratet ist, so dachten wir, würde man uns endlich als Erwachsene anerkennen und bis in alle Ewigkeit Gameboy spielen und Cola trinken lassen. Ich kramte also ein Haargummi aus der Hosentasche, das Hansjürgen alsbald um meinen Finger wickelte, der schnell rotblau anlief, aber das machte nichts, schließlich duftete die Ackerluft mit einem Mal verlockend frisch nach Freiheit. Händchenhaltend richteten wir uns auf, um der Mutter von Hansjürgen und meiner eigenen die frohe Botschaft zu überbringen. Am Ende half alles nichts. Eine halbe Stunde später marschiere ich noch immer ledig gen Zähneputzen.

Die Jahre vergingen und mit ihnen mindestens drei missglücke Versuche meinerseits, um jemands Hand zu bitten. Weder Otto, noch Erik oder Rasputin wollten mich zur Frau nehmen. Nur einer begründete seine Entscheidung mit meiner einnehmenden Zahnspange, die anderen beiden fühlten sich laut eigener Aussage in ihrer durch Disneyfilme geprägten Ehre gekränkt.

Bäh, Mädchen machen keine Heiratsanträge, hieß es damals. Und ich wage zu behaupten, dass die Allgemeinheit bis heute eine sehr ähnliche Meinung vertritt. Ich natürlich nicht, ich bin ein moderner Mensch, emanzipiert bis ins Mark, selbstsicher und stürmisch. Weshalb ich mit der Volljährigkeit ohnehin beschloss, niemals überhaupt jemanden zu ehelichen. Dachte ich zumindest. Bis ich neulich Abend – nach einer Zankerei, die sich um lange Fahrradreisen quer über die Seidenstraße kreiste – fluchend im Badezimmer verschwand, um eine halbe Stunde später mit einem aus Waschlappenfetzen gebastelten Verlobungsring, dem ich selbstredend einen zweidimensionalen Diamanten mithilfe von rotem Nagellack verpasst hatte, zurück Richtung Wohnzimmer zu kriechen. Scheißerer als gerade kann ich den Typen gar nicht finden, sagte ich mir im Stillen, und wenn ich ich sogar jetzt vor Liebe platze, dann soll es wohl so sein, im besten Fall für immer. Des Wahnsinns schwanger nahm ich nun denn all meinen Mut zusammen und ging auf die Knie, den Waschlappenring fest im Griff, um zum großen Finale anzusetzen: „Hier, den hab ich dir gebastelt, weil du so doof bist und trotzdem toll und ein bisschen auch aus Langeweile“, flötete ich beschämt und in mich selbst einknickend. Weil ich mir nicht nur reichlich „Wie werde ich ihn los in zehn Tagen“ vorkam, sondern noch dazu an meiner eigenen Erwartung gescheitert war. Chance verpasst und den Zonk gezückt. Vielleicht war ich zu feige, es zu wagen, womöglich aber auch einfach zu unmodern. Ersteres hätte ich mir irgendwann verziehen, letzteres kann ich noch immer nicht fassen. Weil es so wahr ist. Oder?

Hatte sich dank Hollywood etwa ganz unbemerkt das klassische Rollenbild des flehenden, aber doch heldenhaften, mutigen und zugleich hoffenden Mannes in mein Hirn eingepflanzt, der seiner Auserwählten nach etlichen Höhen und Tiefen den dicksten Stein von allen überstülpt, an abgefahrenen Orten oder in hochemotionalem Momenten? Zu allem Übel halten die Highlights der Filmindustrie meiner Jugend bis auf wenige Ausnahmen sogar die passende Erklärung für diese sehr einseiige Form der Brunst parat: Der Mann galt (oder gilt?) gemeinhin als Schlingel, der gezähmt werden muss, was einen Heiratsantrag zum ultimativen Liebesbeweis macht. Würde man den Spieß mir nichts dir nichts umdrehen, laufe man Gefahr, am Ende den vorprogrammierten Scheidungs-Salat zu haben und vorher ja auch irgendwie bloß ein halbgares Commitment. Jasagen kann schließlich jeder, aber Fragen, das machen bis dato nur jene verliebten Herzensritter, die wirklich und wahrhaftig das gesamte Paket wollen. Soweit jedenfalls die antiquierte, verkehrt herum sexistische Annahme. Und tatsächlich: Ich müsste lügen, würde ich nun behaupten, einen ähnlichen Gedankenstreich hätte mein Hirn mir in diesem erst kühnen und dann kläglichen Moment keineswegs gespielt. Im Grunde war es sogar ganz genau so. Meiner eigenen Zuversicht war ich mir aus dem Nichts heraus mehr denn je im Klaren (obwohl ich bis zum Waschlappen noch nicht ein einziges Mal über eine Verlobung nachgedacht hatte), was mir aber ganz spontan an meiner fixen Idee fehlte, war so etwas wie eine Bescheinigung der Gegenseite, für die ein Ja als reine Antwort nicht ausgereicht hätte. Die Vorstellung eines aktiven Jas gefiel mir plötzlich viel besser. Weil ich eine Frau bin? Und am Ende vielleicht überhaupt kein bisschen emanzipiert? Nein. Und an dieser Stelle möchte ich plötzlich aufatmen. Denn Heiratsanträge sind keineswegs Männersache. Sondern (beinahe) Menschensache.

Wenn überhaupt, dann will zum aktuellen Zeitpunkt also, dass mein Freund irgendwann derjenige ist, der um meine Hand anhält, und zwar nicht weil er ein Mann und ist und eine Frau, sondern weil wir wir sind. Mit einer gemeinsamen Geschichte, einer gemeinsamen Vergangenheit und gemeinsamer Zukunftsmusik. Das musste ich aber erstmal kurz verdauen, vor lauter emanzipatorischer Dauerbeschallung. Es geht hier gar nicht um Rollenbilder, es geht um persönliche Historie, die im Zweifel dann eben in einem veralteten Rollenbild mündet. Und das darf sie auch! Eine bewusste Entscheidung ist das, eine, die mein Bauch zwar zuerst, aber im Namen meines Hirns getroffen hart.

Ganz anders war das zum Beispiel bei Lorelei, die traute sich zum Ende der letzten Staffel Gilmore Girls nämlich doch noch, ihrem „Luke“ einen Antrag zu machen. Ein waschechter Skandal brach los, der sämtliche Dorftanten schließlich dazu veranlasste, in mitleidigen Gefühlen gegenüber Lukas zu ersaufen, schließlich hatte man ihn um seine Mannesehre betrogen. Ein lächerlicher Beigeschmack. Sollten wir doch eigentlich vielmehr in Wut ertrinken. Wegen der Religionen, Rassisten, Institutionen und Konservativen, die sich bis heute anmaßen, der Liebe einen Riegel vorschieben – sofern sie denn nicht in das eigene, diskriminierende Rollenbild passt.

16 Kommentare

  1. Juuu

    Keine Sorge, es liegt nicht an uns! Kurz bevor ich meinen Antrag bekam (das kam sehr überraschend), dachte ich eigentlich selbst darüber nach, meinen Liebsten einmal mit einem Kniefall aus dem Nichts zu überraschen – Gleichberechtigung und so. Als ich ihm im Nachhinein von meinem Plan erzählte, war er nahezu schockiert und hätte das ganz und gar nicht gut gefunden. Ich konnte es wirklich nicht verstehen, denn ich halte ihn für ausgesprochen weit was das ganze Thema der Gleichberechtigung der Geschlechter angeht. Was aber die Vorstellung von Ehe und Familie angeht sind manche eben doch stark durch ihre Sozialisierung geprägt.
    Wie dem auch sei: Hauptsache glücklich und Hautpsache, es wird nicht irgendwann mal krampfig, weil man ewig auf „erste Schritte“ seines Partners wartet. Das kann auch auf Dauer anstrengend werden.

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  2. Berenike

    Wie in den meisten Dingen: jede(r) sollte es so machen, wie es zu ihr oder ihm passt! Ich wollte zum Beispiel keinen Antrag, was meinen damals Freund, inzwischen Ehemann, leicht verzweifeln ließ. (Er war mehr so der Traditionelle, der meinen Vater um meine Hand bitten wollte hihi) Schlussendlich haben wir es gemeinsam bei einer Wanderung entschieden, auch wenn sozusagen von ihm das Gespräch darauf gelenkt wurde. Aus einer Alufolie des Vesperbrotes wurde ein provisorischer Ring gebastelt (ich liebe deine Waschlappenversion, Nike!!) und wir waren bei überglücklich. (Auch wenn mein Freund mich gefragt hat, ob das jetzt nicht viel zu unromantisch war) – Romantik wird halt auch ganz individuell empfunden! Für mich war das tausendmal romantischer als rote Rosen am Eifelturm! 😉

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    1. Nike Jane Artikelautor

      Oh, das weiß er alles natürlich – wir sind ja auch Freunde und nicht nur Verliebte, wir haben im Nachhinein also schallend über die Geschichte lachen können, alles andere käme mir auch nicht in die Tüte. Er weiß nach 15 Jahren Freundschaft ja nun auch wirklich, wen er sich da angelacht hat. Es ist vielleicht ein bisschen wie bei Berenike dort oben. Und das Leben und so, vielleicht kommt mein Moment ja doch noch. Ob in einem oder Zehn Jahren, das ist wirklich schnurz. Vielleicht auch nie. Ich finde nicht, dass man überhaupt heiraten muss, bloß manchmal, da fühlt es sich eben danach an, als könnte man es irgendwann wagen. Also keine Sorge (: Oder habe ich deine Frage falsch verstanden?

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  3. Ann-Kathrin

    Bei solchen Kommentaren frage ich mich immer, ob die KommentatorIn eigentlich schreibende Menschen kennt oder das Prinzip von Kolumnen nicht versteht.. Ich raff die Frage nichtmal richtig und finde es schade, dass sich Nike überhaupt erklären muss…

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  4. Joanna

    Also ich heirate dieses Jahr im August und es wäre mir im Traum nicht eingefallen, meinem Freund einen Antrag zu machen 😀 Das hat für mich mit Emanzipation nichts zu tun, sondern war für mich immer schon klar. Er ist zudem sechs Jahre jünger als ich und da hätte ich es irgendwie komisch gefunden, wenn ich ihm auch noch den Antrag gemacht hätte. Letztlich holte er den Ring raus und fragte mich dann ganz spontan, als wir gemeinsam auf dem Bett lagen und so vor uns hinplanten und rumkicherten, ob ich seine Frau werden will. Das war einfach ein perfekter Moment. Obwohl er vorher ganz andere Dinge für die Frage aller Fragen geplant hatte. So war es natürlich, ungekünstelt und passte einfach zu uns. <3

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  5. Anna Philippa

    Liebe Nike,

    so sehr ich dein Brain Blah im Normalfall mag, verstehe ich diesen Text nicht so ganz bzw., warum genau für dich nun feststeht, dass er den Antrag machen soll. Die Bauch-Gründe schilderst du ja, aber welche Gründe sind die des Hirns?
    Grundsätzlich bist du uns natürlich diesbezüglich keiner Rechenschaft schuldig, aber du sprichst in dem Text ja selber an…

    Bei Joannas Aussage „Das hat für mich mit Emanzipation nichts zu tun, sondern war für mich immer schon klar. “ wundere ich mich aber schon: Geht es bei Emanzipation nicht auch darum, Dinge die eben schon immer so waren, zu hinterfragen & sich zu überlegen, ob die Rollenverteilung gar nichts mit biologischen Unterschieden zu tun hat, sondern viel mehr damit, dass wir von klein auf mit einem bestimmten Gesellschaftsbild konfrontiert wurden…

    Liebe Grüße
    Anna Philippa

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  6. Luisa

    Ich finde es super spannend, wie unterschiedlich Hirne funktionieren. Für mich war die Aussage des Textes von Anfang an so klar, dass ich mich über das Unverständnis gerade super wundere. An meinen Vorrednerinnen sieht man doch, dass es wirklich noch immer ist, dass viele denken, dass der Mann den Antrag machen muss. Darum geht es hier ganz eindeutig. Aber im Umkehrschluss halt auch darum, dass es okay ist, in dem Fall mal „unemanzipiert“ zu sein, da es eben gar keine Rollen mehr diesbezüglich geben sollte. Vor allem weil sich Feminismus gerade mit der Kritik konfrontieren muss, dass man nicht automatisch feministisch ist, weil man alles anders macht als die anderen. Oder nicht nicht selbstbestimmt, weil man es so macht wie „man es macht“. Was ist denn an dem Text unverständlich?

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  7. Jul

    Haalloo, stop!

    Klar, Femisnismus ist super wichtig und notwendig und überhaupt. Gar keine Frage.
    Und sich selbst und die eigenen Wünsche und Ansichten auch in dieser Hinsicht zu hinterfragen – richtig und gut!
    Aber: müssen wir uns denn bitteschön ernsthaft dafür entschuldigen und rechtfertigen, wenn wir uns wünschen, von einem HerzensMENSCHEN gefragt zu werden, ob wir den Rest unserer Leben gemeinsam rumblödeln wollen?
    Das ist doch bekloppt! Disnefilm, Gender, Feminismus hin oder her.. Ein liebendes Herzchen freut halt sich über das Commitment eines anderen. Und n Heiratsantrag ist zwar ja letztendlich auch nichts anderes, als eben genau das.

    Liebe!

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    1. Jul

      Also alles gut! Keine Sorgen machen deswegen, oder gar die eigene Emanzipation komplett in Frage stellen…

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    2. ira

      Ich verstehe deinen Kommentar im Kontext des Artikels irgendwie nicht. Thema ist ja gerade, dass offenbar der Mann nicht das liebende Herzchen ist, dass sich über das Commitment des Herzensmenschen freuen darf. Und das hat mit Feminismus und Geschlechterrollen ganz schön viel zu tun.

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  8. Cosina

    Für mich hätte beides gepasst und am Ende hab ich eben den Ring gezückt. Ich finde auch, das hat nichts damit zu tun, dass man bewusst irgendwelche Rollenbilder brechen will oder sich diesen beugt. Ich wollte heiraten, also hab ich auch gefragt. Dafür bekomme ich noch erstaunlich viele Komplimente von Müttern etc. , aber um mich rum sind alle Damen im Verlobungsfieber davon überzeugt, dass sie das nicht könnten oder sagen „nee, also da bin ich ja strikt traditionell“. Das finde ich schade.

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    1. mareike

      Hei!
      Auch ich bin eine, die gefragt hat! Lange her- am Donnerstag ist der siebte Hochzeitstag. Hat also gut gehalten!
      Mein Mann fand es super und nicht komisch, aber tatsächlich die Ummenschen! Wie du sagst, Cosima: Toll, aber ich könnte das ja nicht… Verbunden mit komischen Blicken! Bei mir war es auch eine eher spontane Aktion, echt und natürlich. Kein romantisches Gedöns! Es war nicht als feministischer Akt geplant. Wir leben einfach ein sehr gleichberechtigtes Leben, in allen Bereichen und ein Heiratsantrag gehört dazu- macht halt der, der grad Bock darauf hat und von Liebe überschwemmt wird! Oder auch nicht! Es ist wie bei allem: Macht halt, wenn ihr wollt- egal, welches Geschlecht (oder Gewicht, Aussehen, Glauben…)
      Liebst, Mareike

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  9. Nike Jane Artikelautor

    Liebe Kommentatorin Ann.Juette (oder Joanna? Verwirrung),
    deine Kommentare werden auch weiterhin gelöscht werden, da sie übergriffig und weit entfernt von konstruktiver Kritik sind, im Grunde sogar einfach nur Kindergarten-Pipifax. Wir würden uns riesig freuen, könntest du dir doch alsbald ein neues Hobby suchen. Es ist doch auch deine kostbare Zeit, die da im Nichts verrinnt.
    Viele Grüße,
    deine Janes

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  10. Ricarda

    Joana – ist das nicht ein bisschen fanatisch? Lies doch einfach einen anderen Blog 😀 Das ist ja wieder nicht konstruktiv… klingt eher persönlich.

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  11. Sandra

    Liebe Nike,

    ich habe eine Frage, die ich mir komplett wertungslos stelle, zu deinem Teil: … so etwas wie eine Bescheinigung der Gegenseite, für die ein Ja als reine Antwort nicht ausgereicht hätte“

    Aber fehlt diese Bescheinigung dann nicht deinem Freund ebenfalls?

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