Books that shaped & saved my life //
Mit Angelika Vandamme, Psychologin in Berlin

26.06.2017 Buch

Angelika Vandamme ist, daran besteht kein Zweifel, eine der stärksten, klügsten, ehrgeizigsten, ehrlichsten und zugleich emphatischsten Frauen, die ich je kennenlernen durfte. Vor etwa sieben Jahren war das und manchmal, wenn ich mich an den Tag erinnere, an dem wir uns zum ersten Mal begegneten, in einer kleinen Küche irgendwo in Berlin, dann höre ich vor allem ihr Lachen, das bis heute exakt dasselbe ist. Eines, das man nicht fälschen kann. Angelika meint immer, was sie sagt und macht. Sie will nicht nur über die Welt reden, was sie im Grunde pausenlos tut, sondern sie bereisen. Orte sehen, dessen Wanderwege andere bloß aus Erzählungen kennen. Und dabei auf Menschen treffen, von denen sie lernen kann. Bei mir war es anders herum. Ich habe vor allem von ihr lernen dürfen, glaube ich. Dass man ruhig mutige Pläne schmieden und träumen darf, zum Beispiel. Aber auch, dass es nicht ausreicht, andere zu lieben. Man sollte sich womöglich zunächst einmal mit sich selbst versöhnen. Wenn man so will, ist es sogar ein Stück weit Angelikas Beruf, uns exakt das zu lehren. In Berlin Mitte arbeitet die 30-Jährige, die für ihre russische Oma übrigens nicht bloß sämtliche Sprachkenntnisse auffrischte, sondern sich außerdem die kyrillische Schrift beibrachte, als Psychologische Psychotherapeutin an der Charité. Als selbstständige Psychologin bietet sie darüber hinaus psychologische Unterstützung, Coachings, Paartherapien und (Online-)Beratung an.

Bevor wir mit Tausendsassa Angelika demnächst also noch etwas genauer über die Bedeutung mentaler Gesundheit, leidige Tabu-Themen, die endlich viel häufiger diskutiert gehören und das Mysterium Selbstvertrauen sprechen, wollen wir heute schnell wissen: Geli, welche Bücher haben dich eigentlich geprägt? Ich weiß nämlich, dass das etliche sein müssen. Aber welche sind die wichtigsten?

Robert Seethaler – Der Trafikant

Als ich vor einigen Jahren „Der Schwimmer“ von Zsuzsa Bánk las, dachte ich, die Königin des „naiven“ Erzählens gefunden zu haben, doch dann fiel mir Der Trafikant von Robert Seethaler in die Hände und Zsuzsa musste zur Seite rücken auf ihrem bis dahin unangefochtenen Treppchen. Seethaler erzählt von dem 17-jährigen Franz, den seine Mutter aus dem Dorf ins große Wien von 1937 schickt. Er soll einem Bekannten in dessen Trafik aushelfen. Bereits kurz nach seiner Ankunft in Wien gelangt Franz in den Strudel der Zeit, der eigenen Entwicklung und der Liebe. Er wird mitgerissen, weggespült ohne eine Chance an ein Ufer zu gelangen. Begleitet wird sein junges naives Treiben von keinem geringeren als Sigmund Freud. Und besonders dieser Twist macht für mich als Psychologin, die Freuds Theorien immer und immer wieder durchkauen muss(te), das Buch besonders lesenswert. Franz begegnet Freud mit einer unvergleichlichen Unvoreingenommenheit und Natürlichkeit, die jede Bedeutungsschwere der freudschen Theorien wegzuwischen scheint.

„Also gut“, sagte Freud. „Ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal die Begrifflichkeiten klären. Ich vermute, wenn wir von deiner Liebe sprechen, meinen wir in Wahrheit deine Libido.“

„Meine was?“
„Deine Libido. Das ist die Kraft, die Menschen ab einem gewissen Alter antreibt. Sie schafft ebenso viel Freude wie Leid und hat, etwas vereinfacht gesprochen, bei Männern ihren Sitz in der Hose.“

„Auch bei Ihnen?“

„Meine Libido ist längst überwunden“, seufzte der Professor.

Und trotz aller oberflächlichen Leichtigkeit, sind die Themen, die Seethaler angeht tief und schwer. Am Ende wünscht man sich als Leser ein Rettungsboot, in dem man dem Strudel selbst entkommen kann.

Christian Kracht – Imperium

Manche Abende schreien förmlich danach, sie im Sessel mit einem Buch in der Hand zu verbringen und sich in ferne wärmere Regionen zu träumen.

Was für einen besseren Ort kann es geben als die Insel Kabakon in der Südsee? Christian Kracht nimmt uns mit auf diese Reise und erzählt uns von dem Apothekerhelfer August Engelhardt, der sich 1902 aus Nürnberg ins weit entfernte Kabakon aufmacht, um dort eine Nudistenkolonie zu gründen deren Bewohner sich als Kokovaren verstehen, also ausschließlich von Kokosnüssen ernähren. Die historischen Überlieferungen sagen uns, es war keine gute Idee, denn die Folgen der Mangelernährung waren fatal bzw. letal für die Anhänger dieses Kults. Eine sehr gute Idee hingegen war es dieses Buch darüber zu schreiben, in dem Duktus eines allwissenden Erzählers aus dem 19. Jahrhundert. Hat mir große Freude beim Lesen bereitet!

David Benioff – Stadt der Diebe

Ein weiteres Buch, das tendenziell zur kälteren Jahreszeit passt, ist „Stadt der Diebe“ von David Benioff. Allerdings handelt es sich hier weniger um einen spaßigen Zeitvertreib in der Südsee als viel mehr um die klirrende Kälte des Kriegswinters 1942 im belagerten und hungernden Leningrad. Vermutlich mein familiärer Hintergrund ließ mich mit großer emotionaler Anteilnahme die Geschichte von Lew lesen, welcher verhaftet wird, als er die Leiche eines deutschen Soldaten nach etwas Essbarem durchsucht. Auf Plünderung steht die Todesstrafe. Durch eine glückliche (?) Fügung bekommt er eine ungewöhnliche Aufgabe von dem Geheimdienstchef der Stadt gestellt und muss sich fortan mit dem Tod im Nacken durch das von unsäglicher Hungersnot geplagten Leningrad kämpfen. Wer wissen will, was die St. Petersburger Bürger im 2. Weltkrieg durchmachen mussten, dem ist dieses Buch sehr zu empfehlen!

Emanuel Carrère – Limonow

Die Biographie von Limonow habe ich wohl auch durch meinen russischen kulturellen Hintergrund mit einem besonderen Auge gelesen und gemocht. Eduard Limonow ist für mich vor allem ein Selbstdarsteller, direkt gefolgt vom politischem Aktivisten in ihm und an dritter Stelle kann man ihn wohl als Poet bezeichnen. Das tragische daran ist, dass Limonow eigentlich immer nur eins sein wollte: ein bekannter Dichter. Stattdessen ist er „Russlands sauerste Handgranate“ und Skandalautor, wie ihn Die Zeit beschreibt. Klare Position zu beziehen ist schwer für mich, da ich während des Lesens immer wieder genervt von diesem Einfallspinsel war und ihn gleichzeitig für seine Kompromisslosigkeit und unerschöpflichen Willen bewundert habe. Aber gerade dieses Zerrissensein macht diese Biographie, die wir dem Freund von Limonow und französischem Autor Emmanuel Carrère zu verdanken haben, allemal lesenswert! 

Agota Kristof – The Notebook

Als mich mein Mann in das Theaterstück „The Notebook“ am HAU schleppte und ich mich nach einem sehr sehr langen anstrengenden Tag in der Klinik plötzlich auf zwei Männer konzentrieren musste, die auf der Bühne aus einem Notizbuch eine Folie à deux zum Besten gaben, dachte ich, ich muss sofort die Flucht ergreifen. Hatte ich mich doch bereits den ganzen Tag mit Psychosen und tragischen Biographien beschäftigt. Aber schon nach wenigen Minuten war ich gefangen von der Geschichte und entschied noch am selben Abend das Buch zum Theaterstück zu lesen. Inhaltich lässt es sich wohl so zusammenfassen: Ein Zwillingspaar begeht die unmoralischsten Handlungen die der Wiederherstellung von Moral dienen könnten und befindet sich dabei in einer Folie à deux.

Kristof diente die wahre Geschichte eines Zwillingspaares aus den USA als Grundlage für den psychischen Zustand ihrer zwei Protagonisten. Leider ist das Buch bis heute nicht auf deutsch erschienen, es gibt nur eine englische Übersetzung und mittlerweile auch einen ungarischen Independent Film.

Danke, Geli!

3 Kommentare

  1. Mara Luna

    tolle, tolle Bücher! Freue mich, einige auf meine Liste schreiben zu können.
    Nur eine kleine, aber feine Anmerkung am Rande – ‚The Notebook‘ erschien bereits 1987 unter dem Namen ‚Das grosse Heft‘ – wie ‚Le grand cahier‘ im Original. Lohnt sich auf alle Fälle. Ich habe auch eine Inszenierung davon gesehen, ganz toll!

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    1. Nik

      Hihi…wollte auch gerade „klugscheißern“:)
      Wir hatten es damals als Lektüre im Deutschunterricht. Nachträglich betrachtet eine recht interessante Wahl.

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  2. Juuuuu

    Wow, dabei sind gleich zwei meiner Lieblingsbücher – der Trafikant und Stadt der Diebe. Tolle Auswahl!

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