Kolumne //
„Fashion is a feminist issue.“

05.07.2017 Feminismus, Kolumne, Mode

Ganz ehrlich: Lange Zeit habe ich mir überhaupt keine Gedanken über Mode gemacht. Klar, ich interessiere mich für Mode – mir ist nicht egal, was ich anziehe. Oder vielleicht doch? Anders ist es zumindest nicht zu erklären, dass ich jahrelang kaufte, was ich wollte, ohne auch nur mal kurz darüber nachzudenken, wo meine Klamotten eigentlich herkommen.

Selber Klamotten aussuchen und kaufen zu können, war für mich eine Befreiung. Nicht, weil meine bösen Eltern meiner Schwester und mir keine schönen Klamotten kaufen wollten. Sondern weil ich eben eine typische Teenagerin war, immer mit einem Auge darauf, was meine Freundinnen trugen und was auf dem Schulhof angesagt war – und meine Eltern sich erfrischenderweise weigerten, das Spiel „Aber alle tragen das doch jetzt!“ mitzuspielen. Sie warteten erstmal ab, ob ich die absolut lebensnotwendige Hose auch nach drei Wochen noch so unentbehrlich fand. Wenn ja, wurde das Ding auch mal gekauft. Wenn nicht, dann eben nicht. Eine an sich sehr gesunde elterliche Erziehungsmaßnahme, die ich als klamottengeile Teenagerin aber klarerweise nicht zu schätzen wusste. Als ich dann endlich (Taschen-) Geld sowie die elterliche Erlaubnis hatte, meine Klamotten künftig selber aussuchen und kaufen zu dürfen, kaufte ich – und habe damit gefühlt nie aufgehört.

Letztes Jahr gingen mir dann schlagartig die Augen auf. Ich hielt in Jena einen TEDxTalk zum Thema Feminismus und konnte mir vor meinem eigenen Auftritt am späten Nachmittag in Ruhe die anderen Redner*innen anhören. Weil das große Thema der Veranstaltung Nachhaltigkeit war (selbst die Saal-Deko bestand aus essbaren Blumen!) gab es gleich zwei Talks, die sich mit nachhaltiger Mode beschäftigten. Den einen hielt Jochen Strähle, Professor für internationales Fashion Management an der Uni Reutlingen. Den anderen hielten Carina und Roland Bischof, ein Geschwisterpaar, das sich auf unterschiedliche Weisen mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt: Upcycling-Expertin Carina in der Modeindustrie, Roland vor allem im Bereich Landwirtschaft. Da saß ich also in der heißen, stickigen Aula der Jenaer Uni und erfuhr zum ersten Mal, wie viele hundert Liter Wasser zur Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht werden. Oder wie schädlich Fast Fashion generell für die Umwelt ist. Dinge, die ich mir ja irgendwie hätte denken können, mit denen ich mich aber aus Faulheit oder Selbstzufriedenheit nicht beschäftigt hatte – hey, schließlich bin ich schon eine fahrradfahrende, vegetarische Feministin, was soll ich denn noch alles machen?

Da passt was nicht zusammen

Für mich hatte Mode nie viel mit ‚meinem‘ Feminismus zu tun, abgesehen von der Überzeugung, dass jede*r tragen können sollte, was er oder sie will (und dass es nicht ‚unfeministisch‘ ist, sich für Klamotten zu interessieren). Mode, das war für mich schlicht eine Art, mich auszudrücken. Nach der Veranstaltung in Jena dämmerte mir aber so langsam, dass ich mir selbst etwas vorgemacht hatte. Dass ich mit Scheuklappen unterwegs gewesen war. Ich begann, mich an das Thema Fair Fashion heranzutasten, ein bisschen was darüber zu lesen (unter anderem die wunderbaren Texte von Julia), verschiedenen Initiativen in den sozialen Medien zu folgen. So richtig ins Rollen kam die Sache dann, als Feminismus plötzlich zum neuen Trend erklärt wurde – und sowohl Mode-Luxusunternehmen als auch Textil-Discounter feministische Botschaften auf T-Shirts druckten. Botschaften, das war mir mittlerweile klar, die ironischer nicht sein könnten: Denn die angeblich so feministischen (Billig-)Shirts wurden zum großen Teil unter katastrophalen Bedingungen in Ländern wie Bangladesch hergestellt. In großen Textilfabriken, in denen es kaum sowas wie Schutzkleidung und Arbeiter*innenrechte gibt. Wo hauptsächlich Frauen als Näherinnen beschäftigt werden, weil sie meistens über keine Schulbildung verfügen und nur gering qualifiziert sind. Hat man all das im Kopf, hören sich die empowernden Botschaften auf den Shirts nur noch wie der blanke Hohn an.

Ich als Feministin habe den Anspruch, die Welt gerechter zu machen – da kann es mir nicht egal sein, unter welchen Umständen meine Kleidung hergestellt wird. Denn den Preis für meine modische Freiheit zahlen andere, vor allem Frauen. Feminismus ist per se eine konsumkritische Bewegung, schaut genau hin, wie, wo und warum etwas an die Frau gebracht werden soll. Dazu gehört eben auch, in Sachen Mode genau hinzuschauen: Ich kann meine Kleidung nicht länger als ein Thema betrachten, das mit Feminismus nichts zu tun hat. Als Konsumentin habe ich Macht und die drückt sich vor allem in Kaufentscheidungen aus. Ganz ehrlich: In Sachen nachhaltiger Modekonsum stehe ich noch am Anfang, finde vieles verwirrend und überwältigend. Aber ich freue mich auch, dass ich dazulerne, dass es Menschen gibt, die mir meine Fragen beantworten. Letztendlich fängt Wandel bei mir selbst an: Wenn ich will, dass sich etwas verändert, muss ich etwas dafür tun. Am besten zusammen mit anderen.

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