Brain Blah // Keine Angst vor der Liebe!

27.07.2017 um 13.48 – Kolumne Leben

Liebe bedeutet Schmerz, sagt man. Jedenfalls oft und irgendwie ja auch mit großer Wahrscheinlichkeit. Deshalb trauen sich viele auch erst gar nicht, mit Haut und Haar zu lieben, so richtig doll, von irgendwo ganz tief innen drin. Anfangs vielleicht schon, na klar, auf ins Gefecht!, aber nach dem ersten richtigen Knall wird es schon komplizierter, man selbst vorsichtiger und ängstlicher und mitunter schwer zu knacken. Das Hirn vergisst ja noch schleppender als das Herz. Und schaltet dann gern mal in den Selbstschutz-Modus. Geholfen ist uns damit aber nicht wirklich. Ganz im Gegenteil, wir laufen sogar Gefahr, vor lauter Pessimismus das Beste vom Beziehungs-Fest zu verpassen. Das weiß ich allerdings erst, seit ich wieder Optimistin bin.

Ich muss jedenfalls ungefähr 21 gewesen sein, als ich mir zunächst fest vornahm, sämtlichen selbstlosen Gefühlen abzuschwören, damals, als meine erste große Liebe mit großem Radau auf einem rollernden Schreibtischstuhl gen WG-Tür robbte, um mir nach etwa fünf Jahren Beziehung für immer Lebewohl zu sagen. „Die Gefühle sind halt einfach weg“, trällerte der beinahe erwachsen gewordene Junge dabei laut und bestimmt und zum Verschwinden bereit, woraufhin ich einen großen Satz machte, ein dramatischer Hechtsprung war das, beide Beine zu packen bekam und auf dem Boden hängend darauf bestand, man möge mich doch bitte noch schnell bei meinen Eltern absetzen. Ich dachte damals, ich müsse womöglich schon sehr bald sterben, an einem gebrochenen Herzen – und dabei wollte ich zumindest nicht allein sein. Nach zwei Tagen kamen keine Tränen mehr, nach zwei Wochen färbte ich mein Haar Platinblond, nach zwei Monaten begann ich damit, regelmäßig auf Tanzflächen zusammenzubrechen, wann immer sie Oasis, Rage against the machine oder Frightened Rabbit spielten und zwei ganze Jahre später war wieder alles in Butter, sogar in butterer als je zuvor.

Wie ein aus Asche emporgestiegener Phoenix kam ich vor, wie eine neue, bessere Version meiner selbst. Ich verstand plötzlich, dass die Zeit tatsächlich die allermeisten Wunden heilt. Dass man an jeder Trennung auch ein großes Stückchen wächst und mit jeder gemeisterten Hürde immer mehr zu sich selbst findet. Dass man ziemlich viel aushält. Und super stark ist, wenn man nur will. Dass man durch das plötzliche Alleinsein lernt, wie wichtig eigene Bedürfnisse sind. Aber auch, dass es wirklich scheiße mutig ist, jemanden zu lieben. Nach wie vor. Liebe kann zweifelsohne ein Arschloch sein, aber keines, das wir nicht aushalten würden. Wichtig!

Als fröhlicher Single brüllte ich fortan dennoch lieber Fuck the pain away mit Peaches im Duett als vor lauter Gefühlsduselei erneut in temporären Beziehungen zu ersaufen und verteufelte jede aufkeimende Romantik überaus leidenschaftlich, stets erpicht darauf, den Prozess des Entknallens schon frühzeitig einzuleiten, nämlich bereits beim ersten Gedanken an das Verknallen. Ich wollte jetzt vor allem eines sein und bleiben: Unabhängig! Und das Gegenteil eines naiven Trauerkloses. Ist ja eh alles nicht für immer, dachte ich, und alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei und Beziehungen machmal sogar drei oder vier und fünfzig. Dieses Fallenlassen, von dem alle Welt sprach, kam mir außerdem nicht wie die Erfüllung vor, sondern einfach nur dämlich. Ist es ja im Grunde auch. Blind vor Liebe ist uns manchmal kaum bewusst, wie unsichtbar eigene Bedürfnisse manchmal werden und wie sehr wir unser Herz am Ende doch immer wieder ganz leichtfüßig an andere hängen, die ihrerseits auf Ewig vogelfrei bleiben werden. Ein Partner ist nunmal ein extrem zerbrechliches Geschenk und keine konstante Lebensversicherung. Aber gleichzeitig auch ein wunderbares Risiko, das es vermag, uns in ungeahnte Höhen zu katapultieren. Das weiß jeder, der schonmal verliebt bis über beide Ohren war. Soll heißen: Wer sich vor der Scheiße schützt, flieht logischerweise auch irgendwie vor dem putzmunteren Glück. Zeit also, der Feigheit mit einer Prise Zuversicht die Stirn zu bieten. Es gilt bloß, den Verstand nicht zu vergessen. Gesagt, gewagt – und erneut gescheitert.

Schon wieder stand ich irgendwann da, immerhin um die vielleicht einzige für immer währende Liebe meines Lebens – meinen Sohn – reicher, mit dicken Tränensäcken behangen, aber dennoch voller Vorfreude auf die nahende Zeit der Genesung. Ich hatte schließlich längst gelernt, dass nach dem Regen immer wieder die Sonne rauskommt. Die heilendste Erkenntnis aber war, dass wahrscheinlich nicht ausschließlich die kaputte Liebe an meinem Verdruss Schuld gewesen war, sondern auch ich selbst. Hatte ich die Liebe einfach falsch verstanden? Ich war immerhin sehr gut darin geworden, mich in den wohligen Armen der Verliebtheit stets ein wenig selbst zu vergessen. Und die ganze Welt, die da noch an mir mit dran hing.

Versteht mich jetzt bitte nicht falsch, ich bin entschieden gegen das Zerdenken und Schwarzmalen von großen Gefühlen und überhaupt nicht rational, ich bin sogar für die rosarote Brille zu haben und für unvernünftige Bauchentscheidungen und Wagnisse und Wahnsinn. Aber wer mutig sein und lieben will, ohne am eventuellen, hoffentlich nicht eintreffenden, aber dennoch möglichen Worst Case zu zerbrechen, muss zunächst einmal lernen, sich selbst zu vertrauen. Darauf, dass alles gut wird, egal wie, einsam oder gemeinsam. Der muss auch sich selbst zum Freund haben. Der muss selbstlos lieben statt es zu lieben, geliebt zu werden, der darf nicht aufhören, an den unbezahlbaren Wert von Unabhängig zu glauben, der muss, meines Erachtens nach, ein eigenes Leben neben dem gemeinsamen haben und hegen und pflegen. Und dann, wenn man zumindest ganz leise ahnt, dass es irgendwie auch ohne den anderen weiterginge, irgendwann, dann erst geschieht das richtige, mutige Fallenlassen mit einem Mal von ganz allein. Bei mir war das so. Vielleicht, weil die Liebe nunmal viel höher wachsen kann, wenn die Angst irgendwo am Boden bleibt.

Inzwischen bin ich sogar abenteuerlustig genug, an ein Für Immer zu glauben. Vielleicht, weil ich mit der Sicherheit eines Steh-Auf-Männchens im Rücken plötzlich aufrichtiger lieben kann als je zuvor, aber auch, weil ich nun weiß, dass es all das wert ist. Einfacher als ständig in der Gewissheit zu schwelgen, dass das Leben dir auf rein gar nichts eine Garantie ausstellen kann, wäre es natürlich, sich von der Liebe loszusagen. Aber wären wir dann glücklicher? Wohl kaum. Ich sage deshalb: Jetzt erst recht. Denn komme, was wolle: Wir schaffen das.

 

 

8 Kommentare

  1. Veronika

    Danke für diesen Text, Nike und euren tollen Podcast. Ich komme gerade aus einer langjährigen Beziehung, die mich emotional sehr geschädigt hat. Durch habe ich wieder die Hoffnung, dass alles gut wird. Und ja es gibt da draußen auch die Leute, die so wie ich denken. Merci und ganz viel Liebe ❤️

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  3. Anna

    Liebe Nike,

    du hast ein unglaubliches Talent mit Worten umzugehen. Du schreibst so schön frei und jeder kann genau verstehen was du meinst und fühlt sich angesprochen.
    Danke für diesen tollen tollen Text!
    Du hast es sogar geschafft, meine eigenen Gedanken besser auszudrücken als ich es kann.

    Lieben Gruß <3

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