Der Fall R. Kelly – „Wenn Sie Teenager sagen, über welches Alter sprechen wir hier?“

Der amerikanische Künstler R. Kelly soll mehrere junge Frauen in Missbrauchsbeziehungen gefangen halten. Schon seit Beginn der 2000er ist R. Kellys verstörendes Verhältnis zu Teenagerinnen bekannt – doch wirkliche Konsequenzen folgten für ihn bisher nicht. Warum?

Die Vorwürfe sind gravierend: R. Kelly, erfolgreicher US-amerikanischer Sänger, Songwriter und Produzent, soll mehrere junge Frauen in Missbrauchsbeziehungen gefangen halten. Kelly, so sagen Frauen, die selbst einmal Teil seines ‚inner circle‘ waren, würde die Frauen auf Schritt und Tritt kontrollieren und darüber bestimmen, was sie anziehen, was sie essen, wann sie schlafen sowie wann und wie sie Sex mit ihm haben. Öffentlich gemacht hat diese Vorwürfe der Journalist Jim DeRogatis, der sich seit mittlerweile 17 Jahren mit R. Kelly und dessen sexuellen Beziehungen zu meist minderjährigen Mädchen beschäftigt. Schon im Dezember 2000 schrieb DeRogatis zusammen mit seinem Kollegen Abdon M. Pallasch in der Chicago Sun-Times, R. Kelly habe seine Stellung und seine Berühmtheit ausgenutzt, um Teenagerinnen zu treffen und mit ihnen Sex zu haben. DeRogatis förderte mehrere Klagen von Frauen gegen R. Kelly zutage, die schwere Anschuldigungen enthielten: Einer jungen Chicagoerin zufolge hatte Kelly Sex mit ihr, als sie erst 14 war und zwang sie zum Sex zu dritt.

 

„Über welches Alter sprechen wie hier?“

Schwere Anschuldigungen, ja. Doch zu einem Prozess kam es nie. Bis DeRogatis 2001 ein Video zugespielt wurde, in dem R. Kelly mit einer 14-Jährigen Sex hat und in ihren Mund uriniert. Die Chicago Sun-Times übergab das Video der Polizei, 2008 folgte der Prozess. Doch R. Kelly wurde nie wegen Kindesmissbrauch oder Vergewaltigung angeklagt, sondern wegen der Herstellung von Kinderpornografie. Das lag auch daran, dass die Eltern des Opfers und das Opfer selbst nie mit der Polizei kooperierten und im Prozess nicht aussagten. Doch es gab andere Zeugen, dutzende von ihnen, und das von DeRogatis sorgfältig zusammengetragene Beweismaterial. Allerdings: Dieses Material wurde vor Gericht nicht als Beweis zugelassen. Am Ende wurde R. Kelly freigesprochen – weil es nur um dieses eine Video ging, mit diesem einen Mädchen, das sich selbst dem Opferstatus verweigerte. Kein Opfer, kein Verbrechen. Dass R. Kelly nachweislich die Sängerin Aaliyah geheiratet hatte, als diese erst 15 war? Dass er in einem Interview auf die Frage nach seiner Präferenz für Teenagerinnen antwortete: „Wenn Sie Teenager sagen, über welches Alter sprechen wir hier?“ Egal.

Und nun also die neuen Missbrauchsvorwürfe. Diesmal allerdings sind die betroffenen Frauen keine Teenagerinnen, sondern bereits erwachsen. Doch ob Teenagerin oder Erwachsene ist eigentlich egal, denn so oder so haben die Vorwürfe R. Kellys Karriere bisher kaum geschadet, von der Absage seiner geplanten Tour dieses Jahr mal abgesehen. Er wird weiterhin regelmäßig in amerikanische Late-Night-Shows eingeladen, das Pitchfork Music Festival buchte ihn 2013 als Headliner und im gleichen Jahr sang Lady Gaga ein Duett mit ihm – das hieß ausgerechnet Do What U Want, der Refrain lautete: „Do what you want/what you want with my body.“ Ja, die gleiche Lady Gaga, die sich bei der Oscarverleihung 2016 als Verbündete von Opfern sexualisierter Gewalt inszenierte und sogar einen entsprechenden Song schrieb (Til it happens to you).

Aufmerksamkeit! Geld! Ruhm!

Natürlich, R. Kelly wurde nie verurteilt. Und ist das nicht das Entscheidende? Er ist unschuldig. Aber ist er das wirklich? DeRogatis‘ Recherchen, die außergerichtlich geregelten Klagen junger Frauen, das Sex-Video, die Ehe mit Aaliyah: Alle diese Dinge zeichnen das Bild eines Mannes, dessen Beziehungen zu Frauen höchst problematisch sind, Verurteilung hin oder her. Das Bild eines Mannes, dessen Ruhm ihn vor tatsächlichen Konsequenzen schützt, der weiterhin ungestört seiner Arbeit nachgehen kann. Überraschend ist das nicht, schließlich wird berühmten Männern in Sachen sexuelle Belästigung und Missbrauch so ziemlich alles verziehen. Woody Allen heiratete die damals erst 19-jährige Adoptivtochter Soon-Yi seiner ehemaligen Lebensgefährtin Mia Farrow – Farrow hatte zuvor Nacktfotos von Soon-Yi in der Wohnung des damals 56-jährigen Allen gefunden. Nun ist die Ehe mit Soon-Yi nicht verboten oder gar straffällig, moralisch fragwürdig ist sie aber schon. Hinzu kommen Vorwürfe von Allens und Farrows gemeinsamer Adoptivtochter Dylan, Allen habe sie als Kind sexuell belästigt. Bewiesen werden konnten die Vorwürfe nie. Doch selbst wenn es zu einer Verurteilung gekommen wäre, hätte diese Allens Karriere voraussichtlich nicht geschadet. Das zeigt das Beispiel Roman Polanski: Der vergewaltigte in den 1970ern ein 13-jähriges Mädchen. Sowohl Allen als auch Polanski drehen weiter Filme und werden von Hollywood hofiert.

Bei Frauen hingegen reicht bereits einvernehmlicher Sex mit einem männlichen Partner, um ihre gesamte Karriere und Zukunft zu zerstören (siehe Monica Lewinsky). Frauen, die sexualisierte Gewalt anzeigen und damit öffentlich machen, wird grundsätzlich erstmal nicht geglaubt – handelt es sich bei dem potenziellen Täter um eine Berühmtheit, ist das Motiv ja sowieso klar: Die will nur Aufmerksamkeit! Geld! Ruhm! Dass es im Fall Bill Cosby überhaupt zur Anklage kam, lag an der schieren Zahl der Opfer, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gingen. Doch ob Cosby trotz der erdrückenden Anzahl von Aussagen wegen Vergewaltigung schuldig gesprochen wird, ist fraglich. Den ersten Prozess zumindest hat er unbeschadet überstanden. Was zeigt: Nicht immer werden die Schuldigen auch bestraft.

Junge schwarze Frauen? Interessiert niemanden

Das wirft wiederum die Frage auf, wie das Publikum, die Menschen, die R. Kellys Musik hören oder Roman Polanskis Filme schauen, damit umgehen sollten: Mit der Tatsache, dass ein Musiker, dessen Musik man liebt, dass ein Regisseur, dessen Filme man verehrt, menschlich minderwertige Exemplare und potenzielle Verbrecher sind? Das Problem ist ja, dass diese Tatsache gute Musik nicht automatisch unhörbar, fantastische Filme automatisch schlecht macht. Außerdem gilt es doch, den Künstler von der Privatperson zu unterscheiden. Oder? Im Falle von R. Kelly fällt das allerdings schwer. Seine Vorliebe für Teenagerinnen zieht sich durch sein gesamtes Werk: Das von ihm produzierte Aaliyah-Album von 1994 heißt bezeichnenderweise Age ain’t nothing but a number. Ebenso fällt es schwer, Woody Allens Film Manhatten von 1979 zu sehen – in dem es um die Beziehung zwischen einer 17-Jährigen und einem von Allen selbst dargestellten 42-Jährigen geht –, ohne Parallelen zu Allens eigener Beziehung zu Soon-Yi zu sehen.

Es wirft auch die Frage auf, warum die Bereitschaft, wegzusehen, einen R. Kelly, einen Woody Allen oder Roman Polanski weiter auf ein Podest zu stellen, so groß ist. Im Fall R . Kelly ist für Jim DeRogatis die Antwort klar: Kellys Opfer sind hauptsächlich afroamerikanische Teenagerinnen – und für die interessiere sich einfach niemand. In einem Interview zitiert DeRogatis den afroamerikanischen Autor Mark Anthony Neal: „Niemand zählt in der Gesellschaft weniger als junge schwarze Frauen.“ Die Sozialarbeiterin Feminista Jones (richtiger Name: Michelle Taylor) weist darauf hin, dass afroamerikanische Frauen seit Jahren Konsequenzen für R. Kelly fordern würden, ohne Erfolg. Ihre Stimmen zählen schlicht nicht.

Und so leben Männer wie R. Kelly weiterhin ungestört ihr Leben, verdienen Millionen, werden verehrt. Einfach deshalb, weil ihre Stimme zählt, weil man ihnen zuhört – und glaubt. Dieses Privileg haben die Frauen, die Opfer dieser Männer werden, nicht.

3 Kommentare

  1. Suzie

    Und nicht zu vergessen Gina Lisa! Kisha! Auch weiße, blonde Frauen zählen einen Dreck – Flittchen halt! Man möchte erbrechen, wenn man sieht, wie mit diesen Frauen umgesprungen wird.

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    1. Anna

      Ich finde es wichtig wirklich zu differenzieren! Denn Tatsache ist, dass Gina Lisa und Keesha sexuelle Gewalt erfahren haben, aber aufgrund ihrer gesellschaftlichen Positionen („weiße, blonde“ Frauen) eine gesellschaftliche und mediale Präsenz erhalten haben. Und ich spreche dabei nicht ab, dass die sexualisierte Gewalt nicht medial fortgeführt wurde. Aber Schwarze Frauen und Frauen of Color erleben eben nicht nur Sexismus, sondern sind genauso von Rassismus betroffen. Das bedeutet, dass sie beispielsweise medial mit ihren Erfahrungen nicht sichtbar werden können – wie diese jungen Frauen/Teenager im Fall von R. Kelly. Eine intersektionale Perspektive ist für Solidarität/ solidarisches Handeln wirklich sehr wichtig!

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  2. Isa

    Anna, das stimmt schon, aber im Ganzen läuft alles auf das gleiche Problem hinaus, welches die Rolle der Frau betrifft. Differenziert zu betrachten ist dies aber auf alle Fälle. Es ist unfassbar, was in dieser Welt schief läuft und wieso einfach „nichts passiert“. Diese Vorwürfe laufen alle im Hintergrund ab und berichtet wird viel zu wenig darüber. Und vor allem weggeguckt!

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