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Ist Fake Fur ethisch korrekt?

29.09.2017 Fair Fashion

Ich liebe Pelz. Nein, das ist kein Spaß, sondern mein voller Ernst. Pelz ist so schön weich, so warm, so kuschelig, so unglaublich schick und feminin. Tragen würde ich ihn aber niemals in meinem Leben. Unter keinen Umständen und für kein Geld der Welt. Denn Pelz – und das wissen wir alle ganz genau – ist so eines der grausamsten Dinge, die die Menschheit je erfunden hat. Was ich aber bis heute nicht verstanden habe ist, warum so viele Veganer und Vegetarier gegen das Tragen von Kunstpelz sind? Erst vor zwei Wochen hatte Sarah sich dem Thema Fake Snake Skin gewidmet. Also was sagt ihr? Fake Fur: Ja, nein, vielleicht? Ein paar für und wider Argumente folgen hier:

Die beiden häufigsten Argumente gegen Kunstpelz sind:

  • von außen nicht von echtem Pelz zu unterscheiden und deshalb im Zweifel ein Statement pro Pelz, dass andere ermutigt echten Pelz zu kaufen
  • die Gefahr, dass man Pelz nicht von echtem Pelz im Laden unterscheiden kann (vor allem bei Pelzbesätzen an den Jacken)
 

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Nun, lasst mich das Ganze mal von hinten aufrollen und damit zwei Dinge klarstellen: Pelz und Leder unterscheiden sich nicht und wer außerdem gegen Kunstpelz ist, darf in der Konsequenz auch keine Lederschuhe oder Kunstlederschuhe tragen.

Das Tragen von Pelz ist gesellschaftlich relativ weit verbreitet verpönt. Das Tragen von Leder ist völlig in Ordnung, ja teilweise sogar angeblich „ökologischer“ als das Tragen von Kunstleder. Leder, das ist die Haut von Tieren. Pelz, das ist die Haut plus die Haare von Tieren. Merke nur ich das? Leder und Pelz, das eine mit Haaren, das andere ohne Haare, aber beides mit Haut. Dem Tier ist es wohl schnurzpiepegal, ob es jetzt wegen seiner Haut oder seiner Haut und Haare sterben muss. Bis hierhin dürfte also klar sein: Wer gegen Pelz ist, der sollte eigentlich auch gegen Leder sein.

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Modestatement vs. praktischer Nutzen

Gut, nun sagen die einen, dass Pelz völlig überflüssig und tatsächlich nur ein Modestatement sei und deshalb völlig verzichtbar. Und Lederschuhe sind dann nicht nur ein Modestatement, sondern haben auch einen Nutzen, den Kunstlederschuhe nicht erfüllen? Das können ja nur vier Dinge sein: Sie sind entweder wärmer, langlebiger, wasserdichter und weniger schwitzfußgefährdet. Wärmer sind Lederschuhe nicht, denn Wärme kommt vor allem durch die Isolation der dickeren Sohle oder durch das Innenfutter. Zum Thema Langlebigkeit kann ich sagen, dass zum Beispiel die qualitativ hochwertigen veganen Schuhe aus Portugal von Joshua Katcher bei täglichem Tragen inkl. Wind, Wasser und Schnee schon mehr als 3 Jahre halten und jetzt das erste Mal neu besohlt werden müssen. Die Schuhe kosten im Schnitt inkl. Zoll und Shipping 350 Euro, also pro Jahr etwa 120 Euro und pro Monat 10 Euro.

Meine Chelsea Boots von Will’s Vegan Shoes habe ich seit vier Jahren und noch kein einziges Mal besohlen lassen. Gekostet haben sie 120 Euro, Made in Portugal. Wasserdicht sind Schuhe durch Imprägnierung oder wenn das Material aus Gummi besteht. Letzteres trifft nicht zu und impregnieren kann man alle Schuhe.

Schwitzfüße kriegt man zugegebenermaßen in Lederschuhen seltener, aber mittlerweile gibt es so gute atmungsaktive Kunstlederschuhe, dass ich hier maximal einen halben Punkt bei den Lederschuhen stehen lasse.

Kann Leder ökologischer sein als Kunstprodukte?

Ich habe es zwar schon mehrfach geschrieben, aber selbst pflanzlich gegerbtes Leder von Biokühen ist nicht ökologischer als Kunstleder. Kunstleder mag zwar durch die Erdölbasis im Material auch nicht ökologischer sein, aber im Zweifel ist eben beides gleich unökologisch und dann bleibt bei den Biolederschuhen immer noch der ethische Aspekt.

Warum Leder überhaupt nicht mehr in jedem Fall ein Abfallprodukt der Fleischindustrie ist und dass die Herstellung von Leder nicht nur Umwelt und Menschen gefährdet, sondern auch für die Tiere höchst fragwürdig ist, könnt ihr außerdem hier nachlesen.

 

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Sollte jetzt jemand eine Marke nennen, die nur Leder aus Fleischabfällen verwendet, müsste man sich aber auch einmal fragen, wer denn so irgendwann mal den Kreislauf unterbrechen sollte? Es sei denn man findet Fleisch essen in Ordnung, dann ist es logisch, dass man auch das Tragen besagter Schuhe in Ordnung findet und Pelz tragen eben vielleicht trotzdem nicht.

Pelz ist Leder mit Haaren

Wir sind also an diesem Punkt angelangt: Wer Lederschuhe trägt, kann nicht alles von sich weisen und einfach verteufeln, wenn jemand Pelz trägt. Es ist natürlich besser nur Lederschuhe zu tragen und nicht auch noch Pelz, aber es geht hier ja nicht ums Karmapunkte sammeln, sondern um eine Argumentation für Fake Fur – und ich verspreche, dass ich auch gleich auf den Punkt komme. Wer also ein Freund von Leder ist, der sollte sich in der Protestversammlung vor einem Pelzgeschäft lieber etwas im Hintergrund halten und der Vorbildfunktion zur Liebe gleich mal bei sich selbst anfangen.

Kunstpelz tragen macht Sinn

Wer beim Kunstpelz mit dem Argument kommt, dass die Verwechslungsgefahr zu groß ist, dem möchte ich sagen, dass ich 100% sicher bin, dass jeder, der gegen Pelz und Leder ist, mindestens ein Paar Kunstlederschuhe zu Hause hat. Es sei denn, jemand läuft auch im Winter in Stoff- oder Kunststoffsneakern durch die Gegend oder besitzt nur Gummistiefel. Falls es tatsächlich diese Menschen geben sollte, dann klammere ich sie hiermit aus der folgenden Argumentation aus. Wer aber Kunstlederschuhe trägt, kann nicht gegen Kunstpelz sein. Denn beides sieht dem Original zum Verwechseln ähnlich und beides verursacht im Original Leid in der Herstellung. Gegen die Angst beim Kaufen von Pelz helfen übrigens eine Reihe von Schnelltests, die sofort sichtbar machen, ob es sich um Fake oder Original handelt.

Wenn mir ansonsten niemand ein wirklich überzeugendes Argument gegen Kunstpelz liefert, würde ich vorschlagen, dass wir das Thema endlich abschließen und uns wichtigeren Themen und der Positivität zuwenden. Und das geht allen voran an meine pflanzenessenden und oftmals viel zu verbohrten und in ihrem eigenen Kopf festgefahrenen Gleichgesinnten da draußen. Denn keine Fake Leder- und Pelzprodukte zu konsumieren ist sonst eben gleichbedeutend mit vollkommendem Verzicht auf Fashion und persönlicher Ausdrucksweise. Und auf Verzicht hat nun mal niemand Lust, inklusive mir. <3

 

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7 Kommentare

  1. Tati

    Was ist das denn für ein Artikel…

    Was mich hier grundsätzlich am meisten stört ist die allseits bekannte „Alles oder nichts“ Haltung. Man darf sehr wohl auch einen Mittelweg gehen und nicht bei allem konsequent sein. Man darf auch seine alten Ledersachen tragen und trotzdem konsequent gegen Pelz sein. Mir widerstrebt diese schwarz/weiß Denken ganz erheblich. Denn wer vehement gegen Tierleid ist, sollte im nächsten Schritt auch nur faire Kleidung kaufen, keinen Müll mehr produzieren usw. JEDER Schritt zählt. Oder wie Maddie von Dariadaria sagen würde „wir sind Menschen, die ihr Bestes geben, aber nicht perfekt sind“.

    Und ein starkes Argument gegen Kunstpelz (ist gar nicht unbedingt meine Haltung): es besteht aus Plastik und produziert damit mehr Müll. Sollte jemand Kunstpelz in die Waschmaschine werfen, entsteht damit Mikroplastik im Abwasser.

    Hier noch zwei Eigenschaften FÜR Leder (denn ich bin wie gesagt kein Freund von ganz oder gar nicht): Leder patiniert und altert schön, was ich von Kunstleder nicht behaupten kann. Meine Matt&Nat Tasche sieht nach einem Jahr altern leider nicht schöner aus als neu, waas bei Leder allerdings der Fall ist, das wird mit der Patina nämlich schöner, ist daher langlebiger und kann am Ende seiner Tage biologisch abgebaut werden, was bei Kunstleder nicht geht.
    Recycelte Kunstlederprodukte sind wieder was anderes, aber grundsätzlich bedeutet Kunstleder neuer Kunststoffmüll.

    Bitte einmal einen Blick auf Gusti Leder werfen, die machen vor, wie es gehen kann.

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  2. Sara

    Kunstpelz ist „von außen nicht von echtem Pelz zu unterscheiden und (ist) deshalb im Zweifel ein Statement pro Pelz, dass andere ermutigt echten Pelz zu kaufen“.

    Dann verstehe ich diese ganzen vegetarischen Produkte nicht: vegetarische Wurst, Nudeln mit vegetarischem Hack usw. Sieht alles aus wie Fleisch – ist dann ja auch irgendwie im Zweifel ein Statement pro Fleisch?!

    Finde diese Art von Argumentation doof.

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  3. Aglaja

    Der Gleichsetzung von Pelz mit Leder muss ich widersprechen. Sicher, dem Tier ist es wohl egal, aus welchem Grund es getötet wird. Jedoch wird das Fleisch der Tiere, die als Pelzlieferanten dienen, bis auf wenige Ausnahmen – etwa Kaninchen – nicht gegessen, diese Tiere sterben also allein (!) aufgrund des Pelzes. Bei den meisten „Lederlieferanten“ (Rind, Lamm) wird auch das Fleisch weiterverarbeitet, das Tier also „ganzheitlich“ genützt. Ich persönlich finde, das ist ein großer Unterschied.

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  4. Charlotte

    Ich finde es auch schade, dass man als Pelzgegner immer gesagt bekommt, dass man auch gegen Leder etc. sein müsste. Wieso denn?
    Ich lebe zwar vegetarisch, jedoch nicht vegan, was im Endeffekt auch inkonsequent wäre, nach zuvor genannter Logik. Mit der Doppelmoral innerhalb anderer Bereiche möchte ich gar nicht erst anfangen.
    Wenn alle weniger tierische Produkte, egal welcher Form, konsumieren, ist den Tieren im Endeffekt mehr geholfen, als wenn ein paar wenige Hard-Liner konsequent auf alles verzichten.
    Weswegen ich mich hier aber eigentlich zu Wort melde: Ich finde es besteht ein sehr großen Unterschied zwischen Leder und Pelz.
    Wie zuvor bereits genannt, wird Leder zumeist von Kühen und Lämmern verwendet, die „immerhin“ ganz verwertet werden und nicht, wie im Falle der Pelzfarmen, nur das Leder bzw. Fell. Selbstverständlich stirbt in beiden Fällen ein Tier und, wie gesagt, finde ich man sollte so wenig tierische Produkte wie möglich konsumieren.
    Allerdings finde ich es vollkommen legitim und gut, absolut gegen Pelz zu sein, auch wenn man wenige Ledersachen besitzt. Außerdem stammen die Pelze überwiegend aus China, Russland, etc. und ich denke jeder weiß, dass dort noch niedrigere Richtlinien für Tierschutz als in Deutschland/EU herrschen.

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  5. Maren

    Ich bin auch konsequenter Pelzgegner, trage hingegen meine alten Ledersachen auf. Ich denke auch, zwischen Pelz und Leder besteht ein (meist) großer Unterschied, kommt aber auch etwas darauf an , woher das Leder stammt. Pelzfarmen ist eigentlich immer absolut widerwärtig was die Haltung und den Umgang mit den Tieren betrifft, ich habe noch nie etwas anderes gesehen oder gehört. Klar, es gibt natürlich auch „billigleder“ wer weiß woher, da sind die Bedingungen für Rind und co. sicher nicht wesentlich besser. Aber wenn man sich Haltungsbedingungen in Deutschland anschaut, ist es doch ein erheblicher Unterschied, was nicht heißen soll, das ich den Großteil der Nutztierhaltung gutheiße. Leider sind wir ( zumeist) weit entfernt von dem, was für die Nutztiere ein gutes Leben ist, auch wenn sich ja schon viel tut. Daher habe ich auch Null Toleranz für Leute,die echten Pelz tragen. Völlig überflüssig. Leben doch nicht am Nordpol.

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  6. Marie

    Plastik verseucht die Meere nachhaltig. Aber hauptsache der polyestermantel ist vegan.
    Bisschen einfach gedacht würde ich sagen..

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  7. Isabel

    „Denn Pelz – und das wissen wir alle ganz genau – ist so eines der grausamsten Dinge, die die Menschheit je erfunden hat.“ Hier müsste man ein wenig differenzieren. Ursprünglich war Pelz ein Abfallprodukt, das dringend benötigt wurde und das das Überleben der Menschen sicherte. Erst seitdem es Plastik gibt und synthetische Stoffe erfunden wurden, gab es eine wirkliche Alternative zu Wolle und Pelz, um sich im Winter warm zu halten. Natürlich nahm die Mode schon früh perverse Masse an, wenn man bedenkt, dass für einen Feldhamstermantel über 100 Tiere sterben müssen. Das ist wirklich grausam und kann auch nicht mit dem Argument „es hält warm“ gerechtfertigt werden.

    Ich kaufe prinzipiell keine neuen Kleidungsstücke aus tierischen Rohstoffen, wenn ich mir nicht sicher bin, dass das ein absoluter Funktionsgegenstand ist, den ich über Jahre intensiv tragen werde. Ich würde auch niemals einen neuen Pelz kaufen, ABER: ich trage den uralten Persianer-Pelzmantel meiner seligen Grosstante in den kältesten Wintertage, da der tatsächlich wärmer ist als all meine Jacken. Das nenne ich reiner Pragmatismus und ich weiss auch, dass der Mantel schon für meine Grosstante ein absolutes Funktionskleidungsstück war, das sie über Jahrzehnte trug.

    On another note, was noch sehr wichtig ist: Man sollte unbedingt nicht vergessen, dass Seide eigentlich auch etwas total Brutales ist, da die sich verpuppte Seidenspinnerlarve mit heissem Wasser übergossen und somit getötet werden muss, um das Material zu gewinnen. Kürzlich sah ich auch einen kleinen Clip wie Wolle „geerntet“ wird und was für Qualen teilweise die Kaschmirziegen oder Angorahasen ausgesetzt sind, wenn sie immer und immer wieder lebend gerupft werden. Dafür müssen die Tiere unglaublich leiden – mehr noch, als wenn sie sofort getötet werden würden.

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