Gerüchteküche //
Verlässt Phoebe Philo wirklich Céline?

18.10.2017 Mode

Wenn die Gerüchteküche dermaßen brodelt wie in diesem Fall, dann kann man davon ausgehen, dass zumindest ein Fünkchen Wahrheit ganz sicher zu stecken scheint: Phoebe Philo verlässt Céline, munkelt eine Branche. Und Business of Fashion will bereits in Erfahrung gebracht haben, dass man im Hause LVMH sogar schon Interviews mit Nachfolger*innen für die Chefdesigner*in-Position führt. Der Konzern selbst schweigt zwar bislang, aber irgendwas scheint hier doch im Busch  zu stecken – und die Vergangenheit zeigt, dass sich so manch ein Designerwechsel im Vorfeld genauso ankündigte. 10 Jahre lang führt Phoebe Philo das Design-Regiment des Pariser Labels nun bereits an, das für die Britin damals extra nach London umzog, um Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen. 

Wer jetzt denkt „Ein Sack Reis fällt in China um“, der mag auf der einen Seite sicher Recht haben, vergisst auf der anderen Seite allerdings, wie prägend die Arbeit einer Phoebe Philo für die komplette Modebranche bis jetzt war, welche Trends sie zu verantworten hat, wie stark sie das Bild der Frau in bloß einer Dekade geprägt und für Umdenken und Selbstverständnis gesorgt hat.

Laut BoF gehören die Ports 1961-Chefdesignerin Natasa Cagalj sowie Victoria Beckhams Designdirektorin Ilaria Icardi zu den LVMH Favoriten. Aber auch Michael Rider, der sich auf Social Media bereits als Designdirektor der Ready-to-Wear Linie von Céline betitelt, sei wohl in der engeren Auswahl. 

Um euch aufzuzeigen, für welchen Hype Phoebe Philo in den vergangenen 10 Jahren verantwortlich war, schauen wir mit euch heute einfach noch mal zurück:

Phoebe Philo wurde 1973 in Paris geboren

Studierte am Central Saint Martins in London Modedesign & machte 1996 ihren Abschluss 

Ab 1997 war sie Modedesignassistentin von Stella McCartney für das französische Modeunternehmen Chloé

Übernahm 2001 den McCartneys Job und wurde Chefdesignerin bei Chloé

2006 verließ sie Chloé und gründete ihr eigenes Modelabel

Philo widmete sich fortan ihrer Familie und bekam zwei Kinder. Sie ist verheiratet mit dem Galeristen Max Wigram

Im September 2008 wurde sie die Nachfolgerin von Ivana Omazićs bei Céline und verlagerte den Firmensitz von Paris nach London, um Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen

Céline selbst wurde 1945 von der Französin Céline Vipiana und ihrem Ehemann Richard gegründet

Céline spezalisierte sich zunächst auf das Entwerfen und Verkaufen von luxuriösen Kinderschuhen – erst 1960 wurden auch Damenaccessoires & Taschen verkauft

1969 kam Ready-To-Wear hinzu. Vipiana vertrat die Ansicht, dass Frauen elegante UND praktische Kleidung bräuchten

1996 verkaufte das Ehepaar Céline für 535 Millionen Dollar an die LVMH Gruppe 

Ein Jahr später starb die Vipiana im Alter von 84 Jahren. Designer vor Phoebe Philo: Michael Kors und Roberto Menichetti

An die erfolgreichen Zeiten konnte man allerdings erst wieder mit der Design-Leitung von Phoebe Philo anknüpfen

 

Das Styling //

Lagen, Lagen, Lagen: Céline lerte uns, was richtiges Schichten bedeutete und machte in all den Jahren vor, wie es geht. Verschwenderisch viel Stoff, noch ein Mantel über der Jacke und darunter ein Rolli – C’est ça!

Und wenn Phoebe die langen Haare der Models in Pullis stecken ließ, dann wurde auch das ganz einfach nachgemacht!

 

Das Frauenbild //

Während sämtliche Design-Häuser auf It-Models und Instagram-Sternchen setzen, sahen wir bei Céline unbekannte Charakter-Gesichter, Frauen, die den Eindruck vermittelten, mitten im Leben zu stehen. Die Kleidung stand im Vordergrund, nicht die Person, die sie trug. Und wenn die Person doch im Mittelpunkt stand, wie zum Beispiel bei den Kampagnen, dann brach man ebenfalls die Regeln. Zum Beispiel, als Jürgen Teller 2015 die 80jährige Schriftstellerin Joan Didion als Gesicht der Marke fotografierte. Ein Novum, für das sie allerorts gefeiert wurde, das aber ganz selbstverständlich die Céline-Frau manifestierte: Intellektuell, im Leben stehend und unangestrengt lässig.

Die Strategie //

Wer ein gutes Produkt gestaltet, der braucht kein Tohuwabohu, um sich zu behaupten. Und so war es um Céline stets ruhig. Hier wurde keine künstliche Marketing-Strategie aus dem Boden gestampft, hier floss kein Geld, um Celebrities oder Influencer auszustatten. All das hatte Céline gar nicht erst nötig. Wer Céline wollte, der bekam es nur in Céline-Pilgerstätten aka Flagship-Stores oder ausgesuchten Departement-Stores. MyTheresa, Net-A-Porter und Co durften gar nicht erst ordern. Das Ziel „Willst du gelten, mach‘ dich selten“ ging auf. 

Offensichtlich gehört das allerdings der Vergangenheit an, denn laut BoF sinken die Umsätze seit ein paar Jahren deutlich. Vielleicht eben auch einer der Gründe, warum man sich im Hause LVMH nach einer neuen Strategie umschaut. In Zeiten der Gucci-Mania und des Social-Media-Druck könnte es sein, dass ein Wechsel unumgänglich ist. Erst seit diesem Jahr gibt es einen Instagram-Kanal, der gerade mal mit 146 Bilder immer noch sträflich vernachlässigt wird.

 

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Die it-Pieces //

Eine Trapèze, eine Box Bag oder eine Trio erkennen Kenner*innen auf Anhieb. Selten hat sich eine Form ohne großes Labeling so durchgesetzt und wurde zum Statussymbol einer ganzen Céline-Anhängerschaft. Wer sich im Kreis auffällt, der weiß eben, dass es sich hier um ein Produkt aus dem französischen Hause handelt. Erst wer unwissend ist und ganz genau hinsieht, der erkennt die zarte, goldene Schrift, die den Markennamen schreibt.

Wer erinnert sich noch an Babouches, Granny-Pumps, V-Ausschnitt-Schuhe oder klobige Fell-Sandalen, die auch Birkenstock ein gewaschenes Revival bescherten? Céline sorgte jedes Mal für einen Hype und dafür, dass die vertikalen Stores ihre Kopiermaschinen anschmissen. JEDES. MAL.

Der Foulard-Hype //

Alle drehten durch! Es waren nicht immer unbedingt sämtliche Komplett-Looks, die uns die Sprache verschlugen, sondern das Gesamtpaket. Und eines verstand Phoebe Philo stets mit Bravur: Sie gab Journalist*innen genügend Gesprächsstoff, um über Céline zu berichten. Trends fanden wir hier wie Sand am Meer, feine kleine Unterschiede, die berichtenswert erschienen und wunderbare Details, die zum Nachahmen einluden. Manch ein Design-Haus setzt auf Parfums, um jeder Käuferin und jedem Käufer ein Stück vom Kuchen abgeben zu können, bei Céline waren es Accessoires (erinnert ihr euch noch an die runde Haarspange?). Und eins verselbstständigte sich von ganz allein: Das Foulard! Ein Seidentuch, das einfach über den Rolli gebunden wurde oder als Schmuck-Substitut funktionierte. Alle machten es nach!

Céline Herbst 2012

Die Silhouette //

Die Silhouette „Sanduhr“ bekam bei Céline eine ganz neue Bedeutung: Breite Schultern, eine enge Taille und Wide-Leg-Power to the Max. Körpernah waren die Kreationen von Phoebe Philo selten, dafür wirkten sie umso gemütlicher und unisex. Sie kreiert seit 10 Jahren Zweiteiler, die wir am liebsten gar nicht mehr ausziehen wollen, weiße Seidenblusen, von denen wir gar zig unser Eigen nennen möchten und steht mehr auf Kastenlooks, statt auf verspielte A-Linien. Gelebter Minimalismus mit Sternchen. Eines war bei Phoebe immer wichtig: Es muss im Alltag funktionieren und tragbar sein, ohne in der Masse unterzugehen oder angestrengt zu wirken.

Céline Herbst 2013

Phoebe Philo sorgte im Herbst 2013 für einen Karo-Hype, der an Einkaufstaschen erinnerte. 

Céline Herbst 2013

Wrap up! Sie kreierte Looks, die so aussahen, als würden sie aus gleich mehreren Teilen bestehen und sorgte dafür, dass auf einmal alle wickelten, was das Zeug hielt!

Céline Resort 2017

Der perfekte Zweiteiler – oder auch: Der perfekte Dreh, wie man ihn trägt! Nämlich mit losem, lockerem Zopf. Hier wurde nie überstylt, die Trägerin sollte Céline stets so natürlich wie möglich ausführen. So wären die Models bei BOSS niemals vor die Tür gegangen. 

Rippstrick für alle!

Und um noch einen Trend kamen wir nicht drumrum: Rippstrick im Duett! H&M machte es nach, Zara sowieso – und das Original war überall ausverkauft.  

Kunstdrucke auf Textil!

Artsy fartsy wurde es im Sommer 2014. Da brachte man nämlich Pinselstriche und Graffiti auf die Kleidung. Und na klar: Überall wurde kopiert!

Wahrscheinlich könnten wir noch unendlich viele Beispiele mehr aufzählen, wann genau Phoebe Philo die Modeblubberblase außerdem inspiriert hat, wann sie für Hypes und Lookalikes sorgte. Aber eines wird in jedem Fall deutlich: Ein Weggang von Phoebe Philo wäre mehr als schade und garantiert ein großer Verlust für Céline. Vielleicht ist es aber auch an der Zeit für ein neues Kapitel – sowohl für die Designerin selbst, als auch für die Marke. 

In ihrer Spring/Summer 2018 Kollektion sahen wir jedenfalls ein Best-Of der Céline Geschichte, und wer weiß: Vielleicht war es Phoebes letzte Kollektion und somit ein persönlicher Flashback der vergangenen Jahre. Vielleicht war es aber auch nur ein persönlicher Rückblick, um den Status Quo noch mal zu visualisieren und jetzt erst richtig weiter zu machen. Wir werden es ganz sicher ganz bald erfahren!

4 Kommentare

    1. Sarah Jane Artikelautor

      Darüber habe ich auch lange nachgedacht. Aber ich könnte mir genauso gut vorstellen, dass sie sich erstmal vor allem ihrer Familie widmet, non? Hoffen wir mal, dass sie bei Céline bleibt (:

      Antworten
  1. Neele

    Vielen Dank für diesen super recherchierten, interessanten Beitrag. Ich war gerade in Paris und dort mit einer Bekannten essen, die bei Céline arbeitet 😉 Die Gerüchteküche brodelt auch unter den Mitarbeitern gewaltig. Ein Weggang wäre aber sehr, sehr schade…

    Antworten
  2. Mila

    Wenn sie geht, macht sie es richtig. Sie hat großen Einflus genommen und die Modebranche nachhaltig geprägt, und nun ist offenbar Zeit für eine Veränderung. Am Altvertrauten festzuhalten bremst oft die perönliche Weiterentwicklung. In dem Sinne: good luck!

    Antworten

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