Polygamesen – was ich euch noch fragen wollte:

19.10.2017 Buch, Kolumne, Leben

Lebe ich denn hinterm Mond oder existiert in meiner Welt dieses „Polygam“ einfach nicht? Wo seid ihr denn alle, ihr mehrfach liebenden Schweinchen? Ich habe naive Hinterwältler-Fragen an euch:

Butter bei die Fische, Fische suchen Fahrräder? Hat das denn wirklich schonmal jemand ernsthaft durchgezogen? Und das funktionierte dann auch für alle Beteiligten oder wie? Hand aufs Herz, ist das nicht am Ende doch immer (immer immer) mit schlimmen Herz-Schmerzen verbunden oder kann mein beschränktes Hirn nur nicht weit genug denken, um sich einen harmonischen Reim drauf zu machen? Für mindestens einen haut das doch bestimmt am Ende nicht ganz hin? Oder?

Klartext! Ich habe natürlich von diesem sagenumwobenen Beziehungsmodell gehört, es gibt schlaue Bücher und wenn mich nicht alles täuscht, würde man diese Liebesform zumindest hier in Berlin auch weitläufig mit „ok, cool“ einordnen – getroffen habe ich bisher aber noch keinen Polygamesen, keine einzige Polygamesin – nicht einen oder eine – geschweige denn zwei oder drei – weit und breit. Weder in der Stadt noch auf dem Land. Seid ihr wohlmöglich einfach zu sehr damit beschäftigt, euch möglichst viele Geschlechtspartner ins King Size Bett zu zerren? Oder ist das nur schon stressig genug mit mehreren Menschen eine Beziehung zu gestalten und da bleibt dann keine Zeit mehr für andere soziale Kontakte im Leben? Erzählt es mir bitte: Habt ihr am Ende vielleicht eigene Foren und Orte, die ihr besucht um euch zu finden? Oder seid ihr längst mitten unter uns, aber ihr sprecht „darüber“ nicht gern? Wer von euch ist denn mit „Liebe für Viele“ auf die Welt gekommen und wer hat’s sich erst nach langer, erfolgloser Zeit in Zweisamkeit auf der Insel der mannigfaltigen Amore hübsch eingerichtet? 

 

Wo könnte ich mich anmelden, wenns mich überkommt? Und kann ich mich zur Not auch wieder vom Verteiler abmelden oder ist die Sache dann für immer geritzt? Was macht ihr, um solche dummen Fragen, wie die hier, zu verhindern und wann ist überhaupt der Zeitpunkt, an dem ihr bei eurem Date spätestens mit der Sprache rausrückt, dass prinzipiell ein Mensch für euch nicht äh – „ausreicht“? Ist das auch mal komplett Mensch-Abhängig? Stichwort Kompromiss? Kann ein Kompromiss auch die Monogamie sein? Gibt es vielleicht gar keine Definition, die für alle Mehrfachlieber herhält – ist jede Beziehung anders aufgestellt oder gibt es eine Poly-Formel? Wie sehen die Regeln aus? Hallo? Antworten! Gibt es die überhaupt oder ist das regelfreies Land? Gesetzlose Zone der anarchischen Liebe? 

Das sind Fragen, die mich beschäftigen, dessen intensivere Recherche es dann aber auch wieder nicht Wert sind, denn am Ende ist es mir ja doch wieder Wurst egal wer, wo und mit wem. In meinem Leben hängen jedenfalls alle beteiligten Hauptfiguren und Statisten in ihren höchstens Zweier-Beziehungskisten fest und bilden mehr oder weniger eingeschworene Einheiten. Dabei ist der Gedanke an viele Menschen, die man liebt, doch ganz schön schön. Wäre es mir doch nur nicht schon von Anfang aller Tage so vorgelebt worden – höchstens zwei zu sein. Wie sähe das dann jetzt mit meinem Bild der Liebe aus: Disney, Grimm, Papa Mama, Frau Blocksberg – sagt doch auch mal was dazu? Manchmal wünsche ich es mir von Herzen: Lauter Liebe, überall grenzenlose Liebe. Sex und Liebe und Kinder und Familien. In der Theorie gibt es das ja anscheinend – aber wo muss ich suchen und wie geht das dann? Wird da Eifersucht einfach ausgeknipst? Das kann doch alles nicht so schwer sein. Existiert der polygam liebende Mensch am Ende gar nicht, sondern höchstens eine polygame Phase, in der man Tisch und Bett mal mit mehreren Täubchen gleichzeitig teilt, aber am Ende doch die erfüllende Zweisamkeit anpeilt? Vielleicht gibt es da draußen ja erst einmal ein paar Menschen, die mich aufklären wollen. Friedemann Karig vielleicht? Ich versuchs mal.

 

15 Kommentare

  1. Jael

    Ich glaube das Wichtigste ist bei dieser Fragestunde, dass man zuerst mal zwischen Polygamie und Polyamorie differenziert, denn das ist nach meinem Wissen nicht ein und dieselbe Kiste! Demnach muss man bei dem Frage-Antwort-Spiel gezwungenermaßen zweigleisig fahren, wenn man wirklich schlauer sein will als zuvor.

    Denn Polygamie bezeichnet meiner Meinung nach nichts weiter als den Zustand, wenn man zwar mehrere Geschlechtspartner hat, aber trotzdem lediglich einen fixen Beziehungspartner und von Polyamorie spricht man erst dann, wenn tatsächlich auch Gefühle mit im Spiel sind und man mehrere Menschen zur gleichen Zeit liebt.

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    1. Esra

      Genau!! <3 Und grundsätzlich scheinen alle Menschen polygam zu sein… Ob sie es ausleben oder nicht, ist eine andere Frage!
      lg

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  2. Sabine

    Hui, das sind aber sehr viele Fragen 🙂 Dieses Buch wird dir auf jeden Fall viele davon beantworten, ich kann die Lektüre also nur wärmsten empfehlen.
    Auch zum Punkt „Ich habe noch nie so jemanden getroffen“ findet Herr Karig sehr passende Worte. Denn leider, leider ist das Thema noch so doll tabuisiert, dass, sollte es doch zur Sprache kommen, man im Handumdrehen zum Partygespräch Nummero Uno wird und sich dabei wie ein Zootier fühlt. Darum hüten sich die allermeisten davon, überhaupt erst irgendwas durchblicken zu lassen, schließlich geht es um etwas sehr privates, was man ungern öffentlich erklärt und breittritt. Schade, denn fragt man all die vermeintlichen Duos (und trifft ein gutes Timing), oi, was lüften sich da für spannende Berichte.
    Bei mir also das gleiche, sogar bei vermeintlicher Netz-Anonymität traue ich mich nicht zu viel zu verraten. Irgendwie ein saublöder Teufelskreis, I know, aber was soll’s?

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  3. Esra

    Polygam sind wohl alle Menschen, die brauchst du doch nicht extra suchen??
    POLYAMOR ist was anderes, was viel Selteneres, wahrscheinlich meinst du das. Ich kannte einen polyamoren Mann und hatte sogar kurz was mit ihm. Es scheiterte nicht daran, dass er schon eine langjährige Freundin und noch eine Fernbeziehung hatte, sondern daran, dass ich nicht wirklich in ihn verliebt war. Aber es war eine total interessante Erfahrung, wo ich gesehen habe: es kann funktionieren!
    lg
    Esra

    https://nachgesternistvormorgen.de/

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    1. Franziska

      Die Evolutionspsychologen bzw. Wissenschaftler der Verhaltensbiologie streiten sich darüber, ob der Mensch an sich eher ein monogames oder polygames Wesen ist. Jetha/ Ryan widersprechen der Mainstream-Meinung der menschlichen Monogamie als erfolgreichstes und deswegen bevorzugtes Paarungsverhalten des Menschen. Dennoch fehlen Ryan/Jetha wissenschaftliche Belege, ihre Thesen sind aber dennoch lesenswert. Aber genau so die andere Seite: monogame Beziehungen sollen demnach die beste Möglichkeit zur Genweitergabe und Verringerung der Sterblichkeit des Nachwuchses sein. Auf jeden Fall sehr interessantes Thema!

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  4. Lisa

    Die meisten Menschen (die ich kenne), die in nicht monogamen Strukturen leben würden NIEMALS sagen, dass sie polyGAM sind, sondern polyAMOR!! Polygamie bezeichnet eine (oft religiös praktizierte) form der Vielehe, die sich nicht an modernen/feministischen Entwicklungen orientiert.
    Polyamorie kann auch für viele Menschen sehr viel unterschiedliches meinen und ist eine sehr komplexe Idee, die mit Fragen nach Beziehungs Hierarchie, oder Anarchie, geschlossenen Strukturen, offenen Strukturen, romantischen, sexuellen, platonischen Anziehungskräften, auf die (sich imer ändernden) Bedürfnisse aller Betieligten und sich ändernden Lebensumständen einzugehen versucht. Es gibt Menschen, die sich ausleben wollen, aber hauptsächlich ist eine Form ehrlich, offen und direkt miteinander und untereinander in einem Netz aus sozialen und liebevollen Kontakten allen Beteiligten Resepkt entgegen zu bringen!
    Mir hat das Buch The Ethical Slut und More Than Two viele Einsichten und Verständis gegeben und ich finde beide sind tolle Beziehungsratgeber für alle Menschen (nicht nur für Polyamore) die ehrliche, achtsame Beziehungen führen wollen (mit Partner(n), Freunden, Familie)

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    1. Jael

      Ich würde sagen, Polygamie bezeichnet unter anderem [!] die Form der Vielehe, aber unter anderem auch einfach nur den geschlechtlichen Verkehr mit vielen Partnern ohne eheliche Verbindung. Genauso wie die Form der Einehe unter anderem als Monogamie bezeichnet wird, aber es ja auch unverheiratete monogam lebende Paare gibt.

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  5. Yvonne

    Hallo,
    das ist ein interessantes Thema. Es wäre auch sehr interessant, warum Dich das interessiert 🙂 Liebe zu vermehren ist natürlich auch in der Theorie, ohne Praxis, ein schöner Gedanke, denn dahinter steht ja die Vorstellung, dass Liebe eben nicht begrenzt, sondern grenzenlos ist, das heißt, ich kann also jemandem nichts wegnehmen.
    Du beschreibst ja sprachlich sehr ansprechend, dass wir sehr auf die Zweier-Beziehung geprägt sind; ich denke, man sollte beim Denken darüber nicht vergessen, dass diese lange lange Zeit vorallem der Besitzwahrung galt (wohl heute noch in gewisser Weise) und mit der Vorstellung von Liebe gar nicht einhergeht.
    Ich selber kenne die Menage a trois. Natürlich gibt es da Herzschmerz!
    Aber den gibt es doch in der Zweier-Beziehung auch!

    Love is the answer 🙂

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  6. Magda

    Die größte Hürde bei so etwas (also sowohl bei polyamoren als auch polygamen Beziehungen) ist wohl immer die Eifersucht. Die ist vermutlich ein ganz normaler Impuls und macht eine Zweierbeziehung erstmals sehr attraktiv, weil man dort vermeintlich nicht damit umgehen muss. Wenn man es schafft diese allerdings in den Griff zu bekommen, öffnet das Möglichkeiten für ganz neue Erfahrungen. Dazu gehört viel Vertrauen in (alle) Partner/in(nen) und auch Selbstvertrauen und -bewusstsein spielt eine große Rolle.
    Und sowieso: Immer reden, reden, reden!

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  7. Kerstin

    Hallo Sarah,

    ich denke auch, du müsstest erstmal zwischen polyamor und polygam lebenden Leuten unterscheiden. Also bei mir ist es so – ich habe seit 12 Jahren meinen Partner, seit 5 ist er mein Ehemann, seit 2 Jahren haben wir eine kleine Tochter – und ich war bis zur Geburt unserer Tochter POLYGAM unterwegs, ergo, ich habe mit anderen Männern geschlafen, hatte einen festen Liebhaber, der auch in einer festen Beziehung war (ok, er hats geheim gehalten) und bei uns galt immer die Regel – jeder darf wie er mag, aber nix fragen, nix sagen & jeder trägt sein (schlechte Gewissen)-Säckchen selber, sofern er eins hat.
    Das hat erstaunlich gut funktioniert, ich muss sagen manchmal hab ich mich gefragt, ob und mit wem und wie oft mein Partner „fremdschläft“ aber ansonsten hatte ich gefühlsmäßig keine Probleme damit. Seit mein/unser Kind auf der Welt ist, habe ich allerdings aufgehört mit anderen Männern zu schlafen…ich will rein gefühlsmäßig nur noch Sex mit dem Vater meines Kindes…wenn sich das ändern sollte, dann werde ich wieder polygam…mal sehen.
    VG K

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