Serien-Tipp // Zarah – Wilde Jahre

30.10.2017 Feminismus, Film

Die feministische ZDF-Journalismus-Serie Zarah – Wilde Jahre wurde abgesetzt. Zu blöd, so schlecht war die nämlich gar nicht. Ein Plädoyer.

Ich muss gestehen: Als das ZDF vor ein paar Wochen eine neue Serie ankündigte, angesiedelt in den 1970ern und mit einer feministischen Journalistin als Hauptperson, interessierte mich das Ganze überhaupt nicht. Das lag nicht am Thema, sondern an meinen Vorurteilen: Wie gut kann schon eine feministische Serie sein, die im ZDF läuft? Das ist doch sowieso immer die gleiche, irgendwie typisch deutsche Serien-Optik: Piefigkeit trifft pädagogischen Unterton trifft gewollt aber nicht gekonnt. Ich gab der Serie also keine Chance und schon nach wenigen Folgen setzte das ZDF Zarah – Wilde Jahre wieder ab. Vielleicht ist es meine masochistische Ader, aber urplötzlich überkam mich das Bedürfnis, die Serie nun doch auf jeden Fall noch zu gucken. Dank Mediathek kein Problem. Und siehe da: Ich war überraschenderweise sehr angetan von dem, was ich sah.

Emanzen tragen Samt

Nein, Zarah ist kein deutsches Mad Men, dafür ist es dann doch zu – deutsch. Aber es ist unterhaltsam und man muss nicht befürchten, dass die Kamera jeden Moment auf Guido Knopp schwenkt, der warm lächelnd den historischen Kontext erklärt. Zarah startet im Jahr 1973: Zarah Wolf (Claudia Eisinger), erfolgreiche Buchautorin (Die ungehorsame Frau) und bekannte Feministin kehrt nach einem mehrjährigen Aufenthalt in London nach Hamburg zurück. Dort hat Verleger Frederik Olsen (Uwe Preuss) sie zur stellvertretenden Chefredakteurin des Magazins Relevant berufen. Chefredakteur Hans-Peter Kerckow (Torben Liebrecht) passt das gar nicht, und auch den anderen Männern in der Redaktion ist Frau (nicht Fräulein!) Wolf schlicht zu viel – zu selbstbewusst, zu feministisch, zu weiblich. Konflikte sind also vorprogrammiert, zumal Relevant gerne auf Brüste setzt, um für seine Inhalte zu werben. Zarah will den Laden ordentlich umkrempeln und muss dabei zu jeder Menge Tricks greifen, um den schon allein durch ihre Anwesenheit beleidigten Redakteuren ihr Können zu beweisen. Unterstützung erhält sie dabei vor allem von Jenny (Svenja Jung), verwöhnte Tochter Olsens, die gerade ihr Studium in Paris abgebrochen und ein Volontariat bei Relevant angefangen hat.

In der ersten Folge marschiert Zarah im mitternachtsblauen Samt-Einteiler durch eine Redaktion voller Männerköpfe, unter denen getuschelt wird „Wusste ja nicht, dass Emanzen Samt tragen.“ Sehr schnell merkt Zarah, dass sie eher eine Art Feigenblatt ist und Verleger Olsen fortschrittlicher tut, als er eigentlich ist: Die Neueinstellung soll zeigen, dass Relevant ein modernes Magazin ist – inhaltlich soll sich aber nichts ändern. Doch Zarah gibt nicht auf. Sie begleitet Frauen, die mit einem Bus zur Abtreibung nach Amsterdam fahren. Sie interviewt eine Frau, die ihren Mann umgebracht hat – nachdem der sie jahrelang misshandelt hat. Sie entlarvt einen Richter als Belästiger und Sexisten. Sie spricht mit einer berühmten Schauspielerin über deren gewalttätigen Vater.

Zarah Superfrau

Das alles ist mit dem angemessenen Ernst und Mitgefühl erzählt, auch wenn die Serie manchmal nicht so richtig zu wissen scheint, was genau dieser ominöse Feminismus eigentlich sein soll. Nur so ist zu erklären, dass die Frauen aus Zarahs Frauenforum völlig ironiefrei Dinge von sich geben wie: „Deine Vagina ist ein magischer Ort. Wie eine Tropfsteinhöhle, nur aus Fleisch.“ Und natürlich sind sie gegen Zarahs Job bei der Relevant, schließlich handelt es sich dabei um ein Macho-Blatt, Zarah „verkauft“ sich. Es wäre schön gewesen, mehr über Zarahs feministischen Werdegang zu erfahren: Warum wurde sie zur Feministin? Wann und warum hat sie angefangen, sich im Frauenforum zu engagieren? Was treibt sie an?

Manchmal scheint die Serie Selbstbewusstsein mit Komplexität zu verwechseln: Zarah hat immer einen frechen Spruch auf den Lippen, weiß sich immer wortgewandt mit ihren Kollegen auseinanderzusetzen, schafft immer das, was sie sich vornimmt. Zarah Superfrau. Erst als ihre Mutter an Krebs stirbt – was Superjournalistin Zarah allerdings trotz zahlreicher Hinweise bis kurz vor Ende nicht merkt – bröckelt die Fassade. Aber bevor man wirklich Einblicke in das Seelenleben der Zarah Wolf bekommt, ist die Serie nach sechs Folgen leider schon zu Ende. Das ist schade, weil so vieles offen bleibt: Die Beziehung zwischen Zarah und Jenny hat doch gerade erst begonnen! Wird Zarah öffentlich dazu stehen, dass sie lesbisch und in die Tochter ihres Verlegers verliebt ist? Was passiert mit Zarahs früherer Freundin Jutta, die Mitglied der RAF und unberechenbar geworden ist? Und kriegen die Männer in der Redaktion ihr Leben wieder auf die Kette?

Am Reißbrett entworfene Männer-Typen

Im Prinzip geht es in Zarah nämlich genauso viel um Männer wie um Frauen. Chefredakteur Kerckow hat seinen 13-jährigen Sohn an die Leukämie verloren, seitdem geht seine Ehe den Bach runter. Kulturchef Georg Hartwig (Ole Puppe) ist ein intellektueller Macho, wie er im Buche steht, hat zahlreiche Affären und wurde von seiner Frau rausgeschmissen. Politikchef Wolfgang Schaffelgerber (Jörn Henschel) hat Minderwertigkeitskomplexe und Grafiker Tom Balkow (Leon Ullrich) gibt sich zwar gerne anti-emanzipatorisch, zeichnet aber unter weiblichem Pseudonym feministische Cartoons. Am Anfang wirken all diese Männer wie Karikaturen, wie am Reißbrett entworfene Männer-Typen. Doch nach und nach dürfen sie zeigen, dass sie viel mehr sind als das.

Zarah ist nicht perfekt und manchmal hätte ich mir gewünscht, dass die Serie tatsächlich auf die Strahlkraft ihrer Hauptperson vertraut statt auf spektakuläre Ereignisse (RAF! Tod der Mutter! Unbekannter Vater!). Trotzdem: Zarah ist eine sehenswerte Serie, die viele Dinge richtig macht, liebevoll inszeniert ist (ein Interview mit Kostümdesignerin Petra Kilian gibt es hier) und dabei nur manchmal in die Klischee-Falle tappt. Ehrlich, diese Serie verdient eine Chance! Ich zumindest ärgere mich über meine eigenen Vorurteile und gelobe in Zukunft Besserung: Statt rumzumaulen werde ich einfach mal einschalten. Versprochen.

Bis Ende November können die sechs Folgen der Serie noch in der ZDF-Mediathek angeschaut werden.

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