3 is a magic number! – Wie schön, dass es bald offiziell mehr als 2 Geschlechter gibt

09.11.2017 Feminismus, Gesellschaft

Zwischen 80.000 und 160.000 Menschen in Deutschland sind Schätzungen zufolge weder Mann noch Frau. Bisher waren sie, in den Augen vieler und auch vor dem Gesetzt, sogar irgendwie „nichts“. Ein Tabu. Seit einer Neuregelung 2013 hin und wieder auch eine Leerstelle in einigen wenigen Eintragungen im Geburtenregister. „Anders“. Oder eben sehr häufig: Trotzdem Mann oder Frau. 

Nicht wenigen Babys, die aufgrund ihrer Hormone, Chromosomen oder Geschlechtsorgane nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden konnten, wurde die Entscheidung für eine bestimmte oder gegen jede Zuordnung ab den 60er Jahren einfach abgenommen. Oft nicht nur auf dem Papier, sondern auch operativ. Wurden? Stop. Zwar soll die Zahl jener Operationen, die mittlerweile gern als „geschlechtsvereindeutigend“ bezeichnet werden rückläufig sein, gen 0 läuft sie aber noch lange nicht.

Denn bis heute wird ebenjenes individuelle „Dazwischensein“ nicht gänzlich geduldet, akzeptiert, gewollt. Und so kommt es, dass etlichen Neugeborenen trotz eindeutiger Uneindeutigkeiten und wider allen Wissens um eventuelle Spätfolgen seelischer Art, weiterhin munter Geschlechter zugeordnet werden. Vielleicht auch, weil die Gesellschaft sich bis zuletzt nicht offen für ein drittes Geschlecht zeigen wollte. Ab 2018 könnte sich gemeinsam mit einem neuen Gesetz also vielleicht auch endlich ein neues Selbstverständnis, ja Anerkennung etablieren: Männlich, weiblich, inter. Ist doch klar. Ist doch klar?

Immerhin beschloss das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe am gestrigen Mittwoch, dass es nun tatsächlich Zeit für eine dritte Geschlechterzuordnung sei. „Der Gesetzgeber muss bis Ende 2018 eine Neuregelung schaffen, in die als drittes Geschlecht neben „männlich“ und „weiblich“ noch etwa „inter“, „divers“ oder eine andere „positive Bezeichnung des Geschlechts“ aufgenommen wird. Alternativ könnte auch generell auf einen Geschlechtseintrag verzichtet werden“, schreibt Spiegel Online. Damit wäre Deutschland unter den Europäischen Ländern sogar Vorreiter. Und würde der noch immer nach Schubladen und Kategorien lechzenden Öffentlichkeit gleichzeitig mächtig an den Karren pissen. Auf eine gute Art und Weise, versteht sich: Manch einer braucht eben Recht und Ordnung, um sich auf eigentlich selbstverständliche Fragen der (Zwischen)Menschlichkeit einlassen zu können. Besagtes Gesetz ist also vor allem als eine große Chance auf Gerechtigkeit zu begreifen, nicht nur auf dem Papier, sondern (bald) vielleicht auch im Alltag. Und in einer Welt, die möglicherweise ja doch noch darauf zuarbeitet, ganz ohne die Kategorie ‚Geschlecht‘ und sämtliche  Rollenklischees auszukommen. Weil wir andere nunmal nicht mögen, weil sie Geschlechtsorgane, sondern weil sie ein Herz haben. Ach, das wäre doch was: Toiletten für Herzlose. Dann müssten sich ebenjene auch nicht von Vielfalt auf dem stillen Örtchen gestört fühlen. Und wer sich, wie die Bild fragt, was denn künftig mit der Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ passieren soll, dem schlage ich vor, sich locker zu machen und es ganz einfach mit „Liebe Leute“ zu probieren.

Ein großer Dank gilt Vanja. Vanja war bei ihrer Geburt1989 als weiblich registriert worden. Laut Chromosomenanalyse ist Vanja aber weder Mann noch Frau. Im September hatte sie als Organisatorin einer Kampagnengruppe eine Verfassungsklage für die Einführung des dritten Geschlechts eingelegt. Der Antrag wurde abgelehnt, es gebe schließlich die Möglichkeit einer Leerstelle im Geburtenregister. Weil ihr das nicht genug war, kämpfte Vanja zusammen mit vielen anderen Menschen, die wohlgemerkt nicht alle als intersexuell geboren wurden, weiter. Jetzt endlich mit Erfolg. Die Begründung der Richter: „Der Personenstand sei keine Marginalie. Er umschreibe in zentralen Punkten die rechtlich relevante Identität einer Person. Wird die Anerkennung der geschlechtlichen Identität verwehrt, gefährde das die selbstbestimmte Entwicklung eines Menschen.“ (ZEIT

 

Das intersexuelle Supermodel Hanne Gaby macht sich übrigens seit jeher für die Rechte intersexueller Menschen stark. Auch innerhalb der Modebranche. Ihr zu folgen, lohnt sich. #intersexhumanrights

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