Buch-Tipp & Interview // Radikales Denken – Zur Aktualität Susan Sontags

15.11.2017 Buch, Feminismus

An Susan Sontag führt, wenn man gern liest, denkt und begeistert ist von weiblichen Ikonen der Literatur, früher oder später wohl kaum ein Weg vorbei. Ganz gewiss liegen in jedem Lieblingsbuchladen gleich eine ganze Handvoll ihrer Werke auf bunten Tischen verteilt, oder in Regalen aufgereiht, dicht an dicht mit großen Werken anderer Autorinnen, deren Intellekt und Scharfsinn, zugegeben, ganz schön einschüchternd wirken können. Und so kam es, dass auch ich erst spät in den Genuss von Sontags Feder kam. Die Essay-Sammlung „Worauf es ankommt“ war mit etwa Mitte Zwanzig mein erster Versuch, diese offenbar überwichtige Stimme des 20. Jahrhunderts verstehen und kennen zu lernen. Aus Ehrfurcht wurde schließlich, zum Glück, Bewunderung. Denn statt der von mir erwarteten bedeutungsschwangeren und unnötig verkomplizierten Zeilen, fand ich das Gegenteil: Texte für Ungeduldige. Sogar Rebellentum. Kluge, ernste Beobachtungen. Und ein herrliches Interesse an allem! An Hochkultur ebenso wie an Pop, an Tragödien und flüchtigen Momenten, an Alltäglichem genau wie an Unglaublichem. An Kunst und Politik. Krieg und Liebe. Krankheit. Sex. Und noch an vielem mehr. Susan Sontag gilt ganz zu Recht als „europäisch dreinschauendes Wunderkind unter den U.S.-Intellektuellen“, als „die amerikanische femme de lettres“, Als Phänomen. Und zwar über ihren Tod hinaus. 2004 erlag Sontag ihrer Krebserkrankung. 

Als mich vor einiger Zeit also eine Nachricht von Anna-Lisa Dieter ereilte, in der sie mir eröffnete, demnächst zusammen mit Silvia Tiedtke ein ganzes Buch über Sontags nicht abebben wollende Aktualität zu veröffentlichen, war ich ganz Ohr, ganz aufgeregt und ganz erwartungsvoll. Nun ist er da, ein Band, der mithilfe vieler verschiedener Texte von unterschiedlichsten Autor*innen das Schaffen der Friedenspreisträgerin erforscht.

„Die Texte in diesem Band erforschen Sontags Werk mit den Mitteln von Literatur und Kunst, Philosophie und Psychoanalyse. Sie führen vor, wie sich mit ihren Ansätzen die Gegenwart erschließen lässt, und würdigen ihre kritische Fantasie. Erstmals finden sich in einer Auseinandersetzung mit Sontag neben wissenschaftlich-essayistischen auch künstlerische, literarische und lyrische Beiträge vereint. Ein neuer Zugang zu einer radikalen Denkerin, auch jenseits von Interpretation.“

Liebe Anna-Lisa, wo und wann bist Du zum ersten Mal über Susan Sontag gestolpert?

Das war in München, während meines Literatur-Studiums, in einem anglistischen Seminar über Literaturtheorie, vor über zehn Jahren. Wir sollten einen Text vorstellen, der uns fasziniert: Ich habe mich für den Essay „Against interpretation“ (dt: „Gegen Interpretation“) von Susan Sontag entschieden.

War es Liebe auf den ersten, sagen wir mal – Satz?

Ja, das war es! In diesem Text spricht sich Sontag für einen sinnlichen Zugang zu Literatur und Kunst aus, dafür, dass wir alle wieder mehr sehen, hören und fühlen sollen: „In place of a hermeneutics we need an erotics of art.“ („Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst.“) Die Wucht dieses Satzes hat mich begeistert.

Wie erklärt man jemandem kurz und bündig, zum Beispiel an der Theke, wer Susan Sontag war und weshalb sie so wunderbar ist?

Susan Sontag war Schriftstellerin, Essayistin, Regisseurin und Drehbuchautorin. Sie war eine moralische Instanz, eine der bedeutendsten weiblichen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und sicher die am meisten fotografierte. In ihrer Erscheinung verbinden sich Geist und Glamour. Sie hat unser Verständnis von Kultur revolutioniert und unser Sehen geschärft. Als eine der ersten hat sie über Camp und Pornografie, über Fotografie und Film geschrieben. Wenn wir heute über Krebs und Aids sprechen, ohne diese Krankheiten mit Bedeutung zu überfrachten, dann haben wir das Sontags klugem Text über Krankheit als Metapher zu verdanken.

Wie kamst du darauf, Susan Sontag ein eigenes Werk zu widmen?

Gemeinsam mit einer Freundin, Silvia Tiedtke, habe ich 2014 ein Symposium zum 10. Todestag von Susan Sontag an den Münchner Kammerspielen organisiert. Das Symposium muss einen Nerv getroffen haben: Es war ein großer Erfolg. Viele Zeitungen haben darüber berichtet. Danach war uns klar: Sontag ist immer noch eine Sehnsuchtsfigur in Deutschland. Es lag nahe, aus den Beiträgen des Symposiums ein Buch zu machen. Dafür haben wir weitere Autor*innen wie die Lyrikerin Monika Rinck oder die Feuilletonisten Martin Zeyn und Jens-Christian Rabe gewonnen, die Lust hatten, über Sontag zu schreiben.

Gibt es deiner Meinung nach einen literarischen Erguss Susan Sontags, der sich zum seichten Einstieg in ihr Denken anbietet?

Seicht ist Sontag nie. Immer anspruchsvoll, meistens ernst. Zum Einstieg in ihr Denken eignet sich das Interview, das sie dem Rolling-Stone gegeben hat (Susan Sontag: The Doors and Dostojewski. Das Rolling-Stone-Interview mit Jonathan Cott, übers. von Georg Deggerich, Hamburg 2014). Wer wissen will, welche Gedanken sich hinter der Fassade der glamourösen Intellektuellen verbergen, sollte zu ihren Tagebüchern greifen, die beim Hanser Verlag erschienen sind. Eine wunderbare Einführung in ihr Leben und Denken hat außerdem der Schriftsteller Michael Krüger, Sontags langjähriger Freund und Lektor, für unser Buch verfasst: ein unterhaltsames Porträt, mit vielen persönlichen Anekdoten.

Was ist das Besondere an Eurem Buch über Susan Sontag?

Das Buch nähert sich Susan Sontag über vier Fragen: Wie schreibt Sontag? Welche Autoren hat sie gelesen? Wie inszeniert sie sich als Intellektuelle in der Öffentlichkeit? Welche Wirkung hatte sie als Person und wie wirken ihre Texte? Diese vier Fragen haben wir in grafische Symbole übersetzt. Anhand dieser Symbole kann die Leserin, je nach Interesse, durch die Texte des Buches springen. Eine Einladung zur Querlektüre, die Sontags assoziativem Denken entspricht.

 

Was genau macht Susan Sontag zu einer radikalen Denkerin?

Das kann man sehr gut in unserem Vorwort nachlesen. Radikal war ihr Anspruch, ein neues Denken zu begründen. Ein Denken, das sich für „Alles“ interessiert: für das Hochkulturelle und das Populäre, das Extravagante und das Alltägliche. Eine besondere Vorliebe hatte sie dabei für das „Extreme“, eine Spielform des „Radikalen“, sei es Artauds Theater der Grausamkeit oder de Sades obszöne Literatur. Ihr Stil ist ebenfalls radikal: Ihre Sprache tastet sich nicht vorsichtig an einen Gedanken heran, sondern überspitzt unaufhörlich, in jedem ihrer Sätze stecken mindestens zwei Gedanken. Für Sontag ist Schreiben ein Kampf für bestimmte Werte: Liebe zu Ideen, Komplexität, Ernsthaftigkeit. Ein Kampf gegen Klischees und Denkfaulheit. Sontags Denken ist auch insofern radikal, als es die direkte, sinnliche Erfahrung über alles andere stellt. Daher rührt auch ihre Kritik an der Fotografie, die sie als Entzug von Erfahrung beschrieben hat: Wer fotografiert, macht keine Erfahrung, sondern ein Foto. Wer sich ein Foto anschaut, hat nicht Teil an einem Ereignis, sondern am Duplikat dieses Ereignisses – eine Kritik, über die es in Zeiten von Instagram viel zu sagen gäbe.

Susan Sontag war flammende Feministin, sie schrieb unter anderem ausführlich über die weibliche Objektifizierung, über Schönheitsideale, Freiheit und Sexualität. Was können wir heute diesbezüglich noch von ihr lernen?

Susan Sontag war Feministin, vermutlich weniger „flammend“ als überliefert, also ohne viele Worte darüber zu verlieren oder sich öffentlich für den Feminismus einzusetzen, was man ihr sogar zum Vorwurf gemacht hat. Sie empfand sich als Ausnahmefrau, die ihren Blick eher nach männlichen Vorbildern ausrichtete, die sie verehrte und mit denen sie rivalisieren wollte. Was wir aber heute immer noch von ihr lernen können, ist die Unabhängigkeit, die sie zur Grundlage ihres Lebens gemacht hat. Sie hat sich früh aus dem heteronormativen Zwangskorsett ihrer Ehe befreit und ist ihrem lesbischen Begehren gefolgt. Auch ihr Schreiben hat sie aus institutionellen Zwängen gelöst: Bewusst hat sie sich gegen eine Universitätskarriere entschieden und für die prekäre Existenz einer freischaffenden Essayistin und Schriftstellerin. Dieses Streben nach sexueller, ökonomischer, künstlerischer und geistiger Unabhängigkeit taugt, wie ich finde, auch heute noch zum Vorbild.

Susan sagte einst: „Rock ’n’ Roll hat mein Leben verändert.“ Kannst du uns das etwas genauer erklären?

Sie ging sogar so weit zu sagen, Rock ’n’ Roll sei der Grund für ihre Scheidung gewesen. Die Musik des Rock ’n’ Roll hat sie als Aufbruchssignal verstanden, als dionysischen Klang, dem sie folgen musste, um ihr Leben radikal zu ändern. Konkret hieß das, sich aus ihrer Ehe und der akademischen Welt zu befreien.

Wieso war es Sontag so wichtig, Hoch- und Popkultur nicht voneinander zu trennen?

Ihr ging es um eine volle Aufmerksamkeit für die Gegenwart, darum, die neue Kunst, die in den 60er Jahren entstand und deren Größe sie intuitiv erkannt hat, mit derselben Ernsthaftigkeit zu betrachten wie die Werke der Hochkultur. Die Unterscheidung in high und low verhinderte, Sontag zufolge, dass die neuen Werke und Kunstformen angemessen gewürdigt wurden. Deswegen hat sie in ihren Texten diese Unterscheidung in Frage gestellt.

Sag, was hast du persönlich von Susan Sontag gelernt?

Ihre Art zu bewundern. Susan Sontag war vor allem eine leidenschaftliche Bewunderin. Man könnte sagen: Bewunderung ist die Haltung, aus der ihre Texte entstanden sind. Ihre Begeisterung für Literatur und Kunst hat sie angetrieben, selbst etwas zu schaffen. Die Werke der Anderen zu bewundern, hat bei Sontag nichts mit Neid oder Eifersucht zu tun, sondern ist ein schöpferischer Akt.


Und: Weshalb sollten wir alle (wieder) viel mehr Susan Sontag lesen?

Diese Frage hat Martin Zeyn in unserem Buch treffend beantwortet: „Man muss Susan Sontag nicht in allem recht geben – aber wer ihre Art zu denken nicht liebt, hat keinen Sinn für die Schönheit von Gedanken.“

Danke, liebe Anna- Lisa!

Das Buch ist hier erhältlich und auch hier.
Eine dazugehörige Facebookseite gibt es auch.

Zu den Herausgeberinnen:

Anna-Lisa Dieter ist promovierte Romanistin und übersetzt aus dem Französischen. Sie hat an den Universitäten von München, Eichstätt und Konstanz gelehrt und arbeitet derzeit am Exzellenzcluster »Kulturelle Grundlagen von Integration« der Universität Konstanz. 

Silvia Tiedtke ist promovierte Germanistin. Zuletzt war sie als wissenschaftliche Koordinatorin des Internationalen Doktorandenkollegs »Mimesis« an der LMU München tätig und unterrichtete englische Literatur.

Buch-Tipp & Interview // Radikales Denken – Zur Aktualität Susan Sontags

  1. Josephine

    Super spannendes Interview! Da ich noch nie etwas originales von ihr gelesen habe würden mich nun weitere Empfehlungen ihrer Bücher brennend interessieren.. Falls jemand noch ein Lieblingsbuch von ihr hat, immer her mit den Tipps!

    Antworten

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