Fashion Tales // Wie Birkenstocks namens „London“ mich tapfer machten

29.11.2017 Allgemein, box3

Ich hatte es bereits angekündigt, nun ist es geschehen: Ein paar ganz spezielle Birkenstocks trudelten vergangene Woche per Brieftaube ein, jedenfalls beinahe. Die Brieftaube war in Wahrheit ein Mann im gelbem Polohemd, der bei besagter Übergabe erst recht schüchtern nach einer Unterschrift fragte, bis er schließlich von einem bellenden Lachen übermannt wurde, vor lauter Ungläubigkeit darüber, dass sich heutzutage noch jemand derart über ein Paket freuen kann. Wenn ich ein Dackel wäre, bemerkte ich beim Unterzeichnen, würde ich jetzt heftig mit dem Schwanz wackeln. Woraufhin der freundliche Bote mir mit zwei Lambada-Tanzschritten antwortete und dann den Fehler begann, nach dem Inhalt zu fragen. Es dauerte keine zehn Sekunden, da lag die Pappe in Fetzen auf meinem Flurboden, in den Händen hielt ich „London“ und der Gelbe die Luft an. Oh, sagte selbiger. Und: Na denn, viel Spaß. Die Enttäuschung war ihm schon aus dem Gesicht gefallen, noch bevor ich ihn hätte vorwarnen können. Er hatte nämlich sicherlich auf Schokolade, eine Playstation oder Rubbellose gesetzt. Und dann war es nichts dergleichen und auch kein eleganter Damenschuh, sondern: Eine Quasi-Pantoffel im Ledergewandt. 

Diese mir entgegen schlagende Enttäuschung sollte sich in den kommenden Tagen wie ein roter Kaugummi-Faden durch meinen Alltag ziehen, sie setzte sich an meinen Füßen fest und erschrak im Folgenden jeden, der ein bisschen mehr erwartet hätte, untenrum. Mein Freund etwa. Er mag mich am liebsten in Wollpullovern und Jeanshosen, so wie an jenem Morgen, als ich frisch geduscht und angekleidet aus dem Badezimmer schritt, bereit für ein Kompliment, das sich im Zuge des herab wandernden Blickes meines Gegenübers von selbst erledigte. Komisch, dachte ich noch, man hätte jetzt vielleicht Dr. Martens erwartet, aber so furchtbar anders sehen diese Quadtratlatschen hier doch gar nicht aus. 

Traurig wegen all der bisher ungeteilten Euphorie setzte ich zum Spaziergang gen Büro an, selbstbewusst trotz angekratztem Ego wohlbemerkt. Und da begnete sie mir, die erste gute Fee des Tages, hektisch im Portemonnaie kramend, gleich vor dem Ticketautomaten. Eine Münze fiel zu Boden, wir bückten uns beide, ich richtete mich wieder auf, sie aber blieb unten. Um zu starren. „Die sind wirklich gemütlich“, erklärte ich sogleich. „Geil“ entfuhr es ihr. Wieder auf Augenhöhe flötete sie mir außerdem aufrichtige Begeisterung entgegen, das sei ja mal was Neues und mutig und ob das das denn überhaupt ginge, so auf einer richtigen Straße, temperaturtechnisch. Aber ja! Das geht sogar sehr gut und noch besser mit Wollsocken. Danke, sagte ich noch, als ich mich im Geiste schon längst verschwestert hatte. 

Beschwingt landete ich um Punkt Neun auf der Pausenbank unseres umfunktionierten Ladenlokals, um noch ein wenig zu trödeln, mit frischem Kakao. Da kam Raketen-Jule auch schon auf ihrem Drahtesel vorbei gedüst, Vollbremsung. „Hast du umgesattelt? Ayurveda-Beraterin? Waldorf-Kindergärtnerin? Das sind Marktlücken! Die würden dich mit Kusshand nehmen!“. Freunde sagt man, seien die besten Kritiker*innen, weil echte Freunde nunmal nicht lügen und man selbst nicht sauer werden darf. Ach Jule, dachte ich noch, zumindest du könntest heute doch auf meiner Seite sein! Aber nichts da. Wir giggelten erst über Modebloggerinnen und dann über mich, weil ich ja selbst eine bin. 

Und was tat Sarah währenddessen? Lachen! Laut! Wie die Mehrheit eben. Aber mit liebevollem Unterton. Vermutlich weil sie bereits ahnte, dass meine Liebe (zu ihr und den Birkenstocks) unerschütterlich bleiben würde. Noch so eine Weisheit: Die, die es vertragen, müssen manchmal am meisten einstecken. Hier war ich also! Bereit, jede Häme zu verdauen, zur Not mithilfe von Kompensations-Kuchen. Den kaufte ich noch am selben Nachmittag im Bioladen gegenüber. Dort nahm und ignorierte man mich, wie ich war und bin. Mit neuen Lieblingsschuhen an den Füßen, die überhaupt niemandem auffielen, so sehr ich auch mit ihnen wedelte. Überall Menocore- und Töpferclub-Vibes, herrlich. Ich wurde eins mit der orthopädischen Schuhmasse und beschloss, stark zu bleiben. Nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen, die heimlich davon träumen, in Outdoor-geeigneten Hausschuhen den Büroalltag bestreiten zu können. Irgendwann kommt unsere Zeit. Und bis dahin übe ich mich in Tapferkeit. Es heißt ja schließlich auch: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. 

Kleid: Ganni // Tasche: Weekend Max Mara //
Strumpfhose und Socken: Falke // Pullover: Weekday

14 Kommentare

  1. Heinke

    Die sind so stulle, dass sie schon wieder cool sind. Und der süße Text passt dazu wie A… auf Eimer. Wirklich. Ich lag seit einer halben Stunde auf der Couch, geplättet von einem Herbsttief, und das ist jetzt weg – London sei Dank.

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  2. Lisa

    Ich habe sie mir auch geholt nach deinem ersten Post dazu….und was soll ich sagen?! Einfach nur super bequem und gerade weil so selten und so ungewöhnlich genau mein Ding!!
    Danke fürs Erleuchten liebste Nike <3

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  3. Lara

    Oh, diesen Beitrag mag ich so sehr, genauso wie dein Outfit inkl. der Birkis. <3 Ich finde du siehts ganz wunderhübsch mit denen aus.

    Auch überhaupt liebe ich solche "fashion-tales" kleine oder große, amüsante Geschichten über die Liebe zu einem ganz besonderen (Kleidungs-) Stück. Auch wenn andere diese Liebe womöglich gar nicht nachvollziehen können!
    Das war ein schöner Start in einen recht grauen Donnerstag! Danke Nike! 🙂

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  4. Constanze

    Meine Freunde sagen oft „An jedem anderen fänd ich es schrecklich… aber zu dir passt es irgendwie!“

    Ich weiss, hier ist kein Wunschkonzert, aber könntet ihr vielleicht mal einen Post mit Alternativen zu diesen ganzen hübschen Ganni Röcken machen? Ich mag diesen Look mit Blümchenrock und Strickpulli und Strumpfhose, der Geldbeutel gibt aber leider keinen „echten“ Ganni Rock her. Das wäre super! 🙂

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    1. Nike Jane Artikelautor

      Constanze, das ist eine super Idee. Ich setze mich gleich nächste Woche dran. Deal? Danke für euren konstruktiven Input, immer her damit <3

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  5. Johanna

    Oh man, Nike. Es gibt glaube ich wirklich nichts, was du nicht tragen kannst. Erst schaue ich mit riesen Glubschern auf die Schuhe, denke, „echt jetzt?“ – um dann zugleich zu nicken und zu denken: „Ja, warum denn nicht?“. Und so geht es mir bei quasi jedem deiner Outfits, das du selbst für ulkig bezeichnest oder dich fragst, was dich da wieder geritten hat. <3

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  6. Isa

    Ich hab mich kaputtgelacht über den Beitrag, großartig! So wunderbar geschrieben, so gekonnt und so lustig, es hat echt Spaß gemacht. Ihr seid mit Abstand echt der beste (Mode-)Blog in meinen Augen, ihr habt Humor und seid klug, eine tolle Kombination.
    Die Schuhe sind auch super. Man sieht wieder, (fast) jedes Kleidungsstück kann gut kombiniert wunderbar aussehen.

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  7. Manuba

    Super! Ich liebe Birkenstock, schon seit 20 Jahren (mann, bin ich alt…), egal, ob sie nun gerade gehypt sind oder nicht. Sie stehen dir super!

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