Kolumne // Wer bin ich und wenn ja, wo werde ich alt?

05.12.2017 Kolumne, Leben

Stadt, Land, Frust? Oh ja! Weil man sich irgendwann entscheiden muss. Wie aber soll das gehen, als Zwischenmensch, der mit einem Bein in der Programmkino-geschwängerten Luft Neuköllns und mit dem anderen im familiären Dorfsalat steht? Für mich ist das ein bisschen so, als würde jemand danach fragen, ob ich Pizza lieber mag oder Pasta. Beides natürlich. Solange es Belag gibt! Und den gibt es ebenso hier wie dort, in Form von unendlichen Möglichkeiten, die hinter jeder Ecke lauern.

Aber zurück zum Ursprung meiner gedanklichen Geisterfahrt, tief hinein ins rheinländische Korschenbroich, das mir schon früh das Baumhausbauen lehrte. Ich war jung und wild, meist dreckig und gut am Traktor-Lenker, den mein Opa, ein Landwirt, mir schon mit zarten neun Jahren übergab. Morgens wurde ich von Max Beule geweckt, der stets vom Nachbarhof herüber rief und durch einen Lenkdrachenunfall zu seinem Spitznamen kam. Wir, die Kinder vom Schanzerhof, lachten über die „Kinder vom Süderhof“ – das echte Leben erschien uns mindestens drei Mal so köstlich und abenteuerlich. Blöd nur, dass wir irgendwann Teenager und gelangweilt und von Wachstumsscherzen geplagt wurden. Ganz so, als hätten wir uns aus mit einem Mal aus unserer Kindheit geschält wie aus einem zu kleinen Pullover. Das Dorf hatte seine Magie verloren, so wie die Stadt fünfzehn Jahre später ihren Reiz. 

Hätte man mich mit Mitte 20 gefragt, über welchen Bürgersteig ich einst meinen Rollator schieben würde, wäre die Antwort so klar gewesen wie die gleichzeitige Feststellung, dass ein Dorfleben rein gar nichts (mehr) für mich ist. Ich hätte über die Beschränktheit der Supermarktbesucher geflucht, die mir bei jedem Ausflug in die Heimat entgegen schlug wie ein heißes Fegefeuer und mich dementsprechend regelmäßig zum Schimpfen und Weglaufen brachte, ich hätte über die fehlende Kultur gewettert und diesen Gesamthorizont, der mir nicht weiter als bis zur eigenen Gartenhecke zu reichen schien. Ich wäre allein an der Vorstellung verzweifelt, jeden Tag die selben Nachbarn zu sehen, festgenagelt zu sein und ganz in der Nähe, wenn das Schützenfest zum kollektiven Saufen einlädt.

Bis vorgestern, als ich mit meiner Oma am Kamin saß, während meine Mutter Kuchen kaufte, Lio die Blumen tränkte und Max Beule von der anderen Straßenseite durchs Fenster rief, dass nebenan noch reichlich Honig in Gläsern übrig sei. Ich stellte mir vor, wie es sein könnte, ein Buch am offenen Fenster zu schreiben, den Stuck im Wohnzimmer zu streichen, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, die irgendwann einmal, ganz zwangsläufig, kleiner werden würde. Ich bekam Angst davor, genau dann nicht da sein zu können, weil mir eine Zukunft ohne die, mit denen ich groß geworden bin, so lange viel verkraftbarer erschien als eine Zukunft ohne Berlin und alles, was inzwischen dazu gehört.

Und dann bekam ich Angst davor, mein Leben zu verpassen, sollte ich irgendwann tatsächlich zurückkehren. Meinen Anspruch, meine Leidenschaft, alles, was mir wichtig ist. Meine Freunde und sämtliche Großstadtfreuden, die nicht nur mir gut tun, sondern auch meinem Kind, das nichts anderes kennt als das hier. Das U-Bahnen liebt und den Park neben unserem Haus, den Musikkurs und die Museen. Wäre er ein bisschen größer, denn säßen wir ganz bestimmt im selben Boot. Weil es kein besser oder schlechter, weil es an beiden Orten Schönes und Schlimmes gibt. Weil wir Zwischenmenschen sind, die sich langsam aber sicher im Spagat befinden, aber nicht wissen, auf welche Seite sie sich retten sollen.

 

 

 

20 Kommentare

  1. Madita

    Oh Gott! Genau das! Wir haben einen 1.5 Jahre alten Sohn und sind seit fast 10 Jahren in Berlin. Bayern war zu provinziell. Klaro. Aber jetzt hat Berlin an Reiz eingebüßt. Mit Kind ist das Feiern total ins Hintertreffen geraten, in den tollen Cafes hält der Kleine nur solange still, bis der Kuchen leer ist (5 Min) und die hippen Restaurants, ja in die kommt man nur, wenn man ordentlich in die Tasche greift und zusätzlich noch nen Babysitter bezahlt. Freunde sind hier. Vor allem hier. Geballt hier. Und das ist es, was weiterhin für Berlin spricht (und ein bisschen von allem anderen auch, nur, weil’s so schön ist, es alles vor der Tür zu haben). Aber wo ich mal meinen Rollator rumschieben werden? Weiß der Kuckuck.

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  2. Mila

    Muss man sich denn wirklich entscheiden? Vielleicht gibt es für die Zwischenmenschen ja auch gar nicht den einen perfekten Ort zum Leben, sondern immer nur den perfekten Ort für die jeweilige Lebensphase. Ich bin auch so ein Zwischenmensch – mit Kindheit auf dem Land, mit Feld und Wald direkt hinter dem Haus und ab der Pubertät dann die Tage bis zum Abi zählen, weil einfach alles zu eng ist. Dann das Studium in einer mittelgroße Stadt und dann Berlin und nun zehn Jahre später mit Kind und Kegel wieder das ganz ruhige Landleben. Meine Söhne finden es hier noch ganz toll und doch werden sie mich in einigen Jahren vielleicht dafür verdammen, nicht in Berlin abends um die Häuser ziehen zu können. Aber wer weiß, was noch kommt, und für mich habe ich entschieden, einfach nicht zu entscheiden. Den Rollator möchte ich dann vielleicht wieder in Berlin schieben, vielleicht sitze ich aber auch alt und grau vor meinem Häuschen an irgendeiner felsigen Meeresküste – das Schöne am nicht entscheiden ist ja auch, dass man weiter träumen kann :-). Der riesengroße Wermutstropfen bei jedem Umzug sind natürlich die lieben Menschen, die man zurücklässt…

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  3. Svenja

    Hallo liebe Nike,
    Ein Viel zu kurzer Kommentar für so ein riesen Thema, aber: wie wär’s denn mit Ferien auf dem Bauernhof? Einfach mal 2-3 Wochen bei deiner Familie in NRW und dort Lio alles zeigen, was du als Kind gemacht hast. Eine Ferienwohnung bringt auch den eigenen Freiraum.

    Liebe Grüße aus Kölle!

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  4. Katja

    Ein schöner Artikel. Du sprichst mir aus der Seele (und vielen bekannten Familien). Winterliche Grüße aus der Provinz.

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  5. Karla

    Es muss ja nicht immer gleich -> die Heimat sein. Aber zumindest -> näher an die Heimat.

    Für mich/uns war die Entscheidung nicht leicht, aber auf lange Sicht klar: „Et jitt kei Woot, dat sage könnt, wat ich föhl, wenn ich an Kölle denk, wenn ich an ming Heimot denk!“

    <3 Rheinland. 🙂

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  6. Carmen

    Mir geht’s ähnlich. Und ich bemerke, dass die Verwurzelung in meiner Studentenstadt jetzt mit Kind irgendwie schleichend passiert, durch Bekanntschaften in Kita, Freunde vom Kind etc… mein Kind soll (wenn es nach mir geht) seine bewusste Kindheit in dem 150 Seelen Dorf verbringen, in dem ich aufgewachsen bin. Nur wann schaffe ich den Absprung? Und wird es für das Kind so wie ich es mir erhoffe?

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  7. Sara

    ich kann dich so verstehen, nike! ich bin gebürtige essenerin, bin nach dem abi fürs studium weg, danach ein paar jahre ausland und dann – BERLIN (ich dachte mir, dann ist der kulturschock nach dem ausland nicht so krass). ich habe mein leben und meine freiheit in berlin geliebt! ich kam allein und ohne irgendwelche kontakte. innerhalb kürzester zeit hat sich ein netz echter herzensmenschen gebildet das ich nicht missen will. dann lernte ich meinen freund kennen (gebürtiger berliner). um in das familiäre unternehmen einzusteigen sind vor 6 monaten „zurück“ ins ruhrgebiet gezogen. ich liebe die nähe zu meiner familie, absolut. aber soll ich ehrlich sein? ich vermisse berlin. ich vermisse diese stadt, das lebensgefühl dort, meine freunde. ich vermisse es sehr. ich bin mir sicher, dass wir uns auch hier wieder einleben werden und wurzeln schlagen. aber mein herz wird immer an berlin hängen. und ein besuch dort ist einfach das gleiche wie ein leben dort.

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  8. Janina

    hallo nike, du zwischenmensch, du. weißt du eigentlich, wie präzise du die kunst des wörterjonglierens (‍♀️) beherrscht und mir jedes mal aufs neue ein lächeln ins gesicht zauberst, weil deine texte immer wieder so wahnsinnig inspirierend sind? nein? jetzt weißt du es mercimercimerci

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  9. Lilly

    Danke für den schönen Text! Mir geht es genauso,wenn auch andersrum,wenn man das so sagen kann.. Bin für das Studium weg aus der Großstadt (nein nicht Berlin) in eine mittelgroße /für mich kleine Stadt gezogen und frage mich gerade auch wo es langfristig hin soll..Mein Herz sagt auch – ab in die Großstadt, zur Familie und allem, was ich misse..

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  10. pi

    oh ja, i feel you! besonders mit kiddos will man ja irgendwann ankommen und wurzeln schlagen, und ihnen am liebsten auch so eine wilde, wunderbare dorfkindheit mit haus, hof und hund, wiesen und wäldern geben, wie man sie erleben durfte. wir haben auch schon echt so einiges an haeusern und wohnungen mit garten angeschaut (shit is getting serious!), aber konnten uns nirgendwo so richtig – für immer -sehen. ich war fast schon erleichtert, als ein neues job- und zwei-jahre-china-angebot diese, sich viel zu erwachsen und endgültig anfühlende, lebensentscheidung für uns erstmal wieder auf eis gelegt hat. aber was dann?
    ständig in der weltgeschichte umherzukutschieren hilft auch nicht gerade, die hummeln im hintern zu beruhigen. ich glaub, mir geht es da ähnlich wie dir: wenn man sich so wild ins leben stürzt, was eigenes aufbaut und alle neuen, aufregenden eindrücke wie irre genießt, kann man die alte heimat auch (wieder) mehr wertschätzen und romantisieren. aber vielleicht immer nur temporär? ich frage mich wirklich, ob man, wenn man einmal so in die welt hinausgezogen ist, irgendwann satt und ausgetobt ist, um dann tiefenentspannt irgendwo ankommen zu können, oder ob man sich damit leider auch ein bisschen ruhelosigkeit und permanentes changieren zwischen heim- und fernweh, stadt-
    und landliebe eingetreten hat (?).

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  11. Manuela

    Ich dachte ja immer, ich sei eine Stadtfrau… Seit ich aber 2 Kinder habe, bin ich noch eine Gelegenheitsstadtfrau. Ich lebe und arbeite auf dem Land, genauer gesagt, in den Bergen. Mit einem grösseren Skiort in den Schweizer Alpen habe ich die perfekte Mischung gefunden. Die Stadtmenschen kommen zu uns und wir haben eine tolle Infrastruktur, Geschäfte die immer geöffnet haben und auch ein tolles Nachtleben. Perfekt. Und irgendwie macht es mir auch Spass, die Stadtmenschen beim Wintersport zu beobachten… Satisfaction pur. Da fühl ich mich doch beim nächsten Besuch in der Stadt grad ein bisschen besser. Und ein grosses Plus des Lebens in der Minischweiz: Zürich ist nur 50 Minuten entfernt, ich wohne also sozusagen in der Agglo.

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  12. Jen

    Soll ich dir sagen, wann es noch komplizierter wird und du endgültig nicht mehr weißt, was zu tun ist…? Wenn Lio in die Schule kommt. Ich sag dir. Da stehe ich gerade, und es ist die Hölle Hölle Hölle zu entscheiden, wohin, warum etc pp. Denn in der Heimat war es einfach die eine Schule, die Einzugsschule, und in Berlin gibt es ALLES und JEDER hat einen sinnigen Hinweis und es ist ein riesiges Bewerbungscasting. Nee, danke.
    Auch die Wege, die Entfernungen… Schule ist eh schon nicht das geilste. In ner Großstadt aber dann vollends nicht mehr.
    Ich bin nun schon 17 Jahre in Berlin, fast genauso lang wie in der Heimat, Gleichstand quasi. Für mich ist zurückziehen keine Option… aber Landleben, nicht so weit weg, vielleicht schon.

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  13. Susi

    Was mich bei dem Thema zusätzlich noch so umtreibt ist, dass ich die Vorstellung nicht ertrage, mich nicht um meine Eltern kümmern zu können, wenn sie mal nicht mehr so fit sind wie jetzt. Sie haben mir so viel gegeben und sind mein Feld in der Brandung. Das Gleiche möchte ich später für sie sein. Das ist mir erst in den letzten Jahren klar geworden. Aber in einigen Jahren werde ich zurück ziehen.

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  14. Mona

    Nike, genau vor diesem
    Problem stehen wir auch! Und auch ich habe noch keine Antwort auf diese schwierige Frage… was wenn ich weit draußen auch mal Hunger auf Sushi habe 😉 doch innerlich habe ich eine große Sehnsucht nach was ursprünglichem und Ruhe! Vor meinem Studium hätte ich auch nicht gedacht, dass diese Sicht der Dinge sich mal ändern würde! Doch immer mehr ist man genervt von so vielen Leuten auf einem Haufen, dem Stress, dem Lärm… doch was ist die Alternative? Weite Wege zur Arbeit? Und gerade in nrw- Stau an Ecke?! Und die Immobilienpreise sind trotz weiterer Wege, gerade in nrw noch immer nicht wirklich machbar… und jetzt sitze ich hier in einem Gefühl von innerer Unzufriedenheit und du hast auch keine Lösung 😉 :*

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  15. Ariane

    Wie immer wahnsinnig gut den Nagel auf den Kopf getroffen. Auch bei mir Aufwachsen auf dem Land und seit tiefster Dorfkindheit die Sehnsucht nach der Stadt. Nach Studium und langen Auslandsreisen nun seit 5 Jahren sesshaft Berlin. Und ganz langsam aber bestimmt hat sich mehr und mehr die Sehnsucht nach mehr Ruhe, weniger Lärm, mehr Natur und weniger U-Bahn Gedränge in die Gedanken geschlichen. Temporäre Fluchten aus der Großstadt in die Natur können leider auch nur das: Die Sehnsucht nach Ruhe temporär stillen. Und gleichzeitig zeigen mir Besuche des Heimatdorfs, wie schnell man romantisiert und idealisiert – vor allem aufgrund nostalgischer Schmetterlinge die beim Gedanken an ein beschaulicheres Leben im Bauch umherflattern. Ich sehe es wie Nike und meine Vorrednerinnen: es gibt überall pro und contra, ist klar und wie bei den meisten Dingen im Leben. Irgendwann wird eine Entscheidung fallen und dann vielleicht noch eine und noch eine. Das Leben wird sich seinen Weg suchen. Und der Rollator, der muss erstmal warten auf seinen Stellplatzbescheid 😉

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  16. Pingback: Cherry Picks #45 - amazed

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