Buch-Tipp // Heike Kleen: Das Tage-Buch

06.12.2017 Buch, Feminismus

Eigentlich sind meine Schwester und ich unzertrennlich, doch es gab eine Zeit, da war ich richtig eifersüchtig auf sie. Nämlich, als sie vor mir ihre Periode bekam. Das war aus vielen Gründen eine Katastrophe für mich, vor allem, weil ich doch die Ältere war und deshalb das Erstgeborenenrecht auf dieses Erlebnis hatte! Außerdem hatten meine besten Freundinnen ebenfalls schon alle ihre Tage – ich konnte nicht mitreden, stand frustriert daneben, während sie sich über Tampongrößen und Bauchkrämpfe unterhielten. Als ich einmal vorsichtig nachfragte, wie das denn so sei, seine Periode zu haben, seufzte eine von ihnen:

„Ich dachte immer, da kommt nur so ein Tröpfeln. Aber das ist richtig viel Blut!“

Ein paar Monate später hatte ich sie dann, die lang ersehnte Periode – und stellte schnell fest, dass dieses monatlich wiederkehrende Ereignis für mich die reine Qual war. Die Schmerzen waren oft so stark, dass ich nicht aufrecht stehen konnte, immer Notfall-Schmerztabletten mit mir rumschleppte und meine Mama befreundete Ärztinnen nach Tipps fragte. Hinzu kam die unglaubliche Peinlichkeit des Ganzen. Hauptsache, in der Schule merkte niemand, dass ich meine Tage hatte und meine gekrümmte Haltung darauf zurückzuführen war. Lieber sprach ich allgemein von „Bauchschmerzen“, während ich den Tampon in meiner Faust versteckte und innerlich betete, dass von den Jungs niemand dieses Corpus Delicti bemerkte.

Undichte Frauen

Die Periode ist und bleibt ein unangenehmes Thema, über das viele Frauen lieber schweigen. Das ist auch der Journalistin Heike Kleen aufgefallen. Also hat sie recherchiert und ein Buch geschrieben: Das Tage-Buch. Die Menstruation – alles über ein unterschätztes Phänomen. Sehr unterhaltsam analysiert sie darin, warum unser Umgang mit einem an sich völlig natürlich Phänomen noch immer so dermaßen verkrampft ist:

Bei so viel Hysterie, findet Kleen, hilft am besten Aufklärung. Kurzweilig legt sie dar, was während der Periode eigentlich im Körper passiert: Können Frauen „synchron“ menstruieren? Von welcher Menge Blut sprechen wir eigentlich? 

Und haben Männer einen Zyklus?

Interessant ist auch der Umgang mit menstruierenden Mädchen und Frauen in anderen Kulturen. Weltweit werden Frauen einmal im Monat im wahrsten Sinne des Wortes aus der Gesellschaft verstoßen. Warum? Weil sie „unrein“ sind. In Ländern wie Indien oder Nepal gibt es unzählige Vorschriften, an die die Unreinen sich halten müssen – sie dürfen zum Beispiel keine Pflanzen anfassen oder werden in sogenannte „Menstruationshütten“ geschickt, um dort bis zum Ende ihrer Periode auszuharren. Aber, das macht Heike Kleen deutlich, auch die angeblich so aufgeklärte „westliche“ Kultur verbreitet jede Menge blutige Mythen. Plinius der Ältere befand, der „Monatsfluss der Weiber“ mache den Wein sauer und verderbe die Ernte. Wie Heike Kleen trocken feststellt: „Die Männer hatten schon immer eine deutlich höhere Meinung von sich als von den Frauen. Frauen sind für sie eher schadhafte Prototypen, nicht ausgereift, irgendwie nicht ganz dicht – und darüber hinaus sind sie auch noch ziemlich gefährlich!

Eine Meinung, die sich bis heute hartnäckig hält. Heike Kleen plädiert deswegen für einen allgemein entspannteren Umgang mit der Periode. Ihr Rat lautet: „Einfach mal locker machen! Wir sollten offen(er) mit der eigenen Menstruation umgehen und Hygieneartikel nicht krampfhaft vor Mitmenschen, Partnern und den eigenen Kindern verstecken.“ Vielleicht schwappt ein bisschen von dieser Entspanntheit dann auch in die Gesamtgesellschaft über, wo uns Binden- und Tamponwerbung immer noch vermitteln, seine Periode zu haben bedeutet, mit seidig schimmerndem Haar und voller Energie aus dem Bett zu springen. Dazu noch ein bisschen Herumgespringe in Unterwäsche und extrem gute Laune – das alles kann ein Tampon/eine Binde bewirken! Das mag einem lächerlich und unwichtig vorkommen, aber wie Kleen richtig feststellt, hat Werbung Auswirkungen auf unsere körperliche Wahrnehmung und unser Selbstwertgefühl. Die Werbung vermittelt uns, dass wir unsere Periode verstecken und kontrollieren müssen, dass wir uns doch bitte so verhalten sollen, wie man(n) Frauen am liebsten mag: gut gelaunt und perfekt.

Sich einfach mal locker machen

Wer sich periodentechnisch mal locker machen will, ist Das Tage-Buch definitiv die richtige Lektüre. Geschrieben mit viel Witz bereitet es ein manchmal doch etwas kompliziertes Thema gut auf und liefert dabei viele Tipps zum Umgang mit der eigenen Periode. Heike Kleen testet sich durch verschiedene Hygieneartikel und Menstruations-Apps, schreibt über Verhütungsmethoden („Wo geht’s zum Ende aller Tage?“) und vergisst dabei auch die „Rote Revolution“ nicht. Denn bei aller Scham, die das Thema Periode begleitet: Es tut sich etwas. Kleen stellt fest: „Die Frauen auf der ganzen Welt sind nicht länger bereit, die Tabu-Schublade aufzumachen und einen Teil ihres Lebens darin zu verstecken.“ So gibt es Menstruations-Aktivistinnen, die aus ihrem Blut Kunst machen oder mit anderen Aktionen die Enttabuisierung der Periode fordern. Auf dass der Tampon nicht mehr verschämt in der Faust verschwindet – und die gekrümmte Haltung nicht mehr mit „Bauchschmerzen“ erklärt werden muss.

5 Kommentare

  1. Sara

    Es stimmt natürlich, dass es viele Kulturen und Länder gibt, in denen die Periode ein „schmutziges“ Thema ist, Frauen sich dafür schämen und auch generell schlecht informiert sind. Daran muss sich dringend etwas ändern, auf jeden Fall!

    Ich möchte in keinster Weise über Frauen urteilen, die starke Menstruationsbeschwerden haben – ich leugne nicht, dass es sie gibt (diese Schmerzen) auch wenn ich selbst (glücklicherweise) nie Beschwerden habe und hatte.
    Dennoch finde ich, dass sich die grundsätzliche Einstellung einer Frau zu diesem Thema erheblich auf das eigene Wohlbefinden auswirkt.
    Das ist wie beim Blut abnehmen. Ich mag es gar nicht. Wenn ich mir dabei vorstelle, wie das Blut abgezapft wird, wie die Nadel in meinem Arm steckt, wird mir schwindelig und ich werde ggf. ohnmächtig. Ist mir sogar schon mal passiert. Wenn ich mich dabei aber selbst ablenke, an einen schönen Palmenstrand, mein nächstes Wochenende oder andere schöne Dinge denke, geht es mir viel besser und ich merke nicht mal was von der Bluabnahme.

    Von klein auf habe ich von meiner Mutter gelernt, dass die Periode etwas ganz normales, natürliches und sogar etwas schönes ist, denn sie zeigt, dass wir Frauen sind und Kinder bekommen können. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Periode; ich war so stolz und fühlte mich unglaublich gut. Ich finde, wenn Frau die Periode als etwas selbstverständliches annimmt, dann ist „das alles“ (Tampon wechseln, Blut im Höschen etc.) halb so schlimm.
    Wenn ich mal Stimmungsschwankungen oder Kopfschmerzen habe, würde ich nie auf die Idee kommen, diese Symtome auf meine Periode zurückzuführen. Das steht für mich nie in einem Zusammenhang.
    Deine Aussage „Die Werbung vermittelt uns, dass wir unsere Periode verstecken und kontrollieren müssen, dass wir uns doch bitte so verhalten sollen, wie man(n) Frauen am liebsten mag: gut gelaunt und perfekt“ fand ich daher etwas befremdlich. Ich sehe das komplett anders. Ich verstecke meine Periode nicht, genauso wenig laufe ich aber mit imaginärem Schriftzug „Achtung, ich habe meine Periode, habt gefälligst Verständnis für mich!“ auf der Stirn rum. Ich hoffe, Du verstehst was ich damit sagen will. Meine Periode ist für mich so normal, dass ich das nicht großartig thematisieren muss. Und mein Freund würde nie auf die Idee kommen, eine evtl. schlechte Laune auf meine Periode zurückzuführen – fänd ich auch ziemlich unverschämt! Wenn ich schlechte Laune hab, dann hab ich schlechte Laune – vollkommen losgelöst von meiner Periode.

    Mir ist durchaus bewusst, dass viele Frauen nicht so denken wie ich. Ich wollte mit meinen Worten nur mal zum Nachdenken anregen, dass Frau das Ganze auch anders betrachten kann. Daher stimme ich Frau Kleen definitiv zu bei: „Einfach mal locker machen“
    Herzlichst,
    Eure Sara

    Antworten
    1. Isa

      Zu dem Beitrag über mir von Sara:
      Ich finde den Aspekt ganz gut, klar ist es etwas normales und so weiter.
      Dennoch: Schlechte Laune, durch Schmerzen oder allein durch die hormonelle Situation, das kann durchaus auch an der Periode liegen. Wenn es bei dir nicht so ist, ist doch alles gut. Ich kenne einige, mich eingeschlossen, bei denen es kurz vor der Periode bis hin zu der Zeit einfach ein bisschen anders ist, als vorher. Sobald man sich dem bewusst ist, kann man damit zumindest etwas leichter umgehen.
      Der Zusammenhang von Stimmungsschwankungen und/oder Kopfschmerzen mit der Periode ist auf jeden Fall bei sehr vielen Frauen da!
      Und nicht immer reicht es dann, sich dann alles schönzureden oder auszureden.

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      1. Sara

        Da bin ich ganz bei dir, Isa. Schön reden sollte man es sich nicht immer.
        Vielleicht bin ich da auch zu sehr von meiner eigenen Position ausgegangen, da ich selbst nie (oder fast keine) Beschwerden habe.

        Ich muss in dem Zusammenhang einfach immer an eine Freundin aus der Schulzeit denken; sie hat immer so rumgejammert und sich extrem reingesteigert, ist fast schon in eine Opferrolle gerutscht – da kann dann nun wirklich nichts Gutes bei rumkommen.
        Auch wenn man mit „schönreden“ vielleicht nicht alle Schmerzen wegbekommt, so kann man sie zumindest etwas mindern.

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        1. Johanna

          Liebe Sara. Ich finde deinen Gedankengang durchaus nachvollziehbar und positiv – aus deiner schmerzfreien Situation heraus gesagt, ist das allerdings ziemlich einfach. Etwa eine Woche vor meiner Menstruation schwellen meine Brüste an und schmerzen bei Bewegung oder Berührung. Neuerdings kriege ich dazu auch noch Rückenschmerzen, meist ein paar Tage vorher. Ein paar Stunden, bevor sich das Blut dann wirklich seinen Weg bahnt, fängt mein Unterleib an zu krampfen. Ich kriege Magenprobleme, die meist mit Blähungen und Durchfall verbunden sind. Kopfschmerzen. Die ersten zwei Tage meiner Menstruation möchte ich einfach nur in Embryostellung mit Wärmflasche unter eine Decke liegen und nichts hören und nichts sehen. Mein ganzer Körper, mein ganzes Ich sind dann eine Qual. Es wäre schön, wenn sich das durch ein paar positive Gedanken in Luft auflösen könnte, ehrlich. Lass uns Opfer sein, wenn wir das brauchen und es uns hilft. Da passiert schließlich einiges im Körper, da dürfen und müssen wir drüber reden.

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          1. Isa

            Ich kenne auch beide Seiten, in den ersten Jahren hatte ich unerträgliche Rückenschmerzen, ich hätte echt heulen können. Später hat es sich gebessert und ich hatte eine Zeit kaum Beschwerden. Seit zwei, drei Jahren allerdings ist auch diese Zeit wieder vorbei. Sicher gibt es auch immer die, die übertreiben. Aber es gibt auch die, die mehr darunter leiden, als sie es vor anderen zeigen.

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