Interview // „No judgement!“: Mit dem Kollktiv Hoe__mies über genderqueere & non-binäre Protagonistinnen in der Musikszene

Vor nicht einmal zwei Wochen hatte ich einen magischen Moment: Auf dem Programm stand „En Woke„, eine Podiumsdiskussion gehostet von ASOS und dem KünstlerInnen-Kollektiv Hoe_mies im Sälchen des neuen Holzmarktes in Berlin. Während sich die geladenen Gäste auf der Bühne versammelten und sich der Raum langsam füllte, schlürfte ich an meiner Weißweinschorle und begab mich gemeinsam mit meiner Freundin auf die Suche nach einem Platz. Stopp. Beim Umsehen fiel mir eines ganz besonders auf: Rund 200 Gäste saßen bereits in diesem Venue und ich konnte kaum in Worte fassen, wie gut es sich angefühlt hat, Teil dieses Publikums zu sein. Ich war weder die einzige Schwarze Frau, noch die einzige Frau, die nicht dünn war und fühlte mich tatsächlich mehr als Teil des Ganzen. Eine von vielen. Ganz ehrlich? Das kommt in meinem Leben relativ selten vor. Ist nicht schlimm, wirklich. Gefällt mir so rum auch mal ganz hervorragend. Für das Thema Inklusion und Gleichstellung von Minderheiten, aber auch für das Thema Frauen, sowie jedweder sexueller Ausprägung im kreativen Bereich interessieren sich alle, ob schwarz oder weiß, dick oder dünn – und so komisch es sich auch anhören mag: Ich habe mich selten irgendwo wohler gefühlt.

Die Veranstaltung En Woke, die durch ASOS Supports Talent unterstützt wurde, ist nur der Auftakt einer weiteren Verantsaltungsreihe des Kollektivs Hoe_mies – ins Leben gerufen von Lúcia und Gizem, die sich seit der Gründung für weibliche, non-binäre, und vor allem unterrepräsentierte Persönlichkeiten in der Musik- und Partyszene engagieren. Wer bei den letzten Black Girl Confessions aufgepasst hat, dürfte die beiden Berlinerinnen schon in der Webserie Berliner Farben entdeckt haben und war vielleicht auf Anhieb genau so begeistert wie ich, als ich das erste Mal von dem Konzept hörte. Der gegenseitige Support, sowie ein inklusives und faires Miteinander stehen an erster Stelle. Vielleicht ein Grund dafür, dass halb Berlin den Hoe__mies auf ihren Hip-Hop Parties regelmäßig die Bude einrennt. Ein Paar Einblicke in das Kollektiv sowie wertvolle Musiktipps gibt es jetzt im Short Chat:

Hoe_Mies ist eine Initiative, die sich für Frauen aber auch genderqueere und non-binäre Protagonistinnen in der Musikszene/DJ Szene einsetzt. Wie ist es euch damals ergangen, als ihr selbst angefangen habt Musik zu machen?

Anfangs haben wir uns noch gar nicht so als DJ Kollektiv wahrgenommen. Wir wollten einfach eine Partyreihe starten, die jene Identitäten in den Mittelpunkt stellt, die in der Hip-Hop Szene marginalisiert werden: Frauen*, nicht-binäre und Transpersonen. Mit dem überwältigenden Zuspruch haben wir nicht gerechnet. Das hat uns gezeigt, dass es wirklich einen Bedarf für unser Konzept gibt und dass Hoe__mies nicht nur eine Plattform für weibliche* und genderqueere Künstler*innen und DJs sein kann, sondern auch ein Community Space für Austausch und Support.

Was stört euch am meisten an der aktuellen Lage in der Musikszene?

Uns stört, dass es in der Partybranche wenig Variation gibt. Der Einstieg ist für viele schwierig die z.B. wenig Connections haben und sich zunächst „behaupten müssen“. Das nutzen Clubbesitzer*innen schon mal aus und verlangen extrem hohe Mieten zusätzlich zu den Bareinnahmen, die sie an dem Abend verbuchen. Das kann schon mal abschreckend für Leute sein, die eigentlich Potenzial haben und kreativ sind, aber eben noch ganz am Anfang stehen. In der Musikbranche ist es so, dass Frauen*, aber vor allem auch genderqueere Personen unterrepräsentiert sind, gerade im Hip Hop. Es gibt in diesem Genre unheimlich wenig Produzent*innen, im Vergleich zu cis-Männern

auch wenig weibliche* und genderqueere DJs, was uns, gerade wenn wir transgeschlechtliche oder non-binäre DJs buchen wollen, oft vor Herausforderungen stellt, und auch weibliche* und genderqueere MCs sind weniger sichtbar.

Sich in diese (hetero) Männerdomäne zu begeben und sich selbst treu zu bleiben ohne sich in irgendeiner Form anpassen zu müssen, sich durchzuboxen und andere von seinem Können zu überzeugen, ist einfach schwieriger als es sein müsste. Am Abbau dieser Hürden wollen wir aktiv mitwirken.

Für was genau steht der name Hoe_Mies?

Auf den Namen kamen wir gemeinsam mit einer befreundeten Person als wir die Aneignung und Umdeutung von Begriffen diskutierten, deren alleiniger Zweck darin besteht, unsere Sexualität zu kontrollieren und jegliche von der auferlegten Norm abweichende sexuelle Aktivität zu skandalisieren. Das Wortspiel aus „homie“ und „hoe“ soll Slut-Shaming und Hurenfeindlichkeit entkräften und Shamer*innen klarmachen, dass bei uns spaltende Binaritäten wie Heilige vs. Hoes abgelehnt werden. Bei uns kann jede*r sein, wer oder wie er*sie ist. No judgement.

Wie hat es sich für euch angefühlt, die erste Party zu schmeißen?

Wir waren super aufgeregt und haben absolut nicht mit dem Zulauf gerechnet, den wir schlussendlich bekamen. Schon bei der ersten Party gab es drei Mal Einlassstopp. Wir waren schon die ganze Woche davor extrem nervös, vor allem als wir bemerkt haben, wie viel Aufmerksamkeit uns zuteil wurde. Ehrlich gesagt, hat sich das jetzt auch zu unserer fünften Party nicht großartig geändert. Wir sind immer noch nervös und investieren im Vorfeld unheimlich viel Zeit und Energie in einen möglichst reibungslosen Ablauf. Die Liebe, Dankbarkeit und Unterstützung, die wir erfahren, sind aber all diesen Stress Wert!

#hoe__mies co-founder Lúcia Lu rockin the decks 🙌🏽💜 by @mayowasworld

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Während der Podiumsdiskussion mit Munroe Bergdorf, Hengameh Yaghoobifarah, Esra Karakaya und Lucia & Gizem

Von links: Gizem (Hoe_mies), Hengameh Yaghoobifarah, Munroe Bergdorf, Esra Karakaya und Lucia (Hoe_mies)

Und wie ist es heute, wenn Institutionen wie ASOS mit „ASOS SUPPORTS TALENT“ auf euch aufmerksam werden und mit euch zusammenarbeiten wollen?

Wir waren super aufgeregt, uns in neue Gewässer zu wagen und das zu verwirklichen, was wir von Anfang an schaffen wollten: Einen Learning Space. Wir wollen mit Hoe__mies eben auch Austausch fördern, Kenntnisse vermitteln und interessanten Geschichten und Menschen eine Plattform geben. In Formaten wie Workshops und Talks, wie unsere neue Reihe „En Woke“, wollen wir das erreichen und sind ASOS sehr dankbar dafür, uns in diesem Vorhaben unterstützt und mit uns ein so interessantes Event auf die Beine gestellt zu haben.

Warum ist es für euch so wichtig
selber aktiv und politisch zu werden?

Durch unsere eigenen Identitäten sind wir politisiert. Wenn man selbst von Diskriminierung betroffen ist, ist es fast unmöglich, sich nicht aktiv für einen gesellschaftlichen Wandel zu engagieren. Jede von uns hat das auf ihre Art und Weise schon seit Jahren gemacht, ob in politischen Kampagnen, im akademischen Rahmen, in Initiativen, selbst organisiert, oder einfach im eigenen Umfeld. Hoe__mies ist aus Protest gegen Strukturen entstanden, die es Menschen wie uns erschweren, Fuß zu fassen und sichtbar zu werden. Diese Strukturen benennen wir ganz klar – aber dabei bleibt es nicht: Wir sehen mit Hoe__mies für uns eine Möglichkeit, die Präsenzen jener Menschen durch einen Empowerment-Ansatz zu stärken, die in unserer Branche marginalisiert werden und sie dafür zu feiern, dass sie am Start sind und aktiv Widerstand leisten – gegen die hetero cis-männliche Dominanz.

Was liegt euch am meisten am Herzen, wenn es um eure Veranstaltungen geht?

Uns ist es wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, bei der sich unsere Gäste wohl fühlen, weitestgehend ungestört tanzen und sexuell expressiv sein können.

Was sind eure Lieblingskünstler*innen zur Zeit?

Am besten checkt ihr dafür unsere weekly Playlist auf SpotifyDort findet ihr sowohl unsere liebsten Künstler*innen aus den goldenen Zeiten von Hip Hop & RnB, als auch neue Artists, die oft untergehen neben den ganzen cis-männlichen Künstlern, die den Mainstream dominieren. Jeden Mittwoch laden wir dort 20 Tracks hoch.

Habt ihr selber schon Erfahrungen mit Diskriminierung oder Sexismus während einer eurer Parties gemacht?

Leider schon öfter. Das beginnt häufig damit, dass Leute überrascht sind oder uns gar nicht zutrauen, dass wir beide diese Party auf die Beine gestellt haben. Kommentare wie, „Na mal sehen, ob ihr das auch schafft!“, oder Misstrauen in unser Konzept, „ihr müsst schon Männer miteinbeziehen, sonst wird das nichts“, waren echt keine Seltenheit. Oder wenn Typen denken, sie wüssten, wie es besser geht und uns und unseren Geräten auf die Pelle rücken, oder uns sagen wollen, was wir spielen sollen und was nicht. All das sind extrem nervige Vorfälle. Sexismus in unserem Bereich nimmt aber auch andere Züge an. Zum Beispiel, wenn davon ausgegangen wird, man könne uns einfach abzocken, weil wir als Frauen gelesen werden. Oder wenn Clubbesitzer*innen über uns lästern, weil wir ein bestimmtes Auftreten an den Tag legen, und von ihnen als zickig oder bossy abgestempelt werden. Einem Typen gegenüber würden sie sich wahrscheinlich nicht so äußern.

DJ Workshop während der Podiumsdiskussion En Woke by ASOS x Hoe_mies

Es geht um Safe Spaces für Frauen und genderqueere Menschen in der Musikszene. Könnt ihr hier vielleicht direkt Lokalitäten in Berlin empfehlen, die auf ein faires und gleichberechtigtes Miteinander ausgerichtet sind?

Da gibt es einige Partys, vor allem im Bereich Elektro und Techno. Wir werden häufig mit „MINT“ verglichen, die einen ähnlichen Ansatz wie wir verfolgt haben und viele Jahre sehr erfolgreich Partys gefeiert haben. Mittlerweile agieren sie nur noch als Booking Agentur und veranstalten selbst nicht mehr. Auch gute Arbeit leisten „Room 4 Resistance“, die auch vor allem weibliche und queere Künstler*innen in den Fokus stellen. Oder auch „No Shade“ angeführt von Linnea Palmestal, die den weiblichen* und non-binären Kollektivmitgliedern in DJ Workshops Kenntnisse vermittelt hat und die jetzt regelmäßig im ACUD ihre Partys feiern.

Gibt es für euch eine Institution/Inspirationsquelle, zu der ihr aufschaut oder die euch in eurer Arbeit motiviert?

Es gibt so viele Aktivist*innen, Künstler*innen und Kollektive allein schon in unserem Umfeld, deren großartige Arbeit uns inspiriert und motiviert. Kurz nachdem wir Hoe__mies gestartet haben, sind wir auf PxssyPalace aus London gestoßen, die mit ihrer Partyreihe so viel Selbstbewusstsein und Raum für die sexuelle Expressivität aller Geschlechter schaffen. Sie stehen mit Sicherheit ganz oben auf unserer Vorbilderliste.

https://www.instagram.com/p/BSHWxYvFKQD/?taken-by=hoe__mies

Wo könnte Berlin denn Party-technisch am meisten dazulernen?

Allgemein wäre es schön, wenn Leute weniger judgy wären. Man hat häufig das Gefühl, man stünde unter Beobachtung, ob man jetzt objektifiziert wird, oder für irgendwas geshamed. Das nervt und hält Menschen davon ab, sich auszuleben und sie selbst zu sein. Außerdem sind sexuelle Übergriffe für viele kaum wegzudenken aus der Clubkultur. Wir haben von vielen Gästen, die auf unsere Partys kommen, gehört, dass sie es häufig in Kauf nehmen, mindestens einmal im Laufe einer Partynacht angegrabscht zu werden. Das muss sich ändern und da müssen Clubs und Partys wacher werden und handeln, denn wer wegsieht und nichts unternimmt, der wird zum Komplizen.

Danke, Lucia & Gizem!

Interview // „No judgement!“: Mit dem Kollktiv Hoe__mies über genderqueere & non-binäre Protagonistinnen in der Musikszene

  1. Henriette

    Liebe Fabienne, du bist so ein Gewinn für This is Jane Wayne. Danke für das Interview. Ich gehe selber gerne zu den hoe_mies Parties und war in Berlin noch nie auf einer besseren Party als von den beiden Girls.

    Antworten

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