Kolumne // Ich setzte in Beziehungen gern Schimmel an

15.01.2018 Leben, Kolumne

Ich bin, ehrlich gesagt, eine blöde Heuchlerin. Träume permanent von den Weiten der Welt, liege dabei aber auf dem Sofa. Suche Kletterhallen in der Umgebung, im Internet. Denke nach 30 Minuten Bouldern schon wieder an die heiße Badewanne. Am besten zu zweit. Mache keine Pläne an Montagabenden, weil er Montagabends ja auch zuhause ist. Gehe lieber Gemüse für abends kaufen, als nachts Cocktails schlürfen. Liebe es zu lesen, auf seinem Bauch als Kissen. Denke bei Mousepads mit dem Schaf drauf „Stimmt“. Ohne ihn ist alles doof, oder zumindest nicht ganz so schön. So ist das immer wieder. Weil ich in Beziehungen gern fest schimmle am Anderen. Bis mir das Verwachsen plötzlich auf die Nerven geht. Nein, gelogen. Geht mir gar nicht auf die Nerven, ich fange also bloß irgendwann an, mich wieder frei zu schaben, weil ich weiß, ich muss. Weil Freundinnen für immer bleiben und mir außerdem den Vogelfinger zeigen würden. Weil ich keine Klette, sondern supermodern sein will. Und unabhängig. Dabei weiß ich nicht einmal mehr, wie man alleine das Auto saugt.

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Und so kommt es, dass ich mir mindestens ein Mal im Monat in den eingeschlafenen Arsch treten und mich ganz aktiv gegen die Pärchen-Monotonie wehren muss. Keiner will ja schließlich die sein, die es nur noch im Doppelpack gibt. Ich ja auch nicht. Aber, das muss ich zugeben, es fällt mir manchmal schwerer als sonst, vor allem im Winter. Weil mein Partner auch mein bester Freund ist, abgesehen von meinem allerbesten Freund natürlich, der aber wirklich weit weg wohnt. „Ich hänge so gern mit dir ab“, habe ich neulich zu ihm gesagt. Das fasst es ganz gut zusammen. Nur lauert die Gefahr des Versackens, daheim und in Zweisamkeit allein, deshalb wirklich hinter jeder anstrengenden Arbeitstagsecke – ich muss mich dafür ja nicht einmal raus bewegen. Praktisch. Gemütlich. Schön! Und echt langweilig.

In letzter Zeit frage ich mich deshalb zunehmend, was um alles auf der Welt aus mir geworden ist, aus meinem Durst nach Freiheit. Es ist, als saufe ich nichts anderes mehr als Liebestee. Als würde ich zunehmend träger werden, je länger wir uns nicht sehen, schon am selben Abend, weshalb ich hin und wieder schon um 24 Uhr anfange, auf die Uhr zu gucken, aufs Handy, weil vielleicht wartet er ja schon mit seinem Bart und einer letzten Runde Netflix. 

Gut, im besten Fall bin ich bloß winterträge, im schlimmsten Fall verloren in der Bequemlichkeit, die jeden irgendwann aufzufressen beginnt. Das weiß ich aus Büchern und Erfahrung. Wer zu lange zusammen verschimmelt, ist irgendwann weg und was übrig bleibt, sind zwei von einander getrennte stinkende Klumpen des Elends. Weil jeder für sich sprießen und entdecken und leben, aber auch interessant bleiben muss, begehrenswert. Oder? Mag sein, dass es Ausnahmen gibt, so wie meine Oma und mein Opa zum Beispiel, die haben ihr ganzes glückliches Leben lang nichts anderes getan, als zusammen zu sein, arbeitend und freizeitend. Aber ich bin nicht meine Oma und mein Freund ist nicht mein Opa. Wir sind zwei mit Schalk im Nacken und der verkümmert nunmal, wenn man ihn einsperrt. Also raus aus dem Beziehungsparadies, rein in das wilde, eigene Leben. Damit wir auch künftig noch über mehr lachen können, als übereinander. Oder die letzte Folge Friends. 

10 Kommentare

  1. Flo

    Oh je. Ich werde gespannt die Kommentare lesen, denn ich bin in exakt der gleichen Situation. Mein Partner und ich arbeiten unter derWoche meist recht viel und recht lang, und am Wochenende kann ich mir leider nichts Besseres vorstellen als mit ihm zu versacken. Und wenn ich dann ganz viel versackt bin bekomme ich irgendwann Schuldgefuehle, weil Freundinnen – Freiheit – Abwechslung – neue Eindruecke – lalala. Dann trete ich mir selbst in den Allewertesten und mache irgendwas und fuehle mich am naechsten Tag auf der Couch viel legitimierter, touché. Schwierig finde ich das auf jeden Fall, denn einerseits sehe ich mich natuerlich selbst als abenteuerlustige Person (wer sieht sich auch schon so wirklich als Couch-Kartoffel?), aber so richtig kann ich das noch nicht in Einklang mit meiner Zweisamkeitsgluecklichkeit bringen…

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  2. Alexandra

    Rumlümmeln? Für mich ist das Leben…die größte Freiheit, wenn ich im Kühlschrank auswählen darf welches industriell verarbeitete Lebensmittel ich als nächstes verspeisen kann, während auf meinem Laptop-Bildschirm mehrere Fenster gleichzeitig erscheinen und mich dazu inspirieren noch mehr Ideen und Pläne zu schmieden als ohnehin schon da sind. Lebenslust ist das. Doch ich weiß sie ist nicht von Dauer. Ich weiß die große Freude ist es nicht. Die Freude befindet sich irgendwo zwischen Freunden – Familie – Konsum – Arbeit und dem kurzfristigen Lustlöschern. Und diese Pausen sind doch auch von Nöten! Ein Art Protest gegen Beschleunigung oder Stillleben? Auch Kunst!

    Beste Grüße,
    Alex

    Ps. Absolut inspirierender Schreibstil, freue mich immer wieder etwas von dir zu lesen

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  3. Lea

    Ein ganz großartiger und treffender Artikel, Nike. Vielen Dank fürs das aussprechen was vielen so irgendwo ganz hinten irgendwo im (fast-schon-nicht-mehr) Bewusstsein rumlungert.

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  4. Constanze

    Ganz toller Text, und schön, dass es nicht nur mir so geht. In Gedanken bin ich eine wild liebende Dichterin in Paris oder Los Angeles, dünn wie ein Rockstar, und ernähre mich nur von Zigaretten und einem Bissen von einem Croissant. In Wirklichkeit wird mir von Zigaretten mittlerweile schlecht, hab ich Laktose und liebe es, abends mit meinem Freund irgendwas nicht zu machen. Und ich empfinde es auch so: „Mit dir mache ich alles lieber.“ Und manchmal verachte ich mich ein ganz kleines bisschen dafür. 🙂

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  5. Steff

    Liebe Nike, du hast ja recht mit „raus ins wilde eigene Leben“. Grundsätzlich sollte man sich der eigenen warmen Badewannen-Liebesschaum-Blase nie all zu sicher sein, denn eine Garantie gibt es ja leider nie. Aber andererseits – wenn ich mich recht erinnere – habt ihr beide doch den schönen Plan in diesem Jahr zu heiraten, oder? Meiner Meinung nach geht man eine Ehe vordergründig ja nicht mit dem Ziel ein weiterhin das wilde eigene Leben zu führen (Garantiefreiheit hin oder her), sondern das wilde gemeinsame Leben. Das was man sich gemeinsam aufbaut. Natürlich sollte man dabei nicht tunnelblickend nur noch den Partner fixieren, aber sich Montags- Dienstags- und/oder Mittwochs nichts anderes vornehmen,weil der Partner nur an diesem Tagen auch mal frei hat, finde ich absolut nicht verwerflich.

    Ich selber führe nach vielen, durch erzwungene Unabhängigkeit verkomplizierten Beziehungen, nun eine in der ich meinen Partner stolz meinen betsen Freund nenne. Einen, der sich in meinem Freundeskreis so frei bewegt, dass man locker im Doppelpach auftreten kann und andersrum genauso. Ich habe in meinem Freundeskreis auch die Erfahrung gemacht, dass die Freundschaften viel ungezwungener wurden als ich begriffen hatte, dass auch so eine Partnerschaft für jeden ein großer Bestandteil des eigenen Lebens ist und dass es eben keine Schwäche ist, seinen Partner gerne um sich zu haben.

    Liebe Nike, ich bin in der Regel niemand, der zu solchen Themen seinen Senf abgibt, ehrlich nicht! Aber dein Text ist so ambivalent (und soll es ja auch sein, da du ja anscheinend an dieser Stelle in einer Zwickmühle steckst), dass ich es mir einfahc mal rausgenommen habe. Solange du die Badewanne und chicken wings vorziehst, genieße es und steh dazu! Monica und Chandler haben das ja auch irgendwann gemacht 🙂

    Danke dir für diesen und alle die anderen Texte!

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  6. JUL

    Gott, ich liebe eure Kommentare hier! Nach dem Lesen von Nikes Artikel samt ertapptem, schuldbewussten Mich-Selbst-Erkennen habt ihr mich grade ein Stück weit auf den Boden zurückgeholt und meine eben aufkommende (meist unbegründete) „FOMO“ wieder zurück in ihre Schranken verwiesen…

    Glaub mit dieser Sache ist es wie mit allem im Leben – eine gute Balance muss man für sich rausfinden.
    Und manchmal dreht man dann, vielleicht sogar ohne es direkt zu merken, mental oder „in echt“ ein klein
    bisschen an irgendeinem Schräubchen und – zack – schon verabschiedet sich so ein Problemchen von ganz
    allein und ehe man sich versieht ist aus Couch-Potato ist plötzlich wieder aktives Tausendsassa geworden!
    Und trust me: der Frühling kommt! Und mit ihm neuer Tatendrang! Ganz bestimmt.

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  7. JUL

    Und P.S.: Ich glaube, dieses Gefühl kennt jeder, der schon mal länger in ner Beziehung war. Ist ja auch gut, sich immer mal wieder zu reflektieren und zu gucken ob man wirklich zufrieden ist, wie das Leben grade so läuft. Also so gesehen kann man sogar
    dankbar sein für solche grüblerischen Gedanken, weil man durch sie davor bewahrt wird, irgendwann aufzuwachen und darüber zu erschrecken, was man eigentlich alles verpasst hat.
    Aber verrückt machen lassen sollte man sich davon trotzdem nicht. Alles hat ja seine Zeit im Leben.

    Und gerade diese anfängliche „Ich brauch nichts anderes im Leben als Dich und ein warmes Bett mit Decke“-Zeit ist doch eine super Phase, die man sich in ein paar Jahren zurückwünscht, wenn andere Prioritäten wieder mehr im Vordergrund stehen und andere Themen ganz von alleine aufkreuzen. Die darf man also ruhig genießen und voll und ganz auskosten, finde ich!

    Und wenn man dann noch auf die eigene innere Entdeckerin und Pläneschmiederin vertraut, die sich, in all den Jahren seit sie schon mit einem unterwegs ist, ja zuverlässig immer wieder zu Wort gemeldet hat wenn‘s zu langweilig wurde oder Stillstand drohte, dann kann doch eigentlich gar nichts schiefgehen, oder?

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  8. Sarah

    Also ich sehe daran absolut nichts verwerfliches.:D
    Mein Mann und ich sind auch wie Pech und Schwefel und verbringen jede freie Minute gemeinsam. Und ich sehe es ein bißchen anders: mein Partner bleibt, meine Freunde kommen und gehen. Ja, ich habe langfristige Freundschaften, aber mein Partner steht für mich an erster Stelle. Den hab ich mir schließlich ausgesucht, um mit ihm zusammenzuleben. Ich weiß ja nicht, wie lange ich noch auf dieser Erde weile (10 Minuten? 10 Monate? 10 Jahre?), denn der Tod lauert ja quasi an jeder Ecke. Und die Zeit, die ich hab, möchte ich dann zum Großteil auch gern mit dem Menschen verbringen, der mir am wichtigsten ist. Da wir beide den Großteil des Tages im Home Office arbeiten und ich fast nur abends außerhalb, passt das perfekt.:D
    Und nach Feierabend gibt´s heut erstmal die letzte Folge von „The Crown“ Season 2. Yessss!

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  9. Anja

    Ich bin mit meinem Mann jetzt bald 14 Jahre zusammen und wir haben uns in diesen Jahren total verändert. Am Anfang waren wir beide unabhängig von einander – sozial, beruflich, finanziell. Und jetzt? Machen wir alles zusammen, nicht wörtlich verstanden. Aber ohne die gegenseitige Rücksicht, Unterstützung und Absprache geht es nicht – nicht mit Kindern. Unser sozialer Kreis ist unser Freundeskreis. Beruflich müssen wir unsere Pläne zusammen machen. Wo einer von uns mehr möchte, muss der andere unterstützen. Finanziell haben wir ein Konto. Und unsere Abende verbringen wir gerne zu zweit – auf der Couch, Essen gehen, Sport treiben.
    Der Artikel hat mich nachdenklich gemacht- bin ich schon verschimmelt? Nein, ich finde nicht. Denn ich haben meine Individualität und Einzigartigkeit nicht dadurch, dass ich bewusst me-time nehmen, sondern dadurch das wir uns in der Beziehung – trotz aller Zweisamkeit – nicht als Persönlichkeit verloren haben. Ich habe ja dennoch ganz eigene Vorstellungen von meinem Leben, von meiner Berufstätigkeit, von meiner Rolle als Mutter und als Frau, die uns beschäftigen und uns lebendig halten. Deshalb ich liebe diese Zweisamkeit – im besten Fall führt sie nicht zu Schimmel! Ganz im Gegenteil! Sie ist das größte Geschenk, um sich kennenzulernen, zu wachsen.

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