Kolumne // Die 1. Februarwoche – Love is strange

09.02.2018 Kolumne

Ich nehme an, dass ich mich demnächst tätowieren lassen, nochmal, aus Trotz oder Wahnsinn oder wegen beidem. Love kills käme mir da zum Beispiel in den Sinn. Oder No Brain No Pain. Kurz davor würde ich mir ein gezuckteres Glas Amaretto Sour den Schlund runterkippen, zuhause, weil ich jetzt endlich einen zweitürigen Kühlschrank mit Eisfach besitze und außerdem einen Mixer, der quasi umsonst war, weil zum Kühlschrank ein 40€ Gutschein von Mediamarkt dazugehörte. Danach könnte ich mir den Schädel rasieren oder das Haar avocadofarben färben und mich bei Tinder anmelden, nur zum Gucken, gegen die Tristesse. Françoise Sagan wäre so stolz auf mich. Ich käme mir dann vermutlich irgendwie richtig am Platz vor, momentan, in meinem Leben. Mindestens aber genau so verwirrt. Und sprunghaft! Es ist nämlich so: Manchmal schlafe ich glückselig, frischgebadet und duftend, ja fast vornehm ein, voll Wonne im Wanzt und Zuversicht. Ich bin der Jackpot meines Lebens, singe ich dann vor dem Schnarchen. Aber es bleibt nie so. Wirklich nie, nie. Manchmal dauert es zwei Monate, hin oder wieder auch nur zwei Tage: Bis alles plötzlich ganz anders aussieht, nach Ober-Zonk und Mundgeruch. Zumindest temporär.

Ich weiß nicht, ob es mit dem Kühlschrank angefangen hat. Aber er eignet sich prima als als Sinnbild für die Hochs und Tiefs meiner Existenz. Als ich ihn neulich nämlich aussuchte, da fühlte ich mich erwachsen, auf die gute Weise, und abenteuerbereit, wegen der Eiswürfel und all dem Platz für Pizza, ich war erleichtert wegen der vielen Fächer und der dazugehörigen Ordnung. Ein angenehmes Gefühl von wilder Vernunft überkam mich. Bis ich mir vor ein paar Tagen richtig fest den Kopf an der oberen Tür stieß, die mein Freund geräuschlos öffnete, während ich eine Etage tiefer tiefgekühlte Kräuter aus dem Schubfach fischte. 

Alles anders, mit nur einem kleinen Klong. Ich fluchte und schnaubte über das spießige Monster, das sowieso ständig leer aussieht, weil wir zu dritt überhaupt nicht so viel essen können wie da rein passt. Da hatte ich also wieder vom Idyll geträumt, kurz geglaubt, ich stecke längst mittendrin und dann festgestellt: Ist gar nicht so. Ist eigentlich auch ein bisschen scheiße, das alles. Nicht nur der Kühlschrank.

Und jetzt komme ich, versprochen, zum Punkt. Denn ich frage euch: Kennt ihr das auch oder spinne ich? Mir passiert das nämlich immer wieder. Dass ich denke, das Leben sei schön, so rundum. Bis eine Kleinigkeit passiert, die plötzlich so groß und bedeutungsschwanger wird, dass ich meine, mich hätte ein Pferd getreten. Richtung Rasthof-Klo. Ohne Vorwarnung. Natürlich ist dann in Wahrheit nicht der Kühlschrank daran Schuld. Sondern, in der Liebe zum Beispiel, minikleine Auseinandersetzungen, die erst unscheinbar wirken, um dann in Grundsätzen zu ersaufen. Regelmäßig. Wie das sogenannte Murmeltier, das immer mal wieder, aber vor allem unverhofft an die eigene Wohnungstür klopft. Wenn auch nicht oft. Aber wenn, dann gehe ich abends quasi als Mops im Haferstroh ins Bett und wache als Wahnsinnige auf, die über poetischen Körperschmuck, Selbstfindungsrucksackreisen oder Darmkuren zur Rundumerneuerung sinniert. Weil aus dem vergammelten Käse in der hinterlinken Ecke binnen weniger Sekunden gerade eine verschwenderische Sau geworden ist, zum Beispiel.

Ich denke dann jedes Mal: Häh? Was ist denn jetzt los? Wie konnte das passieren? Ein Fehler in der Matrix? Möglich. Vielleicht sind solche Sprunghaftigkeiten und blitzschnellen Tiefpunkte auf der Beziehungs-Stressskala aber sogar sinnvoll. Und hilfreich! Bis jetzt war das jedenfalls so. Kleine Krisen können große Auswirkungen haben, gute! Sie helfen dabei, sich regelmäßig zu justieren. Als Individuum und als Paar. Sie lehren uns, aufeinander zu- und einzugehen. Sie stärken uns in unserer Zweisamkeit, weil wir uns nach so einem Donnerwetter nunmal wieder aktiv füreinander entscheiden, statt einfach nur nebeneinander her zu dackeln. Und trotzdem gehen sie mir auf den Kekst, diese unerwarteten Tiefs, die Momente, in denen in Einem von Beiden alles Runtergeschluckte einfach so raus platz, manchmal viel doller als eigentlich nötig. Und ich frage mich, ob und wie sie sich das wohl vermeiden ließe. 

Kommunikation ist Key, sagt die Wissenschaft. Aber die muss gelernt sein, wenn zwei verschiedene Menschen versuchen, irgendwie gleich zu kommunizieren. Uns bleibt also vielleicht gar nichts anderes übrig, als immerzu dazuzulernen. Immerzu zu staunen. Immerzu zu verzeihen. Und immer wieder an Mickey & Sylvia zu denken: Love ist halt einfach strange – Vielleicht wird das ja doch noch mein nächstes Tattoo.

 

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5 Kommentare

  1. Maike

    Ist das nicht vielleicht einfach dieses große Mysterium, das sich Leben nennt? Leben. Und Fühlen. Leben fühlen?

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  2. Steff

    Liebe Nike, mir geht es auch in Regelmäßigen Abständen so. Eine sehr liebe Freundin hat mir mal gesagt, dass dieses Gefühl, dass alles urplötzlich aus den Fugen Gerät obwohl doch eben gerade alles noch so rosig war, immer – oh wunder!- parallel zum Gedanken „JETZT HIER GENAU DAS IST DAS GLÜCK!!“ auftaucht. Weil man das dann so dringend festhalten möchte, dass einfach jeder noch so kleine fussel zum riesengroßen staubklops werden kann, der die liebe droht zu ersticken. Passiert dann aber meistens doch nicht..:-) Kopf hoch!Steff

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  3. Sara

    Huhu Nike, mir hilft es, diese „Tiefs“ wie du sie nennst, gar nicht als Tiefs zu sehen. Also nicht negativ, sondern notwendige kleine Alltagshindernisse/-reibereien, die bei meinem Glücksbudget das Soll darstellen. Und mir ist es lieber, das tolle großartige Habenglück durch Kleinigkeiten auszugleichen, als dass irgendwelche schlimmen Dinge passieren. Ich weiß nicht, ob das Sinn macht? Ich denke mir aber immer, das sind notwendige kleine Opfer auf dem Glücksaltar, die den „bösen Blick“ abhalten. 🙂 Liebe Grüße

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  4. neni

    Ich mag eure Artikel wirklich sehr, nur fällt es mir unglaublich schwer sie zu lesen, wenn daneben immer diese GIFFs rumwackeln.

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  5. Rike

    Hallo Nike,

    ich finde deinen Text voll gelungen. Ich mag die Bilder die du mit den Worten malst, und den Schalk den du findest, solche eben doch nicht so kleinen Alltagsphänomene zu beschreiben.
    Bei mir ist seit längerem krankheitsbedingt meist ein bisschen zuviel Mist auf der einen Seite der Waage, und ein bisschen zu wenig von dem grenzdebilen Grinsen vor Glück auf der Anderen, so würde ich es zumindest bei mir bezeichnen. Dein Text hilft aber dabei die kleinen Stolpersteine des Alltags zu benennen und besser damit umzugehen.

    Das Gif am Kopf des Textes find ich herrlich gut, sowie Mrs. Holly Golightly .. nur lets get a rug ist für das Lesen wirklich etwas unruhig.

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