Brain Blah // Wer mehr hat, der will auch mehr.

16.04.2018 Allgemein

Neulich hat mich jemand, den ich nur wie aus dem Ei gepellt kenne, unverhofft im Supermarkt angestrahlt, an meinem T-Shirt gezupft und dabei sowas gesagt wie „Ach, ich mag das ja, dass du immer noch in sowas rumläufst.“ Ich wollte noch schnell fragen „Worin denn genau?“, als ich schon ganz von allein bemerkte, dass die Naht dieses grauen Lappens mit Ärmeln wohl gerade dabei war, sich aufzulösen. Also antwortete ich, auf ein großes Balenciaga-Logo starrend, nur „Oh, danke“ und war gleichzeitig heilfroh darüber, dass wir uns frontal gegenüber standen, denn auf meinem Rücken baumelte außerdem ein praktischer Wanderrucksack mit Grasflecken drauf, aus dem etliche Flaschen Leergut heraus lugten. Ich war längst im Begriff, mich höflich aus dem Staub zu machen, da flog mir schon wieder diese tätschelnde Hand entgegen, diesmal landete sie auf meiner Schulter.

„Du hast doch auch diesen dicken Jeep, ja weißt du, ich habe just eine Gehaltserhöhung bekommen und nun denke ich auch darüber nach, weil…“ – „Nein“, unterbrach ich die aufgeregte Stimme, „ich hatte einen Jeep, aber der war mir zu groß und dreckig und jetzt fahre ich nur gelegentlich den klapperigen Nissan meines Freundes, normalerweise aber Fahrrad.“ Stille. „Aber willst du denn kein neues Auto, so ein schönes?“ -„Irgendwann vielleicht, aber gerade brauche ich keins“. Noch mehr Stille. „Achso, ja siehst du mal, ich hätte jetzt gedacht, da käme bald das Cabriolet, ich meine, du könntest ja!“ Ulkig, dachte ich. Mir war in letzter Zeit schon häufiger aufgefallen, dass viele Menschen meinen, man müsse, sobald man kann. Was auch immer. Eine dicke Karre fahren, zum Beispiel. Designerhandtaschen bis zum Abwinken kaufen und teure Kleidung. Oder umziehen in eine größere Wohnung, obwohl es der kleineren an nichts mangelte. Außer Außenwirkung.

Dass jemand aber freiwillig weniger besitzt als möglich wäre, dass manche lieber weiter zelten und echte Sterne zählen, dass es Leute gibt, die mehr in gewissen Bereichen tatsächlich für weniger halten, das scheint in unserem Prestige-Wunderland nur schwer vorstellbar, so schwant mir. Ich kenne das ja! Wenn auch im Kleinen. Dieses Motto „Jetzt aber“! Es tut schließlich manchmal auch gut, sich selbst eine Freude zu bereiten oder erhobenen Hauptes einen (materiellen) Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen. Und klar ist auch: Prioritäten können sehr, sehr unterschiedlich gesetzt werden, weil unterschiedlichen Personen unterschiedliche Wonnen wichtig sind, deshalb: Nichts gegen Luxus, das muss jeder selbst wissen, wirklich. Nur die Selbstverständlichkeit der Gleichung „Mehr Einkommen, mehr alles“ kommt mir zunehmend schräg vor. Ganz grundsätzlich gilt doch offenbar noch immer: Wer hat, der kann (und sollte). Und zwar vollkommen ohne Sinne und Verstand. Meistens. Ich erinnere mich noch genau daran, was ich dachte, als ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal keine Steuern nachzahlen musste, weil die Steuerberaterin zum Fuchs mutiert war. Nämlich: Was kaufe ich denn jetzt? Vielleicht ein Rad, das mehr Gänge hat? Einen Tisch, der schicker ist? Einen Kühlschrank, der mit mir spricht? Oder einen Duschkopf mit Licht-Therapie? Es gibt ja immer ein „teurer“, was bloß nicht immer besser ist. Oder gar glücklicher macht. Und genau da liegt ja der Knackpunkt. Hätte ich mich an besagtem Samstagmorgen besser gefühlt, hätte ich die Pfandflaschen im Gucci-Shopper spazieren getragen? Mitnichten. Und sportlicher würde ich durch ein neues Fahrrad auch nicht werden. Aber darum geht es diesmal gar nicht. Sondern um die Höher-Schneller-Besser-Problematik, die weniger mit unserem Grips als vielmehr mit unserer Sozialisierung zusammen hängt. Weshalb wir, wenn wir uns nicht hin und wieder an die Nase greifen uns unsere Wünsche justieren, Gefahr laufen, bloß das zu tun, was andere von uns erwarten, statt exakt das, was für uns wahrhaftig Freiheit, Glück oder meinetwegen auch Komfort bedeutet.

Noch ein kleines Praxisbeispiel aus meinem eigenen Leben: Seit vier Jahren wohne ich nun in meinem prächtigen Laminat-Dachboden und auch nach mehr als eineinhalb Tausend Tagen werde ich nicht müde, die nicht-vorhandenen Dielen zu bejammern. Und ich kann euch noch nicht einmal sagen, ob das tatsächlich daran liegt, dass das Plastik unter den Füßen so unerträglich ist oder daran, dass ich einfach beigebracht bekommen habe, dass das Plastik unter den Füßen unerträglich ist. Was wiederum dazu führt, dass ich in regelmäßigen Abständen von ganz anderen, glücklicherweise sehr weit entfernten Bekannten auf ganz andere Weise geneckt werde. Das klingt dann so: Schreib doch mal mehr, dann kannste dir auch Holzplanken leisten! Oder: Also dass du noch immer da am Hermannplatz wohnst, das will mir echt nicht einleuchten! Ganz zaghaft, aber fordernd wird dann häufig noch ein „Du könntest dir das doch leisten…?“ nachgeschoben. Nun. Auch das ist wieder Auslegungssache, ich bin nämlich schon der Meinung, dass man Geld klug verbrauchen, aber auch dumm verprassen kann. Es ist nur gar nicht so leicht, sich davor zu schützen.

Schon klar, wir behandeln hier das reinste Erste-Welt-Privileg. Aber eines, das durchaus krank machen kann. Das dazu beiträgt, dass Menschen im Hamsterrad des Konsums umher strampeln, sich selbst und die eigenen Träume vergessend, um dann irgendwann mit Burn Out wieder ausgebrochen zu werden zum Beispiel. Weil sie sich mit den Jahren selbst eine Art Gefängnis erschaffen, durch all die regelmäßigen Kosten, durch gesteigerte Erwartungen. Wieso so viele von denen, die plötzlich mehr verdienen, auch stets und stetig mehr brauchen, ist ein bekanntes Kapitalismus-Rätsel, aber eben auch eines, das sogar im Kleinen vergammelte Früchte trägt. Weil es die, die nicht mithalten können, glauben lässt, so glänzend und pompös sehe Glück aus. Weil es die, die eigentlich nicht können, dazu verleitet, über die eigenen Möglichkeiten hinaus zu gehen. Weil es uns alle vergessen lässt, was wir denn eigentlich wirklich vom Leben wollen. Weil irgendwann vor allem wichtig ist, was „man denn so braucht“. Was andere für angebracht halten. Was Fremde denken. Im schlimmsten Fall fehlt es einem dann irgendwann tatsächlich an gar nichts mehr. Außer an dem, was vielleicht am wichtigsten ist: Zufriedenheit. Die bleibt allerdings unbezahlbar. Und vor allem in unerreichbarer Ferne, solange wir nicht anfangen, wieder viel mehr auf uns selbst zu hören. Genau das habe ich neulich mal wieder ausprobiert, irgendwo draußen auf dem Land, auf einem kleinen Hof mit vielen Freunden und wenig Krimskrams. Klingt banal, hilft aber. Denn seither habe ich weniger Angst davor, weniger zu haben. Weil ich eigentlich nichts brauchte. Außer, ihr ahnt es: Uns. 

25 Kommentare

  1. Johanna

    Herausragend. Auch das Thema.
    Das zu lesen, hat mich gerade unter anderem von von meiner Asos-Wunschliste mit ‘ach-so-wichtigen-Frühlingsteilen’ befreit. Die ich nicht brauche geschweige denn mir wirklich SELBST gewünscht hätte. Einfach nur um “auch neue Sachen zu haben” und auf jeden Fall immer schön auszusehen. Und ich arbeite ja schließlich auch dafür.

    Befreit! Und ab ans Buch mit echtem Mehrwert fürs Leben.

    Liebe

    Johanna von https://hannicoco.de

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  2. Carmen

    Ich bin felsenfest der Überzeugung das der Grossteil der Menschheit weiss das er nicht mehr haben muss, nur weil er kann. Finde den Text im vergleich zu deinen anderen Texten nicht sonderlich Aussagekräftig. Dennoch Danke für deine Offenheit. <3

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  3. Maren

    Wie recht du hast. Und wie schlimm, dass so viele diese Tatsache doch immer wieder zu vergessen scheinen. Danke für deine Worte! ❤️

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  4. Coco

    Wahre Worte. Seit wir in der Natur außerhalb von Berlin leben, wird Geld nur noch in Glück, Zeit und Liebe in Form von gutem Essen und gemeinsamen Erlebnissen investiert. Wir sind für und mit uns und jenen, die uns gut tun. Es war noch nie schöner.

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  5. Corinna

    So so wunderbar geschrieben. Ich kenne da einige Menschen, die deinen Text mal lesen sollten, aber vielleicht gar nicht verstehen würden. Mich hat er jedenfalls zum Nachdenken gebracht. Danke!

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  6. Rebekka

    Sehr schöner Atikel und so wahr. Aber als Mode-Journalistin mit eigenem Shop auf dieser Website lebst du doch genau davon… von dem mehr, mehr und nochmal mehr. Sonst würde ja keiner mehr die Mode kaufen.

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  7. Jule

    Finde das Thema auch sehr wichtig, aber dein Selbstbild finde ich irgendwie komisch. Die Nike mit dem kaputten T-Shirt und dem Gammelrucksack extra zu betonen halte ich irgendwie für wenig glaubhaft bzw. unnötig. Dein Konsumverhalten wird hier und auf Insta ja sehr deutlich und nach wenig bzw. günstig sieht das nicht aus. Ob du nun einen Plastikboden zuhause hast oder nicht, denke ich doch, dass dein Konsumverhalten ordentlich ist.
    Trotzdem schön, dass du mehr Geld hast, als du ausgibst.

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  8. Anne-Kathrin

    Ich wollte gerade kommentieren, wie wundervoll ich diesen Artikel finde und wieso, da kommt mir Jule in die Quere. Da kann ich wieder nur sagen: Text nicht verstanden oder nur überflogen. Ich finde sachliche Kritik auch echt wichtig, aber die wird hier leider doch wieder von Neid in die Ecke gestellt. Ohne den letzten Satz hätte man es dir sonst abgenommen…. Schade.

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    1. Jule

      Vielleicht habe ich den Text nicht richtig verstanden oder nicht so verstanden wie du, das mag sein. Ich finde es nur einfach irreführend, sich so konsumfreudig auf einem Blog zu zeigen und andererseits zu vermitteln, dass es nicht das ist worauf es im Leben ankommt.

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  9. Anja

    Ich finde der Titel des Artikels passt nicht richtig. Es geht hier ja mehr um ein Können, dass nicht zwangsläufig ein Müssen bzw. wollen ist. Ich muss mein Geld nicht für mehr (Konsum oder Investitionen) ausgeben, nur weil ich mehr Geld habe.
    Es geht ja vielmehr darum, was möchte ich und was ist mir wichtig, was macht mich glücklich.
    Nur weil ich mir theoretisch etwas leisten kann, muss ich es mir praktisch nicht kaufen. Es geht hier um die Erwartungshaltungen, die mit bestimmten Lebenssituationen verbunden sind und echt anstrengend sein können. Ich kenne das auch. Ich finde, dass sich das aber nicht nur auf das Thema Geldhaben reduzieren lässt.

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  10. ann

    Ich muss Jule leider zustimmen. Und das hat nichts mit Neid o.ä. zu tun. Irgendwie möchten die beiden Bilder, die du von dir selbst nach außen hin vermittelst, nicht so recht zusammen passen. Da sehe ich auf der einen Seite die Nike, die ihren Label-All-Over-Look mit einer Gucci Tasche krönt und dann die Nike mit kaputtem Shirt und dem Gammelrucksack… hmmm… Irgendwie fällt es mir schwer, dir die Nike, die dem (übermäßigen?) Konsumverhalten entsagt, abzunehmen. Dennoch mag ich deine Schreibe und deine Gedanken zu dem Thema 🙂

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    1. Jule

      Ja, so meinte ich es auch! Ich mag Nikes Schreibe sehr und liebe es mir hier Inspirationen zu holen, um nochmal etwas positives zu schreiben.
      Die Aussage, dass die eigenen eigene Ansprüche steigen können, weil selbstgemacht oder durch gesellschaftliche Erwartungen, man dem aber nicht nachgeben muss, finde ich als Message für die Zielgruppe irgendwie zu schwach, daher stößt mir der Text vielleicht eingebettet in dem konträren Bild zu negativ auf. Vielleicht habe ich aber auch alles falsch verstanden.

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    2. Giuliana

      Die Kommentare hier erinnern mich immer wieder daran, wie wenig Menschen it Sozialen Medien umgehen können. Wer nu guckt, der könnte natürlich diesen Eindruck von Nike haben, der „nicht zusammen passt“. Wer hier richtig liest, weiß das alles hingegen einzuordnen. Denkt ihr denn wirklich, Nike ist nur die Nike, die man auf Instagrambildern sieht? Und habt ihr alle einen Job, der total deckungsgleich mit eurer Persönlichkeit ist? Es ist so „deutsch“, dass das eine immer das andere ausschließen soll. Wenn ich mir die großen und klugen Schriftstellerinnen der Welt so anschaue, die über wirklich wichtige Dinge schreiben, auch über Konsum, dann habe ich nicht den Eindruck, dass sie nur Lappen oder Billigkleidung tragen, so aus Prinzip. Das ist doch Quatsch. Diese Doppelmoral lähmt richtig. Wenn jetzt einer, der Arzt ist und Menschen hilft einen dicken Mercedes fährt, dann meckert auch keiner oder findet das komisch. Im Text steht doch gar nichts gegen Konsum, da steht sogar was davon, dass Luxus okay ist. Es geht einzig und allein um das „mehr“. Und darüber, ob ihr hier was nachkauft, könnt ihr ja hoffentlich selbst bestimmen. Ich weiß manchmal gar nicht, was die Leute wollen. Euch würde diese Seite doch nicht besser gefallen, wenn hier nur Shopping Artikel kommen würden, damit sich auch bloß nichts widerspricht?

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      1. Jule

        Ich habe mich auf das bezogen, was hier in diesen tiefgründigen Texten steht und was ich auf den Bildern sehe. Das ist doch das, was den Blog ausmacht. Mode/Konsum mit sehr persönlichen Artikeln zu Gesellschaftsthemen. Das Nike hier nicht zu 100% drinsteckt und ich sie nicht persönlich kenne, ist mir schon klar, daher habe ich von einem „Bild“ gesprochen. Deine restliche Kritik bzgl. der Doppelmoral verstehe ich nicht. Meine Kritik bezog sich nicht darauf, dass ein Job zum Konsumverhalten passen soll. Hab es auch sonst nicht aus den anderen Kommentaren rauslesen können.

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  11. Nike Jane Artikelautor

    Ihr Lieben, ich schalte mich an dieser Stelle schnell mal ein und danke euch für die lieben, aber auch die kritischen Worte! Ich kann Julias Kritik, herein versetzt in ihre Position, tatsächlich verstehen. Nur ist es ja so, dass ich „die Realität“ kenne, also die „echte“ Nike, was ich nicht von jeder Leserin hier erwarten kann. Auch ich als Leserin anderer Blogs würde Shopping Posts zum Beispiel nie als „Muss“ identifizieren, sondern als Inspiration, über die ich mich freue und zu der ich durchaus auch greife, sollte ich denn tatsächlich Ausschau nach etwas halten. Ich kann sie aber gleichzeitig einordnen und würde meinen, selbstbestimmt darüber entscheiden zu können, welchen Kauf ich nun tatsächlich für angebracht halte. Der Tonus „Seht her, kauft das und das und das und mehr und am besten alles!“ ist weder wünschenswert noch gewollt. Konsumsüchtig sind wir hingegen alle. Ja, ausnahmslos, würde ich sogar behaupten, wir hier in dieser Welt, nur in unterschiedlichen Bereichen. Ich spreche mich hier auch nicht gegen Konsum aus, sondern für Konsum in Maßen. Ja, ich besitze eine Gucci-Handtasche. Das ist meine Entscheidung. Ich würde mir aber doch Sorgen um mich machen, würde ich vier besitzen. Und hier kommt ja dann wieder subjektives Empfinden ins Spiel. Für andere ist schon diese eine untragbar! Auch das verstehe ich. Manchmal sogar zu gut für meinen Job. Denn ja, ich trage an sechs von sieben Tagen Rucksack oder Jute. Aber denen einen Designerhandtaschen-Tag, den mag ich mir nicht nehmen lassen, aus ganz anderen, eigenen Gründen. Was ich sagen will: Ich denke, wir sind alle recht klug. und deshalb sind wir uns wahrscheinlich alle darüber im Klaren, dass wir jeweils in einem bestimmtem (Konsumgut-)Bereich einen an der Waffel haben. Das ist ok und menschlich. Aber wissen, wann es reicht, ist unabdingbar. Und genau das wissen viele leider nicht.

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    1. Jule

      Danke für deine ausführliche Antwort! Mir ging es nicht darum, was der Blog mit unserem Konsumverhalten macht. Inwieweit wir Dinge nachkaufen, liegt natürlich nur bei uns und damit hast du nichts zu tun. Es ging nur um deine Aussagen in diesem Artikel, die ich nicht so ganz verstanden habe.
      Möchte jetzt auch nicht kleinlich werden! Freue mich, wenn Kritik angenommen bzw. verstanden wird.

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    2. pi

      nike, ich finde es (wie schon oft betont) sehr bewundernswert, dass du dieses thema immer wieder aufgreifst. ich glaub ja nach wie vor, dass es jedem gut tut, den allgemeinen und den eigenen hyperkonsum und materialismus zu reflektieren und sich gedanken drueber zu machen, was man wirklich (ereichen) will im leben und worin man seine aufmerksamkeit, seine zeit und sein geld nachhaltig gluecks- und sinnstiftend investieren mag. das tut meistens erstmal weh, weil man sich dann viele fehlinvestitionen eingestehen muss und nicht mehr auf autopilot laufen kann, da gesellschaftlich anerkannte erfolgs- und gluecksvorstellungen ganz arg mit materialismus und kapitalistischen verwertungsinteressen verknuepft sind. aber es ist hilfreich und gut, sich mit diesen themen auseinanderzusetzen, weil irgendwann ohnehin JEDER an einen punkt kommt, an dem ihm die leere und traurigkeit eben dieser falschen erfolgs- und gluecksvorstellungen an die hacken schlaegt. und dann sollte man wissen, wofuer man wirklich weitermachen will.

      dein/euer spagat aus geldverdienen durch konsumankurbelung und beweis der eigenen intelligenz und menschlichkeit durch konsumkritik ist bestimmt manchmal schwer und kraeftezehrend, aber er bietet ja auch ne menge identifikationspotential, weil den meisten von uns zwei seelen in der brust wohnen, und dadurch auch erfolgspotential fuer diesen blog – dieser spagat ist inzwischen zu deinem/eurem USP geworden. das finde ich toll, weil es viele mode- und konsumaffine menschen zum nachdenken bringt. aber es laedt natuerlich auch zu diskussionen und kritik ein. gut so!

      hier also meine two cents: dir muss doch bewusst sein, dass produktvorstellungen, kooperationen und eure typischen round-ups was man im fruehlingsommerherbstwinter jetzt so traegt niemals nur inspirationen fuer absolut selbstbestimmte konsumtinnen sind, sondern immer auch begehrlichkeiten wecken und konsum anregen. ansonsten waeren unternehmen und marken ja nicht an kooperationen mit euch, an produktnennungen und affiliate links interessiert. na klar, das berufsbild modeblogger und influencer hat inzwischen seinen festen platz in unserem wirtschaftssystem und ihr muesst auch euer geld verdienen, aber wenn du die ganze idee dahinter wie hier oben schoenredest, verlierst du an glaubwuerdigkeit und authentizitaet, dann verkommt der interessante spagat zu nem lahmen virtue signaling. ich glaub, das kannst du besser.

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      1. Jule

        Musste jetzt erstmal googeln, was Virtue Signaling ist.
        Interessanter Beitrag übrigens!
        Vielleicht könnte man deinen Handlungsansatz auch auf den Umgang mit Mode übertragen, indem man nicht nur Neues und Trends zeigt, sondern alte Teile auf verschiedene Arten kombiniert. Es gibt bestimmt noch so viele andere tolle Ideen, die sich weniger konsumorientiert auf Modeblogs umsetzen lassen. Vielleicht passt das ja zu eurem Spagat.

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      2. Rike

        Pis Cents schließe ich mich hier gerne an. Denn ich bin auf Blogs bereits so häufig über das Argument – Shopping-Posts seien lediglich Inspiration – gestolpert. Oft als Reaktion auf eine kritische Nachfrage. Und jedesmal auf Neue empfinde ich das so gern angeführte Bild des medienkompetenten, selbstbestimmten Lesers, der unabhänig seine Kaufentscheidungen trifft, als scheinheilig und zugleich ermüdend und traurig. Diese Form der Argumentation scheint ein Mittel zu sein um sich von der eigenen Verantwortung frei zu machen. Oder zumindest ist es der Versuch.

        Liebe Nike, ich bin gespannt wie Du den Spagat weiterhin meistern wirst. Und das meine ich ehrlich und freundlich. Denn ich bin wirklich froh, dass Ihr Euch in vielen Dingen positiv von anderen Mode-Blog-Formaten abhebt und damit zB Diskussionen wie diese anregt.

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  12. Rebecca

    Das Beispiel mit dem Jeep zeigt es eigentlich am besten: Per Instagram hat man erfahren, dass du ihn besitzt. Dass du ihn aber wieder verkauft hast, taucht nicht auf.
    Ist gar nicht als Vorwurf gemeint, ich muss mich da an meine eigene Nase packen. Wir feiern gesellschaftlich nur das Höher-Schneller-Weiter.
    Und selbst wenn es eine Abkehr in Form von Minimalismus oder ähnlichem gibt, verkommt auch das zur Konsumanleitung. Wenn ich nur noch 2 Tassen besitze, dann müssen es auch ganz besondere sein. (Ja, ein bisschen überspitzt, aber sehe ich immer wieder)
    Und oftmals endet der Minimalismus dann doch wieder in Konsumräuschen, weil man sich leider nicht damit auseinandergesetzt hat, warum man das eigentlich macht mit dem Shoppen.

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  13. AndstillIrise

    Naja, was man, meiner Meinung nach, bei Nike deutlich zwischen den Zeilen lesen kann, ist: Ambivalenz. Und das ist doch normal und trägt jeder in uns.
    Warum fühlt sich denn Nike dazu berufen, einen Artikel über Konsum zu schreiben? Oder diese Begebenheit im Supermarkt bzw. Nachfragen anderer so herauszustellen? Weil es ihr eben nicht egal ist. Weil sie der Konsumimperativ auf irgendeiner Ebene doch anspricht. Obwohl sie es besser weiß. Und sich dann davon bewusst abgrenzen möchte und erklärt, dass Konsum nicht das eigentliche Ziel sein kann (vielleicht sagt sie es hier auch noch einmal zu sich selbst? Als Vergewisserung?).
    Ich glaube, dass das Wichtigste ist, sich dieser ambivalenten Anteile in sich überhaupt bewusst zu werden (was Nike ja macht), um dann einen reflektierten Umgang damit zu finden. Der ist aber natürlich nicht schwarz und weiß. Solange man sich über etwas aufregt (für oder gegen), ist man immer ein Stück weit darauf bezogen. Sich darüber klar zu werden ist doch ein guter Anfang.

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  14. Lisa

    Ja genau!!! Toll geschrieben und Du bringst es auf den Punkt! Weniger ist eindeutig mehr und viel von Zufriedenheit und Glück ist unbezahlbar. Ich denke die Balance macht den Unterschied.

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