Kategorie-Archiv: Gesellschaft

Fair Friday //
Wann ist Mode eigentlich vegan?

– 05.02.2016 um 11.46 – Gesellschaft Mode

This is Jane Wayne - Julia Jane - Wann ist Mode vegan?

Mode ist nach Essen und vor Politik wohl eins der sensibelsten Themen, die man am besten bei beruhigender Meditationsmusik diskutieren sollte. Mode ist Kommunikation. Sie beeinflusst maßgeblich den ersten Eindruck und sie spiegelt all das wieder, was wir sind oder vielleicht sehr viel häufiger: was wir sein möchten. Und dann gibt es da etwas, was man im wiederkehrenden Prozess der modische Selbstfindung überhaupt gar nicht gebrauchen kann: Fakten über Leid und Tragik hinter den Produktionsbedingungen, Pestizide und die ewige Leier, wofür wir als Konsument die Verantwortung tragen. Nun sind wir schließlich alle intelligente Wesen und die Augen davor zu verschließen, dass Floskeln wie„man müsste eigentlich“ bis hin zu „da war doch was“ und „aber was kann ich schon machen?“ auch nur eine Leier sind – eben so ewig aber noch dazu destruktiv. Und wo liegt jetzt die Lösung? 

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Aufgefallen // Diäten statt Mode
– alles für die Klickzahlen

– 04.02.2016 um 11.50 – Gesellschaft Leben

Diaet wahn magerwahn
Ich lebe selbstverständlich nicht im Wolkenkuckucksheim, mir ist also durchaus bewusst, dass die Welt der Brigitte-Diäten eine überaus erfolgreiche ist, der Modebranche, die noch immer nicht viel von physischer Diversität versteht, sei Dank. Bloß schwieg selbige besagtes Thema der Körperoptimierung durch Abnehm-Tricks bisweilen eher tot, als das gefährliche Feuer der Esskrankheiten im Deckmantel gut gemeinter Ernährungs-Ratschläge noch selbst zum lodern zu bringen. Ausnahmen gab es schon immer, vornehmlich im Lifestyle-Bereich, der eigentlich sehr geschätzten Grazia zum Beispiel trampelte ich erst im vergangenen Jahr schweren Herzen auf die Füße, weil deren Leserinnen sich plötzlich an fast schon geistesgestört absurden Geißelungen des eigenen Magens orientieren sollten, getreu dem Motto was für Promis gut ist, kann für uns Normalsterbliche nicht verkehrt sein.

 Seit einer Weile stößt mir aber vor allem das Online-Treiben hoch geschätzter, alt eingesessener Modemagazine übel auf. weiterlesen

INTERVIEW // „Der Terror ist plötzlich ganz nah“ – Prune Antoine über ihre Freundschaft zu einem angehenden Terroristen

– 07.01.2016 um 12.46 – box1 Gesellschaft

Prune AntoineGenau ein Jahr ist der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo her, die Anschläge von November sind nur wenige Wochen alt – der Terror ist plötzlich ganz nah. Prune Antoine, französische Journalistin in Berlin, hat einen angehenden Dschihadisten getroffen, sich mit ihm angefreundet und ein Buch drüber geschrieben.

„Das war eine spontane Idee, ich habe erstmal gar nicht drüber nachgedacht. Ich wusste nur, dass ich ihn irgendwie interessant finde“, sagt Prune. Es ist Anfang Dezember und gegen 16 Uhr schon fast dunkel. Wir sitzen im Café Altes Europa in Berlin Mitte: Welcher Ort wäre besser geeignet für ein Treffen zwischen einer Französin und einer Deutschen? Dieses alte Europa, dem wir angehören, ist gerade in den Krieg gezogen, gegen den selbsternannten Islamischen Staat (IS), auch wenn deutsche Politiker im Gegensatz zu französischen lieber nicht von „Krieg“ sprechen wollen. Prune, 34, ist freie Journalistin und lebt seit 2008 in Berlin. Sie hat einen getroffen, der auch in den Krieg ziehen wollte – für den IS. Darüber hat sie ein kleines, feines Buch geschrieben: La fille et le moudjahidine (Das Mädchen und der Mudschahed*). weiterlesen

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Rückblick 2015
– die 12 beliebtesten Kolumnen 2015

– 04.01.2016 um 15.21 – box3 Gesellschaft Leben

die besten kolumnen 2015

Was ich an meinem Beruf eigentlich am allermeisten mögen würde, werde ich ziemlich häufig gefragt, denn natürlich lechzt der ein oder andere Naseweis geradezu danach, mir sämtliche Cupcakes und Superschuhe im wahrsten Sinne des Wortes auf der Zunge herum drehen zu können.  Glücklicherweise kommen mir selbige aber nur ziemlich am Ende meiner persönlichen Arbeits-Alltag-Hitliste in den Sinn. Es ist viel eher die Liebe zum geschriebenen Wort, die mich an Bratpfannen-Tagen aus der Gehirnsalatsuppe fischt und immer dann zum Hoffnungsschimmer avanciert, wenn vor lauter Mails kaum Spaß in Sicht ist. Nach Feierabend verkrieche ich mich dann gern mit ein, zwei Gläsern Rotwein in meiner Schreibecke und tippe mal schnittig-schnippige Kommentare, mal pathetische Möchtegern-Weisheiten und ab und zu auch noch größeren Unsinn als die Menschheit ertragen kann. Ein paar wenige dieser Texte landen regelmäßig in unserer Kolumnen-Kategorie und werden überraschenderweise wie wild geklickt. Die 12 beliebtesten Beiträge, darunter auch Gedanken von Scalamari, seht ihr nach dem Klick.

Mich plagt jetzt nur noch eine Frage: Wie soll es in Zukunft weitergehen? Es ist nicht so, als würden mir nicht hundert weitere Themen in den Fingern kribbeln, bloß habe ich mich tragischerweise irgendwann in den beinahe unbesiegbaren Spagat zwischen Fiktion und persönlichen Erfahrungen begeben. Ständig muss ich aufpassen, was ich schreibe, weil jedes Wort automatisch als Tagebucheintrag gelesen wird. Was logisch ist, aber nicht immer richtig. Das blockiert und ist ein ziemlich beschneidendes Gefühl, um hier mal bei einer ordentlichen Portion Drama und Pathos zu bleiben. Ich könnte mir jetzt also ein Pseudonym zulegen, aber ihr würdet es höchstwahrscheinlich schneller merken, als der erste Satz beendet wäre. Tabula Rasa? Alles auf Anfang und hemmungslos drauf los tippen, ohne Rücksicht auf Verluste? Möglich, aber auch ein bisschen schmerzhaft. Wir werden sehen – 2016 wird jedenfalls ein wildes Jahr und wir nehmen niemanden lieber mit als euch ♥ weiterlesen

Interview-Tipp // Li Edelkoort
„Kleidung statt Mode, denn Mode ist tot“

– 07.12.2015 um 18.18 – Gesellschaft Mode

fashion is dead„Mode wie wir sie kennen ist tot“, behauptet Trendforscherinnen-Urgestein Li Edelkoort. Mit ihrem „Anti-Fashion-Manifesto“ hatte sie Anfang des Jahres für Kopfzerbrechen in der Branche gesorgt, die einen nickten eifrig, andere hingegen distanzierten sich halb eingeschnappt, halb auf bessere Zeiten hoffend von den gewagten Thesen der Niederländerin. Wir warfen unsere Meinung zum Thema bereits an dieser Stelle in Diskussions-Topf, schüttelten hin und wieder den Kopf, verstanden dennoch das Dilemma und blieben am Ende trotzdem optimistisch. Nun stolperten wir allerdings über ein taufrisches Interview, das Edelkoort jüngst einem Schweizer Frauen-Magazin gab – das Fazit: Wir verstehen jetzt ein bisschen besser, worum es dem 1950 geborenen Mutterorakel in ihrem Manifest wirklich geht. „Alles davon ist Provokation. Weil ich will, dass wir uns ändern. Ich glaube, wir haben noch eine Chance auf Genesung“, verrät sie da etwa. Und sie hat Recht. Aus lauter Angst vor dem Ungewissen, vor dem Scheitern und der Wirtschaft, hat die Modebranche irgendwann ihren Mut verloren. Mit der geradezu perfektionierten „Nummer Sicher“ begibt man sich zwar nicht auf Glatteis, ebenso wenig aber auf unbekanntes, neues, visionäres Terrain. So weit, so verständlich. Ganze schweigen von perversen Marketing-Mechanismen, sich beinahe selbst überschlagenden Zeitplänen und dem Muss einer nachhaltigeren Gesellschaft. Aber was ist mit den Alessandro Micheles dieser Welt? Der neue Chefdesigner hinter Gucci macht vieles anders. Seine letzte Kollektion, die das Unternehmen binnen einer 20-minütigen Show auf links krempelte, wirkte wie eine surreale Zusammenkunft zwischen Großmutter Paschulke und Jimmy Hendrix, im besten aller Sinne. Keines der beiden Elemente ist zwar plötzlich aus unbekannten Himmeln zu uns herab geregnet, zusammen genommen waren sie jedoch noch nie so stark. Und irgendwie auch neu, dynamisch, zukunftsweisend, ansteckend und laut. Dennoch: Reden wir hier von Kleidung, statt von Mode?

So sieht es jedenfalls Edelkoort. Wir würden in Vintage und der Sehnsucht nach besseren Zeiten ersaufen. Mode sei, „wenn ein Designer in einer bestimmten Epoche es schafft, den Zeitgeist in Form und Allüre einzufangen. Er transformiert den Körper und damit unser Wesen: wie wir flirten, gehen, sitzen, unsere Haare machen.“ Vielleicht macht Michele also modische Kleidung. Oder kleidsame Mode? Fragt man die Trendforscherin, sucht man zumindest nach modische Menschen vergebens. Die gebe es längst nicht mehr. weiterlesen

Brain Blah //
Bloggerinnen verlassen Instagram – „social media is not real life“

– 03.11.2015 um 17.50 – box2 Gesellschaft

Bildschirmfoto 2015-11-03 um 17.22.06Heute Morgen habe ich zugegebener Maßen keinen Empathie-Clown verschluckt. Ich sollte euch also wohl am besten schon jetzt verraten, dass ich das, was da draußen gerade im Social-Media-Land passiert, nur sehr bedingt ernst nehmen kann. Diesmal meine ich aber weder überfilterte Gesichter, noch inszenierte Momente, sondern das Spektakel, das mit dem Bekenntnis der Bloggerin Essena O’Neill einhergeht. Die Beauty-Koriphäe, die zuletzt mehr als eine halbe Million Follower auf diversen Kanälen wie Instagram und Youtube zu verzeichnen hatte und mitunter 2000€ pro stundenlang arrangiertem Schnappschuss verdiente, gelange dieser Tage nämlich zu einer bahnbrechenden Erkenntnis, die wie folgt lautet: „Social Media is not real life.“

Mit lautem Getöse und, natürlich, einem kurzem Clip zum glorreichen Abgang, verabschiedete sich die 18-Jährige jetzt also aus dem Web. Fast. Denn plötzlich folgen ihr mehr Menschen denn je.  weiterlesen

Hijab Fashion //
Mode mit Kopftuch

hijab fashionGerade einmal zwei Sekunden ist sie zu sehen. Weite schwarze Hose, ein altrosaner Mantel, die große Sonnenbrille im Gesicht. Und ein Kopftuch verdeckt ihre Haare – Millionenfach wurde H&Ms Video „Close The Loop“ angesehen und geteilt. Aber nicht etwa wegen der Recycling-Botschaft, sondern weil endlich einmal eine große Modekette Muslimas direkt als Kundinnen anspricht. Für die 23-jährige Mariah Idrissi, die in dem Spot als Model zu sehen ist, schließen sich ihr Interesse an Mode und ihre islamischen Überzeugungen nicht aus: Lippenstift und Nasenpiercing sind okay, Kopftuch Pflicht und ihre Füße möchte sie lieber nicht zeigen.

Nach und nach wächst die Nische, in der Mode und der Islam vereinbar sind. Was in Großbritannien schon längst dazugehört, steckt in Deutschland noch ein bisschen in den Kinderschuhen. In England sind Modebloggerinnen wie Dina Tokio oder Amena Khan längst zu Designerinnen avanciert, die ihre nicht immer muslimischen Kundinnen mit weiter Kleidung, auffälligem Schmuck und modernen Tüchern versorgen. weiterlesen

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Brain-Blah //
Dem Alter entsprechen(d).

– 27.10.2015 um 13.36 – Gesellschaft

brain blah

Der Teufel liegt für den modernen Menschen im Wahnsinn des ständigen Vergleichens vergraben, man schaut nach links und rechts, meist nach oben, aber nur selten in die Mitte des eigenes Seins. Weil das Gras woanders immer grüner scheint, vergessen wir häufig, selbst welches wachsen zu lassen, solches, auf dem sich im besten Fall ein bequemes Leben ohne Druck von Außen führen ließe. Das aber würde zum Müßiggang führen, zu Entspannung und Gelassenheit, drei Anti-Stärken, die mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Weil wir uns beim Erfüllen fremder Erwartungen beinahe selbst überschlagen, weil wir überhaupt nicht mehr wissen, wo wir hin gehören, was wir wollen oder nicht. Geburtsdaten spielen hierbei mitunter die größten Rolle, belegen womöglich sogar den ersten Platz sämtlicher Feinde, die uns auf dem Weg zum selbstbestimmten Leben immer wieder zwischen die Beine grätschen. „Benimm dich deinem Alter entsprechend“, heißt es ständig. Eine Aufgabe, die besonders jenen schwer fällt, die sich nichts aus Zahlen machen.

Viel lieber als die Dinge einfach passieren zu lassen, hecheln wir Idealen hinterher, mit denen wir im Grunde nichts anfangen können und wenn wir es anders machen, kehren uns Dritte Scheiße vor die Tür. Das klingt dann in etwa so: Die zieht sich an wie 50, ist aber erst 30 / Die verhält sich wie 15, ist aber 25 / Die tut so, als wäre sie schon wer / Die hat noch immer nichts erreicht im Leben / und so weiter und so fort. Ich kenne das gut.  weiterlesen

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Protokolle aus dem Leben //
Alina Sonnefeld (18) darüber, ein Mädchen zu sein.

– 19.10.2015 um 9.45 – box2 Feminismus Gesellschaft

feminismusCollage: Jane Wayne

Vergangene Woche bekam ich eine Mail, die mich besonders berührt hat, sie kam von Alina, einem ziemlich schlauen Mädchen, das sich große Gedanken über unsere Welt macht, darüber, was es bedeutet, ein Teenager im Jahr 2015 zu sein, eine Frau, ein Mädchen. Hier ist, was sie uns zu sagen hat:

Ich bin 18 Jahre alt, weiblich, lebe in einer netten kleinen Großstadt und hab lange Zeit friedlich mein Ding gemacht. Bis mir, zeitgleich mit der Entdeckung meiner Weiblichkeit, bewusst wurde, dass sie mir anscheinend nicht gänzlich allein gehört. Die ganze Welt hat Anteil daran, was es bedeutet, ein Mädchen zu sein und wie ich mich nun als Frau zu verhalten habe. Mein bester Freund und ich können kaum auf die Straße gehen, ohne dass mich zwei Stunden später eine Bekannte anschreibt: „OMG du wurdest mit xy händchenhaltend in der Stadt gesehen – was ist da los???“ Mädchen und Jungs können offensichtlich noch immer nicht befreundet sein. Geht nicht. Ein Ding der Unmöglichkeit. Wir sind einfach zu verschieden. weiterlesen

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Brain Blah //
Wie es euch gefällt

– 14.10.2015 um 12.58 – Baby Jane Gesellschaft

L enfer cest les autresIch habe vor ein paar Monaten für ein Interview mir der Zeitschrift „Myself“ zusammen gesessen. Aus diesem einstündigen Gespräch entstand schließlich eine ganze Spalte Text, die nun liebevoll neben einer großen Aufnahme von Lio und mir prangt. Natürlich war abzusehen, dass meine dort abgedruckten und auf ein paar Sätze zusammen gestauchten Worte für erhitzte Gemüter sorgen würden, es geht dort nämlich um eine Art „gesunden Egoismus“. Darum, trotz Kind nicht allzu sehr von der eigenen Selbstbestimmtheit aufgeben zu wollen. Ich habe es mich beispielsweise gewagt, sechs Tage nach New York zu verschwinden, ganz allein. Ab und an mache ich es mir auch ein ganzes Wochenende lang in der Heimat gemütlich, zum Durchatmen und Verschnaufen. Dazugehörige Fragen klingen immer gleich: „Wie kannst du nur?“. Die Rabenmutter-Keule wird hierbei selbstredend nur ganz vorsichtig, aber dennoch offensichtlich genug geschwungen. Mich verwundert das auch 13 Monate nach der Geburt meines Sohnes noch, suhle ich mich doch allzu häufig in utopischen Phantasien einer halbwegs gleichberechtigten Gesellschaft.

Aber Pustekuchen. Väter fliegen weiterhin von einer Geschäftsreise zur nächsten, arbeiten Vollzeit und gelten dabei als fürsorgliche Ernährer. Mir ist klar, dass der Spieß auch umgedreht Sinn ergibt, Papas werden gern schief angeschaut, sobald sie vor den Kollegen mit einem Elternzeit-Wisch wedeln. Beides ist daneben. Beides deutet auf eine klaffende Wunde in unserer Sozialisierung hin. Beides muss endlich aufhören. Es sollte nämlich vor allem um das Wohlergehen unserer Kinder statt um die Erfüllung klassischer Rollenmodelle oder die Beweihräucherung des eigenen Gewissens gehen.  weiterlesen

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US-Wahlen //
Vote for Hillary – oder doch nicht?

– 12.10.2015 um 9.19 – box2 Feminismus Gesellschaft

hillary clinton us wahlkampfWarum vor allem junge Frauen keine Lust mehr auf Hillary Clinton haben.

Sie ist immer tadellos gekleidet, höflich und vor allem: ehrgeizig. Sie will die Wahl unbedingt gewinnen und um dieses Ziel zu erreichen, tut sie so ziemlich alles. Denn sie verdient den Sieg, sie hat so lange dafür gekämpft. Aber ob das reicht, um Präsidentin der Schülervertretung zu werden?

Ja, Tracy Flick, die Protagonistin aus dem Film Election (1999), ist die perfekte Kandidatin. Wer, wenn nicht sie? Die Parallelen zu 2015 und Hillary Clinton sind offensichtlich. Beide, Tracy und Hillary, haben lange auf die Kandidatur hingearbeitet, sind qualifiziert – und die einzig logischen Kandidatinnen. Doch dann geht etwas schief. weiterlesen

Die Revolution des Pirelli-Kalenders & die Früchte des Feminismus

– 02.10.2015 um 9.18 – box2 Feminismus Gesellschaft

Pirelli Kalender 2016A behind-the-scenes image of Tavi Gevinson for the 2016 Pirelli Calendar. Photo: Annie Leibovitz/Pirelli

Was konnten wir uns in den vergangenen Jahren wie die Rohrspatzen über den mittlerweile mit Kultstatus gesegneten „Pirelli Kalender“ beschweren, immer wieder überflutet er pünktlich zur limitierten Veröffentlichung sämtliche Webmagazine, vornehmlich aufgrund lasziver Posen sämtlicher Topmodels, wegen etlicher Busen- und Po-Blitzer – eine Dokumentation der mit Reizen nicht geizenden Objektivierung der Frau, logisch, denn: Sex sells. Wie weit die Wellen der vierten Welle des Feminismus schlagen, zeigt jetzt allerdings die diesjährige Zusammenarbeit des Reifenherstellers mit Fotografin Annie Leibovitz, die jüngst verkünden ließ: „Dieser Kalender ist so komplett anders. Das ist ein Aufbruch. Diese Bilder sollten nichts Affektiertes haben, sie sollten einfach sehr aufrichtig und direkt sein. (Quelle:Edition F)“  Das kann man schon eine kleine Revolution nennen, es ist mitunter doch durchaus denkbar, dass einige Herren im Angesicht des freudig erwarteten Wandschmucks ziemlich dumm aus der Wäsche schauen werden. Eine 82-jährige Yoko Ono verändert die Aussage des bisweilen hocherotischen Werks zuweilen nämlich drastisch.

Insgesamt 13 Frauen zieren 2016 die Titelseite und zwölf Monate Pirelli, darunter ausnahmslos Persönlichkeiten, die weniger wegen ihres Aussehens als vielmehr wegen ihres Einflusses auf unsere Gesellschaft ausgewählt wurden. Kalender-Girls mal anders – mehr bekleidet, aber nicht minder sexy, wenn man mich fragt. Tennis-Profi Serena Williams ist dabei, ebenso Tavi Gevinson, Filmproduzentin Kathleen Kennedy, Patti Smith, Mellody Hobson, Vorsitzende von Dreamworks Animation, oder die Kunstmäzenin Agnes Gund. Ein Potpourri der Superstarken. weiterlesen

Brain Blah //
Hure & Hausfrau

– 22.09.2015 um 18.39 – Feminismus Gesellschaft

feminismus„Der Feminismus kotzt mich an“, faucht mir eine Braunhaarige im schwarzen Kostüm entgegen, während sie mit rot besohlten Stilettos nervös gegen den Barhocker klopft. „Guck dir nur mal an, was diese sogenannte Emanzipation aus mir gemacht hat – ich hab‘ Kohle, aber keinen Mann. Familie und Karriere, das ist der größte Scheiß, den ich je gehört habe.“ Ich bestelle uns einen zweiten Champagner auf Wodka und Eis, was soll der Geiz, hier kommen gerade schließlich die wichtigen Themen des Lebens auf die schwarz marmorierte Hoteltheke. Noch kann ich nicht ganz folgen, ein vierstündiges Meeting klebt mir an und in den Ohren fest, aber ich will es versuchen. Jetzt sitzen wir also wir da, Schulter an Schulter, Gläser klirren, Köpfe rauchen. Ein Streitgespräch. Und immer, wenn ich nicht mehr weiter weiß, beiße ich auf einem Eiswürfel herum und frage mich dabei, ob mein Sohn noch Zahnweh hat.

„Ganz ehrlich, ich habs ja versucht“, motzt die Frau neben mir, „aber wie soll man das denn schaffen – alles auf einmal sein, Hure und Hausfrau zugleich, Mutter, Kumpel, Geldeintreiberin.“ Gar nicht, sage ich. Zum allerersten Mal seit ich mir mit schwarzem Marker „Feministin“ auf den Oberschenkel kritzelte, so wie Tocotronic damals „wer’re gonna live forever“. weiterlesen

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Die Sache mit dem Fudeln, oder:
#IMPERFECT = PERFECT

– 18.09.2015 um 10.04 – Gesellschaft Mode

imperfectMeine Freundin Luise hat von ihrer Mutter einen Selfiestick zum Geburtstag geschenkt bekommen, was richtig „Fesches, mein Kind“ also, etwas, das man im Moment der Übergabe am liebsten demonstrativ beschämt zurück in die Geschenkpapierwurst rollen möchte, um irgendwann dann doch noch zu kapitulieren und dem Teleskop-Arms selig jauchzend entgegen zu blicken, knutschend, grinsend, zungenrollend. Fotos vom eigenen Antlitz schießen, am besten von schräg oben, das war vor ein paar Jahren noch derart Banane, dass sich ausschließlich hemmungslose Teenager dieser Praxis widmeten. Heute ist sie in etwa so präsent wie das Avocadobrot im Social Web.

Aber: Noch nie stand die bebilderte Selbstoptimierung in einem derart großen Kontrast zum Selbstbewusstsein ihrer Jünger. Am anderen Ende des China-Stabs hängen in den allermeisten Fällen nämlich vor allem Zweifel, Unzufriedenheit und Komplexe. Weil das Gras der Schönheit woanders immer grüner scheint. Weil wir trotz des ausreichend vorhandenen Wissens über Filter, Überbelichtung und Schokoladenseiten gerne vergessen, dass Perfektion eine nicht existente Utopie ist, eine, die einzig erdacht wurde, um das gigantische Hamsterrad der konstanten Fehlersuche in Gang zu halten. Weil die permanente Überstilisierung unseres Alltags zu einer erschreckend ausgeprägten Version von Realitätsverlust führt. John Legend ist zwar kein Geisteswissenschaftler, singt mit seinen vor Romantik triefendem Zeilen „(…) All your perfect imperfections“ aber im Grunde das Allerwichtigste: Imperfect und I’m perfect gehören zusammen wie Paris und der Eiffelturm. Esprit befeuert dieses Bewusstsein derzeit mit einer Kampagne, von der wir euch hier bereits berichteten. Zwar nicht ohne Gegenwind, aber wir bleiben dabei: Wenn ein Unternehmen es schafft, dass wir wieder vermehrt über das sprechen, was uns wirklich liebenswert und zum Gegenteil von öden Abziehbildern macht, dann hüllen wir uns gerne in doppeldeutige Hashtags wie #imperfect. weiterlesen

Lese-Tipp & Engagement für Geflüchtete //
Jule Müller im Interview

– 09.09.2015 um 15.01 – box3 Gesellschaft

Journelles-Interview-Jule-Mueller-3-980x693Deutschland erwartet in diesem Jahr etwa 800.000 Asylbewerber, gerade sind es etwa 700 Neuankömmlinge pro Tag. Menschen, die aus dem Krieg kommen, politisch Verfolgte, Hungerleidende, Kinder, Frauen, Familien, junge Männer, die nicht nur eine bessere Zukunft, sondern überhaupt irgendeine Chance haben wollen. Und plötzlich begegnen uns all die Menschen aus Syrien, Afghanistan, Nordafrika, Pakistan, Albanien oder Serbien, die dringend und vor allem schnell Hilfe benötigen, nicht mehr ausschließlich auf den Titelseiten der internationalen Presse, sondern vor unseren eigenen Haustüren. In überfüllten Messehallen, auf Parkbänken, in Notunterkünften. Es ist Zeit, zusammen zu rücken. Aber genau hier liegt das Problem. Fassungslosigkeit mündet nicht unbedingt in selbstlosem Reaktionsismus, ganz im Gegenteil, jeden Tag greifen irgendwo in Deutschland Rechtsextreme Geflüchtete an. Hoffnung darf man aber trotzdem haben: Hunderttausende ehrenamtliche Helfer und Helferinnen ackern teilweise über ihre eigenen Kräfte hinaus, 15 Stunden am Tag, sie sortieren Materialspenden, verteilen Schlafplätze und Trinkwasser. Andere geben etwas weniger, das Mantra lautet: Hauptsache du machst überhaupt irgendetwas, denn zum Wegsehen bleibt keine Zeit.

Vor zwei Wochen hatten Maria und Sophia Giesecke bereits eine kleine Liste mit Möglichkeiten, selbst etwas zu tun, für uns zusammen gestellt. Auf www.fluechtlinge-willkommen.de können wir uns beispielsweise darüber informieren, wie wir Flüchtlinge in unseren eigenen WGs aufnehmen können, bei Kreuzberg hilft liegt permanent eine Bedarfs-Liste bereit, unter dem Motto „Wir sind keine Helfer. Und Geflüchtete sind keine Opfer. Wir sind Berliner.“ widmet sich das Projekt „Kommen & Bleibender Kunsthochschule Weißensee unterschiedlichsten Aktionen in Zusammenarbeit mit Geflüchteten, auf GivesomethingbacktoBerlin kann man ganz individuell etwas in den Hilfstopf legen, für alle anderen hält Pro Asyl eine Orientierungshilfe samt Karte bereit, eine gute Anlaufstelle ist außerdem wie-kann-ich-helfen.info, auf Zeit.de findet man sogar Tipps je nach eigenen Ressourcen (Zeit, Geld oder Platz). Und dann gibt es noch das LaGeSo-Gelände, auf dem unsere Kollegin Jule Müller gerade als freiwillige Helferin ihren Alltag verbringt. weiterlesen